„Nein ernst, als ob das komisch wär…“

Meine erste Begegnung mit Poesie, kaum dass ich lesen konnte, hatte ich durch einen Gedichteband im Bücherschrank meiner Eltern, in dem es zumeist komisch zuging (in dem Buch, nicht im Schrank). Unter den Autoren, an die ich mich erinnern kann, waren Christian Morgenstern, Eugen Roth und Erich Kästner. Aber am meisten liebte ich einen, dessen Name alleine schon komisch war: Joachim Ringelnatz. Er war der Lyrikheld meiner Kindheit. Ringelnatz! Ich konnte mich ringeln vor Lachen.

Am 17. November 1934, also gerade jetzt vor 75 Jahren, starb der Mann mit dem lustigen Namen, der eigentlich Hans Gustav Bötticher hieß und 1883 in Wurzen nahe Leipzig geboren ist, eine Stadt, die sich heute massiv gegen Gewalt von Rechts wehren muss. Mit den Nazis hatte auch Ringelnatz seine Probleme, er erhielt Auftrittsverbot, und seine Bücher landeten auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennungen. Rasche Mittellosigkeit war die Folge, Ringelnatz erkrankte in der Folge an Tuberkulose und starb einige Monate nach Ausbruch der Krankheit, beerdigt wurde er auf dem Berliner Waldfriedhof an der Heerstraße.

Soeben ist als Hörbuch in der für ihre anspruchsvollen Produktionen bekannten Edition Words & Music eine Erinnerung an Joachim Ringelnatz erschienen: “Nein ernst, als ob das komisch wär…”. Neben den Sprechern Michael Quast und Moritz Stoepel hört man auch Joachim Ringelnatz in O-Tönen. Ringelnatz, das Original im besten Sinne wird durch dieses Hörbuch lebendig, es erzählt von seinem Leben, seinen Schrullen und Marotten, seinem skurrilen Humor, seiner Schlagfertigkeit, seinem Umfeld in der Münchener Bohème Szene. Und es ist natürlich voller Texte wie den Turngedichten, dem männlichen Briefmark, dem Seemann Kuttel Daddeldu und vielem mehr, etliches davon von Ringenatz selber vorgetragen. Wer ihn nicht kennt kann Joachim Ringelnatz dank dieses Hörbuchs auf höchst unterhaltsame Weise nahe kommen. 74 Minuten Begegnung mit einem, den die Literaturwelt nicht vergessen wird und den nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder heute wieder kennen sollten. Sein Name macht es ja leicht.

Wie jede Produktion von Words & Music ist auch das Ringelnatz Lebensbild ansprechend aufgemacht und dazu gehört natürlich auch ein ausführliches Booklet mit vielen Illustrationen. Rundum ein schönes Hörbuch zu einem freundlichen Preis.

awb

“Nein ernst, als ob das komisch wär…”
ISBN: 978-3-9813027-0-7
1 Audio CD
Laufzeit: ca. 74 Minuten
Produktion: SR / hoerbuchedition words & music
Preis: * EUR 14,95 / * SFR 22,56 * unverbindliche Preisempfehlung

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-> Ein Gespräch mit w&m Chef Peter Eckhart Reichel über das Hörbuchproduzieren

-> “Nein ernst, als ob das komisch wär”

Die reinste Liebe wird vergossen im Vorbei – Zum 75. Todestag des Dichters und Malers Joachim Ringelnatz am 17. November 2009

Es ist kein geringes Risiko, Bücher wiederzulesen, für die man einst schwärmte. Mit einem Buch kann es einem gehen wie mit einer Geliebten. Lodernd hat man sich für sie entflammt, sie und sich an der Leidenschaft gewärmt, irgendwann ging das Feuer aus, doch die Erinnerung ist noch da und schimmert gut. Dann, eines Tages, sieht man sich wieder – und da ist nichts, nicht einmal eine Ahnung, was da war oder doch gewesen sein muss. Befremdet geht man voneinander, die sentimentale Erinnerung ersetzt durch einen seltsamen, irritierenden Nachgeschmack und ein etwas verständnisfreies: Tja – was fand ich denn bloß einmal daran…?

Mit dem Dichter Joachim Ringelnatz musste ich diese Erfahrung nicht machen. Als 14jähriger las ich erstmals eine Auswahl seiner Gedichte, war gleich hingerissen und lernte im Laufe der nächsten Jahre nicht wenige von ihnen auswendig – nicht für die Schule oder zu sonst einem Pflichtzweck, sondern ganz freiwillig und mit Freuden. O war das schön, wie die Liebe sprach:

Ein männlicher Briefmark erlebte
Was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen,
Da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!

Das war komisch, das war rührend, das hatte den Mut zur tragischen Größe genauso wie zur Ironie. Und es war wirkungsvoll: Wenn man es als Junge einem Mädchen aufsagte, wurde man von ihr anders angesehen – weniger beeindruckt als vielmehr berührt. Ganz leicht waren die Worte und ihr Klang, aber keineswegs flüchtig. Das hallte nach; und Mädchen, die sich lieber von Mopedfahrerburschen mit ihren am Lenker befestigten Fuchsschwänzen eine Impression von Männlichkeit vorsimulieren ließen, konnten einem sowieso egal sein. Das stimmte leider nicht ganz, denn einige von ihnen waren äußerst reizvoll, aber die würden ja früher oder später merken, dass wahre Männlichkeit poetisch ist. Und wenn sie es doch nicht begriffen, dann war man eben Teil dieser aufregenden Tragik des Lebens, die Ringelnatz so kunstvoll besang.

Alles wurde lebendig und beseelt in den Worten des Dichters. Sein Bett nannte er „Mein Riechtwieich“, in dem er einsame Niedergeschlagenheit ebenso durchlebte wie stürmische Stunden zu zweien oder rauschbedingte Karussellfahrten. Ein Wannenbad wurde zur fröhlichen Lebensfeier, und einer Pellkartoffel widmete Ringelnatz vor dem Verzehr eine Liebeseloge. Der ganze Kosmos blühte auf, selbst simple Herrensocken konnten im sehenden Auge des Betrachters poetische Kraft entfalten:

Wie du zärtlich deine Wäsche in den Wind
Hängst, liebes Kind
Vis à vis,
Diesen Anblick zu genießen,
Geh ich, welken Efeu zu begießen.
Aber mich bemerkst du nie.
Deine vogelfernen, wundergroßen
Kinderaugen, ach erkennen sie
Meiner Sehnsucht süße Phantasie,
Jetzt ein Wind zu sein in deinen Hosen –?
Kein Gesang, kein Pfeifen kann dich locken.
Und die Sehnsucht lässt mir keine Ruh.
Ha! Ich hänge Wäsche auf, wie du!
Was ich finde. Socken, Herrensocken;
Alles andre hat die Waschanstalt.
Socken, hohle Junggesellenfüße
Wedeln dir im Winde wunde Grüße.
Es ist kalt auf dem Balkon, sehr kalt.
Und die Mädchenhöschen wurden trocken,
Mit dem Winter kam die Faschingszeit.
Aber drüben, am Balkon, verschneit,
Eisverhärtet, hingen hundert Socken.
Ihr Besitzer lebte fern im Norden
Und war homosexuell geworden.

„Ritter Sockenburg“ heißt dieses Ringelnatz-Gedicht, in dem ein Mann seine sehnsüchtige Schwäche nicht leugnet, sich aber auch als findig und phantasievoll erweist, mit den Mitteln der Komik die Liebe zu erringen sucht und zwar scheitert, doch in der Dichtung überlebt. Mit einem Reim gesagt: Wenn er am Ende auch verlor / Er zeigte Größe durch Humor.

Und Humor, das zeigt sich bei näherer Betrachtung, hat auch bei Ringelnatz weniger mit lustiger Flachserei zu tun als mit der Fähigkeit, die Schläge des Schicksals zu verarbeiten und zu ertragen. Hinter der schalkhaften, spitzbübischen und hüpfenden Heiterkeit steht eine Tiefe der Empfindung, die sich nicht abnutzt. In die Gedichte von Joachim Ringelnatz kann man sich immer wieder neu verlieben. Sie verlieren ihre Strahlkraft und ihren Zauber nicht, es tut ihnen im Gegenteil nur gut, sie wiederzulesen, sie sind bei jeder neuen Begegnung größer und besser geworden. Manche treffen schlicht so blitzstrahlend ins Herz, dass sie zu Tränen rühren – jedenfalls den, der nicht fühllos oder versteinert ist oder sich sonstwie verabschiedet hat.

An M.
Der du meine Wege mit mir gehst,
Jede Laune meiner Wimper spürst,
Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst – –.
Weißt du wohl, wie heiß du mich oft rührst?
Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern.
Meine Liebe wird mich überdauern
Und in fremden Kleidern dir begegnen
Und dich segnen.
Lebe, lache gut!
Mache deine Sache gut!

M. ist die Abkürzung für Muschelkalk – der Name, den Ringelnatz seiner Frau Leonharda Pieper gab, die er am 7. August 1920 heiratete, seinem 37. Geburtstag. Erst ein gutes halbes Jahr zuvor hatte er sich seinen eigenen Künstlernamen zugelegt. Geboren wurde Ringelnatz als Hans Bötticher im sächsischen Wurzen, über das man bis heute sagt: Vor Wurzen wurds‘en schlecht, nach Wurzen wurds‘en besser. Fünfjährig zog er mit Eltern und Geschwistern nach Leipzig um, litt in der Schule unter pädagogischer Phantasieabtötungsdressur und wurde Schiffsjunge und Matrose.

Seine romantischen Vorstellungen von der christlichen Seefahrt wurden brutal korrigiert, Schläge und Gemeinheit waren selbstverständlich. Er büxte auch hier aus, wurde wieder eingefangen und versuchte sich in kaufmännischen Berufen. In München begann er eine Laufbahn als literarischer Bohémien, wurde Hausdichter im Künstlerlokal „Simplicissimus“, wo er Erich Mühsam kennenlernte. Es folgten erste Veröffentlichungen, Hans Bötticher schlug sich gerade eben so durch. Im ersten Weltkrieg wurde er Mariner; erst nach dem Tod des Vaters und dem Kriegsende beginnt sein Leben als Joachim Ringelnatz. Es währte gerade einmal 15 Jahre, doch in dieser Zeit entstanden die Dichtungen, die aus dem suchenden, begabten und talentierten Hans Bötticher den Künstler Ringelnatz machten. Den Namen hatte er sich nach seinem Lieblingswesen gegeben, dem Ringelnass, dem Seepferdchen.

Den Durchbruch schaffte er mit den „Turngedichten“ und den Gedichten vom Matrosen Kuttel Daddeldu, einem herzbetrunkenen Seemann, der die rauhe Wirklichkeit wahrheitsgetreu und derb auf die Bühne stellte. In „Kuttel Daddeldu im Binnenland“ lässt Ringelnatz seinen Helden ausrufen: „The whole life is vive la merde!“ Das hatte der Dichter selbst oft genug erfahren und empfunden und schon 1923 gedichtet:

Vier Treppen hoch bei Dämmerung
Du musst die Leute in die Fresse knacken.
Dann, wenn sie aufmerksam geworden sind, –
Vielleicht nach einer Eisenstange packen, –
Musst du zu ihnen wie zu einem Kind
Ganz schamlos fromm und ärmlich einfach reden
Von Dingen, die du eben noch nicht wusstest.
Und bittst sie um Verzeihung – einzeln jeden –
Dass du sie in die Fresse schlagen musstest.
Und wenn du siegst: So sollst du traurig gehen,
Mit einem Witz. Und sie nie wieder sehen.

Maskiert als Kuttel Daddeldu konnte Ringelnatz deutlich sein, wurde erfolgreich, veröffentlichte Gedichtbände, trat in berühmten Kabarett- und Varietéehäusern auf und zog sich die Verehrung berühmter Kollegen zu: Erich Kästner, Anton Kuh, Hermann Hesse, Alfred Polgar und Kurt Tucholsky liebten und lobten seine Dichtungen und seine Vortragskunst – und wiesen wiederholt darauf hin, dass man diesen Dichter bitte nicht mit seinen Figuren verwechseln möchte. Dessen ungeachtet haftet seinem Namen bis heute der Ruf des zechenden Seemanns an; Ringelnatz gilt als niedlicher oder kabarettistischer Autor. Differenzierte Wahrheit verbreitet sich, wenn überhaupt, nur äußerst langsam und schwierig, plakativer Unsinn indes hält sich ewig. Selbst die große Wertschätzung, die Ringelnatz beispielsweise durch Robert Gernhardt, Harry Rowohlt, Otto Sander und Peter Rühmkorf widerfuhr oder widerfährt, hat das nicht entscheidend ändern können. In „Frommer Wunsch“ von Rühmkorf heißt es:

Wünsch mir im Himmel einen Platz
(auch wenn die Balken brächen)
Bei Bellman, Benn und Ringelnatz
Und wünschte, dass sie einen Satz
in einem Atem sprächen:
nimm Platz.

Ringelnatz war nicht nur Dichter, sondern auch Maler – dessen Bilder gemeinsam mit Werken von Ernst Barlach, Otto Dix, George Grosz, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Klee, Emil Nolde und Max Pechstein ausgestellt wurden. Er war ein tief fühlender freier Geist, und sein freimütiger Ton rief auf den Plan, was er „die zwei Polis“ nannte: Politik und Polizei. Mit beiden wollte er nichts zu schaffen haben, das war ihm zu dumm. 1922 druckte ‚Die Weltbühne‘ sein Gedicht „Die Riesendame der Oktoberwiese“ und wurde auf Antrag der „Zentralpolizeistelle zur Bekämpfung unzüchtiger Bilder und Schriften“ beschlagnahmt. Im September 1923 wurden Ringelnatz und der ‚Weltbühne‘-Herausgeber Siegfried Jacobsohn in dieser Sache zu je 300 Millionen Mark Geldstrafe verurteilt – da es sich um Inflationsgeld handelte, wog die Millionenstrafe aber weit weniger schwer als die von Ringelnatz bedichtete Zirkusdame:

Es nahte sich mit wohlgebornen Schritten
Der Elefant vom Nachbarzelt
Und sagte: „Emmy, schwerste Frau der Welt,
Darf ich um einen kleinen Beischlaf bitten?“
Diskret entweichend konnte ich noch hören:
„Nur zu! Beim Essen kann mich gar nichts stören.“

Das „Geheime Kinder-Spiel-Buch“ von 1924 handelte Ringelnatz und dem Verleger Gustav Kiepenheuer eine polizeiliche Verfügung wegen „verderblicher Beeinflussung der sittlichen Auffassungen von Kindern“ ein, die „polizeilicherseits nicht geduldet werden kann“. Die Nationalsozialisten hassten Ringelnatz sowieso – für seinen menschenunbeschönigenden Ton, den sie „frivol“ und „entartet“ nannten. Sie erteilten Ringelnatz Auftrittsverbot und verbrannten seine Bücher. Sein emigrierter Freund Hans Siemsen schrieb nicht zu Unrecht, Ringelnatz sei „auf kaltem Wege von den Nazis umgebracht“ worden. Ringelnatz, sämtlicher Verdienstmöglichkeiten beraubt, konnte sich keine angemessene ärztliche Behandlung seiner Tuberkulose mehr leisten und starb, restlos verarmt, am 17. November 1934.

Ringelnatz wollte kein explizit politischer Dichter sein, das schien ihm verfehlt und zu flach. Doch in einem seiner letzten Gedichte ist er unmissverständlich.

Wir sind, sagen die Lauen,
Wir sind nicht objektiv,
Wir sollten doch tiefer schauen,
Doch schauen, ob nicht tief
Am Nazitum was dran sei,
Ob Hitler nicht doch ein Mann sei.

Solcher Aufforderung zu öligem Opportunismus – heute heißt dergleichen Glitsch „positives Denken“ – erteilte Ringelnatz eine klare Absage:

Wir kennen die einfache Wahrheit,
Wir sehn durch ein scharfes Glas.
Und unsere Lehre ist Klarheit,
Und unsere Klarheit ist Hass
Der Hass, der groß und weitsichtig ist,
Der schaffende Hass, der richtig ist.

Das ist kein Ringelnatz, der auf der Ebene seiner ja durchaus hübschen Verse

Publikum – noch stundenlang –
Wartete auf Bumerang

verhandelt werden könnte. Harmlos, nett und niedlich war Ringelnatz ohnehin kein Bisschen. In seinem Gedicht „Marter in Bielefeld“ klebt der Dichter festgefroren an einer Schaufensterscheibe und gesteht entwaffnet:

Es kann kein Mann vor Damenwäsche gähnen.

Während er seine „Fahrt zum Treffpunkt Bielefeld“ mit dem Ausruf beginnt:

Welt, bist du abgedroschen schön!

Ich habe lange genug in Bielefeld gelebt, um zu wissen: Die Welt / zerfällt / in Bielefeld. Das Schöne ist flüchtig und ohne das Abgedroschene nicht auf Dauer zu haben. „Und die reinste Liebe wird vergossen / Im Vorbei“, heißt es bei Ringelnatz.

Was den eingangs zitierten bedichteten „männlichen Briefmark“ betrifft: Zum 100. Geburtstag des Dichters erschien 1983 in der Bundesrepublik Deutschland eine Ringelnatz-Briefmarke, zu 50 Pfennig, und 2008, zum 125. Geburtstag, eine Marke zu 85 Cent. Das war sogar kenntnisreich liebevoll: 85 Cent kostet das Porto für eine Büchersendung. Wohingegen sich Papst Benedikt Joseph Ratzinger sich schon zu seinen Lebzeiten von der deutschen Post als 55-Cent-Marke zum Ablecken auflegen ließ. Der Kirchenmann schreibt zwar ebenfalls Bücher, bei denen es sich allerdings nicht um Werke der Dichtkunst handelt, sondern um Dokumente der Rechthaberei und um Instrumente der Machtausübung und Einschüchterung.

Größere Gottesferne ist kaum denkbar. Im Gegensatz zum ehemaligen Hitlerjungen Ratzinger hatte der von Hitlers Leuten verbotene und verbrannte Ringelnatz die Größe zu Bescheidenheit und Demut:

Pssst!
Träume deine Träume in Ruh.
Wenn du niemandem mehr traust,
Schließe die Türen zu,
Auch deine Fenster,
Damit du nichts mehr schaust.
Sei still in deiner Stille,
Wie wenn dich niemand sieht.
Auch was dann geschieht,
Ist nicht dein Wille.
Und im dunkelsten Schatten
Lies das Buch ohne Wort.
Was wir haben, was wir hatten,
Was wir – –
Eines Morgens ist alles fort.

Wiglaf Droste

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Wiglaf Droste (*1961 im Ostwestfälischen) schreibt, dichtet, liest, singt und gibt heraus gegen Ranziges in Kopf und Magen. Der Text über Joachim Ringelnatz erscheint hier mit seiner freundlichen Genehmigung, so wie vieles andere bisher. Nutzen Sie unsere Suchfunktion oben links, um nach seinen Beiträgen zu forschen.

Und noch dreimal Ringelnatz

Einladungen

Es ist so herrlich, keine Zeit zu haben,
Mit seinem Werkzeug ganz allein zu tun.
Ich will nicht bei sein, wenn sie X. begraben.
Der kann sich freun, von ihnen auszuruhn.

Da habe ich ein Bild gemalt,
Nicht halb so gut, wie ich’s erträumte.
Wird’s nie bezahlt, es hat mich reich bezahlt,
Was ich an Zank und Neiderei versäumte.

Ein tiefer Himmel über dunklen Häusern
Blinkt aus Milliarden hellen Pünktchen „Ja!“
Wo ist mein Nachthemd! – Bin ich etwa da,
Um zu Gelangweilten mich auszuäußern?

(Joachim Ringelnatz, aus: „Allerdings“, 1928)


Wenn die sich Künstler einladen

Sie haben dich eingeladen
Und bieten dir nichts
Als nur den Schein ihres Lichts.
Und wollen doch in dir baden.

Sie haben auch dich gehabt.
Ihr Gästebuch wird dich nennen.
Sie waren so begabt,
Dich zu kennen.
Dir wird neben Speise und Trank
Jedweder Luxus serviert.

Beim Abschied zahlst du geniert
Den armen Dienern noch ärmeren Dank.

Und dann, daheim, bist du krank.

(Joachim Ringelnatz, aus „Gedichte dreier Jahre“, 1932)


Alone

Alone everybody is nice
Or wonderful. –
Daß ich auch deutsch das sagen könnte, weiß
Ich, und behaupte 2 mal 10 ist Null.
Doch was ist jedermann? Und was sind die,
About wir schelten?
Vielleicht sind alle sie
An einer Stelle einzig oder selten.

Freundin, raff deine Röcke übers Knie
Und gehe leise, ohne Melodie
Und nur bei Dunkelheit
Mit mir durch all die Welten.

(Joachim Ringelnatz, aus: „Allerdings“, 1928)

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