Das Lustprinzip

Foto: Werner Pawlok

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6 – das ist die Zahl der Alben von Nils Wülker, die Zahl der Musiker auf seinem neuesten Werk, der Titel des neuen Albums. Pragmatisch, prägnant und unprätentiös, unverkennbar Nils Wülkers Handschrift. Einerseits. Doch musikalisch dürfte „6” den Erwartungen des Feuilletons erst einmal diametral entgegenstehen. Denn das Album überrascht, schon der Opener „Fast Forward“ ist wie eine vorweggenommene Inhaltsangabe: Es groovt, funkt und rockt, mit Lust an der Hookline und knarzendem Dreck unter den Ventilen. Eine vibrierende Mischung aus Kraft und Leichtigkeit – die Schlagzahl für die restlichen neun Titel ist klar vorgegeben.

Ob das noch Jazz ist? „Ich weiß es nicht. Jazz ist mein Background, und das Album atmet sicher den freiheitlichen Geist dieser Musik. Aber: Darf man das?, darf man das nicht?, was sagt die Jazztheorie? – diese Fragen haben mich noch nie umgetrieben. Mich interessiert nur: Ist die Musik intensiv? Dann packt sie mich. Und diese neue Richtung hat mich auf einen Schlag unfassbar elektrisiert.”

Mit „6” verlässt Nils Wülker die musikalische Linie der Vorgängeralben, ohne seine eigene zu verlieren oder gar zu verleugnen. Die Aufnahmen sind das Ergebnis einer organischen Entwicklung: „Ich habe zuletzt live einfach großen Gefallen daran gefunden, es richtig krachen zu lassen, und der Band ging es genauso.” Viele alte Titel bekamen ein neues Gewand verpasst, und als für eine Doppeltournee mit Stacey Kent das Programm gekürzt werden musste, blieben plötzlich nur noch die rockigen Nummern übrig. Keine Frage: Für das neue Album musste etwas anderes her, roher und direkter als bisher.

Aus einer Laune heraus erweiterte Nils Wülker seine private Instrumentensammlung um Gitarre und Bass, spaßeshalber und um sich auszuprobieren. „Es war amüsant, musikalisch mal wieder totaler Anfänger zu sein, das Spielkind herauszulassen und sich so neue Inspiration zu holen.” Ein kurzzeitiger Perspektivenwechsel, untermalt von Miles Davis genauso wie von John Mayer, Phoenix oder Death Cab for Cutie im CD-Player, der immer neuen sanften Mädchenstimmen im Jazz langsam überdrüssig. Und ganz konsequent fallen die neuen Stücke deutlich gitarrenlastiger aus, als es bisher der Fall war. Auf den letzten Alben übernahm Sting-Gitarrist Dominic Miller die sporadisch anfallenden Gitarrenparts; nun gibt es mit Arne Jansen ein neues festes Mitglied in der Nils Wülker Group, und zwar sowohl auf dem Album als auch auf der Bühne, wo in Kürze bereits das zehnjährige Band-Jubiläum begangen wird.

„Ich wollte einen sehr kompakten Band-Sound”, sagt Wülker, „das, was auch eine gute Rockband ausmacht. Und zum Stil der neuen Titel gehörte für mich einfach deutlich mehr Gitarre.” Der Sound unterstreicht auch den Song-Charakter seiner Kompositionen, die zwar immer wieder Raum für die individuelle Klasse der Musiker lassen, jedoch ohne diese Soli zu sehr in den Fokus zu rücken. Das Augenmerk gilt anderem: Nils Wülker gilt seit geraumer Zeit als der Songwriter unter den Jazzern, und mit „6” geht er noch einen großen und entschiedenen Schritt weiter in diese Richtung. Alle Stücke folgen einem klaren Aufbau mit Strophen und Chorus. Die Melodiestimme übernimmt dabei im Normalfall Wülkers Trompete, häufig im kongenialen Wechsel- und Zusammenspiel mit Jan von Klewitz am Saxophon, idealtypisch zu hören in „Magnet”, wenn sich beide Instrumente fast symbiotisch zu ergänzen scheinen.

An zwei Stellen weichen die Instrumentaltitel tatsächlichen Songs, erstmals  von Nils Wülker selbst gesungen. „In der Vergangenheit hatte ich mir häufig Gastsänger eingeladen, weil ich meiner Stimme nicht traute. Aber ein Song hängt so dermaßen stark am jeweiligen Sänger, dass ich mir immer wie ein Gast auf meinem eigenen Album vorkam.” Nun also ohne Kompromisse, ganz bei sich selbst, wie im hypnotischen “Change of Perspective”: schnörkellos,  unkompliziert und mit kühler Klarheit in der Stimme.

„Ich war einmal so unvorsichtig zu sagen: ,Nein, ich singe nicht. Fertig.’ Aber  meine Kompositionen haben sich verändert, und ich habe dabei einen anderen Zugang zu meiner Stimme gefunden. Das hat viel Zeit und etwas Mut gekostet – aber, hey, ich wollte es ausprobieren!” Gesangstitel Nummer zwei bringt das auf den Punkt: “Easy” ist ein Song gegen Bedenkenträgertum. Kein ablehnendes „Lass es”, Nils Wülker ist alles andere als ein negativer Mensch, sondern mehr ein aufmunterndes „Mach es, wie du willst, aber mach es!” Und im Kern ist es genau das, was jeder Note Nils Wülkers zugrunde liegt: sein eigenes Lustprinzip.

www.youtube.com/nilswuelker

Biografisches

Foto: Werner Pawlok

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Es gibt dieses romantische Klischee von der fast erotischen Beziehung zwischen dem Musiker und seinem Instrument – es wird zärtlich beim Namen gerufen, hat menschenähnliche Wesenszüge und ist ein verständnisvoller Begleiter in buchstäblich allen Lagen.

Nein, Nils Wülker hat nicht viel übrig für Klischees. Schon gar nicht auf die Musik bezogen. “Meine Trompete kommt nicht mit ins Bett.” Er schüttelt entschieden die kurzen, blonden Haare, ein Anflug von Lächeln in den Mundwinkeln. “Die bleibt abends im Studio. Sie ist mein Weg, mich auszudrücken. Und nebenbei ein verdammt undankbares Instrument, das nicht viel verzeiht.”

Manchmal wundert sich Nils Wülker vielleicht selbst über den Weg, den ihn seine Musik hat gehen lassen, und über das rasante Tempo, in dem dieser Weg beschritten wurde. Denn eigentlich deutete anfangs wenig auf diese Karriere hin: Klavierunterricht mit sechs Jahren, klassische Trompete mit zehn – Musik ja, aber nur als ein Hobby unter vielen. Ohne gesteigertes Interesse der Eltern, mit nur durchschnittlichen eigene Ambitionen.

Doch die Acid Jazz-Welle der 90er öffnet Nils Wülker Augen und Ohren, Miles Davis’ epochales Album “Kind of Blue” wird schließlich zum Erweckungserlebnis: Trompete kann nach mehr klingen, als er je erwartet hätte. Diese Erkenntnis führt binnen weniger Jahre über Jazzorchester, eigene Bands und unzählige Clubkonzerte bis an die Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. Noch während seines Studiums unterschreibt Nils Wülker als erster deutscher Jazzmusiker überhaupt einen Vertrag bei Sony Music.

Viele Musiker sähen darin die Erfüllung ihrer Träume – Nils Wülker hingegen nimmt nur kurz Witterung auf: Trotz großer Unterstützung durch den Plattenmulti entscheidet er sich nach nur zwei Alben für eine andere Richtung und gründet 2005 in Hamburg sein eigenes Label “EAR TREAT music”. Nils Wülker ist nun sein eigener Chef, von der ersten Note bis zum fertigen Tonträger hält er alle Zügel in der Hand.

“Musik ist zwar sehr freiheitlich, aber Dinge wie Demokratie und Kompromisse funktionieren hier nur bedingt. Musik braucht manchmal jemanden, der das letzte Wort hat, damit sie sich nicht in Beliebigkeit verliert. Und letztlich weiß ich einfach am besten, wie meine musikalische Vision klingen soll.“

Für diese Vision hat er früh seine Wunschformation um sich geschart, längst versteht man sich wortlos. Die Nils Wülker Group bilden sein alter Weggefährte Lars Duppler am Piano, der Saxophonist Jan von Klewitz, Dietmar Fuhr am Bass und Jens Dohle am Schlagzeug, an passenden Stellen ergänzt von Gästen wie den norwegischen Jazz-Sängern Silje Nergaard und Heine Totland, oder aber dem Sting-Gitarristen Dominic Miller. Vor Kurzem stieß Arne Jansen als fester Gitarrist zur Band.

Der kompromisslose Schritt in die Eigenständigkeit zahlt sich aus: Die auf EAR TREAT erschienenen Alben “My Game”, “Safely Falling” und “Turning the Page” werden von der Kritik teils überschwänglich gelobt, Nils Wülker selbst zu einem Heilsbringer der hiesigen Jazz-Szene stilisiert.

Dabei sind ihm solche Etiketten und definierten Genres völlig fremd: Ob er als Sideman Konzerte mit Omara Portuondo spielt, der Grande Dame des Buena Vista Social Club, mit Fusion-Größen wie Lee Ritenour und den Grusin-Brüdern tourt, im Studio gemeinsam mit Sting-Gitarrist Dominic Miller arbeitet oder, wie jüngst geschehen, einen Track für Hip Hop-Ikone Samy Deluxe produziert, zu hören auf dem Album “Dis wo ich herkomm” – Nils Wülker macht einfach das, worauf er Lust hat. Ohne Scheuklappen, ohne sich unnötig festzulegen.

Was zählt, ist vor allem Intensität, und das gilt für die Musik, genauso aber für alles andere, was Nils Wülker sich vornimmt: den regelmäßigen Snowboard-Urlaub, die Reisen per Rucksack durch Kambodscha, Laos und Vietnam, Mountainbike-Touren über die Alpen. Vor allem für das Klettern – nach dem Studiotag an einer Hallenwand oder aber im Urlaub auf einen 4000er in den Alpen.

Er entspricht nicht unbedingt dem typischen Bild eines Jazzmusikers. Sofern es das denn überhaupt gibt. Nils Wülker lächelt, entspannt, mit einem vergnügten Blitzen in den Augen: “Um gleich noch mit einem weiteren romantischen Musiker-Klischee aufzuräumen, das auf mich nicht zutrifft: Kunst muss nicht aus Leiden entstehen. Ich bin ein optimistischer Typ, ich habe unglaublichen Spaß an allem, was ich mache. Und deshalb darf meine Musik auch ruhig so klingen.”

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