Es ist für uns Wohlstandsmenschen nur schwer vorstellbar, dass aus der größten Not oft großartige musikalische Ereignisse hervorgehen.
Die weltweit bekannten brasilianischen Straßenkinder-Bands wie Timbalada sind ein Paradebeispiel dafür, ebenso die letztes Jahr mit dem WOMEX Award geehrten querschnittsgelähmten Musiker von Staff Benda Bilili aus Kinshasa.
Sierra Leone, eines der ärmsten Länder der Welt, gebeutelt durch einen schrecklichen elfjährigen Bürgerkrieg hat eine Gruppe hervorgebracht, die ihre Zeit im Exil und ihren mutigen Neuanfang in der Heimat musikalisch dokumentiert: Die Refugee All Stars beweisen auf ihrer zweiten CD, wie sich der Horror des Krieges und die Wunden der Vertreibung in einer packenden Synthese aus westafrikanischen Roots und Reggae heilen lassen.
Rebellen und Regierung gegen Zivilisten
Der Bürgerkrieg von Sierra Leone (1991-2002) zählt zu den furchtbarsten bewaffneten Konflikten, die der schwarze Kontinent erlebt hat. Liberias Diktator Charles Taylor, der 1989 selbst einen Krieg angezettelt hatte, unterstützte darin Rebellenführer Foday Sankoh. Dessen Revolutionary United Front (RUF) spannte er dafür ein, die Kontrolle über die sierraleonischen Diamantenminen zu erlangen. Aus dem Handel mit diesen „Blood Diamonds“, deren Geschichte auch im gleichnamigen Spielfilm erzählt wird, finanzierte Taylor seinen eigenen Krieg, und sie hielten auch die RUF am Laufen, die das Ziel hatte, die Regierung ihres Heimatlandes zu stürzen. In ihrem Kampf setzten die Rebellen Tausende von Kindersoldaten ein und verübten immer wieder grausame Übergriffe auf die Zivilbevölkerung. Sierra Leones unterbezahlte Armee konterte mit ähnlicher Brutalität gegen die Zivilisten, plünderte Dörfer. Eine dritte Kriegspartei trat mit den Selbstverteidigungsmilizen auf den Plan. Am Ende dieses immer weiter eskalierenden Konflikts, in dem die Verbündeten oftmals wechselten, die Zivilbevölkerung jedoch stets die Leidtragenden waren, stehen bis zu 200.000 Tote, 70.000 traumatisierte Kämpfer, unter ihnen viele Kinder und 20.000 verstümmelte Zivilisten. Ein hoher Anteil der 4,4 Millionen Sierraleoner flüchtete in die Nachbarländer Liberia und Guinea, wo sie in Camps teils über 10 Jahre auf den Frieden in der Heimat warteten. Hier beginnt die erstaunliche Geschichte der Sierra Leone’s Refugee All Stars.
Die Anfänge in Sembakounya
Singer/Songwriter REUBEN M. KOROMA und Gitarrist FRANCIS JOHN LANGBA („Franco“) werden im Juli 1997 im guineischen Flüchtlingslager registriert. Eine triste Atmosphäre umgibt sie im Camp von Sembakounya. Die oftmals apathischen Exilanten haben keinen Ort, wo sie hingehen können, um ein Minimum an Ablenkung von den horriblen Gedanken zu bekommen, die sie Tag und Nacht peinigen: „Ich dachte mir, wir sollten etwas tun, um diese Leute zu unterhalten“, so erinnert sich Reuben, der mit Franco zusammen im Camp musiziert und mit seinem positiven, lebensbejahenden Naturell alle Qualitäten eines Fürsprechers besitzt. „Ich nahm all diese Probleme, all dieses Leid der Leute und bündelte es zu Songs.“ Bald stößt ABDUL „ARAHIM“ CAMARA zu dem Duo – die Rebellen haben ihm einen Arm abgehackt, traumatisiert kommt er mit seiner jungen Familie nach Guinea. Ebenso MOHAMED BANGURA: Seine Eltern wurden umgebracht, er selbst von den Rebellen gezwungen, sein eigenes Baby zu Tode zu prügeln. Er schließt sich als Sänger und Mundharmonika-Spieler der wachsenden Band an.
Zusammen finden die vier jungen Männer ein neues Gemeinschaftsgefühl, bestärken sich gegenseitig im Vertrauen auf ihre musikalischen Fähigkeiten. Auch Sängerin GRACE EFUAH teilt dieses Gefühl. „Für mich ist die Band wie eine Familie, einer allein kann nichts ausrichten, aber zusammen können wir überleben“, sagt sie. Hinzu kommt auch der junge Waise BLACK NATURE, der in harschen Rap-Rhymes versucht, seine Erinnerungen an die Kriegsereignisse in Freetown zu verarbeiten, wo sein Vater von den Rebellen getötet wurde und seine Mutter spurlos verschwand. “Wenn zwei Elefanten kämpfen, dann wird das Gras leiden“, mit solch pointierten Beschreibungen wie in ihrem Song „Weapon Conflict“ oder mit ihrer Hymne „Living Like A Refugee“ fassen die Musiker die Erfahrungen der Vertriebenen zusammen und werden zur Identifikationsgruppe für Tausende von Landsleuten. Frieden und erste Tournee Nach dem Eingreifen der UNO und der britischen Armee kann im Januar 2002 in der Hauptstadt Sierra Leones ein Friedensabkommen ausgehandelt werden. Präsident Kabbah deklariert nach einem symbolischen Verbrennen von Waffen: „War done done“ – „der Krieg ist vorbei!“ Viele Flüchtlinge allerdings trauen dem Frieden zunächst nicht und bleiben in den Camps. Die Refugee All Stars brechen im August 2002 zu einer Tour für ihre Landsleute in anderen Lagern auf, mit dem erklärten Ziel, durch ihre Musik die Exilanten zu enttraumatisieren. “Es hilft auch mir, mein Trauma zu heilen“, bestätigt Arahim. „In dem Moment, in dem ich spiele, vergesse ich, was mir widerfahren ist. Sobald die Musik jedoch aufhört, stürzt wieder alles auf mich ein.“
Besuch in der Heimat und erstes Album
2003 eskaliert der Krieg im benachbarten Liberia. Der Rapper Black Nature kehrt nach Freetown zurück, um dort mit seinem Bruder zu leben und endlich eine Schule besuchen zu können. Die anderen Bandmitglieder sammeln sich zunächst in Guinea, im Boreah Refugee Camp. Ein Rückkehrer-Hilfsprogramm der UNHCR soll helfen, den misstrauischen Exilanten in „Go and See“-Ausflügen die stabilisierte politische Situation vor Augen zu führen. Auch die Refugee All Stars nehmen an einer solchen Fahrt teil und profitieren bei ihrem Aufenthalt in Freetown davon, in ein Studio zu gehen. Dort treffen sie totgeglaubte Familienmitglieder und Freunde, und sie treffen auch auf ASHADE PEARCE, der mit den Emperors eine der Ikonen sierraleonischer Musik darstellt. Die Aufnahmen finden unter der Regie von Sam Jones statt, der sein Island Studio über die gesamte Zeit des Bürgerkriegs hinweg aufrecht erhalten hat. Für die meisten Musiker ist es das erste Mal, dass sie professionelle Aufnahmen machen, und besonders der Fischer Franco, der jahrzehntelang als Gitarrist unterwegs war, kann sein Glück nicht fassen.
Rückkehr und weltweites Aufhorchen
Die All Stars kehren zurück nach Boreah und berichten im guineischen Camp vom neuen Sierra Leone, betreiben Überzeugungsarbeit, ihre Landsleute zu einer Übersiedlung in die alte Heimat zu bewegen. Für viele ist das ein gewaltiger Schritt – hinaus aus der Sicherheit des Lagers, in dem immerhin für das Nötigste gesorgt wird, hinein in die wirtschaftliche Ungewissheit eines zerstörten Landes, das in der unmittelbaren Nachkriegszeit als das unterentwickelteste der Welt gilt. Im Februar 2004 kehren dennoch alle Bandmitglieder bis auf Mohamed, der das Trauma nicht verarbeiten kann, zurück in ihr Motherland, wo im Juni ihr Debütalbum Living Like A Refugee veröffentlicht wird. Flankiert wird der Release von Zach Niles und Banker Whites Film über die Band. Die beiden Regisseure hatten die Musiker für ihre eindrucksvolle, preisgekrönte Dokumentation über einen langen Zeitraum begleitet. Die eindrucksvolle und erschütternde Geschichte der All Stars erregt weltweites Aufsehen: Keith Richards, Paul McCartney, Ice Cube, und Angelina Jolie werden Fans der westafrikanischen Musiker, mit Aerosmith und Soul-Legende Mavis Staples machen sie gemeinsame Aufnahmen. Im Sommer 2006 bestreiten Reuben und seine Kollegen eine Tournee, die sie über den ganzen Erdball führt.
Reise nach New Orleans
Doch die Reise der SLRAS ist hier nicht zu Ende. Mit gestärkten Banden und kreativer Willenskraft nehmen sie kurze Zeit später in Freetown bereits ihr zweites Album in Angriff. Dann brechen sie zu ihrer bislang abenteuerlichsten Reise auf: Die Sessions werden in New Orleans fortgesetzt, wo sich die Musiker unter der Regie des Los Lobos-, Angélique Kidjo- und Ozomatli-Produzenten STEVE BERLIN im Piety Street Recording Studio sammeln. Die All Stars fühlen sich in Louisiana gleich zuhause: Das feucht-heiße Klima und das verwandte Essen kommt ihnen entgegen, ebenso können sie die Erfahrung des Exils mit den Einwohnern teilen, die in ihre Heime zurückkehrten, nachdem sie der Hurrikan Katrina zerstört hatte. Vor Ort werden sie von lokalen Größen am Mikro unterstützt, unter ihnen TROY „TROMBONE SHORTY“ ANDREWS, BONERAMA und WASHBOARD CHAZ.
Rise & Shine
Herausgekommen ist Rise & Shine, ein zweites wunderbares Statement von unbeugsamem Überlebenswillen, Hoffnung auf die Zukunft und zugleich einem großartigen Beispiel, wie sich westafrikanische Roots mit Reggae-Linien zusammenknüpfen lassen. Die dreizehn Tracks leben von dynamischer Vielfalt und einer ganzen Palette von Stimmungen: Zuweilen reicht den All Stars das rhythmisch ansteckende Pluckern eines dumpfen Daumenklaviers oder treibende Trommeln, um ihre seelenvollen Chöre darüber zu erheben wie in den traditionellen Stücken „Oruwiebie“ und „Bute Vange“. Dann wiederum sammelt sich die transkontinentale Bandpower zwischen Freetown und New Orleans zu swingenden Reggae-Tunes wie „Living Stone“ oder „Jah Come Down“, die Takt für Takt ins Ohr gehen. Ausflüge in den Soukous, akustische Einlagen des Gitarristen Franco, die Würze kreolischer Horns und die relaxte, bittersüße Atmo von Palmwine Music komplettieren den runden Sound des Albums.
Auch auf ihrem Zweitling geben die Refugee All Stars ein bewegendes Zeugnis des unerschütterlichen Hoffnungsbringers Musik ab – aus Sierra Leones Ruinen von Grauen und Verzweiflung ist eine positive Revolution entsprungen.
1. Muloma (Let Us Be United) ( ) 4’53”
2. Global Threat ( ) 5’13”
3. Oruwiebie – Magazine Bobo Medley ( ) 2’35”
4. Living Stone ( ) 4’54”
5. Dununya (The World) ( ) 3’15”
6. Jah Mercy ( ) 4’01”
7. Tamagbondorsu (The Rich Mock The Poor) ( ) 6’07”
8. Bute Vange ( ) 2’25”
9. Jah Come Down ( ) 5’21”
10. Bend Down the Corner ( ) 4’52”
11. Goat Smoke Pipe ( ) 2’48”
12. Gbrr Mani (Trouble) ( ) 4’38”
13. Watching All Your Ways ( ) 4’12“


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