Ein Mann und seine Fresse
Es war einmal ein kleiner Junge, Lucien; er lief durch die Straßen von Paris und stellte stolz den schrecklichen gelben Stern zur Schau, der an seine Jacke geheftet war.
Es ist 1941.
Als dieses Kind russisch-jüdischer Eltern der französischen Miliz über den Weg läuft, die auf der Seite der Nazis steht, stimmt es mit einem frechen Funkeln in den Augen die Marseillaise an – obwohl es den Text gar nicht richtig kann.
Dann bleibt der kleine Lucien plötzlich vor einem antisemitischen Plakat stehen, das die Karikatur eines Juden zeigt: ein hässliches Gesicht, das etwas zu viel Ähnlichkeit mit ihm hat. Eine Fratze, die aufgehängt wurde, um von allen gesehen und verspottet zu werden.
Er möchte weglaufen oder diese groteske Karikatur vernichten, tut jedoch keins von beidem. Plötzlich erwacht die Karikatur zum Leben, springt von der Wand und heftet sich dem Jungen an die Fersen. Von diesem Punkt an weicht ihm die hässliche Fratze nie mehr von der Seite. Sie wird sein Schatten, sein Fluch, seine Inspiration, sein einziger Gefährte, sein Alter Ego.
Der kleine Lucien weiß es noch nicht, aber er wird eines Tages als Serge Gainsbourg berühmt werden.
Dieses Märchen erzählt aus dem Leben eines Helden. Es erzählt von einem kleinen Jungen, der durch die Straßen des besetzten Paris zieht und Worte daherplappert, als würde er Blumen in einen Gewehrlauf stecken. Es ist eine Geschichte voller Eroberungen. Gainsbourg ist trotz seines nicht eben guten Aussehens ein leidenschaftlicher Liebhaber und lockt die legendäre Brigitte Bardot in sein Bett. Er verführt Jane Birkin, indem er mit einer Unterhose in den Farben der Trikolore bekleidet badet, und bringt Juliette Gréco dazu, in den frühen Morgenstunden barfuß mit ihm Walzer zu tanzen. Diese legendenumwobenen Frauen singen ausnahmslos den poetischen Unsinn, den er für sie schreibt.
Es ist eine Geschichte voller Zweikämpfe. Das tödlichste Duell ficht Gainsbourg mit seinem Alter Ego aus: „Die Fresse“, eine dürre, katzenhafte Gestalt, wacht eifersüchtig über seine Liebesaffären und erinnert ihn immer dann, wenn er gerade glücklich ist, an all die Demütigungen, die er verdrängt hat. „Die Fresse“ ist ein raffinierter Witzbold, der immer zur Stelle ist, um den kreativen Prozess zu beflügeln oder zu erschweren; er geistert durch die Nächte des Poeten und Sängers und lässt ihn niemals seinen Seelenfrieden finden.
Es ist eine Geschichte, in der Gainsbourg sich vom erfolglosen Maler zum Meister des französischen Popsongs entwickelt. Seine Musik reißt die Zügel der Erzählung an sich und verwandelt ein plumpes Weib in eine Hippopodame (ein weibliches Nilpferd) oder einen ehebrecherischen und leidenschaftlichen Abend in einen Welthit, „Je t’aime … moi non plus“ (Ich liebe dich, ich auch nicht).
Und so lasst uns den Klartext gegen wilde Rhythmen eintauschen und in das Paris der Swinging Sixties eintauchen, um die Geschichte dieses Meisters der Provokation zu erzählen, dieses Manipulators der Worte und der Frauen, dieses schüchternen, aber leidenschaftlichen Abenteurers, und um an einer Geschichte teilzuhaben, die ebenso kühn ist wie die Risiken, die der kleine Lucien eingehen musste, damit er schließlich ein anderer werden konnte … Serge Gainsbourg.
GAINSBOURG – ENTSTEHUNG EINES MÄRCHENS
Die untergehende Sonne über dem Kap von Nizza, eine Zunge aus Felsen zwischen Himmel und Meer, Azur und Kobalt. Ein Junge, der den Wellen dabei zusieht, wie sie zu seinen Füßen auslaufen. Schwarze Augen, schwarze Haare, ein rundes Gesicht. Er heißt Joann Sfar. (Vielleicht ist das nicht sein richtiger Name. Was spielt das schon für eine Rolle.)
Ein Phantom zieht vorbei, zufällig und zerzaust. Serge Gainsbourg, damals schon. „In den Schallplatten und Zeitschriften meiner Mutter war Gainsbourg allgegenwärtig. Ich bin umgeben von diesen Dingen aufgewachsen.“ Ein Vater, der früher Pianist war. Zarte Klaviermusik, zarte Blumen, die rasch verblühen. Die Mutter, eine Sängerin, ist zu früh gestorben. So wächst Joann auf: zwischen abgebrochenen Akkorden, Vinyl, dem Fehlen der Abwesenden und den Auftritten des betrunkenen Gainsbourg im Fernsehen.
Die Jahre ziehen dahin („My Lady Héroïne“, „Aux Armes et Cætera“, „Lemon Incest“, „Sorry Angel“ als Untermalung). Sfar erschafft sich eine Welt aus Tinte, berauscht von weiblichen Formen, trunken von Gainsbourg. „Als Jugendlicher habe ich mir alles von Gainsbourg besorgt und es mir beim Zeichnen angehört. Mir gefiel die Vorstellung, dass er Maler werden wollte, damit aber keinen Erfolg hatte, dass er Frankreich gegenüber auf der Suche nach Liebe und Legitimität war, genau wie ich mit meiner halb-russischen, halb-algerischen Familie.“ Er studiert Philosophie. Liest „Das heroische Leben von Evgenij Sokolov“ (1980, erschienen 2010 auf Deutsch im Blumenbar Verlag), den Roman von Gainsbourg mit Schwefel- und Terpentingeruch. Joann ist ganz berauscht von den ganzen Winden und Fürzen in diesem Buch und macht daraus einen Comic. Später, so plant er, wird er nach Paris gehen und ihn Serge überreichen, bitte sehr, das wird alles ganz einfach. Aber.
Joann verpasst die Begegnung mit Gainsbourg
„Ich kam drei Monate nach Gainsbourgs Tod in Paris an. Ich fuhr in die Rue de Verneuil, warf meinen Sokolov-Comic in den Briefkasten und ging wieder weg.“ Mit der Zeit vergilben die zerstreuten Blätter in der Vergessenheit eines leeren Hauses.
Sechs Jahre ziehen ins Land. Joann liegt der Zeichenstift weiter gut in der Hand. Er findet seinen Weg.
Er geht von Sokolov zu Pascin über. Sein Pascin ist ein obszöner bulgarischer Maler, Schürzenjäger und Raufbold, der im Montmartre der 1920er-Jahre in verrauchten Spelunken und miefigen Bordellen verkehrt. „Ich habe mit Pascin das gemacht, was zu machen ich mir im Zusammenhang mit Gainsbourg noch nicht erlaubte.“
Joanns Chance zur Wiederbegegnung mit Gainsbourg
Eine Arche aus Glas und Metall. One World Films über die Gegensprechanlage. Drinnen ein Dom aus Licht und zwei marineblaue Sofas. Ein niedriger Tisch mit einer 7 d’Or, einem französischen Fernsehpreis. Das Büro des erfolgreichen Produzenten Marc du Pontavice. (Es gibt dort zwar nicht so etwas Profanes wie einen Wandkalender, der das Datum Freitag, den 30. Juni 2006, anzeigt. Aber dennoch.)
Der Produzent im weiten cremefarbenen Hemd: „Ich wollte dich kennenlernen, weil ich möchte, dass du einen Film machst; keinen Zeichentrickfilm, sondern einen richtigen Film. Du sollst nicht einen deiner Comics adaptieren, sondern etwas ganz Neues machen. Du bekommst alle Freiheiten, die du haben willst.“
Der Künstler: „Ach so? Aber was gefällt dir denn an meinem künstlerischen Universum? Nur damit ich auch verstehe, was du willst.“
Der Produzent: „Pascin. Ich finde ganz wunderbar, was du mit Pascin machst.“
Der Künstler: „Aber das ist mein pornografischstes, merkwürdigstes, unverkäuflichstes Buch.“
Der Produzent: „Genau. Das interessanteste.“
Der Künstler: „Für mich steckt hinter diesem Pascin Gainsbourg. Ich könnte mir einen Film über Gainsbourg vorstellen.“
Der Produzent: „Einverstanden. Aber du musst eine ziemlich originelle Perspektive finden, wenn du einen Film über ihn machen willst.“
Der Künstler, ein in seinen Erinnerungen versunkener Junge aus Nizza: „Es sind nicht Gainsbourgs Wahrheiten, die mich interessieren, sondern seine Lügen.“
Der Produzent: „Das gefällt mir. Die Familie von Gainsbourg wird es wahrscheinlich niemals akzeptieren, aber leg mal los, schreib mir was. Wir schicken es dann an die Kinder und an Jane.“
Erste Entwürfe in Joanns Atelier
Rue d’Avron, das Atelier von Joann Sfar. Die Boheme im 20. Jahrhundert. Die Wände haben über die Jahre gelitten, ein altersschwaches Sofa und ein von Stiften, Schreibfedern und Pinseln übersäter Schreibtisch. In einem Notizbuch skizziert Sfar seinen Gainsbourg mit Strichen, gesäumt von Sätzen, gehetzt von Wörtern. Er erzählt darin die Geschichte eines Dichters, der beschließt, Frankreich zu erobern, indem er sich der französischen Sprache bemächtigt; eine Eroberung, die einen bitteren Beigeschmack hat, wenn sie gelingt. „Wenn das Ganze nicht den ungestümen Schwung eines russischen Romans hat, ist es verfehlt“, schreibt Sfar. In seiner Vorstellung gibt es echte Schauspieler darin, einige Zeichentrickfilmpassagen und vielleicht auch ein paar Marionetten. Sein Notizbuch gleicht einem mit Anisschnaps und Feuerzeug flambiertem Gemälde, vollgesogen mit fantastischen Visionen, die nach Theke und Rauch riechen. Gogol pur.
Die Kinder von Serge sind begeistert. Marc du Pontavice jubelt in seinem Lichtdom: „Das Fabelartige, die Zärtlichkeit, der Respekt, das gefiel ihnen. Anfangs wollte Joann, dass Charlotte die Rolle von Gainsbourg spielt, doch nach ein paar Monaten lehnte sie das Angebot ab. Fast das ganze Jahr 2007 über arbeitete Joann an dem Skript. Er schrieb elf Fassungen. Die erste, ohne Bilder, war 164 Seiten lang. Es waren Kürzungen notwendig. (Einwurf von Joann Sfar aus dem Off:) „Ich kann nicht kürzen, das ist die Hölle, ich habe meine Frau darum gebeten.“
Zur Musik des Films
Die Melodie von „La Javanaise“ schwebt im Raum, zerbrechlich und durchscheinend wie Glas. Die Konsolen, das Sofa, die Mikros und die mit karminrotem Samt drapierten Wände liegen in einem orangefarbenen Dämmerlicht. Joann Sfar sitzt da, seine Augen flackern. Sein Freund Mathias Malzieu, der Sänger von Dionysos, hat ihm den Arrangeur Olivier Daviaud empfohlen, diesen unerschrockenen Fuchs, der mit großen Schritten im Aufnahmestudio hin und her geht. Draußen pulsiert die Avenue Ledru-Rollin in der neongestreiften Nacht. Joann erzählt von Gainsbourgs Einflüssen, von seiner „omnipräsenten“, wie er betont, Gespaltenheit zwischen dem Rhythmus der Schwarzen und der russischen Musik. Er möchte, beziehungsweise er träumt davon, dass der Soundtrack bei allen Musikgenres wildert – bei der Gitarrenmusik, dem Swing, der traditionellen jüdischen Musik, der Rockmusik, dem Reggae, der klassischen Musik. Wie Gainsbourg, aber nicht genauso. Olivier nickt zustimmend, nicht genauso, einverstanden. Er kratzt sich heftig am Kopf. Gibt einen Eindruck von der ersten Version der „Javanaise“ im Film. Er hört ein zunächst noch zaghaftes Klavier, dann emphatische Noten, als „Die Fresse“ spielt, eine schwach rieselnde Stimme, gefolgt von aufbrausender Musik, die die Leinwand überwältigt. „Die Schauspieler werden ihre Lieder selbst singen. Du wirst sie alle begleiten und die Lieder mit ihnen einspielen müssen“, erwidert der Geschichtenerzähler.
Merkzettel von Joann Sfar
Nicht vergessen:
– Drehorte für die Außenaufnahmen ausfindig machen (ungefähr 40).
– Die Rechte für „Parce que“ von Aznavour einholen, für „Je bois“ von Vian und für „J’ai rendez-vous avec vous“ von Brassens.
– Die Leute von DDT Efectos Especiales wegen des Alter Egos („Die Fresse“), der Juden-Karikatur, der Prothesen für Gainsbourg und der Maske treffen.
– Nathalie Dupuy, die von Matthew Gledhill vorgeschlagene Repetitorin, aufsuchen.
– Die Zahl der Drehtage in den Studios von Épinay für die Sequenzen in der Stadtvilla, der Mansarde, dem Flur in der Cité des Arts, der Wohnung in der Rue Chaptal schätzen.
– Mit Pascaline Chavanne Kostüme entwerfen (dabei im Hinterkopf haben: französische Eleganz).
– Szeneneinteilung machen mit Guillaume Schiffman (Kamera), Yann Cuinet (Erster Assistent) und Isabel Ribis (Skriptgirl).
– Gemälde und Zeichnungen anfertigen, die Gainsbourg zugeschrieben werden, den Entwurf für das Plakat mit dem Juden und Frankreich.
– Christophe Blain, Mathieu Sapin, Emmanuel Guibert und Edmond Baudoin bitten, ein Porträt von Ophelia zu zeichnen für die Szene in der Kunsthochschule.
– DAS CASTING!!!!
Zum Casting
Das Café de la Paix am Opernplatz, eines Morgens im Januar 2008: Rokokosäulen reichen bis zur goldgetäfelten Decke; rote Polsterbänke werden von Lampenschirmen überragt, die den Gästen Heiligenscheine aufsetzen wie der Jungfrau Maria; steife Kellner in Schürzen mit Werbeaufdruck. Das ist das Reich von Joann Sfar. Hier trifft er die, die sein Abenteuer mit ihm bestreiten werden. Ihm gegenüber sitzt ein langes Elend mit zerzausten Haaren namens Éric Elmosnino.
Joann: „Kennst du Gainsbourg?“
Éric: „Äh, nicht so wirklich, ich bin kein Fan von ihm, er ist mir ziemlich egal.“
Joann lächelt, insgeheim begeistert: „Bist du denn damit einverstanden, das Drehbuch zu lesen und Probeaufnahmen zu machen?“
Es gab andere Schauspieler vor Elmosnino. Stars, die Gainsbourg in sich aufgesogen hätten. Sfar will keine Stars, keine Kopien, sondern Verwandtschaften, Naheliegendes. Wie Philippe Katerine, der Boris Vian spielen soll, den Dichter der Flasche; wie Laetitia Casta für die Bardot, den Inbegriff der Sinnlichkeit; wie Mylène Jampanoï für die Göttin der Pariser Nächte, extrem wie der Orient. Und wie Éric Elmosnino. „Es gefiel mir, dass Éric Gainsbourg nicht kannte, denn das bedeutete, dass er sich von der Figur nicht erdrücken lassen würde. Und von der ersten Probe an begeisterten mich seine Entspanntheit und sein Humor.“ Jane Birkin ließ auf sich warten. 400 Babydolls zwischen Frankreich und England wurden begutachtet, bevor die Wahl auf Lucy Gordon fiel, die Schauspielerin mit Beinen bis zu den Sternen und einem Sixties-Puppengesicht.
Éric Elmosninos Annäherung an Gainsbourg
Éric Elmosnino hört von seinem Sofa aus die lauten, drängenden Sirenen des Krankenwagens. Nichts Dringliches. Er tut nichts. „Das ist meine Methode: Ich arbeite nicht, aber ich denke darüber nach. Ich sauge ich weiß nicht was in mich auf, meine Fantasie geht spazieren. Doch manchmal packt mich auch die Angst und ich sage mir: Das geht nicht, ich mache ja gar nichts! Die DVDs mit den Aufnahmen von Gainsbourg, die man mir gegeben hatte, habe ich lange Zeit einfach liegen gelassen. Aber eines Morgens habe ich sie mir dann angesehen.“ Und er sieht: Gainsbourg, der in einer Kneipe der 1960er-Jahre eine Show abzieht. Den betrunkenen Gainsbarre, der zweifelt und zerbricht. „Ich habe mir seine Hände ein wenig angesehen, aber ich wollte ihn wirklich sehen, nicht ihn analysieren. Das kann ich nicht. Ich nähere mich ihm an und verarbeite meine Eindrücke, und wenn ich spiele, kommt all das wieder zum Vorschein.“ Man hat ihm gesagt: „Du musst zehn Kilo abnehmen.“ Also trinkt er keinen Alkohol mehr. Und hüllt sich in blaue Nikotinschwaden, er, der mit dem Rauchen aufgehört hatte. Man sagt ihm auch, dass er Klavier, Gitarre und Mandoline spielen und singen muss. Daraufhin lacht er: „Also so was, ihr seid wohl verrückt, Jungs, ich kann nicht singen, ich verstehe nichts von Musik!“ Und so findet er sich im Studio des Variétés wieder und singt den Refrain des „Poinçonneur des Lilas“ mit Nathalie Dupuy. Wie durch ein Wunder hat er ein musikalisches Ohr und die richtige Stimme. (Einwurf aus dem Off von Marc du Pontavice:) „Er hat vom Juni 2008 an ein viermonatiges musikalisches Coaching bekommen. Es ist ergreifend zu sehen, wie ein Schauspieler seine Stimme entdeckt. Er war unglaublich.“ Er macht Aufnahmen mit Olivier Daviaud, führt sich auf wie ein Rockstar, macht die Nächte durch, brennt seine Stimme herunter wie einen Zigarettenstummel. „Aber ich habe auch viele Momente der Mutlosigkeit erlebt, ich sah all das vor mir, was ich zu tun hatte, und sagte mir, dass ich es nie schaffen würde.“ Er absolviert Kostümproben, Perückenproben, probiert die Nasen- und Ohrenprothesen aus. Nicht schlecht, gar nicht schlecht für einen, der gar nichts macht.
Die Dreharbeiten – Fakten und Impressionen
„Das Budget betrug am Ende mehr als 16 Millionen Euro, eine sehr beträchtliche Summe für einen Erstlingsfilm“, kommentiert Produzent Didier Lupfer.
„Aber das Drehbuch von Joann hat es unseren ersten Geschäftspartnern sehr schnell angetan, und am Ende waren es Studio 37, Canal+, Universal, France 2 Cinéma, Orange und die Region Île-de-France, die sich uns angeschlossen haben. Und in diesem Moment ist Joanns Traum wahr geworden.“
Laut Drehplan des ersten Tages betrug die Temperatur an diesem Dienstag, dem 20. Januar 2009, sechs Grad. Es ist der Tag der ersten Male. Erster Schritt am Drehort, erstes Scharfstellen, erste Symptome. „Am ersten Tag habe ich mich an mein Notizbuch geklammert, das war mein Spickzettel. Dank dieses Büchleins hatte ich während der siebzig Drehtage nie Angst.“ Der argentinische Teil des internationalen Studentenwohnheims wird in ein Krankenhauszimmer umgestaltet, das amerikanische Krankenhaus, in dem Gainsbourg sich von einem Herzinfarkt erholt. Éric Elmosnino spielt den Sterbenden, Lucy Gordon beschimpft ihn und „Die Fresse“, steckt ihm Kippen in den Mund. Handwerklich ziemlich gut. Selbstvertrauen, no comment.
Fragile Nächte, weiße Spitze, eine Dame wie aus Goldpapier, ein Kuss auf Zehenspitzen. „Es war bewegend, die Komplizenschaft zwischen Lucy und Éric in der Szene des ersten Kusses zu sehen“, sagt Joann Sfar. „Wir hatten 200 Kilo Beleuchtung auf Notre-Dame gerichtet.“
Provence-Tage, Rosmarin und Nebel für einen Nosferatu aus Latex. „‚Die Fresse‘ musste rauchen, viel und andauernd“, erklärt Doug Jones, „da ich von Zigaretten krank werde, haben sie mir Kräuterzigaretten gegeben, die nach Barbecue rochen.“
Glühende Tage, nackte weibliche Rundungen, die hinter einem schneeweißen Laken tanzen. „Laetitia arbeitete für sich in ihrer Ecke“, erinnert sich Marc du Pontavice, „wir hatten ihr ein paar Choreografien vorgeschlagen, die sie jedoch alle verwarf. Wir wussten nicht, was sie machen würde, was ein bisschen beängstigend war. Als sie dann kam, war sie supergut vorbereitet, und wir sind einfach dahingeschmolzen. Es war großartig.“
Es mussten auch einige schwierige Entscheidungen getroffen werden, erinnert sich Produzent Didier Lupfer: Wie sollte man beispielsweise Jamaika in den Norden Frankreichs versetzen? Jamaika-Tage aus Pappe, Rastafari und Reggae im Sand, für eine Marseillaise im April. „Das war schon witzig, Kingston in Berck in Nordfrankreich zu drehen, obwohl es kalt war“, räumt Éric Elmosnino ein. „Die haben Telefonmaste wie Orgelpfeifen aufgestellt und ein Techniker hat die Palmen in den Töpfen hin und her gefahren, damit sie immer im Blickfeld der Kamera waren.“
Schwarze Schmetterlinge am Morgen, eine zerbrochene Puppe, das Spiel ist verloren, arme Lucy. „Ihr Tod hat mich sehr getroffen“, gesteht Joann. „Ich habe begriffen, dass ich Monate mit Lucy verbracht hatte und nichts über ihr Intimleben wusste, dass ich ihr nicht so nahegestanden habe, dass sie mich anruft, wenn es ihr dreckig geht.“
Kerosin im Blut, ausgelassene Abende. „Chabrol hatte mir geraten, mit dem Team zu feiern. Also habe ich in der Mitte der Dreharbeiten eine Party gemacht, in einer russischen Bar im XV. Arrondissement, die von alten Freunden von Gainsbourg geführt wird; sie haben uns mit Wodka abgefüllt“, erinnert sich Sfar lachend, „irgendwann bin ich rausgegangen und hab mich auf den Bürgersteig gesetzt und gewartet, dass mein Haus vorbeikommt.“
Das Haus ist vorbeigelaufen, die Dreharbeiten sind zu Ende. In Le Touquet nimmt der Rolls-Royce von Gainsbourg am 25. April 2009 seine letzte Kurve zwischen Azur und Kobalt, Himmel und Meer. Von den Schauspielern ist nur noch Éric Elmosnino übrig. „Wir standen ziemlich blöd da, wir umarmten uns und weinten. Ich habe echte Freunde gefunden. Ich habe geweint, als Doug seine letzte Szene in der Rue de Verneuil hatte. Und er hat unter seiner Maske ebenfalls geweint. Das war weit mehr als nur die Geschichte eines Films.“



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