Hand aufs Herz – wann haben Sie das letzte Mal etwas mit der Hand geschrieben? Und wenn – wann zuletzt mit einem klassischen Federhalter?
Der Rezensent gesteht ein: wenn er zu einem Stift greift und mehr als einige wenige Sätze damit schreiben will tritt rasch ein Krampf in der Hand ein, das Schreiben wird zur Qual, das Geschriebene immer unleserlicher. Lange vorbei die Zeit, in der er seitenweise Tagebucheinträge verfassen konnte, ohne die geringste körperliche Mühe.
In einer Zeit, in der selbst Einkaufszettel mit dem Computer geschrieben und ausgedruckt werden, nimmt man höchstens noch für kurze Notizen oder eine Unterschrift einen Stift in die Hand. Und wenn dann einen Kugelschreiber oder Filzstift oder einen Ball Pen. Aber einen Bleistift? Oder gar einen Füllfederhalter…?
Angefangen hat die Geschichte der Schrift wohl mit Faustkeilspuren, die von den Jagderlebnissen unserer frühen Vorfahren erzählten. Die Sumerer erfanden die Keilschrift, die Perser verfeinerten diese und die Ägypter erschufen die Hieroglyphen, zunächst einfache symbolische Zeichen, nach und nach ein höchst komplexes System. Als Träger der Zeichen wurde das Papyrus erfunden, ein unserem Papier schon sehr ähnliches pflanzliches Produkt, geschrieben wurde mit den Stengeln der Papyruspflanze. Tusche wurde in Asien verwendet, um die chinesischen und japanischen Schriftzeichen zu setzen, von denen es mehr als 50 000 gab. Es waren die Griechen, die ein Alphabet entwickelten, wie es uns auch heute vertraut ist, die Römer entwickelten es weiter. In den mittelalterlichen Schreibstuben des Abendlandes wurden vorhandene Schriften händisch kopiert, denn der Buchdruck wurde erst Jahrhunderte später erfunden.
Schrift ist eines unserer ältesten und wichtigsten Kulturgüter, und untrennbar verknüpft mit dem Ergebnis – einem lesbaren Text – sind auch die Geräte, mit deren Hilfe das Wort weiterverbreitet wurde. Von den ersten Pflanzenstengeln, mit denen keilförmige Zeichen in weichen Ton gedrückt wurden bis zu aus edelsten Materialine gefertigten Federhaltern ist es ein langer Weg gewesen, der es wert ist, erzählt zu werden.
Das tut der prächtige Band Das große Buch der Schreibkultur, das in diesem Frühjahr bei h.f.ullmann erschienen ist. Kiloschwer, üppigst bebildert und kundig geschrieben ist dieses Buch ohne Übertreibung ein definitive Darstellung der Geschichte der Schrift und ihrer Werkzeuge. Der erste Teil besteht aus einem historischen Kapitel, das den Leser zurückbringt in die Höhlen von Lascaux und Altamira, wo der Mensch bereits versuchte, sich eine Erinnerung mittels Zeichnungen und Symbolen zu schaffen. Wir können im zweiten Teil die Entwicklung und Verfeinerung von Schreibgeräten bis in unsere Gegenwart miterleben – wobei auch “triviale” Produkte wie Kugelschreiber oder Filzstifte nicht übergangen werden – und erfahren im dritten Teil des Buches die Geschichte der großen Hersteller von Schreibwerkzeugen und -materialien wie Montblanc, Faber-Castell, Waterman oder Sheaffer, um nur einige zu nennen. Das alles hinterlegt mit unzähligen, oft wunderschönen Illustrationen, die die Geschichte der Schreibkultur erst so richtig lebendig werden lässt.
Abgerundet wird das mehr als 500 großformatige Seiten umfassende Buch durch Zeitleisten und ein Glossar. Und ebenfalls vorhanden ist ein “praktischer” Teil, in dem Fragen rund um Kauf und Pflege von hochwertigen Schreibgeräten beantwortet werden. Das große Buch der Schreibkultur ist eine wahrhaft prachtvolle Gesamtdarstellung und Liebeserklärung an jene kleinen Gegenstände, ohne die wir nicht wären, was wir sind.
awb
Die Autoren
Barbro Garenfeld, ist eine erfahrene Producerin von mehrsprachigen Sachbüchern für namhafte Verlage. Sie hat mit ihrem Gespür für traditionelle Werte und neue Trends den Schreibgerätemarkt durchforscht und aktuelle Informationen und Fotos aus aller Welt zusammengetragen.
Dietmar Geyer, Jahrgang 1946, erreicht mit seinen Publikationen über die faszinierende Welt der Schreibgeräte eine wachsende Zahl von begeisterten Lesern. Auf seine Anregung hin sind eine Reihe von Füllfederhaltern, Kugelschreibern und Drehbleistiften prominenter Marken entstanden. Seine private Sammlung umfasst mehrere Tausend Exemplare.


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