Mit gutmütigem Gesichtsausdruck steht er da und schlägt auf seiner Gitarre eine eingängige, fast heitere Melodie an. Aber sein Lied heißt „Blutbad“ und handelt von einer Keilerei zwischen breithüftigen Marktfrauen und allzu diensteifrigen Gendarmen. Dann rühmt er seinen schlechten Ruf in der Nachbarschaft und behauptet, am Nationalfeiertag im Bett zu bleiben. „Hécatombe“ und „La mauvaise réputation“ heißen die Chansons – jedes Kind in Frankreich kann sie summen, und fast jeder Student kennt die aufmüpfigen Texte auswendig. Die Gedichte und Lieder dieses schnauzbärtigen Barden sind heute offizieller Bestandteil der französischen Lehrpläne und bieten Themen für Abiturprüfungen und Doktorarbeiten. Georges Brassens, einen der bedeutendsten Chansonniers überhaupt, kann man guten Gewissens als französisches Kulturgut bezeichnen.
Der Sohn eines Maurers kommt am 22. Oktober 1921 in Sète zur Welt und wächst mit den Melodien von Django Reinhardt, Charles Trenet und Tino Rossi auf. Von seiner Mutter, einer musikalischen Neapolitanerin, erhält er früh Unterricht auf der Mandoline, mit vierzehn oder fünfzehn Jahren schreibt er die ersten Chansons. Als es ihn 1940 nach Paris zieht, kann er bei seiner Tante Antoinette Dagrosa wohnen und sich etwas Geld bei Renault in Billancourt verdienen. Kurze Zeit später wird das Werk bei einem Angriff der Deutschen zerstört. Ohne Arbeit und Perspektive, verbringt er ganze Tage in Bibliotheken und nutzt seine viele freie Zeit, um große französische Dichter wie Paul Valéry, François Villon oder Paul Verlaine zu studieren. Ihre kraftvolle Sprache inspiriert ihn so stark, dass er 1942 die Gedichtbände „A la venvole“ und „Des Coups d’épée dans l’eau“ herausbringt.
1943 gerät er in die Hände der Nationalsozialisten, wird nach Basdorf bei Berlin deportiert und muss in der BMW-Flugzeugmotorenfertigung Zwangsarbeit leisten. Ein Jahr später nutzt er einen vierzehntägigen Heimaturlaub, um in Paris unterzutauchen, wo er bis zur Befreiung unentdeckt bleibt. Heute gibt es in Basdorf nicht nur einen Georges-Brassens-Platz, sondern auch ein jährliches Georges-Brassens-Fest, das an den Chansonnier und andere französische Zwangsarbeiter in dem Dorf erinnern soll. In der ersten Zeit nach dem Krieg findet er Unterschlupf bei dem mittellosen Ehepaar Jeanne und Marcel Planche. Zwar ohne warmes Wasser, Gas und Strom, dafür aber mit einem kleinen Hof voller Hunde und Katzen, Kanarienvögel und Schildkröten. Auch eine Ente ist dabei, die er mit dem Lied „La cane de Jeanne“ würdigt. Für seine Gastgeberin schreibt er den Titel „Jeanne“, für Marcel das „Chanson pour l’Auvergnat“. Er fühlt sich wohl in dem ärmlichen Viertel und wird hier trotz seines Ruhms mehr als zwei Jahrzehnte wohnen bleiben.
Entdeckt wird er 1952 von der Besitzerin eines Cabaret-Restaurants, die dafür bekannt ist, die Krawatten ihrer Gäste abzuschneiden und an der Decke ihres Lokals zu befestigen. Es ist die legendäre Sängerin Patachou. Er möchte sie als Interpretin seiner Chansons gewinnen, aber die Chanteuse ist von seiner Vortragsweise so begeistert, dass sie ihn ermutigt, selbst aufzutreten. Bis in die 60er und 70er Jahre hinein ist er damit weltweit erfolgreich. Ein Wunder, wenn man bedenkt, dass lange niemand an ihn glaubte, schon gar nicht die Besitzer der Touristenlokale, die Brassens sich naiverweise für seine ersten Konzerte aussucht. Schwitzend und sich verhaspelnd soll er hier seine musikalischen Botschaften verkündet haben, die bei den japanischen Reisegruppen kaum mehr als Ratlosigkeit bewirkt haben können. Wer hat damals geahnt, dass er eines Tages auf der Bühne des berühmten Pariser Olympia stehen wird? Kultusminister André Malraux ließ ihn sogar als ersten Vertreter seines Genres im Théâtre National Populaire auftreten, einem französischen Heiligtum, auf dessen geweihter Bühne sonst nur dramatische Werke von Größen wie Racine, Corneille oder Molière zugelassen waren. Internationalen Ruhm strebt der fast krankhaft schüchterne Sänger nie an, auch weil er jede Reise als Strafe empfindet: „Ich bin wie eine Katze, so wie sie mag ich es nicht, mein Zuhause zu verlassen, in dem ich mich sicher fühle“. Außerhalb Frankreichs tritt er nur kurz in Luxemburg, der Schweiz und dann in Großbritannien auf, wo seine einzige Live-LP entsteht. 20 Millionen Alben verkauft Brassens im Laufe seines Lebens, sogar auf Esperanto werden seine Lieder gesungen. Der scheue Künstler wird weltbekannt und bald in einem Atemzug mit Jacques Brel, Edith Piaf, Serge Gainsbourg oder Charles Aznavour genannt.
Seine Texte sind lebensnah, politisch, eindringlich. Eine Mischung aus der Sprache der klassischen Poesie und Argot, dem einfachen französischen Umgangston. Um die enorme Wirkung seiner Worte nicht zu überdecken, tritt Brassens lediglich mit akustischer Gitarre und dem Bassisten Pierre Nicolas auf, der ihn auf allen seinen Konzerten begleitet. Fast in der Art eines Bänkelsängers teilt er dem Publikum seine mal sarkastischen, mal zarten und nicht selten auch obszönen Gedanken mit. Daneben vertont er Werke großer französischer Dichter wie Francois Villon, Victor Hugo, Alphonse de Lamartine, Paul Verlaine, Paul Fort oder Louis Aragon („Il n‘y a pas d‘amour heureux“).
In seinen Liedern schlägt er sich auf die Seite von Außenseitern („La mauvaise réputation“), einfachen, tapferen Menschen („Chanson pour l‘Auvergnat“) oder Prostituierten („La complainte des filles de joie“) und entlarvt religiöse Heuchelei („Brave Margot“, „Les trompettes de la renommée“). Nur vordergründig um einen brunftigen Gorilla geht es in dem berühmten Couplet „Le gorille“, mit dem Brassens sich gegen die Todesstrafe wendet, die in Frankreich noch bis 1981 vollstreckt werden konnte. Das war sicher ein Grund, warum der Titel im französischen Radio lange nicht gespielt werden durfte, während die altehrwürdige Académie Française den nonkonformistischen Sänger genau dafür mit ihrem Grand Prix de la Poésie auszeichnet. Franz Josef Degenhardt schreibt später eine deutsche Fassung („Vorsicht! Gorilla“), und der italienische Liedermacher Fabrizio De André sorgt mit seiner Version „Attenti al gorilla“ für eine weitere Verbreitung der Thematik. Auch in „Hécatombe“ verkündet Brassens, wie gering seine Sympathie für die Obrigkeit ist. „Ich hasse Uniformen“, sagt er einem Freund, „außer der des Briefträgers, wohlgemerkt!“
Brassens gilt als friedfertiger Querkopf mit konsequent anarchistischer Einstellung, der er bis an sein Lebensende treu bleibt. Bekannt ist eine Anekdote aus den siebziger Jahren, als er regelmäßig im renommierten Pariser „Bobino“ auftrat. Da soll Abend für Abend genau bei dem Wort „Anarchie“ tosender Applaus losgegangen sein, und jedes Mal soll Brassens gewettert haben: „Diese Arschlöcher! Die wissen gar nicht, was Anarchie ist!“ Dann trank er einen Schluck Wasser und spielte weiter. Mit seinem populären Kollegen Léo Ferré tritt er des Öfteren für die „Fédération Anarchiste“ auf, deren Mitglieder jedoch die Qualität des Vorgetragenen nicht immer zu schätzen wissen. Viele „Kleingeister“ und „Idioten“ seien darunter, findet Brassens. Die militanten unter den Anarchisten können sich mit der poetischen Unbekümmertheit der Texte nicht anfreunden, zu sehr sind sie gefangen in altmodischen akademischen Vorstellungen. Aber sein außergewöhnliches sprachliches Talent erkennen sie durchaus und lassen ihn zeitweise die Druckfahnen von „Le Libertaire“ redigieren, dem berühmten Sprachrohr der französischen Anarchiebewegung. Und außerdem Artikel schreiben, die er – um sich unnötigen Ärger zu ersparen – mit wechselnden Pseudonymen wie „Géo Cédille“, „Gilles Colin“ oder „G.C.“ unterzeichnet. Das Honorar, so munkelt man, war mickrig.
Georges Brassens störte das nicht, er bevorzugte das einfache Leben, und auch um seinen Tod wollte er kein großes Aufheben machen, wie eins seiner Lieder offenbart. „Supplique pour être enterré à la plage de Sète“ („Bitte, am Strand von Sète begraben zu werden“) heißt es, und als er im Alter von 60 Jahren an Nierenkrebs stirbt, geht sein Wunsch fast in Erfüllung. Er wird in seiner Geburtsstadt beigesetzt, und das Begräbnis ist schlicht. Zwar liegt er nicht am Strand, aber in der Ferne glitzert das Meer …
Text mit freundlicher Genehmigung von membran.
In der preiswerten Reihe Fabfour ist soeben eine Kassette mit 4 CDs erschienen, auf denen fast 50 Kompositionen von Brassens zu hören sind – natürlich von ihm selbst auf seine unnachahmliche Art interpretiert. Als Bonus gibt es auf der vierten CD noch drei seiner Stücke, gesungen von Patachou und Juliette Gréco. Für die Liebhaber des französischen Chansons ist diese Kassette eine schöne Ergänzung ihrer Sammlung. Den CDs liegt ein Booklet bei, in dem dreisprachig einiges über Georges Brassens zu erfahren ist. Die Aufnahmen stammen aus den 1950er Jahren und sind von ausgezeichneter Tonqualität. Hören Sie also die Geschichten vom Gorilla, der tapferen Margot, dem schlechten Kraut, dem kleinen Pferd, dem Pornografen und von der schönen Blume…



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