Jack Kerouac, William S. Burroughs

[flattr uid='herrenzimmer' btn='compact' lng='de_DE' /]

And the Beat begins.

Mein Erwachsenwerden als Leser begann ziemlich abrupt mit 15 – damals hatte ich zuletzt noch Abenteuergeschichten gelesen, die in Südamerika oder Australien oder Afrika spielten, bei geheimnisvollen Kulturen und mit einem, natürlich immer europäischen oder us-amerikanischen Helden vorneweg, und dann bekam ich Jack Kerouacs “Unterwegs” in die Hand, ich weiß nicht mehr wie das kam, und wenn ich jemals einen wirklichen Abenteuerroman gelesen hatte dann war es dieser, und wenn ich auch längst nicht alles kapierte, was in Unterwegs getan und gedacht und beschrieben wurde, so wusste ich doch, dass es solche Bücher waren, die mich fortan interessieren würden, und ich kaufte alles, was es preiswert bei Rowohlt als Rotationsromane von Kerouac, dem Mann mit dem seltsamen Namen (der, wie man später erfuhr, bretonischen Ursprungs war) zu bekommen gab, und von meinem ersten eigenen Urlaub nach England brachte ich mir dann englische Taschenbücher seiner Werke mit, The Dharma Bums und Desolation Angels und Satori in Paris und Tristessa, Bücher, die ich heute noch da stehen habe, mit ihren psychedelischen Covern und den vielen Spuren vom Immerwiederlesen.

Als ich Kerouac entdeckte lebte er noch, in meiner Ausgabe von Unterwegs endet die  Biografie vorne im rororo Paperback noch nicht mit seinem Tod, der 1969 war, da hatte sich der Autor mit gerade 47 Jahren aus der Welt gesoffen. Als ich alles zu Bekommende von ihm durch hatte las ich Allen Ginsberg, Neal Cassady und William S. Burroughs, alte Weggefährten Kerouacs und jeder auf seine Art irre. Vor allem Burroughs hatte es mir angetan, der Junkie, der immer wie aus dem Ei gepellt aussah mit Schlips und Kragen und Hut, so ganz anders als die übrigen Poeten der Beat Generation.

Kerouac hat mit Unterwegs schon früh – da war er nicht einmal dreißig Jahre – den Höhepunkt seiner schriftstellerischen Fähigkeiten erreicht, aber ich liebte auch seine anderen Bücher, auch wenn sie von der Kritik nicht ernst genommen wurden. Was kümmerte mich die Meinung von Kritikern, Kerouac war ein Held. Nur die Sauferei gefiel mir nicht, aber das wiederum hätte Kerouac nicht gekümmert. Sein Einfluss auf spätere Künstlergenerationen unterschiedlichster Disziplinen, von Autoren über Musiker bis zu Schauspielern, hält bis heute an, was die Stärke seiner Hinterlassenschaft beweist.

Dann im Hier und Heute eine Sensation: William S. Burroughs und Jack Kerouac schrieben als junge Männer in New York gemeinsam einen Roman, der selbst in den USA jahrzehntelang unveröffentlicht blieb. Er handelt von einem Mord, der in ihrem engsten Freundeskreis geschah. Burroughs und Kerouac beschlossen, gemeinsam einen Krimi zu schreiben im Genre des Hardboiled, im Stil eines Dashiell Hammett, und darin das Ereignis zu fiktionalisieren. Abwechselnd schrieben sie die Kapitel unter den Pseudonymen Will Dennison (Burroughs), Barmann mit Verbindungen in die Unterwelt, und Mike Ryko (Kerouac), Säufer und Seemann. Entstanden ist ein fesselnder Roman – Und die Nilpferde kochten in ihren Becken –, der spannende und aufschlussreiche Einblicke in das New York der vierziger Jahre und die damalige Boheme vermittelt. Im Februar ist das Buch auf Deutsch bei Nagel & Kimche erschienen, und nun auch im Audio Verlag als Hörbuch.

Bei solchen Entdeckungen ist immer eine gewisse Vorsicht angebracht, nicht selten kommt auf diese Weise etwas ans Tageslicht, was der Autor aus gutem Grunde zu verbergen versucht hatte, daneben gegangene Plots, zu Recht verworfene Ansätze. Was also haben Burroughs und Kerouac als junge Männer da fabriziert?

Sicher keine “Hochliteratur” für Literaturpäpste. Dafür aber ein überaus spannendes und höchst unterhaltendes Zeitdokument, das einen ohne Umwege mit in eine Zeit der Subkultur nimmt, von der wir gar nichts oder kaum etwas wissen. Die Beatniks sind noch weit entfernt, ihre Bewegung formiert sich erst, nach ihren Manifesten Unterwegs und Naked Lunch, in den 1950er Jahren, aber auch schon in “Die Nilpferde…” lassen die Autoren Anklänge ihrer späteren Weltsicht und Lebensweise erkennen. Und dann die Sprache, knapp, lakonisch, präzise, modern. Das kann man tatsächlich sensationell nennen, ohne es zu übertreiben. Wer sich für die Entstehung der Beatbewegung interessiert kommt an diesem Buch nicht vorbei, es ist so etwas wie eine Vorstudie, im Gewand eines trivialen Thrillers. Der, um das Erstaunliche voll zu machen, auch noch auf wahren Begebenheiten basiert und von realen Personen handelt.

Dass das Buch so lange unter Verschluss blieb hängt gewiss nicht von seiner literarischen Qualität ab sondern zum einen von seinem Stoff, der als obszön und skandalös angesehen wurde (ein Mord unter Homosexuellen). So hatte sich auch Allen Ginsberg des Stoffes angenommen, gab das Projekt aber auf, ebenso wie James Baldwin. Burroughs und Kerouac versuchten zwar, das Manuskript einem Verlag anzubieten, wurden aber abgewiesen. “Das Buch war in kommerzieller Hinsicht nicht sensationslüstern genug” erinnerte sich Burroughs später einmal. Und noch eins führte zum jahrzehntelangen Verschwinden des Manuskripts: Rücksichten auf den – real existierenden – Mörder in der Geschichte, der zum Freundeskreis von Kerouac und Co. gehörte. Erst als dieser 2005 starb konnte das Buch endlich erscheinen.

Die Nilpferde... ist alles andere als Resteverwertung oder Leichenfledderei. Es ist ein Buch, das sowohl zeit- als auch literaturhistorisch von höchster Bedeutung ist. Dass es dabei auch noch glänzend unterhält macht das Ganze wahrlich zu einer Sensation.

Die Hörbuchadaption des Audio Verlags steht dem Rang des Romans nicht nach, man hat eine Komplettlesung vorgelegt, was überaus lobenswert ist, und die Sprecher Felix Goeser und Florian von Manteuffel nehmen mit ihren prägnanten Stimmen, die sie den Autoren leihen, und ihrer manchmal fast wie Gesang oder Slam Poetry klingenden Diktion den Zuhörer mit in eine Zeit, von der die Meisten wohl bis dahin nichts oder kaum etwas wussten. Eine Zeit, zu der noch der 2. Weltkrieg tobte und sich zugleich schon die Anfänge einer Gegenkultur entwickelten, aus der schließlich die Beat Generation der 1950er und 1960er Jahre mit ihren bedeutenden Beiträgen zur zeitgenössischen amerikanischen Kultur wurde. Zu diesen gehört ohne Zweifel fortan auch dieses frühe Werk der beiden Beatpoeten Burroughs und Kerouac.

awb

Burroughs, William S. / Kerouac, Jack
Und die Nilpferde kochten in ihren Becken

Anzahl der CDs    4
Laufzeit    250 min
Genre    Literatur
Erscheinungsdatum    27.02.2010
ISBN    978-3-89813-971-7
Preis    EUR 24,99 (D)* / SFr 45,50
* Unverbindliche Preisempfehlung.
Alle Preise inkl. der gesetzlichen MwSt.

Grafik: awb

Grafik: awb

 
 
Alles aus der Rubrik CD
Alles zum Thema Lesen, hören, sehen