Gewiss ein Buch, das polarisiert – man sehe sich nur schon die Bewertungen bei Amazon an, gleichmäßig verteilt reichen sie von 1 bis 5 Punkten. Der Titel ist aber auch provokant gewählt und wirft umgehend Fragen auf. Dumm 3.0 – Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen. Unsere Kultur? Was meint der Autor damit? “Unsere Kultur” ist ein weiter Begriff. Und lässt sogleich hinterfragen.
Netzwerke, Blogs, Kurzmitteilungsdienste, das scheinen inzwischen die treibenden Kräfte im Internet zu sein. Facebook soll weltweit eine halbe Milliarde Menschen umfassen, in Blogs kann jeder, und sei er noch so wirr und gestört, sein Weltbild kundtun, und Dienste wie Twitter verkürzen Nachrichten auf eine handvoll Zeichen. Liegt in der Kürze die Würze oder die Versimpelung? Sind Blogs ein Mittel zur Meinungsdemokratisierung? Und haben soziale Netzwerke vielleicht noch eine andere Funktion als die, ungeheure Zeitverschwendung zu ermöglichen?
“Ich liebe das Internet” ist eine der ersten, im Kontext des Buches doch eher erstaunliche Aussagen des Autors Markus Reiter. Dieser ist Kommunikationstrainer, Journalist und Medienberater. Mit seinem Büro “Klardeutsch” in Stuttgart unterstützt er Zeitungen, Zeitschriften und Internet-Redaktionen beim Medienwandel. 2000 bis 2002 war er Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Auch er twittert, blogt und schleppt das Internet ständig in Form eines Netbooks mit sich herum. Man kann ihm also gewiss nicht vorwerfen, ein Maschinenstürmer zu sein. Und dennoch hat er sich mit diesem Buch auf den tretminengespickten Weg gemacht, vor dem zu warnen, was er Internet-Religion nennt. Deren Anhänger sehen in Medium Internet den Heilsbringer schlechthin, der die Kultur bereichert, der Demokratie dient und den Journalismus zu neuen Werten führt. Und selbst die Tatsache, dass geistiges Eigentum durch das Internet mehr und mehr enteignet wird sehen die Anhänger des Internets als Fortschritt an.
Reiter setzt dem seine Thesen entgegen: nach seinem Dafürhalten trocknet die Kostenlosmentalität im Internet die Kreativwirtschaft aus, der zivilisierte Umgang miteinander erodiert durch die scheinbare Anonymität des Netzes, der Qualitätsjournalismus verschwindet, die Demokratie gerät in Gefahr und die Grundlagen unserer Bildung zerbröckeln, bis ein amorpher Dummquatsch übrig bleibt.
Die dritte Medienrevolution ist laut Reiter im Gange – die erste war die Entwicklung der Schriftsprache, die zweite die Erfindung des Buchdrucks. Nuin also das weltweite Netz. Aber haben nicht auch diese beiden vorhergegangenen Entwicklungssprünge die Verbreitung von Blödsinn aller Art gefördert? Was wird denn alles geschrieben und gedruckt? Auch hier ist man gezwungen, zu werten, zu selektieren, den Müll vom Wertstoff zu trennen. Und das funktioniert doch auch, soweit man gelernt hat, mit angebotenen Informationen selektiv umzugehen. Soweit…
Denn laut Reiter droht die Gefahr, die geistigen Hintergründe, die man zu einer Wertung benötigt, zu verlieren. Wer sich bei der Informationssusche nur noch auf ein zugegeben bequemes Medium wie Wikipedia verlässt verliert dadurch nach und nach die Fähigkeit zu recherchieren, zu hinterfragen, zu bewerten, Und er wird damit selber ein Teil der einstürzenden Informationskultur, wenn er auf diese fragwürdige Weise gefundene Informationen weiter gibt.
“Im Grunde geht es doch darum, dass ein lange erfolgreiches Geschäftsmodell bedroht ist, und dass Leute wie Herr Reiter die von diesem Geschäftsmodell leben, einfach versuchen dieses Modell zu retten.” schreibt ein Rezensent bei Amazon, der für das Buch 1 Punkt vergibt. “Der Autor stellt wichtige Fragen und weist zu Recht auf die Aufgaben von Bildung hin.” schreibt ein anderer dazu, der 4 Punkte vergibt. “Jeder ambitionierte Jungjournalist oder Internetschreiber sollte es lesen.” sagt schließlich ein dritter, der die volle Punktzahl erteilt. In diesen drei Aussagen kommt die Kontroverse sehr gut zum Ausdruck, um die auch der Autor weiß. Denn natürlich hat er bei der Arbeit an Dumm 3.0 mit allen Seiten Kontakt gehabt und kennt die teilweise missionarische Grundhaltung mancher Internet-Apologeten.
Dumm 3.0 ist ein wichtiges Buch, das jeder, der mit dem Internet, sei es aktiv, sei es passiv, zu tun hat, lesen sollte; es bringt in kompakter Form alle Positionen zusammen, die sich in den letzten Jahren entwickelt haben und nennt Argumente und Gegenargumente. Man muss nicht in Gänze Reiters Position einnehmen, aber vieles von dem, was er aufzeigt, ist nicht von der Hand zu weisen. Ihm vorzuwerfen, er sei ein Vertreter der Alten Medienwelt und sehe nur seine Pfründe davonschwimmen ist simpel und falsch, man kann dem Autor ohne Zweifel abnehmen, dass er sich Gedanken darum gemacht hat, wie man bewährte Werte in die neue Medienwelt retten kann, um diese vor der Versumpfung zu bewahren.
Am Ende des Buches finden sich sieben Trends und drei Lösungsvorschläge. Zu den Trends zählt Reiter die Entwicklung einer Informationselite, die alleine in der Lage sein wird, sich artikuliert auszudrücken und im Rahmen ihrer Vernetzung Diskussionen zu bestimmen. Einen negativen Trend sieht der Autor in der Erosion des Urheberrechts, die die Lebensgrundlage aller, die in der Kreativwirtschaft arbeiten, gefährdet.
Die Lösungsmöglichkeiten, die Reiter aufzählt bestehen in der Forderung nach Bezahlung für Qualitätsinhalte, dem Ausbau von Zugängen zur Bildung für alle, um die Fähigkeit des Selektierens und Wertens zu erlernen sowie einer rigorosen Verteidigung des Urheberrechts. Der Rezensent fürchtet allerdings, dass Markus Reiter nur ein einsamer Rufer in der Nacht ist. Denn nicht jeder im Internet ist ein Idiot, aber jeder Idiot ist bereits im Internet.
Dumm 3.0: Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen
von Markus Reiter
Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
Verlag: Gütersloher Verlagshaus
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3579068830
ISBN-13: 978-3579068831
EUR 17,95



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