Manouches, Moustaches, Musique et Moustiques

Angeln, Malen, Billiard spielen, ab und zu Musik machen – als Django Reinhardt sich zu Anfang der 1950er Jahre in den idyllischen Ort Samois-sur-Seine südöstlich von Paris zurück zog, da trat eine Zäsur in seinem Leben ein. Seitdem er als Musiker Erfolg hatte, also seit den 1930er Jahren, war er ein unsteter Geist gewesen, mal lebte er in herrschaftlichen Verhältnissen hoch über den Champs-Elysées, mal in einem Auto, mal in einem Caravan oder irgendwo bei Freunden. Der Manouche, 1910 in einem Wohnwagen nahe dem belgischen Dorf Liberchies geboren, lebte ganz in der Tradition seines fahrenden Volkes, was nicht nur seinen wohl bekanntesten Mitspieler Stephane Grappelli, die Korrektheit in Person, oft genug zur Verzweiflung brachte, denn Django, Termine für Auftritte oder Aufnahmen hin oder her, ließ für solche profanen Ereignisse ungern die Karten oder den Billiard Queue liegen, wenn es im Spiel gerade gut lief.

Und nun also Samois. Wenige Meter vom Seineufer, in einer kleinen, steilen Seitenstraße, hatte der Gitarrist sich ein Haus gekauft, schmal, unscheinbar, weit ab von der Welt. Eine heile Welt, in der er oben im Dorf am Marktplatz mit Nachbarn und Freunden abhängen konnte und nur ein paar Schritte vom Flussufer entfernt, wo er mit der unvermeidlichen Zigarette im Mund stundenlang angelte. Woher diese Wandlung, was war geschehen?

Die Seine bei Samois

Die Seine bei Samois

Die Welt des Jazz – auch in Europa und nicht zuletzt in Frankreich – war nach dem 2. Weltkrieg in Aufruhr geraten. Der BeBop hatte sich rund um den Globus verbreitet, die Musik von Charlie Parker, Dizzy Gillespie und Miles Davis. Der Swing Manouche, also die Musik, die maßgeblich von Django Reinhardt geschaffen und populär gemacht wurde, hatte an Bedeutung verloren, den Jungen war nach neuen, revolutionären Tönen. So fand sich Django Reinhardt in dieser Welt nicht mehr zurecht, was für einen so gefeierten Star gewiss nicht leicht zu verkraften war. Django zweifelte an sich und seiner Musik, er gewann den Eindruck, seine Zeit sei abgelaufen, es gebe für ihn kein Publikum mehr. Mehr und mehr beschäftigte er sich jetzt mit der Malerei, er suchte darin offenbar eine neue Ausdrucksmöglichkeit. Selbst ein Angebot von Benny Goodman, der ihn in die USA einludt, lehnte er ab. Nur noch selten nahm er die Gitarre in die Hand, und wenn, dann nicht öffentlich, bis auf wenige Ausnahmen. Auf Freunde wirkt er zunehmend depressiv.

Aber noch einmal beweist Django Reinhardt seinen Genius – er beginnt auf einer elektrischen Gitarre zu spielen und eignet sich die musikalischen Impulse der modernen Musiker an, und so entstehen neue Aufnahmen, die ihn in neuem Kontext erleben lassen – nicht die klassische Musik, die man gemeinhin mit Django Reinhardt verbindet aber hörenswerte Beweise dafür, dass er sich damit beschäftigt, wieder Anschluss an die Jazzwelt zu finden. Und auch als Komponist ist er wieder tätig, so dass nicht zuletzt in diesen Jahren zwischen 1950 und 1953 einige großartige Stücke wie Anouman, D. R. Blues oder Vamp entstehen.

1953 spielt Django Reinhardt in Brüssel mit Dizzie Gillespie und steht diesem in nichts nach. Django hat es geschafft, die neue Welt des Jazz steht ihm offen. Es entstehen weitere Studioaufnahmen, aber zur selben Zeit häufen sich gesundheitliche Probleme, der Musiker klagt immer wieder über starke Kopfschmerzen und hat Probleme mit seinen Fingern, deren Beweglichkeit nachlässt. Am 15. Mai sitzt Django Reinhardt mit Freunden in einem Café in Samois, als er einen Gehirnschlag erleidet. Einen Tag später stirbt er, gerade einmal 43 Jahre alt. Im Beisein hunderter Freunde und Bewunderer wird er auf dem Friedhof von Samois beerdigt.

Trio Winterstein

Trio Winterstein

Zum 31. Mal fand in Samois sur Seine zu seinem Gedenken das Django Reinhardt Festival statt, und in diesem Jahr war es ein ganz Besonderes, denn es jährte sich der Geburtstag des Musikers zum 100. Mal. Mehr als 150 Freiwillige und ehrenamtliche Organisatoren sorgten dafür, dass an 5 Tagen Ende Juni mehr als 15000 Besucher ein Festival erlebten, das wohl seinesgleichen sucht. Auf einer schmalen, langestreckten Seineinsel direkt vor dem Ufer von Samois war nicht nur eine Bühne aufgebaut, sondern auch ein kleines Musikerdorf, in dem Gitarrenbauer ihre Instrumente präsentierten, in dem man zusehen konnte, wie ein Plektrum aus Speckstein gefertigt wurde und wo Besucher und Profimusiker an allen Ecken zusammen saßen und gemeinsam musizierten. Und natürlich gab es reichlich zu essen und zu trinken. Rings um die Insel lagen prachtvolle ehemalige Lastschiffe, die heute als Hausboote, schwimmende Herbergen und mobile Urlaubsorte dienen.

Dr. Lonnie Smith

Dr. Lonnie Smith

Und alle, alle waren sie da, die Reinhardts, die Wintersteins, die Schmitts, die Adlers, die Rosenbergs…von überall her waren die Cousins und Cousinen Django Reinhardts angereist, um sich zu treffen, Lollo Meier aus Holland sogar mit einem alten englischen Zigeunerwagen, der von einem Pferd gezogen wurde und etliche Wochen bis Samois gebraucht hatte. Fünf Tage Musik, viele in der Tradition des Swing Manouche, aber nicht nur, auch andere Jazzer waren vertreten und wurden ebenso begeistert gefeiert wie die Solo- und Rhythmusgitarristen der Django Reinhardt Tradition. So waren Jazzer wie Dr. Lonnie Smith, Gerald Clayton, Eric Legnini, der Klezmerklarinettist Yom und Paco de Lucia mit ihren Gruppen  dabei. Auch den einen und anderen Überraschungsgast konnte man sehen, so Hank Marvin, Gitarrist der legendäre Shadows, den Gitarrengrößen wie Jeff Beck, Ritchie Blackmore oder Pete Townshend als eines ihrer Vorbilder nennen, auch Hank spielte sichtbar begeistert im Kreis der Manouches.

Die größte Überraschung aber bot ein Saxophonist, den man nun gar nicht in einem solchen Umfeld erwartet: Weltklassesaxophonist James Carter. Ein großer Irrtum, ihn nicht mit Django Reinhardt in Verbindung zu bringen, wie sich heraus stellte.

James Carter

James Carter

Denn in Wirklichkeit ist James Carter seit vielen Jahren ein glühender Verehrer Django Reinhardts und dessen Musik. Was er zum ersten Mal 2002 bewies, als er das Album Chasin’ The Gypsy veröffentlichte, auf dem er Kompositionen des Swing Manouche einspielte. Bei seinem Auftritt in Samois ging es denn auch sofort zur Sache, mit einem Höllentempo spielten Carter und seine Band das Titelstück des Albums und hatten so vom ersten Ton an das Publikum in der Tasche. Als Gast spielte David Reinhardt mit, einer von Djangos Enkeln und bereits jetzt im Alter von 23 Jahren ein brillianter Gitarrist. Der Auftritt wurde stürmisch gefeiert, aber das sollte noch nicht der Höhepunkt des Tages sein. Denn später am Abend spielte Angelo Debarre, einer von Frankreichs führenden Manouchegitarristen, ein ebenso stürmisch gefeiertes Konzert vor stilvoller Kulisse – zwei Zigeunerwagen und einem lodernden Lagerfeuer, und als es an die Zugaben ging, da war er auf einmal wieder auf der Bühne, James Carter, dem der Spaß an der Sache aus jeder Klappe seiner Kanne sprang. Das Publikum war begeistert.

James Carter mit der Band von Angelo Debarre

James Carter mit der Band von Angelo Debarre

Dann, am Freitag, sah man ihn gegen Abend backstage wieder – James Carter wollte wirklich keine Gelegenheit verpassen, seiner Freude am Swing Manouche Ausdruck zu geben. Nach dem Samy Daussat Trio und dem Saxophonisten Pierrick Pedron spielten drei Weltstars: Stochelo, Nono und Noussche Rosenberg, das Rosenberg Trio (darüber folgt im Herrenzimmer dieser Tage ein eigener Bericht). Und es war schon fast voraus zu sehen – als sie zur Zugabe zurück auf die Bühne kamen folgte wieder ein großer Mann mit Tenorsaxophon, vom Publikum mit Standing Ovations begrüßt. James Carter war wieder da, und es folgten zwei Zugaben, über die im Publikum später das Begriff “historisch” die Runde machte. In der Tat, was da gespielt wurde war wirklich eine Sternstunde des Jazz.

“James” frage ich ihn nach seinem Auftritt bei einem entspannten Bier, “Sie scheinen mir im Moment der glücklichste Mensch auf dieser Insel zu sein.” Carter lacht schallend. “Oh ja, Mann, zehn Jahre habe ich darauf warten müssen, endlich einmal in Samois dabei zu sein. Ein Traum ging endlich in Erfüllung!” “Haben Sie auch schon früher mit Gypsy Musikern gespielt?” will ich wissen. “Ja, schon häufig, wir haben in Detroit eine Hot Club Band, mit denen habe ich zuletzt Weihnachten gespielt, und in New York gibt es auch ein Gypsy Swing Festival. Aber das hier, Samois, das ist für diese Musik die Carnegie Hall!”

“Als Sie mit den Rosenbergs vorhin zwei Stücke gespielt haben, da hörte man im Publikum den Begriff historisch - ist es denkbar, so ein Zusammenspiel auch einmal für ein Album aufzunehmen?” “Ja, das ist durchaus denkbar, und ich beschäftige mich mit diesem Gedanken immer mal wieder. Aber für mich geht einfach nichts über solche Live Events wie in diesen Tagen hier, und davon wird es mit Sicherheit noch etliche geben!” Und er strahlt mit sich um die Wette…

Tchavolo Schmitt, legendärer Gitarrist aus dem Elsass.

Tchavolo Schmitt, legendärer Gitarrist aus dem Elsass.

5 Tage Musik von Weltrang auf der Bühne, dazu unzählige Sessions sowohl auf der Insel als auch im Dorf, dazu rund um die Uhr auf den beiden Campingplätzen bei Samois und im David Reinhardt Camp, einem großen Wohnwagenplatz, auf dem es nach Ende der jeweiligen Konzerttage noch bis in den frühen Morgen im Rhythmus der Gitarren weiter ging – ein solches Ereignis ist wirklich unvergleichlich, und man muss den vielen vielen Leuten, die dieses Festival vor und hinter den Kulissen ermöglicht haben, ganz großen Dank für ihr Engagement sagen. Noch nie waren so viele Besucher in Samois wie in diesem Jahr, aus insgesamt 70 Ländern lockten sie Zuschauer an, selbst aus Australien und Neuseeland. Zwei Anhalter, die wir mitnehmen und die äußerlich recht manouchig wirkten entpuppten sich als Fans aus Israel; durch Woody Allens Film Sweet and Lowdown lernten sie Django Reinhardts Musik kennen und machten sich auf den Weg nach Frankreich.

Der Zug durch Samois

Der Zug durch Samois

Ein ganz besonderes Ereignis gab es dann noch am Sonntagmittag: in der Dorfkirche von Samois fand eine Messe mit Manouchemusik statt, anschließend pilgerte man mit Musik, Gesang und Tanz ans andere Ende des Ortes, wo auf dem Friedhof Djangos Grab zu finden ist. Hier gab es Gedenkreden und natürlich wieder ganz viel Musik – immerhin galt es ja, Djangos 100sten Geburtstag zu würdigen. Der Geburtstag eines wahrlich Unsterblichen.

Im nächsten Jahr wird es das 32. Django Reinhardt Festival geben, und man kann jedem, der seine Musik und die seiner Nachfolger liebt, nur wärmstens empfehlen, einmal mit dabei zu sein, denn es ist ein Erlebnis für Augen, Ohren und vor allem fürs Herz.

Das Leben hinter der Bühne.

Das Leben hinter der Bühne.

Gemeinsames Gedenken an Djangos Grab in Samois

Gemeinsames Gedenken an Djangos Grab in Samois

Die Djangologisten – Das Rosenberg Trio

Ganz entspannt stehen sie da vor den bunten Lastkähnen am Ufer der Ile de Berceau, und dabei ist kaum Grund zum Entspannen. Gestern Abend spielten Stochelo, Nonnie und Nous’sche Rosenberg noch in Dänemark, dann vormittags der Flug nach Paris und anschließend geschlagene dreieinhalb Stunden für die eben einmal 65 km vom Flughafen Charles De Gaulle bis Samois. Als reiche das nicht lässt die martialische Security die drei Musiker nicht aufs Festivalgelände, obwohl sie sich ausweisen können. Reichlich Geraffel also, das verständlicher Weise schwer auf die Laune gehen kann. Dass durch diese Zeitverzögerung dann auch noch der Soundcheck ausfallen muss und für Foto- und Interviewtermine so gut wie keine Zeit mehr ist macht den Braten fett. Und dennoch: Ganz entspannt stehen sie da vor den bunten Lastkähnen am Ufer der Ile de Berceau.

Stochelo, Nonnie und Nous’sche Rosenberg sind längst Weltstars, man verehrt sie in Tokio ebenso wie in New York und Rom und Sidney. Rund um den Globus verbreitet das Rosenberg Trio den Geist des europäischen Zigeuners Django Reinhardt.

In Samois stellen sie ihr neues Album vor, das Djangologists heißt, bei Enja vor ein paar Wochen erschienen ist und mit einem weiteren Weltstar als Gast aufwartet: Bireli Lagrène. Sie sind damit der Topact des Freitags und haben zu ihrem Glück deshalb noch drei Stunden zwischen Ankunft und Konzertbeginn. So ist wenigstens eine kleine Verschnaufpause für sie drin. Immerhin, müde scheinen sie nicht zu sein, aber der ausgefallene Soundcheck macht ihnen schon Sorgen. Helas, es muss auch so gehen…

Ivan Menthe, der Manager des Trios, hatte mir schon vor Tagen ein Interview versprochen, und so habe ich trotz des durcheinander geratenen Zeitplans die Gelegenheit, mit Stochelo, Nonnie und Nous’sche zu sprechen. Erleichtert wird das Interview dadurch, dass alle drei fließend deutsch sprechen und es offenbar mögen, einmal nicht auf englisch oder französisch befragt zu werden.

“Stochelo”, beginne ich, “Ihr neues Album heißt Djangologists, das ruft bei mir den Begriff Psychologists auf – haben Sie mit dieser Platte versucht, sich der Psyche des Django Reinhardt zu nähern?”

“Ja, das kann man durchaus sagen, unsere Musik dreht sich nun einmal um den Spirit von Django, wir sind ja schon ein wenig Experten auf diesem Gebiet, und dass uns jemand wie Bireli Lagrène bei dieser Spurensuche begleitet hat uns schon sehr geehrt.”

“Woher kam der Impuls dazu? Haben Sie Bireli kontaktiert?”

“Ja, das kam von unserer Seite. Ich kenne Bireli schon seit vielen !ahren sehr gut. Ich rief ihn also an und fragte: Was denkst du? Ich mache ein Album, möchtest du als Special Guest mitspielen? Und so ist er auf 5 Aufnahmen mit dabei.”

“Wie haben Sie die Stücke für Djangologists ausgesucht?”

“Naja, ich haben diesmal nach Stücken von Django gesucht – nicht alle auf der Platte sind von Django – die nicht ganz so häufig in der Gypsy Scene gespielt werden. Kompositionen wie zum Beispiel Webster, die sonst keiner spielte. Oder kaum, ab und zu hört man diese Stücke mal, aber sie sind lange nicht so populär wie Nuages oder Minor Swing. Und das reizte mich, denn Django hat sehr viele schöne Kompositionen geschrieben.”

“Haben Sie eine Ahnung, wie oft Sie schon Minor Swing gespielt haben?”

Stochelo lacht laut. “Nein, das kann ich nicht mehr zählen.”

“Für mich wie für unzählige andere Liebhaber von Djangos Musik ist Minor Swing sicherlich ein Höhepunkt seines Schaffens” sage ich. “Es kommt das Intro, dann folgt die Bridge und dann beginnen die Improvisationen – wie ist es für einen Musiker, der das doch schon unzählige Male gespielt hat? Kann der auch noch davon fasziniert sein, oder ist das Spiel mehr Routine?”

“Nein gar nicht” sagt Stochelo. “Das Thema des Stückes kennt natürlich jeder. Aber es ist für mich immer anders, den Minor Swing zu spielen. Es kommt ja drauf an, was man dann daraus macht. Und das ist für mich immer wieder spannend. Außerdem schuldet man es quasi dem Publikum – wenn man an einem Platz wie diesem spielt und hat nicht Nuages und Minor Swing dabei, dann hat man quasi nicht gespielt.”

“Gestern Abend nach dem Auftritt von Angelo Debarre kam James Carter auf die Bühne, und sie spielten gemeinsam Minor Swing, selbst Hardbopper scheinen etwas mit Djangos Musik anfangen zu können…”

“James Carter kenne ich auch seit einigen Jahren, er ist fasziniert von Django, und vor einigen Jahren hat er ein Album mit Django Kompositionen aufgenommen. Nicht nur in der Gypsy Szene ist Django Reinhardt ein Begriff. Und was James Carter auf seiner Django Platte gemacht hat das ist schon sehr erstaunlich!”

“Wann haben Sie zum ersten Mal Gypsy Swing gehört?”

“Ach, mein ganzes Leben lang. Alle machten Musik in der Familie, ständig spielte jemand. Mit zehn Jahren begann ich dann Gitarre zu lernen. Das erste Stück, das ich ganz bewusst gehört habe, war von Django Reinhardt und Stephan Grappelli.”

“Kam da der Gedanke: Das möchte ich auch können?”

“Der war auch schon vorher da. Weil ja die ganze Familie Musik machte, da war es ganz natürlich, auch damit zu beginnen. Bei Bireli war die Entwicklung anfangs ebenso, aber er hatte dann auch weiter gehende musikalische Interessen, ging nach Amerika, spielte Bebop und Fusion. Und jetzt ist er hier und spielt wieder Gypsy Swing mit uns…”

“Sie kommen um die ganze Welt mit dem Trio – ist Samois dennoch ein besonderer Ort für Sie?”

“Sicher,” sagt Stochelo, “Samois ist das Mekka für die Gypsy Swing Anhänger, hier hat er die letzten Jahre seines Lebens verbracht, hier liegt er begraben. Im Samois zu spielen ist immer etwas ganz Besonderes.”

“So idyllisch und entspannend das hier auch ist in diesem Dorf an dem ruhig ziehenden Fluß – man weiß, dass Django in diesen Jahren nicht wirklich glücklich, ja sogar depressiv war…”

“Ja, er hat sich hierher zurück gezogen, die Welt hatte sich geändert. Bedenken Sie, in den 1930er Jahren war seine Musik Tanzmusik, damit konnte man fast alle Menschen erreichen und begeistern. Daher auch seine unglaubliche Popularität. Nun war alles anders, diese Zeit war vorbei. Das hat ihm sicher zu schaffen gemacht. Andererseits hat Django hier in Samois noch einige seiner schönsten Kompositionen wie Anouman geschrieben…”

Ich danke Stochelo, dass er sich bei allem Durcheinander die Zeit genommen hat für ein paar Antworten. Ein paar Meter weiter steht sein Cousin Nonnie.

“Nonnie”, beginne ich, “Sie sind das akustische Rückgrat des Trios mit dem Kontrabass – wie kommt man zu diesem Instrument?”

Nonnie Rosenberg lacht. “Den hat mein Vater mir verpasst. Als ich alt genug war ein Instrument zu lernen wollte ich natürlich auch Gitarre spielen. Aber mein Vater sagte: Gitarre spielen alle, ich möchte, dass die Kontrabass lernst. Ok, habe ich gesagt, ich kuck mir mal an, wie ich damit zurecht komme. Und su wurde ich Bassist. Ich habe nie Unterricht genommen, habe mir alles nach und nach selber beigebracht.”

“Sie sind heute Weltstars, Stephan Grappelli hat das Trio geschätzt, überall kennt man sie – wie war der Weg dorthin, wo Sie heute sind?”

“Der war schon verrückt. Musik haben wir ja schon immer gemacht, und unser Trio spielte regelmäßig zusammen, auf Festen, Hochzeiten, Gelegenheiten finden sich ja immer. Irgendwann in den achtziger Jahren kamen wir dann auf die Idee, einmal eine CD zu machen, wir wollten sie bei Auftritten verteilen, verschenken. Jemand empfahl uns ein kleines Studio in Hilversum, das man preiswert mieten konnte und wo der Produzent einem alle Freiheiten ließ. Wir spielten also dort ein paar Stunden und alles wurde mitgeschnitten. Die Musik gefiel dem Studiochef und er fragte, was wir mit der CD vorhatten.

Wir sagten ihm also, wir wollten die einfach so bei Auftritten verteilen, und er meinte, da wäre mehr drin. So zog er ein paar Fäden und rief uns danach an. Er hatte für uns einen Fernsehauftritt arrangiert, wir waren erst nicht sehr begeistert, morgens um Sieben mussten wir im Studio sein. Aber wir haben es gemacht und ein paar Minuten gespielt. Und bis zum Abend dieses Tages glühte das Telefon beim Sender, so viele Leute hatten angerufen und wollten mehr über uns erfahren. So fing es an…

Zuletzt wechsle ich noch mit Rhythmusgitarrist Nous’sche ein paar Worte, der Arme steht unter dem Eindruck der mehrstündigen Fahrt vom Flughafen CDG bis Samois. So sprechen wir weniger über Musik als über den Verkehr rund um Paris, der es in der Tat, vor allem wie heute an einem Freitag Nachmittag, in sich hat, und Nous’sche beklagt ebenfalls, dass der Soundcheck nicht stattfinden kann. Den holt man dann, leicht reduziert, am späten Abend vor dem Konzert nach. Und alles klingt, wie man es von solchen Virtuosen erwartet.

Neun Mal hat das Rosenberg Trio alleine schon beim weltweit renommierten North Sea Jazz Festival in Den Haag gespielt – die drei Musiker sind wahrlich heute die bekannteste Gruppe, die den Gypsy Swing pflegen. Auch in Samois sind sie der Topact und stehen auf dem Plakat ganz oben. Mit beim Konzert natürlich dann auch der Special Guest der Djangologists, Bireli Lagrène. Von Vendredi 13 über What Kind of Friend und Webster bis zu Tears spielen sie die Stücke des neuen Albums, begeistert beklatscht vom Publikum. Mit stoischer Ruhe bilden Nono und Nous’sche an Bass und Rhythmusgitarre das Gerüst für Stochelos und Birelis virtuoses Spiel. Die Begeisterung steigert sich noch, als die Musiker nach dem Konzert zur ersten Zugabe zurück auf die Bühne kommen, mit dabei der sich außer Rand und Band befindliche James Carter. Standing Ovations verlangen eine weitere Zugabe, die gerne gewährt wird. Django Reinhardt hätte an einem solchen Erlebnis ganz sicher seine helle Freude gehabt.

Zuletzt noch ein privates Wort: selten habe ich so freundliche Leute interviewt wie Stochelo, Nonnie und Nous’sche. Nach ihrem vorhergegangenen Horrortripp zum Festival hätte ich es keinem verübelt, wenn er sich bei Anblick von Diktiergerät und Kamera verdrückt hätte. Nichts davon bei den Rosenbergs, sie gaben fleißig Autogramme, standen für Fotos bereit und wurden auch von Anderen interviewt. Große Künstler und wirklich nette Kerle.

awb

-> http://www.therosenbergtrio.com (die Website des Trios mit einem Clip zusammen mit Bireli Lagrène sowie einem zweiten vom Auftritt zusammen mit James Carter)

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