Vor mehr als einem Jahr stellten wir die erste CD des jungen Kölner Pianisten Pablo Held vor: Forest Of Oblivion.
Die Resonanz auf dieses außergewöhnliche Album eines eben mal 21jährigen Pianisten in der Musikwelt war enorm. “Die Jazz-Szene horcht auf”, befand die “Welt am Sonntag”; ein “einzigartiges Talent” machte die “Irish Times” aus – ein Talent zudem, dessen Musik durchweg “von Unerwartetem geprägt” sei. Und die Zeitschrift “Jazzthing” attestierte “eine Ästhetik, die sich deutlich vom populistischen, auf schnellen Effekt schielenden Geklimper einer namenlosen Konkurrentenschar abhebt”. Großer Jubel für eine Musik, die also offenbar nicht nur hervorragend gespielt war, sondern auch noch eines ganz deutlich vorwies: eigenes Profil. Gemeint war das Debüt Forest of Oblivion des damals 21-jährigen deutschen Pianisten Pablo Held. Jetzt, mit 23, legt er seine zweite CD vor – und das ehedem schon beachtliche Profil hat er nun noch einmal geschärft. Music heißt die CD, und der schlichte wie bedeutungsvolle Name drückt ein Selbstbewusstsein aus, das dieser junge ganz eigene Kopf völlig zu Recht hat. Der Titel sagt nämlich: Was ich mache, kann ganz für sich stehen.
Ganz ohne gekünstelt formulierten Anspruch, ganz ohne Werbesprüche, die einen nunmehr arrivierten “Star” des “Jungen deutschen Jazz” anpreisen. Was Pablo Held und seine beiden Trio-Partner, der Bassist Robert Landfermann und der Schlagzeuger Jonas Burgwinkel, hier spielen, ist einzigartige Jazz-Klaviertrio-Musik. Musik, die es deutlich spürbar nicht nötig hat, Vorbildern des Genres nachzueifern: Sie hat einen ganz eigenen Klang, ahmt keinen bekannten Gestus nach, imitiert kein Erfolgsschema; und – sie ist auch einzigartig in ihrer atmosphärischen Gestimmtheit. Der Chef des Trios, Pablo Held, ist ein radikal Introvertierter. Seine Stücke versuchen nicht, Effekt zu machen. Sie hauen den Hörern kein virtuoses Powerplay um die Ohren. Sie führen ihren hohen Anspruch nicht vor. Der ist einfach da, muss nicht auf einem Schild hochgehalten werden. Die Kunst des Leisen, des Nicht-Spektakulären, bei dem es um Substanz statt um Wirkung geht. So fängt diese CD denn auch mit ganz leise fortschreitenden Akkorden an, die sich allmählich in einen Rhythmus einpendeln und dann relativ schnell eine gespannte Intensität erreichen, ohne aber ein griffiges Thema anzusteuern. Eine besondere Pointe liegt auch noch darin, dass dieses Anfangsstück Encore heißt und eigentlich als Zugabe für Konzerte gedacht ist. Schon solch ein Einstieg zeigt, dass hier ein Trio ganz auf die innere Kraft seiner Musik setzt: Alles wird tragfähig sein, egal, an welcher Stelle es kommt und ob es in einen musikalisch-rhetorischen Zusammenhang eingebettet ist oder nicht. Auch ein Stück wie das dritte auf dieser CD, Desire, wird man in der Jazz-Klaviertrio- Literatur eine ganze Weile suchen müssen.
Geschlagene fünf Minuten spielt hier Pablo Held allein am Klavier versonnene Arpeggien und präludierende Umschreibungen einer Stimmung. Man könnte Desire da noch für ein meditatives Solo-Stück halten – eine kontrastierende Insel innerhalb des Trio-Sound-Flusses. Doch dann steigen Bass und Schlagzeug doch noch ein – zu einer pulsierenden Figur, die mehrere Male vorher schon erklungen war als Lockruf des Pianisten an die beiden Partner: Und nun also, endlich, gerät das Stück in Schwingung. Und wirkt, so, wie es ist, völlig organisch: ein logischer, langer Spannungsaufbau, der zu einem konsequenten Ende führt. Ein leises Glanzstück auf Music ist auch der fünfte Track, O Sacrum Convivium, die Adaption eines Chorstücks aus der Feder des französischen Komponisten Olivier Messiaen. Messiaen fasziniert mit seiner geheimnisvoll schönen und komplexen Harmonik Jazzmusiker immer wieder – und gerade Pianisten lassen sich von ihm inspirieren. Pablo Held formt aus dem durchgeistigten Chorstück ein lyrisches Jazzpoem mit sparsam-anmutigem Klavierpart und gestrichenem Bass sowie ganz zartem Schlagzeug. Ein Stück, das wie eine wunderschöne Ballade klingt, bei der man sich wundert, dass man diesen “Jazzklassiker” noch nicht gekannt hat. Die Messiaen-Anleihe passt übrigens nahtlos in Pablo Helds Klangwelt, sie fügt sich ohne jeden Bruch ein.
Das zeigt sich nicht zuletzt auch daran, dass das darauffolgende Stück, Nearness, beinahe wirkt wie ein zweiter Satz, der zu dem Messiaen-Stück gehört. Die Kunst des organischen Anschlusses. Selbstverständlichkeit ist ein wichtiges Merkmal in Pablo Helds Musik. Nichts auf dieser CD wirkt herbeibemüht. Alles kommt in einem Gestus größter Natürlichkeit daher. Das liegt mit an der fast symbiotischen Qualität dieses Trios. Traumhaft sicher agieren diese Musiker miteinander. Fast wirkt es, als wären ihre Gehirne durch geheime Fäden miteinander verbunden. Ein Zusammenspiel, das gleichsam aus sich selbst zu wachsen und zu vergehen scheint. Da hat man nicht den Eindruck eines bewussten Aufeinander- Reagierens, sondern den eines Aus-sich-heraus-Agierens. Auch das passt zum Gesamteindruck einer Musik, die keine Show macht, sondern ganz sie selbst ist. Und dieses Selbst-Sein hat Magie. Man kann sich tief hineinfallen lassen in diese Klänge – je öfter man die CD hört, desto tiefer. Nicht zappen, sondern durchhören. Zeit nehmen. Nichts anderes tun.
Hören. Spüren. Und schnell wird man von der ganz eigenen Schönheit dieser Klänge gefangen sein. Eines der ergreifendsten Stücke der CD drückt im Titel aus, was dabei passieren könnte: Klartraum. Was immer dieses Wort meint: Wenn man diese Musik hört, kann man sich in faszinierende Traumwelten versenken. Diese Traumwelten aber haben nie etwas Trübes, Verschwommenes – sondern die Klarheit wunderbar frischer Winterluft. Wenn man diese Luft einatmet, hat man das Gefühl von Reinigung. Genau das kann sich auch bei dieser Musik einstellen. Man hört sie nicht, um die Musiker, die sie spielen, zu bewundern: Das fordern diese Klänge nicht. Sondern man hört sie nur dieser faszinierend eigenen Klangwelt wegen. Es ist die leise, eigenständige, kraftvolle, nie angeberische und voller zu entdeckender Dimensionen steckende Klangwelt des Pablo Held.
Die Formulierung “in die Wiege gelegt” ist bei Pablo Held durchaus zutreffend: geboren am 27.12.1986 in Herdecke, ist der 23-Jährige in einem musikalischen Umfeld in Hagen aufgewachsen. Sein Vater, Pianist und Komponist, unterrichtet an der Hagener Musikschule, seine Mutter, die als Klavierstimmerin arbeitet, spielt neben Klavier auch Gitarre und komponiert ebenfalls. Kein Wunder also, dass Pablo Held sich schon in jungen Jahren musikalisch erprobte. “Ich habe auf Sachen rumgetrommelt, seit ich denken kann. Mit Vier bekam ich mein erstes Kinderschlagzeug und wenig später den ersten Schlagzeugunterricht. Mit Zehn habe ich dann mit dem Schlagzeug aufgehört – wahrscheinlich weil das Klavier zuhause allgegenwärtig war – und mit Klavierunterricht an der Hagener Musikschule begonnen”, erzählt er und fügt hinzu: “Nicht bei meinem Vater, sondern bei seinem Kollegen.” Dieser machte ihn auch mit den Basics der Jazzmusik vertraut. Als 12-Jähriger gewann er 1999 erstmals den ersten Preis bei “Jugend jazzt” in Nordrhein- Westfalen. Mit 15 Jahren meldete ihn der Vater an der “Glen Buschmann Jazzakademie Dortmund” zu einer zweijährigen Ausbildung an, wo Pablo Held neben der Theorie auch viel Praxis hatte: so spielte er in diversen Ensembles und absolvierte Konzertreisen nach Osteuropa.
Mit 16 Jahren gewann er zum zweiten Mal den ersten Preis bei “Jugend jazzt” (2003), als 18-Jähriger 2005 ein drittes Mal. Die frühe Hinwendung zum Jazz war für ihn rückblickend ganz selbstverständlich. “Ich bin mit Jazz aufgewachsen. Als kleiner Junge saß ich oft vor dem LP- und CD-Regal meiner Eltern und habe mir die Alben mit den schönsten Covern und Fotos rausgesucht. Das waren dann meistens die von Miles Davis, John McLaughlin, Herbie Hancock, Take 6, Quincy Jones und Keith Jarrett”, erinnert er sich. Nicht nur die Plattensammlung der Eltern wird zur Einführung in den Jazz, sondern auch frühe Konzerterlebnisse, wo er Bekanntschaft mit dem Who is Who der Jazzszene macht. “Mit Zwei oder so war ich auf einem Konzert von Take 6. Mit Vier oder Fünf von John McLaughlin, mit Acht von John Scofield, mit Zwölf auf einem Konzert von Herbie Hancock. Das sind so die großen Namen. Ansonsten haben mich meine Eltern sehr oft auf Konzerte mitgeschleppt, wo weniger bekannte Leute gespielt haben. Und dann waren da noch die Konzerte, bei denen mein Vater entweder mit seinem Klaviertrio oder Solo aufgetreten ist.” Mit 15 Jahren reift der Entschluss, auf die Musikhochschule zu gehen. “Mir wurde klar, dass ich nichts anderes kann beziehungsweise nicht anderes will”, erklärt er heute selbstbewusst. Während des 12. Schuljahres bestand er die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik Köln, wo er derzeit bei dem deutschen Pianisten Hubert Nuss studiert und in diesem Jahr seinen Abschluss machen wird. Zu seinen Lehrern gehören, neben Hubert Nuss, John Taylor, Achim Kaufmann, Florian Ross und Vladislav Sendecki. Pablo Held hat in seiner noch jungen Musikerkarriere schon vielerlei Erfahrungen gesammelt. So hat er unter anderem mit der WDR Big Band, Paul Heller, Jasper Blom, Matthias Nadolny, Jochen Rückert, Uli Beckerhoff, Ignaz Dinné, Eric Vloeimans, Henning Berg, Claudio Puntin, Claus Stötter, Manfred Schoof, Julian Argüelles und Henning Sieverts gespielt und ist bei Festivals wie North Sea Jazz Festival, Novi Sad Jazz Festival, InnTöne Festival, Jazzfestival Moers, Münster Jazzfestival, WDR 3 JazzCologne, JOE Festival und Audi Jazz Festival aufgetreten. Pablo Helds CD-Debüt Forest of Oblivion erschien im September 2008 beim renommierten Münchner Label Pirouet Records und wurde nicht nur von der Fachpresse überschwänglich gelobt. Die Welt am Sonntag schrieb: “Der Pianist Pablo Held aus Köln ist 21 Jahre alt und hat mit seinem Trio eine Debüt-CD vorgelegt, die von Reife und Tiefgang zeugt. Die Jazzszene horcht auf”; der Deutschlandfunk kommentierte: “Er ist der Senkrechtstarter unter den jungen Jazzpianisten hierzulande. Pablo Helds pianistischen und kompositorischen Fähigkeiten sind auch ohne die Erwähnung seines Alters bemerkenswert”, und die Hessische Niedersächsische Allgemeine meldete nach einem Livekonzert: “Viel Applaus für ein fantastisches Trio mit viel Perspektive.”
Pablo Held gewann im Januar 2009 den Westfalen Jazzpreis 2009; im selben Jahr spielte das Pablo Held Trio im Finale des EBU-Jazzwettbewerbs des North Sea Jazz Festival. Derzeit ist Pablo Held mit weiteren Bands aktiv. So spielt er außer im Pablo Held Trio, das Ende 2005 gegründet wurde, bei Niels Klein Quartet, Sebastian Gille Quartet, Norbert Scholly’s Dreams, Drums & Drones, Jonas Burgwinkel’s Source Direct, Tobi Christl’s Lieblingsband, Benjamin Garcia Band, Denis Gäbel 4, Silvio Morger Group, Menzel Mutzke Quartet, Riaz Khabirpour Quintet, Claudio Strüby’s S-Cargo, Pop Goes Jazz, Nicolas Simion Group.
Interview mit Pablo Held
Vor über einem Jahr Jahren warst du mit deiner ersten Pirouet-CD Forest of Oblivion ein 21-jähriger Debütant. Es ist nicht übertrieben zu sagen: Wenn deine zweite Pirouet-CD Music 2010 erscheint, hat sich dein Bekanntheitsgrad deutlich verändert. Wie sind die letzten fünf zehn Monate für dich gelaufen?
Wenn man als Musiker in Deutschland an Gigs kommen möchte, hilft eine CD schon sehr viel. Und wenn sie dazu noch bei einem Label wie Pirouet herauskommt, dann ist es noch besser. Da Forest of Oblivion auch sehr gut von den Medien besprochen wurde, lief es beim Konzerte buchen immer besser. Darüber habe ich mich natürlich sehr gefreut. Denn im Grunde genommen geht es mir hauptsächlich darum, auf der Bühne zu stehen und mit meinen Jungs zusammen Musik zu machen. Und alles, was dazu führt, dass ich das noch häufiger und an vielen verschiedenen Orten machen kann, freut mich sehr. In den letzten 15 Monaten haben wir zusammen viel mit meinem Trio gespielt, aber auch mit anderen Bands, in denen wir ebenfalls zusammen sind. Wir sind noch stärker aneinander gewachsen.
Inwieweit hat sich dein Spiel verändert oder anders gefragt: Wohin möchtest du dich weiterentwickeln?
Mein Spiel ist freier geworden. Ich versuche noch mehr auf Risiko zu gehen und noch mehr im Moment zu sein, als ich mich sonst traue. Denn darin liegt für mich das wirklich Interessante: Wenn man sich mehr und mehr ins Ungewisse traut, kommt man auf neue Ideen. Ich setze mich viel mit der Musik von Ravel, Debussy, Messiaen, Stravinsky, Tournemire oder Mompou auseinander. In diese Klangwelten möchte ich noch mehr eintauchen und noch mehr über sie erfahren. Vieles kann ich übers Ohr lernen, und wenn ich etwas genau er wissen möchte, schaue ich in den Noten nach.
Die einen Kritiker sprachen nach deinem Erstling Forest of Oblivion von dir als Wunderkind, die anderen bescheinigten dir Reife und Tiefgang. Ärgert es dich, wenn du ständig auf dein Alter zurückgeworfen wirst?
Es ärgert mich nicht, ich kann ja auch nichts daran ändern. Ich freue mich natürlich, wenn so etwas geschrieben wird. Ich hoffe nur, dass meine Musik auch gefallen würde, wenn ich jetzt 80 Jahre alt wäre. Müssen Jazzer eigentlich erst ein gewisses Alter erreicht haben, um richtig gut zu sein? Ich habe schon immer gedacht, dass Musik niemals vom Alter abhängig sein kann. Dass es einerseits Musiker wie Tony Williams gibt, der mit 17 bei Miles anfangen konnte und andererseits ein 76-jähriger Wayne Shorter mit seiner neuen Band immer noch jeden Abend musikalisches Neuland betritt, ist doch der beste Beweis dafür.
Wie schätzt du es nach den jüngsten Erfahrungen ein: Ist die erste CD die schwierigere oder die zweite?
Ich denke, die zweite CD war leichter. Logischerweise sind wir jetzt eingespielter, als bei der ersten. Bei der ersten hatten wir auch vorher nicht so viele gemeinsame Konzerte, wie wir sie in der Zeit zwischen der ersten und der zweiten CD hatten. Ich freue mich darauf, den Menschen mit der neuen CD zeigen zu können, was sich bei uns in der Zwischenzeit entwickelt hat.
Zu deiner neuen CD, die am 12. und 13. November 2009 im Pirouet Studio eingespielt wurde: Beschreib doch bitte den Prozess des Stückeschreibens bzw. Stückefindens bis hin zur Aufnahme.
Dazu muss ich noch erzählen, was wir live machen! Seitdem Forest of Oblivion veröffentlicht wurde, spielen wir jedes Konzert mit diesem Konzept: Wir spielen nur noch ohne Setliste, was bedeutet, dass wir nicht wissen, wann wir welches Stück spielen. Wir haben außerdem alle Absprachen, die wir je bei einem Stück getroffen haben, über Bord geworfen, spielen also die Stücke quasi ohne Arrangements. Wir fangen meistens freiimprovisierend an und schauen, welches Stück aufkommt. Das hat dazu geführt, dass alles viel freier ist und alles möglich ist. Man weiß nicht, wie man anfängt, wie man aufhört. Und was in der Mitte passieren soll, weiß man eigentlich auch nicht. Diese Spielart wollte ich natürlich auch gerne auf der Platte irgendwie präsentieren. Da sich der Zuhörer allerdings meist mehr öffnen kann, wenn er auf ein Konzert geht, als wenn er eine CD hört, musste das Ganze in einer eher konzentrierteren Form passieren. In der Zeit zwischen Forest of Oblivion und Music hatte ich ein paar Stücke geschrieben, die auch live öfters aufgekommen sind. Davon wollten wir auf jeden Fall eine Version für die Platte einspielen. I Have a Dream, Arista, Music und Nearness geben einen ganz guten Eindruck von dem, was bei uns auf Konzerten passieren könnte. Dann kamen noch Stücke dazu, die wir noch nicht so lange oder noch gar nicht im Trio-Song book hatten, wie etwa Moon 44 (was ziemlichen Live Charakter hat), Encore (gedacht als Zugabe für unsere Kon zerte), Log Lady (benannt nach der gleichnamigen Figur aus Twin Peaks von David Lynch), Klartraum oder O Sacrum Convivium (ein Stück für Chor von Olivier Messiaen). Die Atmosphäre im Studio war sehr entspannt und gleichzeitig kreativ und spontan. Ein interessantes Beispiel dafür ist Desire: Es war ausgemacht, jetzt ein wenig frei zu spielen und dann in irgendeines unserer Stücke reinzugehen. Also spielte ich ein wenig Solo und dachte mir, dass die Jungs bestimmt gleich einsteigen würden. Taten sie aber nicht. Ich spielte weiter und bot ein paar Stückzitate an, auf die sie auch nicht eingegangen sind. Als ich dann den Schluss-Vamp aus Desire zitierte, einem Stück von mir, das wir eigentlich gar nicht im Trio, sondern in einer anderen Band spielen, stiegen Robert und Jonas endlich drauf. Wir spielten ein wenig darüber und beendeten es dann.
Nicht nur das Titelstück drängt zu der Frage: Was bedeutet für dich Musik?
Vor allem ist Musik für mich eine Sprache, die jeder verstehen kann, die niemanden kalt lässt. Bei guter Musik fangen kleine Kinder an zu tanzen, Großeltern wippen mit und Nachdenker in Birkenstock-Sandalen legen den Zeigefinger auf den Mund. Sie löst bei jedem etwas aus. Und das vereint alle, und das ist doch gerade das, was die Welt braucht. Es zählt in der Musik nicht, wo man herkommt, welche Nationalität, Religion oder Hautfarbe man hat. Ich glaube, das trifft nicht nur auf Musik, sondern auf alle Künste zu.
Du bildest mit Robert Landfermann und Jonas Burgwinkel ein Trio, das häufig auf der Bühne zu erleben ist. Inwieweit würdest du sagen, dass ihr vom vielen Spielen profitiert, und wie baut ihr der Routine vor?
Robert, Jonas und ich profitieren nicht nur davon, das wir viel zusammen spielen, sondern hauptsächlich davon, dass wir wirklich sehr gute Freunde sind. Das Ganze bietet uns eine Basis, auf die wir alles aufbauen können. Wenn man viel zu sammen spielt, ist es wichtig, dass man sich gut versteht und einander vertrauen kann. Viele von unseren Konzerten habe ich mitgeschnitten. Meist haben wir uns dann schon auf der Rückfahrt den Mitschnitt angehört und darüber ge redet, was man besser machen kann, was funktioniert und was nicht. Man versucht dann das, was man beim letzten Konzert lernen konnte, beim nächsten weiterzuführen. Die Idee, dass das letzte Konzert da aufhört, wo das nächste Konzert anfängt, finde ich spannend. Jedes Mal, bevor wir auf die Bühne gehen, machen wir uns gegenseitig klar: Wir sagen uns, dass alles möglich ist, dass es jederzeit überall hingehen kann, dass man nur dann spielt, wenn man es wirklich hört und nicht, wenn man denkt und dass man spielen umussC. Darüber wird geredet, damit man auch mit diesen Worten im Geist auf die Bühne geht und alles nur noch geschehen lassen kann.
Was reizt dich an einer Karriere als Jazzmusiker? Welche Leidenschaften treiben dich voran?
Mich reizt vor allem, dass Musikmachen mein Beruf ist und zugleich das ist, was ich liebe. Ich finde es spannend, immer wieder neue Leuten kennen zu lernen und an Orten zu sein, an denen man vorher noch nicht war. Das Interessante für mich am Jazz ist, dass diese Musik nie stillsteht oder nie gleich klingt. Es geht darum, im Moment zu sein und immer nach etwas Neuem zu suchen.
Bei unserem ersten Interview konnte ich es kaum glauben, als du bekannt hast: Ich habe lieber eine echte CD in der Hand. Was schätzt du an diesem, nun ja, aussterbenden Medium?
Dass jetzt die zweite CD von mir rauskommt und kein Album zum Download, beweist ja schon, dass ich immer noch hinter diesem Medium stehe. Ich bin jetzt noch einen Schritt weiter zurückgegangen und habe angefangen, wieder LPs zu hören, da der Klangunterschied wirklich gewaltig ist. Das macht mir sehr viel Spaß und erinnert mich an meine Kind heit, wo ich auch viele LPs gehört habe. Ich schätze an einer LP/CD, dass es ein Gesamtkunstwerk ist. Das Cover, die Fotos, die Reihenfolge, die Liner Notes (falls vorhanden). Alles gehört zusammen und ist einfach viel mehr als ein Haufen MP3s, die man anklickt.
Ich frage dich jetzt wieder: Wenn du heute noch die Koffer packen müsstest, welche zehn Alben würdest du auf die Reise mitnehmen?
Das ist die Musik, die mich momentan beschäftigt oder die mich immer wieder beschäftigt und nicht loslässt in keiner besonderen Reihenfolge:
1. Victoria Del Los Angeles: A French Recital
2. Herbie Hancock: The Prisoner
3. Claude Debussy: Prélude à l’après-midi d’un faune
4. Miles Davis: Sketches of Spain
5. Miles Davis: The Complete Bitches Brew Sessions
6. Miles Davis: Filles De Kilimanjaro
7. Herbie Hancock: River – The Joni Letters
8. John Taylor: Phases
9. Joni Mitchell: Hejira
10. Jean-Louis Florentz: Le Songe de Lluc Alcari
Robert Landfermann
Der viel gefragte Bassist Robert Landfermann, 1982 in Oberwinter bei Bonn geboren und heute in Köln lebend, begann im Alter von sieben Jahren klassische Gitarre zu lernen, dann E-Bass zu spielen und wechselte schließlich im Alter von 16 Jahren zum Kontrabass. Inzwischen fester Bestandteil der deutschen Jazzszene studierte Robert Landfermann von 2002 bis 2009 an der Hochschule für Musik in Köln bei Dieter Manderscheid und war dort u.a. Schüler von Hiram Bollock, Mark Dresser, Ingmar Heller, Peter Herbolzheimer, John Hollenbeck, Gunnar Plümer, Mike Richmond, John Ruocco, Martin Wind und Phil Woods. Er beendete sein Studium mit dem Konzertexamen. Seit Ende 2005 bildet er gemeinsam mit Pablo Held und Jonas Burgwinkel das Pablo Held Trio. 2006 gründete er mit Niels Klein und Jonas Burgwinkel das Trio Die Freundliche Übernahme; 2008 formierte sich das Kammerensemble Tiefgang. Für beide Bands ar beitet er auch als Komponist. 2008 wurde er als deutsches Mitglied für das EBU European Jazz Orchestra ausgewählt. Im gleichen Jahr spielte er im Kölner Loft die Konzertreihe Nicht Ohne Robert mit wechselnden Gästen. 2009 gewann er mit dem Frederik Köster Quartett den Neuen Deutschen Jazzpreis und spielte im Mai sein erstes Bass-Soloalbum ein. Zudem erhielt er 2009 das Horst und Gretl Will Stipendi um der Stadt Köln und den WDR-Jazzpreis als bester Solist. Robert Landfermann spielte mit internationalen Jazzmusikern wie Axel Dörner, Danny Gottlieb, Achim Kaufmann, Joachim Kühn, Rudi Mahal, Charlie Mariano, Simon Nabatov, Ben Perowski, John Schröder, Claudio Puntin, Steffen Schorn, Ramesh Shotham, Markus Stockhausen, Ian Thomas sowie der NDR Big Band. Konzerttourneen führten ihn und seinen Bass auf alle fünf Kontinente, und er spielte auf bekannten Jazzfestivals wie North-Sea-Festival, JazzNow Sydney, Moers Jazzfestival, Duketownfestival sSHertogenbosch, JazzNoJazz Zürich, Casa del Jazz Rom, Salzau Jazz-Baltica, Jazzfestival Burghausen, Leverkusener Jazztage, Jazzrallye Düsseldorf, Traumzeit Festival und Gnaoua Festival Essaouira.
Jonas Burgwinkel
Der Drummer Jonas Burgwinkel, 1981 in Aachen geboren, begann im Alter von 9 mit dem Unterricht und startete seine Musikerlaufbahn als 17-jähriger Student in Maastricht. 2003 wechselte er im Rahmen eines Stipendiums für ein Jahr zu dem renommierten Berklee College Of Music in Boston und besucht von 2004 bis 2009 die Hochschule für Musik in Köln bei Michael Küttner. Seit Ende 2005 bildet er gemeinsam mit Pablo Held und Robert Landfermann das Pablo Held Trio. 2009 gewann er den Best Soloist Award beim European Jazz Competition des North Sea Jazzfestival in Rotterdam und den WDR Jazzpreis 2009. Er spielte mit Musikern wie Antonio Farao, Phil Harper, Joachim Kühn, Mark Murphy, Simon Nabatov, Lee Konitz, Charlie Mariano, John Taylor, Nils Wogram sowie der EBU Big Band weltweit auf Jazz festivals wie Jazzfest Berlin, Copenhagen Jazzfestival, Leverkusener Jazztage, North Sea Jazzfestival, Jazzwoche Burg hausen, Melbourne Jazzfestival, Villa Cellimontana Rom, Crema Jazzfestival, Inntöne Festival, Gnauoa Festival Essaouira, JazzNoJazz Zürich, Tauranga Jazzfestival, Serambi Jazzfestival, Kronstad Jazzfestival, Blue Note Festival, Pula Jazzfestival, Jazzfestival Moers, WDR Jazzcologne, Traumzeit Festival, Münster Jazzfestival sowie Hamburger Jazztage. Jonas Burgwinkel spielt neben dem Pablo Held Trio in Forma tionen wie Florian Ross Trio, Nicolas Simion Group, Antonio Farao Trio, Roman & Julian Wasserfuhr Quartett, Nadia Maria Fischer Quintett, Thomas Rückert Trio, Die Freundliche Übernahme, European Youth Jazz Orchestra EBU, Greetje Kauffeld und Art af Oryx.




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