Das Theater ist auf der Straße: Die Happenings von Wolf Vostell

Selbstporträt, 1971  Siebdruck, 20 x 23 cm Edition: René Block, Berlin Junta de Extremadura. Consorcio Museo Vostell Malpartida

Selbstporträt, 1971 Siebdruck, 20 x 23 cm Edition: René Block, Berlin Junta de Extremadura. Consorcio Museo Vostell Malpartida

Wolf Vostell (Leverkusen 1932–1998 Berlin) realisierte zwischen 1954 und 1988 über 50 Happenings, die die Zuschauer zu Beteiligten machten. Mit seinem für die europäische Aktionskunst bahnbrechenden Schritt aus dem Atelier auf die Straße bezog Vostell seine Mitmenschen in den künstlerischen Prozess mit ein. Die Überblicksschau präsentiert Vostells collageartig komponierte Happenings als multimediale Verbindung von bildkünstlerischen, musikalischen und theatralischen Ausdrucksformen.

Keimzelle der Ausstellung ist das im Museo Vostell Malpartida aufbewahrte Happening Archiv Vostell, das der Künstler systematisch aufbaute. Gemeinsam stellen sich das Museum Morsbroich und das Museo Vostell der Frage, wie sich die Blütezeit des Happenings, für die Vostell wie kein anderer deutscher Künstler steht, in der Gegenwart dokumentieren und bewerten lässt. In der Ausstellung zeigen Happening-Partituren und Manifeste, Foto-, Film- und Tondokumente, Einladungen und Plakate aus dem Archiv sowie Aktionsrelikte, im Kontext entstandene Bilder und Zeichnungen, Objekte, Skulpturen und Environments Vostell als allseits treibende Kraft seines ganzheitlichen Projekts einer Verbindung von Kunst und Leben.

Happenings waren für Wolf Vostell Instrumente der Bewusstmachung von Zeitphänomenen. Vostell setzte dem objet trouvée der Dadaisten sein Konzept des vie trouvée entgegen. Nicht nur den Kunstbegriff mit seinen starren und tradierten Formen, sondern vor allem auch das Leben müsse man erweitern: „Duchamp hat das Objekt zur Kunst erklärt, ich habe das Leben selbst zur Kunst erklärt.“ So realisierte Vostell mit Das Theater ist auf der Straße 1958 in den Straßen von Paris das erste europäische Happening, 1961 in Köln mit Cityrama (1) das erste Happening auf deutschem Boden.

In der Teilnahme an den Happenings konzentrierte und potenzierte sich die erfahrbare Wirklichkeit, und zugleich war Vostells Sozial-, Kultur- und Medienkritik deutlich zu vernehmen. Dabei blieben die Ereignisse immer ambivalent, zwischen Zufälligkeit und Steuerung, Spiel und Ernst, Leben und Tod. In ihrer Offenheit gaben Vostells Happenings Anlass und Anstoß zur Steigerung der eigenen Wahrnehmungs-, Erlebnis- und Erkenntnisfähigkeit.

Es erscheint ein Katalog im Kerber Verlag in deutscher und spanischer Sprache mit vier einleitenden Essays, einem Interview mit Mercedes Vostell und einem Anhang mit Bild- und Textdokumenten zu sämtlichen Happenings (ca. 336 S. mit ca. 700 Abbildungen; € 30,-im Museum, ca. € 45,-im Buchhandel; ISBN 978-3-86678-431-4). Die Auswertung des Happening-Archivs und seine Publikation sollen eine neue, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Happening fördern.

Das Theater ist auf der Straße wird von Dr. Fritz Emslander (Museum Morsbroich) und José Antonio Agúndez García (Consorcio Museo Vostell Malpartida) kuratiert. Ausstellung und Publikation werden gefördert durch die Kunststiftung NRW und das Goethe-Institut.  Mit freundlicher Unterstützung des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen.

130 km à l’heure (130 Stundenkilometer), 1963  Skulptur aus dem Happening NEUN NEIN-dé-coll/agen Auto, Kollisionsspuren 160 x 410 x 170 cm The Wolf Vostell Estate

130 km à l’heure (130 Stundenkilometer), 1963 Skulptur aus dem Happening NEUN NEIN-dé-coll/agen Auto, Kollisionsspuren 160 x 410 x 170 cm The Wolf Vostell Estate

Öffnungszeiten

Donnerstag 11 bis 21 Uhr (außer feiertags, dann nur bis 17 Uhr)
Dienstag, Mittwoch, Freitag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr
Öffentliche Führung jeden Sonntag 15:00 Uhr

Gruppenführungen nach Vereinbarung
Frau Angela Hoogstraten
Telefon: +49 (0)214 85556-15
angela.hoogstraten_(at)_museum-morsbroich.de

Eintrittspreise

Erwachsene — 5,00 €
Schüler, Studenten, Auszubildende — 3,50 €
Familienkarten — 13,50 €
Gruppen ab 10 Personen — 3,50 € pro Person
Kunsthistorische Führung für Gruppen — 35,00 € (+ 3,50 € pro Person)

Das Museum

Das Museum Morsbroich ist das erste Museum in Nordrhein-Westfalen, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg der zeitgenössischen Kunst verpflichtet hat. Bedeutende Ausstellungen internationaler Künstler wie Yves Klein, Lucio Fontana, Louise Nevelson, Andy Warhol, Robert Motherwell u.a. wurden gezeigt. Parallel zu seiner regen Ausstellungstätigkeit bemüht sich das Museum um die Erweiterung seiner Sammlung durch Ankäufe exemplarischer Werke der Gegenwartskunst und trug im Lauf von 50 Jahren eine beeindruckende Sammlung von circa 400 Gemälden und Skulpturen sowie 5000 druckgrafischen Werken zusammen.

Das Schloss Morsbroich

Das Schloss Morsbroich liegt, umgeben von einem weitläufigen Park, östlich des Leverkusener Zentrums. 1220 erstmals urkundlich erwähnt, war Morsbroich von 1619 bis 1803 Sitz des Deutschen Ritterordens. 1774 ließ Ignaz von Roll die Burg abbrechen und durch ein barockes Schlösschen ersetzen. 1857 übernahm die Familie des Viersener Seidenfabrikanten Friedrich von Diergardt das Haus und ließ es 1885 um zwei Flügel erweitern. 1974 erwarb die Stadt Leverkusen das Schloss Morsbroich, das nun das Museum beherbergt.

Gustav-Heinemann-Str. 80
51377 Leverkusen
Telefon: +49 (0)214 85556-0
Fax: +49 (0)214 85556-44
museum-morsbroich_(at)_kulturstadtlev.de

http://www.museum-morsbroich.de

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