Fünf radikale Individuen: Contact

Fünf werden eins. Fünf sind eins. Fünf auf einer Wellenlänge. Diese Gruppe heißt einfach nur Contact. Aber das ist ein Wort mit ganz unterschiedlichen möglichen Dimensionen. Kontakt, Berührung findet hier statt – doch nicht etwa nur auf der Hautoberfläche. Selten hört man ein Quintett, das gleich mit den allerersten Tönen einen so markanten Eindruck von Gleichschwingung hinterlässt. Oder besser noch: von synchronisiertem Herzblut. Und es bleibt bis zum allerletzten so. Fünf große Namen. Eine „All-Star-Band“. Aber bei weitem nicht nur. Keine Zusammenkunft von fünf Berühmtheiten, die mal eben ein paar Stücke abliefern und sich dann wieder in alle ästhetischen Winde verstreuen, um zu landen, wo sie ohnehin besser hinpassen. Hier stellt sich Stück für Stück das Gefühl ein, dass diese Aufnahmen eine längst fällige, ganz organische Synthese aus dem sind, was die beteiligten Musiker ausmacht. Fünf, die gemeinsam eine musikalische Seele finden, die auch allen einzeln entspricht.

Five on One heißt die vorliegende CD – und in den Aufnahmen entwickeln die Musiker eine Intensität des Zusammenspiels, die von inniger Wärme geprägt ist. Die fünf US-Amerikaner, die sich hier zusammengetan haben, sind Saxophonist Dave Liebman, Gitarrist John Abercrombie, Pianist Marc Copland, Bassist Drew Gress und Schlagzeuger Billy Hart. Bis auf Bassist Drew Gress, mit Jahrgang 1959 der Jüngste im Bunde, wurden sie alle in den vierziger Jahren geboren und sind jeweils seit rund vier Jahrzehnten prägnante Gestalten an ihren Instrumenten. Die meisten von ihnen kennen sich seit langem gut: Dave Liebman und John Abercrombie haben in Liebmans Band Lookout Farm bereits 1973 zusammen Aufnahmen gemacht. Mit Billy Hart hat Liebman schon in den Achtzigern zusammengespielt, ebenso wie Abercrombie mit Copland – und dies ist eine Verbindung, die bis in die jüngste Zeit angehalten hat, nicht zuletzt auch in Aufnahmen für Pirouet. Copland und Liebman sind einander ebenfalls schon seit langem verbunden, 2001 nahmen sie zusammen die CD Lunar auf – und Bassist Drew Gress ist seit vielen CD-Produktionen Trio-Partner von Copland. Five on One: mithin das Werk von fünf Freunden. Fünf Musikern, die einander blind verstehen. Natürlichkeit ist deshalb ein hervorstechendes Merkmal dieser Aufnahmen. Ganz entspannt fließen hier die Einzelstimmen ineinander, verschmelzen die persönlichen Sounds. Denn diese musikalische Fünfer-Wahlverwandtschaft ist – wie es sich auf dieser CD Stück für Stück mehr herauskristallisiert – in einer ganz ähnlich gelagerten Musikalität dieser Instrumentalisten begründet. Saxophonist Dave Liebman ist ein Meister der feinen Abschattierung von Tönen, des elegischen Wachsen- und Fließenlassens von Saxophonstimmen. Diese Ästhetik passt bestens zum feinsinnig-konturenscharfen Gitarrenspiel John Abercrombies, das bei allen energiegeladenen Einwürfen immer eine filigrane Zartheit hat.

Wollte man für diese jazz-kammermusikalischen Feingeister den idealen Klavierpartner suchen, käme man wohl immer auf Marc Copland, den Großmeister eines glasklaren Klangs, der immer zugleich auch rätselhaft und mehrdeutig ist. Dazu ein Rhythmusgespann, das sich auf feste Fundamente voller Kraft und Halt versteht: Drew Gress, der Bassist mit den besonders runden und handfesten Tönen, und Billy Hart, ein Drummer, der zulangt und bei aller Power hier eine zuweilen flirrende Komplexität entfaltet. Erfrischend lassen sie hier ihre gemeinsame Sache einfach laufen. Und man glaubt den Spaß und die Lust am Sichund Einander-Entdecken stets zu spüren. Besonders bemerkenswert ist das bei Saxophonist Dave Liebman. Er hat sich lange Zeit stark aufs Sopransaxophon konzentriert, das er mit einer Unangestrengtheit und Klarheit spielt wie nur wenige. Doch hier ist er auch ausgiebig auf seinem anderen Instrument zu hören: dem Tenorsaxophon, das er voller Kraft spielt, zuweilen schmirgelnd rau und mit wirbelnder Intensität, dann wieder mit hellem, wehklagend schönem, in Farbschattierungen schillerndem Ton – und das hier eben nicht nur der große Bruder des Sopransaxophons ist, sondern wirklich ein ganz anderer Charakter. Gerade wie die Töne von Liebmans Tenorsaxophon und der fein fabulierenden Gitarre Abercrombies sich in Billy Harts Komposition Lullaby for Imke einander umspielen und sich voller Zärtlichkeit umranken zu scheinen, ist ein Ereignis. In Abercrombies sperrigem Stück Four on One umwirbeln sich die einzelnen Instrumente in nervös erzitternden Tonfolgen aus dem ganz freien Raum. Und in Coplands Komposition Childmoon Smile loten sie mit Linien voller Eleganz Räume aus, in denen ganz viel Luft ist. Viel Luft zum Atmen, zum Ich-Sein, zum Zueinander-Finden, zum Einander-Zuhören und Einander-Wahrnehmen haben die fünf Musiker in diesen neun Stücken der CD. Von jedem ist mindestens eine Komposition dabei, im Vokabular die meisten höchst unterschiedlich, im musikalischen Ausdruck jedoch absolut homogen. Enger und zugleich mit weiterem Horizont kann man wohl kaum zusammenspielen. Wie besonders, wie eigen, wie aufregend ungewöhnlich das ist, wird zwar bereits in den acht Eigenkompositionen deutlich, aber der Arthur-Schwartz-Howard-Dietz-Standard You and the Night and the Music verschafft in seiner leisen Ekstase und sanften musikalischen Sperrigkeit letzte Gewissheit. Traumhaft stimmig und souverän sind diese Aufnahmen, von einer Schönheit, die sich nichts um Moden schert, weil sie fünffach radikal persönlich (und im Zusammenklang wieder einheitlich) ist. Würde man diese Musik in einem Bild ausdrücken, so wären darauf fünf Personen zu sehen, die ganz eng beieinander stehen und, obwohl sie völlig unterschiedliche Kleider und Farben tragen, absolut selbstverständlich zueinander zu passen scheinen.

Fünf radikale Individuen, die hier auf ganz natürliche Weise eins werden. Wer auch nur einen oder zwei dieser Musiker kennt und schätzt, kann hier schwelgen im fünffachen Reiz. Like It Never Was: Der Titel eines der Stücke (komponiert von Drew Gress) trifft es: Diese Musiker finden hier zu einer Innigkeit und gemeinsamen Intensität, die etwas ganz Neues mindestens für All-Star-Bands ist. So weitreichend kann „Kontakt“ sein.

Marc Copland über Contact
For most of my musical life my thought has been that
“the whole is greater than the sum of the parts”. When
musicians in a group-from a larger ensemble down to even
a duo–know how to play together as partners and equals,
the music takes on a quality and spirit that is greater than
could be expected just by “adding together” the abilities and
styles of the musicians themselves. The most obvious place
for this kind of music and interplay in jazz has historically
been the piano trio, as exemplified by Bill Evans, but the
principal remains valid for all kinds of groups. One could
think of this kind of playing as a musical democracy, but it’s
more than that. In the study of group dynamics, sociologists
and psychologists have noted a phenomenon of a “rotating
director”–that is, in a discussion between members of a
group with no appointed leader, the leadership of the group
seems to rotate spontaneously from member to member,
as various issues are discussed. This seems as apt a description
as one could want of musical interplay. In Contact,
I believe we have operated and played in just this way, with
contributions and compositions from all five of us. We hope
you enjoy the results!

Contact: Five on One (PIT3048)
VÖ 21. Mai (Pirouet/MVH)

Dave Liebman tenor & soprano saxophone
John Abercrombie guitar
Marc Copland piano
Drew Gress bass
Billy Hart drums

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