Bill remembers Clifford – Joy Spring

Bill Carrothers ist ein verdammt netter Kerl. Das hört man in seinem Zusammenspiel mit anderen Musikern als Sideman, wo er sich niemals in den Vordergrund spielt, das merkt man, wenn man sich mit ihm unterhält. Unsere letzte Begegnung war im vergangenen Herbst im belgischen Lüttich, da begleitete er den jungen Saxophonisten Robin Verheyen. In der Pause zwischen den Sets erzählte er von seiner Heimat, seiner Farm in Michigan und dem meterhohen Schnee, der dort im Winter fällt und den es wegzuschaufeln gilt, wenn man sein Haus verlassen will. Das sprüht vor Leben und ist so ganz anders als das, was man sich sonst mit Musikern bei ähnlichen Gelegenheiten zu erzählen pflegt.

Vor zwei Jahren stellten wir im Herrenzimmer sein Album Home Row vor, das beim Münchener Label Pirouet erschienen war, eine Trio-Aufnahme mit Gary Peacock (b) und Bill Stewart (dr). Es war Bills drittes Album unter eigenem Namen bei Pirouet, und in einer Woche erscheint nun das Vierte: Joy Spring.

Man traut zunächst seinen Ohren nicht, wenn man das Titelstück hört. Denn das klingt, wie man es nie geahnt hätte. Das Klavier zelebriert stoische Langsamkeit, scheint fast auf der Stelle zu treten. Versonnen, rätselhaft. Sich unendlich geduldig von Takt zu Takt weitertastend. Suchend. Beinahe ringend – um die musikalische Gestalt, die noch nicht gefunden scheint. Im Track geirrt? Aber nein: Einige Tonfolgen des Themas hat man ja erkannt – nur eben in Zeitlupe. Nur das Klavier allein ist fast die ganzen fünf Minuten der Aufnahme zu hören. Und der Pianist summt leise suchend mit. Erst beim Schluss steigen Bass und Schlagzeug ein. Joy Spring, dieser einst als kraftvoll-eleganter Bravour-Akt eines Quintetts mit zwei Blas-Instrumenten berühmt gewordene Klassiker des Jazz, hier nun als ganz verinnerlichter Schöpfungsakt. Als hätte jemand die Intervalle dieses Stücks mit der Atmosphäre von Thelonious Monk Round Midnight gekreuzt. Und zwar auf außerordentlich gekonnte Art. So klingt es – oder besser: so kann es klingen –, wenn der Pianist Bill Carrothers dem Trompeter Clifford Brown huldigt. Und dann wieder völlig anders – aber jeweils überraschend, dabei schlüssig und vor allem auf ganz hohem Niveau. Der eine: eine Legende. Ein Musiker, dem nur ein erschreckend kurzes Leben beschert war, über dessen überragendes Talent aber Generationen von Kollegen schwärmen. Eine Jazz-Gestalt mit Aura.

Der Trompeter Clifford Brown, 1930 geboren, 1956 bei einem Autounfall ums Leben gekommen, erst 25 Jahre alt. Der andere: ein sprühender Kreativgeist. Ein Querdenker. Ein Musiker, der in den zwei Jahrzehnten seiner bisherigen Karriere konsequent stets ein bisschen anders klingt als all die anderen. Und der stets auch ein bisschen anders klingt, als man es in Kenntnis seiner vorherigen Veröffentlichungen jeweils von ihm erwarten würde. Ein Mann der Zwischentöne. Ein Jazzer für Hinhör-Freudige. Der Pianist Bill Carrothers, Jahrgang 1964, in den Neunzigern in New York gefeiert als Partner von Musikern wie Dave Douglas, bis er vor einigen Jahren nach Michigan zog und in regelmäßigen Abständen der Jazzwelt neue Denk- und Höranstöße gibt. Bill Carrothers, dieser subtile Eigentöner, verbeugt sich auf der nun vorliegenden CD also vor der einstigen Trompeten- Sensation des Hard Bop, Clifford Brown. Joy Spring heißt die CD nach einem von Browns berühmtesten Stücken. Und dieser Titel führt uns augenzwinkernd in die Irre: Mit freudig naivem Nach-Tönen einer spannenden Hinterlassenschaft haben diese Aufnahmen nichts zu tun – ebenso wenig wie mit einem zerknirschten Klagen um einen großen Toten. Sondern sie ist ein höchst individuelles Echo. Carrothers’ Auseinandersetzung mit der Musik von Clifford Brown hat viele Facetten.

Die beiden Partner Carrothers’ sind Bassist Drew Gress und Drummer Bill Stewart. Der 1959 geborene Gress hat sich unter anderem in der Zusammenarbeit mit Marc Copland und Ravi Coltrane einen Namen gemacht. Der 1966 geborene Bill Stewart spielte unter anderem mit Dave Holland und Joe Lovano, aber früher auch bereits mit Carrothers, so auf der erwähnten Home Row. Beide sind Musiker von starkem eigenem Profil, Garanten fester musikalischer Konturen und zugleich Meister der Flexibilität. Mit ihnen kann man kompakt swingen und ausgreifend experimentieren. Beides passiert in den Interpretationen auf dieser CD.

Wie aufregend sie sind, merkt man schnell. Nach dem vorwärtstreibenden Beginn mit einem quirligen Schlagabtausch in Junior’s Arrival – hier deutlich schneller als das gelassen treibende Original im Quintett von Clifford Brown und Max Roach von 1956 – platziert Carrothers seine rätselhaft-fesselnde Joy Spring-Interpretation. Wiederum gefolgt von dem Stück Jacqui, das das kunstvoll bohrende Motiv der von Browns Kollege Richie Powell stammenden Komposition diesmal als konturenscharf-gewitzte Trio- Nummer nahe am Gestus des Originals feiert. Der Vergleich dieser Beispiele zeigt: Hier ist ein Ensemble nicht etwa angetreten, alles gegen den Strich zu bürsten. Sondern: Hier erkundet ein Trio jedes Stück neu und findet jeweils völlig organische musikalische Gestalten. Da kommt das spielerisch-fröhliche Gertrude’s Bounce so munter hüpfend daher, wie man es kennt, hat aber zugleich Untertöne, die dem Stück eine allem Harmlosen enthobene Spannung geben. Da entfaltet sich das poetisch-melancholische Thema des Duke-Jordan-Klassikers Jordu, einer Perle aus Clifford Browns Repertoire, unerwartet über einem Untergrund aus nervös aufstampfenden, mit harschen Dissonanzen durchsetzten Akkorden. Und da wird Benny Golsons Gedenk-Meisterstück, die von weitgespannten Kantilenen getragene Hommage I Remember Clifford, ähnlich radikal wie vorher Joy Spring ins Versonnene gewendet, bevor es sich als wunderschöne Trio-Ballade freischwingt. Wieder überzeugt Bill Carrothers nicht nur durch seine ganz eigenen, aber stets schlüssigen Interpretationen, sondern auch durch die Stück-Auswahl. Ein schöner Spannungsbogen entsteht in den zwölf Tracks durch eine symbolträchtige Anordnung: von Junior’s Arrival bis I Remember Clifford also der Weg eines Künstlers von seiner imaginären Ankunft auf den Bühnen der Welt bis zum posthumen Erinnern an ihn. Dazwischen einige der prägnantesten Kompositionen des Trompeters (darunter etwa auch Daahoud, Gerkin for Perkin und Tiny Capers), aber auch Stücke von anderen, die zu seinem Repertoire gehörten: etwa Delilah von Victor Young und eine Handvoll Kompositionen von Richie Powell, die hier besonders einleuchten. Denn der Pianist Richie Powell – er war der jüngere Bruder des Bebop-Mitschöpfers Bud Powell und einst Mitglied des Quintetts von Max Roach und Clifford Brown – starb bei demselben Autounfall wie Clifford Brown. Das Auto hatte Powells Ehefrau Nancy gesteuert, die dabei ebenfalls ums Leben kam.

Ein Hauch eines ebenfalls möglichen „I remember Richie“ kommt hier in den Interpretationen von Powells Stücken zustande. Und etwa in der zärtlichen Ballade Time und in Powell’s Prances tritt Powell als starkes Pendant Clifford Browns zutage – als einer, dessen Kompositionen jedenfalls auch ein Recht haben, zum ewigen Hard-Bop-Erbe zu gehören.

Bill Carrothers’ CD Joy Spring ist ein Jazz-Abenteuer: sinnlich und aufregend, geistvoll und überraschend. Fans von Clifford Brown können sich über hintersinnige Neu-Belichtungen freuen, die den Stücken völlig ungewohnte Seiten abgewinnen, statt sie in glatt-geläufigem Sound nachzuäffen. Sie können hier also Entdeckungen machen mit Interpretationen, die dem Geehrten gerade durch ihre radikale Individualität mehr Respekt erweisen, als es Kopien je könnten. Und wer auch Clifford Brown noch entdecken darf, der wird in Bill Carrothers’ Aufnahmen keineswegs nur eine Einstiegsdroge finden, die er irgendwann durch eine andere ersetzt. Sie sind ein Echo von großem eigenem Zauber.

“I don’t like to tell players what they should do. I like to keep it open, and I rely on the players to make me sound better than I am. I let them do whatever they want to do. What helps for me is that I go into the studio without any expectations. Divorce myself from what I think I’m trying to get to and just go with what is.You go in the studio to make one kind of record and you come out with a totally different kind of record, and I like that. That makes it easier. Almost every record I’ve made is not the record I set out to make.” Bill Carrothers

Biografie Bill Carrothers

Der 1964 geborene und in Minnesota aufgewachsene Bill Carrothers lebt mit seiner Familie in einem hundertjährigen Haus im ländlichen Michigan. Ein eher ungewöhnlicher Ort für einen vielseitigen Jazzmusiker und vielleicht einer der Gründe dafür, dass der als skurrile Eigenbrötler geltende Pianist trotz seiner langen Karriere, seiner vielen Alben als Leader und Sideman (unter anderem mit Dave Douglas, Drew Gress, Gary Peacock, Dré Pallemaerts, Bill Stewart, Nicolas Thys, Robin Verheyen) und diversen Europatourneen nach wie vor als Geheimtipp gehandelt wird. Über mangelnde Anerkennung kann er sich jedenfalls nicht beklagen. So gab es bereits renommierte Auszeichnungen wie den Deutschen Schallplattenpreis (Vierteljahresliste) und den französischen „Diapason d’Or“. Ebenfalls sicher ist sich Bill Carrothers der Bewunderung seiner Kollegen wie Lee Konitz, Buddy De Franco und Bennie Wallace, mit denen er zusammengearbeitet hat. Gleichwohl kann er von seiner Musik allein nicht gut genug leben und verdient sich zuweilen auch als Koch. www.carrothers.com

Bill Carrothers
Joy Spring

VÖ: 26. März 2010
Pirouet Records · PIT3046

Bill Carrothers piano
Drew Gress bass
Bill Stewart drums

1. Junior’s Arrival 6:07 2. Joy Spring 4:55 3. Jacqui 6:21
4. Gerkin for Perkin 3:26 5. Delilah 6:16
6. Gertrude’s Bounce 7:02 7. Jordu 7:46 8. Daahoud 5:39
9. Time 6:34 10. Powell’s Prances 4:09
11. Tiny Capers 3:35 12. I Remember Clifford 5:02

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