Zu den legendären europäischen Jazzfestivals gehört ohne Zweifel das von Comblain La Tour. 1959 wurde es von dem Amerikaner Joe Napoli, der als GI im zweiten Weltkrieg an der Ardennenoffensive teilgenommen hatte und später in der Gegend südlich von Lüttich sesshaft wurde, zum ersten Mal veranstaltet. Joe war ein großer Jazzfan, und der Gedanke, ein Festival in der Art des Newport Festivals zu organisieren, faszinierte ihn so sehr, dass er ihn zusammen mit einigen Freunden realisierte. Als Veranstaltungsort hatte er ein kleines Dorf am Flüsschen Ourthe ausgewählt, Comblain-la-Tour. Der erste Künstler, der damals dort auftrat, war Chet Baker. In den folgenden jahren gesellten sich Namen wie Ray Charles, John Coltrane, Nina Simone, Julian “Cannonball” Adderley, Kenny Clarke, Bud Shank sowie viele viele andere dazu. Acht Mal war Comblain in den folgenden Jahren Treffpunkt der europäischen Jazzliebhaber.
2009 wurde das Festival aus Anlass seines 50. Geburtstags wiederbelebt, und die 2010 Ausgabe fand Anfang Juli statt. Nachdem im vergangenen Jahr Archi Shepp den Topact gab waren es in diesem Jahr gleich mehrere legendäre Musiker, so der 82jährige Lee Konitz und der 88jährige Toots Thielemans. Ebenfalls mit dabei war Frankreichs Akkordeonist Nr. 1 Richard Galliano und der in vielen musikalischen Welten vertraute cubanische Pianist Gonzalo Rubalcaba.
In einem großen Park am Ufer der Ourthe gelegen vermittelte das Festival mehr den Eindruck einer Gartenparty als den einer Veranstaltung. Alles war geprägt von einer höchst entspannten Atmosphäre, so sah man zum Beispiel nirgendwo Security Personal, wie es beim kurz zuvor in Samois sur Seine abgehaltenen Django Reinhardt Festival der Fall war, wo der martialische Auftritt der allgegenwärtigen Security doch manchmal unangenehm auffiel. Ganz anders in Comblain, hier fühlten sich die Zuschauer rundum wohl. In zwei großen Zelten fanden die Konzerte anwechselnd statt, und es gab draußen im Park die Musiker quasi “zum Anfassen”, so dass sich lebendige Gespräche entwickelten. Besonders beliebt ist in Belgien natürlich Baron Toots Thielemans, es ist so etwas wie das musikalische Nationalheiligtum des Landes. Nach seinem Auftritt gab es für ihn eine Überraschung: Toots wurde zum Ehrenbürger von Comblain-la-Tour ernannt, die Zeremonie fand auf der Bühne statt, vom Publikum mit stehenden Ovationen bejubelt.
Das schöne Wetter trug viel dazu bei, das Festivalwochenende in Comblain zu einem vollen Erfolg werden zu lassen, und man kann sich auf das nächste Jahr bereits jetzt freuen. Auch für Zuschauer aus Deutschland ist das Ereignis empfehlenswert, die Musiker gehören zur Weltklasse des Jazz, und Comblain-la-Tour ist zum Beispiel von Köln aus in weniger als zwei Stunden erreichbar. Das Herrenzimmer wird rechtzeitig im kommenden Jahr auf das 2011 Festival hinweisen.
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