Selten gab es in der Musikhistorie einen Terminus, der so grotesk gedehnt wurde wie “Rhythm And Blues“ nebst seinem Kürzel R&B. Heute wird er auf den chic konfektionierten Mainstream der Black Music angewandt, etwa auf die Songs von Soul-Superstars wie Beyoncé und Rihanna, ebenso auf die ganze Bandbreite der HipHop-Szene. Dabei ist der Begriff schon ein Opa: In den 1940ern tauchte er erstmals auf, als Sammelbenennung für den Boogie Woogie eines Albert Ammons, die schwülen Bigband-Sounds von Cab Calloway und den Jump Blues eines Louis Jordan, die bis dato alesamt unter der diskriminierenden Bezeichnung Race Music liefen. Der spätere Atlantic-Produzent Jerry Wexler soll ihn damals als Journalist geprägt haben. Vom Blues unterschied sich der frühe R&B also schon dadurch, dass er einen kommerziellen Hintergrund hatte, tanzbar sein sollte und die Songs kein Allgemeingut waren, sondern Neuschöpfungen. Dass R&B für den Rock’n’Roll der Weißen eine Blaupause par excellence war, machte Fats Domino in den 1950ern mit seinem berühmten Ausspruch deutlich: “What they call rock’n’roll is rhythm and blues and I’ve been playing it for 15 years in New Orleans.” Zugleich war Rhythm & Blues innerhalb der Black Music zusammen mit dem Gospel ein Vorläufer all jener Stile, die ab den frühen Sechzigern von Memphis und Atlanta über Chicago und New York bis Detroit und Philadelphia als Soul und Funk bezeichnet wurden. In den letzten Jahren hat sich R&B nun nicht nur als Oberbegriff für die hiphop-betonte Musik der Charts durchgesetzt. Es ist nun auch wieder eine blühende Retro-Szene entstanden, die von Küste zu Küste die „alten Werte“ mit funkigen Bläsern, dreckigen Vocals und analoger Aufnahmetechnik auferstehen lässt.
Putumayo begibt sich auf die Spuren des klassischen R&B und legt dabei spannende Brückenschläge durch die Dekaden offen. Unsere Reise startet sehr soulig: LAVELLE WHITE begann ihre Karriere im texanischen Houston und wirkte schon früh als Kollaborateuse von großen Stimmen zwischen Blues und R&B, unter anderem für Bobby „Blue“ Bland, Big Mama Thornton und Albert Collins.
Solo-Einspielungen startete sie 1959 auf dem legendären Duke-Label, das in Houston seinen Stammsitz hatte und als Verlag, der ausschließlich Schwarzen gehörte, so etwas wie ein kleines südliches Gegenstück zu Motown bildete. In den 1970ern wechselte White nach Chicago, wo sie eine Dekade lang im populären Club Kingston Mines zu den regelmäßigen Bühnengästen zählte. Nach der Rückkehr nach Texas setzte sie ihre Laufbahn in Austin fort, jetzt schon als Elder Stateswoman und mit einem bluesigeren Touch. In ihre reife Altstimme gibt sie mit „I’ve Never Found A Man To Love“ Einblicke, eine Nummer, die gleichermaßen zum Repertoire von Ester Philips und Al Green gehörte. Der Enthusiasmus für Rhythm & Blues hat in England eine lange Geschichte: Die Stones waren von der US-Mode in den Sechzigern genauso infiziert wie die Beatles, und sie bildeten nur die Spitze des Eisberges all jener „British Invasion“- Gruppen, die ihre Karriere mit Rhythm & Blues-Covers begannen. Heute feiert die Vorliebe der Briten für das US-Genre fröhliche Urständ’: Wer sich die Musik von JAMES HUNTER anhört, würde Aufnahmen vermuten, die ein glattes halbes Jahrhundert zurückliegen. Doch der Gitarrist, Vokalist und Songwriter aus Wales erlebt ganz aktuell seinen künstlerischen Zenith. Jahrelang war er durch die Clubs von Soho getingelt, kein geringerer als Van Morrison zählte zu seinen größten Fans. Der Durchbruch kam mit dem Debütalbum Believe What I Say, für das „Van The Man“ gerne ein paar Takte beisteuerte. Für das zweite Album The Hard Way ließ sich dann die New Orleans-Ikone Allen Toussaint auf eine Zusammenarbeit ein. Die berühmten Anhänger von Hunter irren nicht: Selten hat man einen Mann von der Insel vernommen, der sich derart herzblutend und rau mit Stimme und Saiteneinsatz in das Originalfeeling des Rhythm & Blues reingekniet hat – eindrücklich zu vernehmen in „Til Your Fool Comes Home“ aus seiner neuen Scheibe.
Hinter CRACKED ICE verbergen sich eine ganze Ansammlung der herausragendsten Studio- und TV-Musiker New Yorks. Ihre Credit List grenzt ans Unermessliche: In den Diensten von James Brown, Wilson Pickett, Hall & Oates, Sam Moore und Solomon Burke standen diese Recken, ganz zu schweigen von ihren Session-Kapazitäten auf dem Rock-Terrain. Im Zentrum des Bandkollektivs steht der Saxophonist Crispin Cloes, der im vorliegenden Track namens „Sweet Feeling“ dem Gitarristen John Putnam Platz für ein inspiriertes Solo einräumt. Das Stück geht auf die First Lady des Southern Soul, Candi Staton zurück, deren kratziges Timbre hier von der Sängerin Susan Didrichsen würdig widergespiegelt wird. Wie ihr Landsmann James Hunter frönen auch die Musiker des QUANTIC SOUL ORCHESTRA um den soulverrückten Multi-Instrumentalisten Will Holland der Musik vergangener Rhythm & Blues-Dekaden. Allerdings würzen sie ihre Retro-Ästhetik mit einem aktuellen Rare Groove-Flair und einem weiten Genre-Spektrum. In „Who Knows“ blitzen neben der Grundstimmung eines Blues-Shuffles auch Reggae und Latin Jazz auf – damit verweist das Orchester auf die schon lange existierende, aber eher im Verborgenen wirkende Liaison von Rhythm & Blues mit afro-karibischen Elementen, die mit dem Piano-Giganten Jellyroll Morton schon während der frühen Jazzjahre begann und sich beim Rumba-Blues eines Professor Longhair fortsetzte. Ein Meisterstreich aus dem Pult von Holland, der den Namen seiner Band wohlbedacht wählte: Geht es in der Quantenphysik doch darum, dass der Aufenthaltsort eines unteilbaren Teilchens nicht eindeutig definiert werden kann. Wir sehen darin ein Sinnbild für die eklektische, stilistisch nicht klar zu definierende Natur seiner Produktion.
Jeder Discobegeisterte hat noch ihren Hit “Best Of My Love” aus dem Jahre 1977 im Ohr. THE EMOTIONS, drei Schwestern aus Chicago, gingen aus einer Gospelgruppe der Familie Hutchinson hervor, die auch mal für Mahalia Jackson den Background sang. Auf weltlichem Parkett reüssierten sie erstmals, als sie 1969 im Chicagoer Regal Theater auftraten und dort von Stax Records entdeckt wurden. Beim Southern Soul-Label agierten sie fortan an der Seite von Stars wie dem letztjährig verstorbenen Isaac Hayes, der für sie auch den ein oder anderen Titel produzierte. Auch „My Honey And Me“ stammt aus dieser fruchtbaren Stax-Periode. In den Siebzigern etablierten die drei Damen eine Partnerschaft mit Maurice White von Earth, Wind & Fire, der für ihre kommerziell größten Erfolge verantwortlich zeichnete. Ihr künstlerisches Leben haben die Hutchinson Sisters in den Neunzigern als Musical mit dem schönen Titel Bigger Than Bubblegum inszeniert. “Wang Dang Doodle“ aus der Feder des Produzenten und Bassisten Willie Dixon war lange Zeit das klingende Erkennungszeichen von Howlin’ Wolf und Koko Taylor. Gleich drei klingende Namen machen sich nun auf, um mit dem Original in einer Coverversion zu wetteifern. Zunächst wäre da einmal SAM MOORE, der zusammen mit Dave Prater unter dem Duonamen Sam & Dave in den Sechzigern für das Stax-Label in Memphis Soul-Geschichte geschrieben hat (wer kennt nicht ihr „Hold On I’m Coming“?). Aus der nächsten Generation stammt ANGIE STONE aus South Caroline, die vom Gospel herkommt, mit Bands wie The Sequence oder Vertical Hold dann aber in Richtung Rap marschierte, um solo ab 1999 ihre Retro-Wurzeln mit einer HipHop-Attitüde zu verbinden. Der in L.A. verwurzelte Kevin Moore schließlich, besser bekannt als KEB MO, zählt zu den herausragenden Erneuerern des Blues und legt dabei öfters die afrikanische Note des Genres frei. Ein machtvolles Triumvirat und eine durchaus ebenbürtige Neuversion von Dixons Klassiker, in der sich die drei völlig unterschiedlichen Stimmen wunderbar ergänzen.
Mit dem traditionellen Jazzpianist Luis Russell als Vater und der Multiinstrumentalistin Carline Ray als Mutter wuchs CATHERINE RUSSELL fest verankert im musikalischem Erbe auf. Die Dame sammelte zunächst Lorbeeren an der American Academy of Dramatic Arts, machte später Aufnahmen mit David Bowie und Paul Simon genau wie mit Rosanne Cash und Al Green. Auf ihrem künstlerischen Pfad hat sie vielen Blues- und R&B-Sängern zugehört, um schließlich ihr ureigenes Timbre herauszukristallisieren. Mittlerweile hat Russell zwei Soloalben aufgenommen und doziert parallel zu ihrer Bühnenkarriere als Associate Professor of Voice am renommierten Berklee College of Music in Boston. Der vielgecoverte Klagegesang von „Put Me Down Easy“ stammt aus der Feder von Sam Cooke und wurde erstmals von seinem Bruder L. Cooke eingespielt.
Wie viele ihrer Rhythm & Blues-Kolleginnen führt auch RUTHIE FOSTER ihre Gesangeswurzeln auf kirchliche Erlebnisse zurück, die aber schon in ihrer Kindheit in Gause, Texas mit den Sounds von Blues und Country durchsetzt waren. Während ihrer Schulzeit in Zentral-Texas begann sie in Blues-Bars aufzutreten, in der anschließenden Navy-Zeit schloss sie sich einer Funk-Coverband an, die für die Rekruten aufspielte. Ihre aktuelle Karriere steuert Foster von New York aus, wo sie in die Singer/ Songwriter-Szene eintauchte. Der Kreis komplettierte sich für sie, indem sie in ihre Lieder auch die Gospeleinflüsse der Kindheit einbaute. Mit „Cuz I’m Here“ präsentiert sie sich als eine Dame mit Diva-Potenzial zwischen Retro-Soul und Storytelling.
Nun ziehen wir den Hut vor einem kürzlich Dahingeschiedenen: Gitarrist und Sänger SNOOKS EAGLIN zählte zur cream of the crop in seiner Heimat New Orleans, wo er eine beispiellose R&B-Karriere über Jahrzehnte hingelegt hatte. Mit 14 frontete er bereits seine erste Band, die Flamingos, in der eine andere Crescent City-Größe, der omnipräsente Allen Toussaint, an seiner Seite agierte. Eaglin wurde des öfteren liebe- und respektvoll als „human jukebox“ bezeichnet, da er mühelos und unberechenbar aus einem halben Jahrhundert R & B-, Rock’n’Roll-, Jazz-, Pop- und Country-Standards zitieren konnte, zur Überraschung seiner Mitmusiker, die ihm dann irgendwie folgen mussten. Zu seinen Glanznummern gehörten Covers von Eddie Bo, Fats Domino und Earl King, allesamt Kollegen aus New Orleans, letzterer ist auch für „A Mother’s Love” verantwortlich.
In der Retro-Funk-Szene der vergangenen Jahre hat keine andere Dame für soviel Wirbel gesorgt wie SHARON JONES. Sie wurde in Georgia geboren, sang zunächst in der Kirche, zog mit ihrer Familie dann nach Brooklyn und konnte ihre Southern Soul- Roots nur noch während der Sommeraufenthalte im Süden pflegen. In NY trat sie allerdings schon als Teenagerin in Clubs auf, ihre Brötchen verdiente sie parallel als Sicherheitsbeamtin. Bergauf mit ihrer Karriere ging es aber tatsächlich erst in ihren Vierzigern, als sie 1996 zur Backgroundsängerin der Soul-Größe Lee Fields berufen wurde. Ende des Jahrhunderts brach sie dann zu einer Tour nach England auf, wo britische Retro-Enthusiasten sie zur „Queen Of Funk“ krönten. Im neuen Millenium hat sie nun bereits drei prächtig krachende und rootsige Alben mit starkem Funk- Einschlag eingespielt. Ihre Hausband sind dabei die DAP-KINGS, die sich bei Jones von ihrem nervenaufreibenden Job als Begleitband von Amy Whinehouse erholen und austoben können. „100 Days, 100 Nights“ stammt von ihrem letzten, dritten Release.
Zurück nach New Orleans: Auch ROCKIE CHARLES’ Erstjob war nicht die Musik. Als Schleppbootkapitän auf dem Mississippi verdingte sich der Gitarrist, Sänger und Songwriter, während er jahrzehntelang in obskuren Clubs spielte und Leute wie Earl King begleitete. Charles hatte jedoch auch seine eigene Band, The Gauges und ab 1967 veröffentlichte er Soloplatten. In den Sechzigern wechselte der singende Schiffer nach Nashville, wo er an der Seite von O.V. Wright und Percy Sledge die R&B-Szene aufrollte. Zurück in der louisianischen Heimat gründete er das Label Soulgate und machte sich an die Einspielung einiger seiner Klassiker, unter ihnen „The President Of Soul“ – fortan auch sein Spitzname. Auch in den Neunzigern splittete der Mann seine Aktivitäten zwischen Wasser und Land, tat sich vor allem mit dem exquisiten Album Born For You hervor, aus dem die gemächliche Nummer “Before I Find The Right Girl For Me” stammt.
Zum Finale eine weitere Eminenz in der Riege der Soul- und Rhythm & Blues- Präsidenten und -Königinnen, einmal mehr aus New Orleans. IRMA THOMAS führt ihre größten Erfolge auf die 1950er und 1960er zurück, als sie Hits wie „Ruler Of My Heart“ oder „Time Is On My Side“ unsterblich machte, letzteres wurde von keinen geringeren als den Rolling Stones nach Europa transferiert. Nach einem internationalen Karriereknick, der ihrer Popularität in der Crescent City jedoch keinen Abbruch tat, kehrte sie in den Achtzigern in die Erfolgsspur zurück. 2006 konnte sie mit dem Album After The Rain gar den Grammy gewinnen, mit einer Stimme, die über ein halbes Jahrhundert gereift ist. Mit Simply Grand hat sie nun 2008 gleich eine weitere Scheibe eingespielt, auf der sie mit Dr. John, Randy Newman und Norah Jones eine beachtliche Gästeliste versammelt hat. Im Titel „River Is Waiting“ von John Fogerty sitzt der Pianist HENRY BUTLER an ihrer Seite, ebenfalls eine Koryphäe der Tastenkunst sowohl im R&B als auch im Avantgardejazz.
Fazit: Auf einer grandiosen Tour durch New Orleans, Texas, Chicago, Memphis, New York und England offenbart sich der Rhythm & Blues über die Jahrzehnte als spannendes Bindeglied zwischen Southern Soul, Retro-Funk, Blues und Rock’n’Roll.
1. LaVelle White: “I’ve Never Found A Man To Love” ( ) 3’46”
2. James Hunter: “Til Your Fool Comes Home” ( ) 2’29”
3. Cracked Ice: “Sweet Feeling” ( ) 3’21”
4. The Quantic Soul Orchestra: “Who Knows” ( ) 3’40”
5. The Emotions: “My Honey And Me” ( ) 3’37”
6. Sam Moore, Angie Stone and Keb Mo: “Wang Dang Doodle” ( ) 4’08”
7. Catherine Russell: “Put Me Down Easy” ( ) 2’36”
8. Ruthie Foster: “‘Cuz I’m Here” ( ) 3’08”
9. Snooks Eaglin: “A Mother’s Love” ( ) 2’50”
10. Sharon Jones and the Dap Kings: “100 Days, 100 Nights” ( ) 3’43”
11. Rockie Charles: “Before I Find The Right Girl For Me” ( ) 2’37”
12. Irma Thomas with Henry Butler: “River Is Waiting” ( ) 4’08“


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