
"Eine Liebe voller Höhe und Tiefen: Jane Birkin (Lucy Gordon) und Serge Gainsbourg (Éric Elmosnino)" © 2010 PROKINO Filmverleih GmbH
Es war einmal ein kleiner Junge, Lucien; er lief durch die Straßen von Paris und stellte stolz den schrecklichen gelben Stern zur Schau, der an seine Jacke geheftet war.
Es ist 1941.
Als dieses Kind russisch-jüdischer Eltern der französischen Miliz über den Weg läuft, die auf der Seite der Nazis steht, stimmt es mit einem frechen Funkeln in den Augen die Marseillaise an – obwohl es den Text gar nicht richtig kann.
Dann bleibt der kleine Lucien plötzlich vor einem antisemitischen Plakat stehen, das die Karikatur eines Juden zeigt: ein hässliches Gesicht, das etwas zu viel Ähnlichkeit mit ihm hat. Eine Fratze, die aufgehängt wurde, um von allen gesehen und verspottet zu werden.
Er möchte weglaufen oder diese groteske Karikatur vernichten, tut jedoch keins von beidem. Plötzlich erwacht die Karikatur zum Leben, springt von der Wand und heftet sich dem Jungen an die Fersen. Von diesem Punkt an weicht ihm die hässliche Fratze nie mehr von der Seite. Sie wird sein Schatten, sein Fluch, seine Inspiration, sein einziger Gefährte, sein Alter Ego.
Der kleine Lucien weiß es noch nicht, aber er wird eines Tages als Serge Gainsbourg berühmt werden.
Dieses Märchen erzählt aus dem Leben eines Helden. Es erzählt von einem kleinen Jungen, der durch die Straßen des besetzten Paris zieht und Worte daherplappert, als würde er Blumen in einen Gewehrlauf stecken. Es ist eine Geschichte voller Eroberungen. Gainsbourg ist trotz seines nicht eben guten Aussehens ein leidenschaftlicher Liebhaber und lockt die legendäre Brigitte Bardot in sein Bett. Er verführt Jane Birkin, indem er mit einer Unterhose in den Farben der Trikolore bekleidet badet, und bringt Juliette Gréco dazu, in den frühen Morgenstunden barfuß mit ihm Walzer zu tanzen. Diese legendenumwobenen Frauen singen ausnahmslos den poetischen Unsinn, den er für sie schreibt.
Es ist eine Geschichte voller Zweikämpfe. Das tödlichste Duell ficht Gainsbourg mit seinem Alter Ego aus: „Die Fresse“, eine dürre, katzenhafte Gestalt, wacht eifersüchtig über seine Liebesaffären und erinnert ihn immer dann, wenn er gerade glücklich ist, an all die Demütigungen, die er verdrängt hat. „Die Fresse“ ist ein raffinierter Witzbold, der immer zur Stelle ist, um den kreativen Prozess zu beflügeln oder zu erschweren; er geistert durch die Nächte des Poeten und Sängers und lässt ihn niemals seinen Seelenfrieden finden.
Es ist eine Geschichte, in der Gainsbourg sich vom erfolglosen Maler zum Meister des französischen Popsongs entwickelt. Seine Musik reißt die Zügel der Erzählung an sich und verwandelt ein plumpes Weib in eine Hippopodame (ein weibliches Nilpferd) oder einen ehebrecherischen und leidenschaftlichen Abend in einen Welthit, „Je t’aime … moi non plus“ (Ich liebe dich, ich auch nicht).
Und so lasst uns den Klartext gegen wilde Rhythmen eintauschen und in das Paris der Swinging Sixties eintauchen, um die Geschichte dieses Meisters der Provokation zu erzählen, dieses Manipulators der Worte und der Frauen, dieses schüchternen, aber leidenschaftlichen Abenteurers, und um an einer Geschichte teilzuhaben, die ebenso kühn ist wie die Risiken, die der kleine Lucien eingehen musste, damit er schließlich ein anderer werden konnte … Serge Gainsbourg.
ANMERKUNG DER PRODUZENTEN
Vor einigen Monaten lernten wir einen sehr begabten Mann kennen, den wohl talentiertesten und angesehensten Comiczeichner seiner Generation: Joann Sfar. Doch Joann ist weitaus mehr als ein Comiczeichner. Er ist ein geborener Geschichtenerzähler, ein bildender Künstler und auch ein begabter Musiker. Darum glauben wir fest daran, dass sein Wechsel in die Welt des Films höchst erfolgreich sein wird. Unter den vielen Werken und Dingen, die für uns alle gleichermaßen prägend waren, sticht eins besonders hervor, für das wir dieselbe leidenschaftliche Bewunderung hegen: das Leben und die Musik von Serge Gainsbourg.
Nicht so sehr für den Provokateur Gainsbourg als vielmehr für den Musiker, das Idol, den genialen Künstler, den Pygmalion, den Künstler mit den hundert Talenten und vor allem für den Gainsbourg der ersten vierzig Jahre seines Lebens, die so produktiv waren und über die doch alle so viel weniger wissen.
Wir möchten einen Film machen, der weitaus mehr ist als ein einfaches Biopic. Wir möchten einen grafischen, fast expressionistischen Film machen, der von einer völlig anderen Atmosphäre bestimmt ist, als es eine Rekonstruktion der Fakten wäre; er soll im Gegenteil ein kräftiger Kontrapunkt dazu sein und vielmehr die Essenz von Gainsbourgs kreativer Ambition erfassen. Denn wir glauben, dass es nur so möglich ist, seiner künstlerischen Fantasie und seiner komplexen, in einem ständigen Prozess der Anpassung und Weiterentwicklung begriffenen Persönlichkeit gerecht zu werden.
Joann möchte einen Film machen, der über die simple Version der Medien weit hinausgeht, und uns Gainsbourgs eigene, komplexere Vision näherbringen. Wie Gainsbourg ist auch Joann ein Mann des Wortes, der Bilder und der Töne. Darum sind wir auch so überzeugt von diesem Gainsbourg-Projekt, dieser Begegnung zweier Künstler und ihrer Arbeit.
Marc du Pontavice & Didier Lupfer

"Eine leidenschaftliche Affäre: Brigitte Bardot (Laetitia Casta) und Serge Gainsbourg (Éric Elmosnino)" © 2010 PROKINO Filmverleih GmbH
Es sind nicht Gainsbourgs Wahrheiten,
die mich interessieren,
sondern seine Lügen.
J. Sfar
JOANN SFAR ÜBER SEINEN FILM
Manche Künstler suchen sich ihre Vorbilder in der gleichen Disziplin, die sie selbst gewählt haben. Mein Vorbild war schon immer Gainsbourg. Und weil ich ihn nicht durch hilflose Versuche, Sänger zu werden, beleidigen wollte, wurde ich Comiczeichner.
Als ich aus Nizza wegging, hatte ich ein Ziel vor Augen: Serge Gainsbourg kennenzulernen. Ich nahm an, dass er mich, weil ich ihn verehrte, automatisch auch verehren würde. Ursprünglich wollte ich einen Comic zeichnen, der auf Gainsbourgs Roman „Das heroische Leben des Evgenij Sokolov“ basierte.
Große jüdische Maler, Volksmusiker aus Osteuropa – alle meine Bildergeschichten haben mich auf die eine oder andere Weise immer wieder zu Gainsbourg geführt. Mein Film geht sehr gewissenhaft mit seinem Leben um, ist aber dennoch kein Biopic. Er erzählt eine Geschichte. Paris fungiert in diesem Film als eine Art eigenständige Figur. Während wir Gainsbourgs Fußstapfen folgen, entdecken wir alle möglichen Schlupfwinkel und Underground-Welten.
In meinem Film gibt es keinerlei Pornografie, keine Anstößigkeiten oder Obszönitäten, aber es gibt eine Menge verletzlicher Figuren, die im Bett – vor allem auf horizontaler Ebene – miteinander zu kommunizieren scheinen. Ich möchte nicht, dass mein Film irgendjemanden verletzt. Ich möchte, dass Gainsbourgs Erben stolz darauf sind. Er ist unter der Maxime entstanden, dass es hier letztlich um die Geschichte eines großen Dichters geht. Gainsbourg hat immer die Grenzen ausgetestet, aber nur ein Dummkopf würde glauben, dass Zynismus das Motiv seines Handelns war. Dies ist die Geschichte eines schüchternen und unsicheren Mannes, der sich selbst so gut beschützt, wie er es vermag.
Das Leben dieses Helden ist schwierig und abenteuerlich. Wir sollten spüren, dass russisches Blut durch die Adern der Geschichte fließt. Es gibt darin keine Originalaufnahmen von Gainsbourgs Songs. Keinen jazzigen oder kitschigen Soundtrack. Alles ist neu gemacht, neu gearbeitet, neu gesungen und größer als das Leben. Keine Originaltracks sind künstlich über neue Bilder gelegt. Stimme, Musik und Bild bilden eine harmonische Einheit. Mein Wunsch war es, einen Film zu drehen, der mit „Ray“ oder „Walk the Line“ vergleichbar ist.
Der Film beginnt damit, dass Gainsbourg als kleiner Junge mit einem Judenstern an der Jacke durch das verregnete Paris flitzt. Als er stampfende Schritte näherkommen hört, versteckt er sich in panischer Angst in einem Gässchen, um seinen Davidstern in einen Sheriffstern zu verwandeln.
Von seinen frühen Jahren als Maler bis zu seiner späteren Karriere im Musikbereich hat Gainsbourg immer eine extreme und doch unterdrückte romantische Veranlagung gezeigt. Alles, was er tat, tat er mit Feingefühl. Doch hin und wieder sprang er auch auf und betrieb die Dinge auf aggressive Art und Weise.
Wir sehen, wie viel es ihm abverlangte, Lieder zu schreiben und sie und sich jedes Mal zu verteidigen, wenn er ein neues Album herausbrachte. Gainsbourg hatte den Mut, das zu schreiben, wonach die Jugend suchte. Er ist der zugleich klassischste und modernste Songwriter. Er erreicht beim Texten und Komponieren unglaubliche Höhen, auf die unmittelbar danach Tiefpunkte während Interviews im Fernsehen folgen. Jeder Künstler macht die traurige Erfahrung, dass er versucht, vor einem Publikum witzig oder liebenwert zu erscheinen, während er tatsächlich nur ein intelligentes Ohr, ein freundliches Lächeln oder eine herzliche Umarmung sucht.
GAINSBOURG – DER MANN, DER DIE FRAUEN LIEBTE berührt mich sehr tief mit seinem Mut und seiner extremen Verletzlichkeit. Ich liebe das Geräusch, das seine weißen Repetto-Schuhe beim Gehen machen. Ich liebe es, dass er nie Socken trägt, auch wenn es draußen kalt ist. Ich liebe seine Besessenheit vom Kino, vom Zeichnen und Malen. Ich liebe es, dass er wütend wird, weil er in diesen Sprachen nicht dieselbe Kunstfertigkeit erreichen kann wie in seiner Musik.
GAINSBOURG ist weder ein historiografischer noch ein anekdotenhafter Film. Nein, dieser Film strebt an, einen modernen Mythos nachzuerzählen, denn die Figur Gainsbourg ist radikal modern. Kein Buch oder Film hat sich jemals eingehend mit seinen heldenhaften Eigenschaften beschäftigt. Es gibt niemanden, der christusgleicher, jüdischer oder russischer ist als Gainsbourg.
Ich kenne Gainsbourgs „wirkliches Leben“ in- und auswendig, aber ich möchte keinen „realistischen“ oder „journalistischen“ Film machen. Ich möchte etwas erschaffen, das eher an ein russisches Märchen erinnert, eine moderne Legende. Diejenigen, die meine Comics kennen, „Die Katze des Rabbiners“ (Le Chat du Rabbin), „Pascin“ oder „Klezmer“, werden in meinem Gainsbourg alle meine üblichen Obsessionen und Manien wiederfinden: Liebe als ein Allheilmittel, die Tragödie und Absurdität des slawischen Dichters, allgegenwärtige Ironie und übernatürliche Geschöpfe, die unmittelbar einem Chagall-Gemälde entsprungen sein könnten.
Dieser Film ist voller Lügen, weil ich Lügen liebe. Das ist die Art, wie ich an so ein Werk herangehe: mit Lügen, stets mit Lügen. Ich mache vorher immer gründliche Recherchen und vergesse anschließend absichtlich die Hälfte wieder. Dann nehme ich meine Hauptfigur und mache einen legendären Helden daraus. Es gibt trashige, poppige und sexbesessene Darstellungen von Gainsbourg. Mein Gainsbourg wird russisch sein, ein Held wie aus einem Werk von Isaac Babel oder Gogol oder Dostojewski.
Ich möchte auch, dass dieser Film ein ausländisches Publikum anspricht, das Gainsbourg vielleicht noch nicht so gut kennt. Die Zuschauer sollen nicht nur ein außergewöhnliches Schicksal sehen, dass ihnen in diesem Film vorgeführt wird, sondern sie sollen Gainsbourg als einen modernen Archetyp vor sich sehen. Ich finde, dass Gainsbourg heldenhafter ist als Superman, in dem Sinne, wie die Griechen es verstanden, denn ein Held ist jemand, der leidet und dem übel mitgespielt wird, der aber trotzdem brennende Kohlen in den bloßen Händen hält. Ein echter Held ist einer, der seinem Publikum glühend heiße, geschmolzene Lava darbringt, wie Prometheus es getan hat.
Ich bin mir der großen Last, die ich auf den Schultern trage, durchaus bewusst, aber ich liebe es, Lasten zu tragen, die zu schwer sind, als dass man sie auf sich nehmen könnte.
Joann Sfar
Mehr über den Film finden Sie in den kommenden Wochen hier im Herrenzimmer.


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