Florian Ross solo: Mechanism

“Mechanism” ist die 49. Pirouet-CD aus dem Hause Pirouet (Ralph Bürklin/Jason Seizer) seit Labelgründung 2003 – und die erste Veröffentlichung mit dem neuen Vertriebspartner Edel:Kultur (Hamburg).

Der Pianist, Komponist, Arrangeur und Jazz-Preisträger Florian Ross studierte Klavier und Komposition in Köln, London und New York bei John Taylor, Joachim Ullrich, Bill Dobbins, Django Bates, Don Friedman und Jim McNeely.

Bereits in jungen Jahren hat sich der 1972 in Pforzheim geborene und heute in Köln lebende dreifache Familienvater einen Namen als Komponist sowohl für Bigband und Orchester als auch für Trio und Quintett gemacht. “Mechanism” ist Florian Ross’ Debüt bei Pirouet, seine erste Solo-CD und sein 8. Album als Leader.

Florian Ross ist nicht nur Pianist, sondern vor allem auch Komponist, Gestalter von Klängen. Als solcher hat er sich in den letzten zehn Jahren mindestens europaweit einen Namen gemacht. Nicht von ungefähr wurde der 1972 in Pforzheim geborene Musiker bereits im Jahr 2000 mit dem ersten Preis des Thad-Jones-Wettbewerbs der Danish Radio Big Band ausgezeichnet. 2006 erhielt er den WDR-Jazzpreis für Komposition. Das Goethe-Institut schickte ihn als vorbildlichen deutschen Kulturexport nach Asien, Südafrika und Mittelamerika, an renommierten Musikhochschulen in sechs deutschen Städten unterrichtet er. Florian Ross ist ein Meister der Stimmführung, versteht es, viele Instrumentenstimmen außergewöhnlich raffiniert miteinander zu kombinieren.

Ob für das Vancouver Jazz Orchestra, das BMI Jazz Orchestra oder das Metropole Orkest – wenn es darum geht, Jazz für große Klangkörper schlank und besonders vielfarbig klingen zu lassen, dann ist Florian Ross eine gesuchte Adresse.

Dies ist seine erste CD als Solo-Pianist. 2004 hatte er zum ersten Mal ein Solo-Programm im Beethovenhaus in Bonn gespielt und immer mehr Gefallen an dieser völligen Gestaltungsfreiheit gefunden, gleichzeitig wuchs aber auch, wie er bekennt, der Wunsch, “solo zu spielen und doch nicht gänzlich allein zu sein”. Das Ergebnis hört man nun hier.

Zum einen Piano solo – ganz traditionell mit einem einzigen Pianisten zur selben Zeit. Und zum anderen “Solo-Piano plus Solo-Piano”. Und diese letztere musikalische Versuchsanordnung – also die Doppelung des Klaviers – nimmt Ross als Chance, “am Klavier live zu komponieren und zu orchestrieren”. Doch kam dabei kein Ego-Trip mit sich türmenden Tasten-Effekten heraus, sondern es entstanden Aufnahmen von poetischer Schönheit. Man kann sich in den betreffenden Stücken manchmal an ein mögliches Vorbild erinnert fühlen, das Ross aber aus Bescheidenheit nicht nennen würde: die Conversations with Myself, die 1963 der große Kammermusiker des Klavierjazz, Bill Evans, einspielte – allerdings noch mit klassischer Mehrspurtechnik, da ein Loop-Sampler noch nicht erfunden war.

Selbst-Dialoge und Monologe voller Intimität und feiner Besonnenheit sind jedenfalls Florian Ross’ Aufnahmen für die vorliegende Pirouet-CD. Und der Titel dazu ist ein besonders subtiles Understatement: Mechanism.

Mechanism, das klingt nach seelenloser Kälte mechanischer Abläufe – was dann durch die Aufnahmen Stück für Stück widerlegt wird. Das Titelwort lässt sich auch als hintersinniger Querverweis auf zeitgenössische Werke für sogenannte “mechanische Klaviere” lesen, also selbst-spielende Klaviere, die mit Hilfe von Lochstreifen in Gang gesetzt werden. Komponisten wie György Ligeti und Conlon Nancarrow haben faszinierende Stücke für solche Klaviere geschrieben, deren Präzision eben nicht zu kalter Glätte, sondern zu besonderer Intensität führte: Musik, die man denken, aber nicht mit herkömmlichen Mitteln realisieren konnte. Und Letzteres trifft auch auf die Stücke dieser CD zu – von denen eines den Titel György trägt und in vorwärtstreibend dichter Tonsprache wie eine gewitzte, nur eine Minute und drei Sekunden kurze und hinreißend beiläufige Hommage an den Ungarn klingt.

Auf dieser CD hört man Klaviermusik von erstaunlicher Vielfalt, die zugleich verblüffend homogen ist. Als Hörer kann man sich hineinversenken und die 17 Stücke wie eine lange Reise ins eigene Innenleben genießen. Da gibt es viele ungemein schöne Momente – ob in der fast schwindelerregenden Klangwelt des Titelstücks, in dem eine hohe, verfremdete Stimme mit schnellen Motiven Tänze wie in einer verschwommenen Traumsequenz vollführt. Oder in den Choral-artigen Stimmverläufen des Stücks Bridges, die sich dann allmählich auffächern im pianistischen Dialog. Oder auch: die kantigen Intervallsprünge in dem Stück Catflap, die einen faszinierenden Groove gerade durch scheinbar stockende Grundmotive entfalten; wie ein Ausdruckstanz der Tasten-Töne in langsamen, zackigen Bewegungen mutet die Musik dabei an – und plötzlich beginnen die Töne auch noch rückwärts zu erklingen.

Gerade der Wechsel zwischen Solo-Spiel und Doppel-Solo ist hier spannend – schöne Hör-Rätsel, die immer neuen Reiz entwickeln. Im Eingangsstück Round About, das wie ein Präludium dahintreibt und eine zeitgenössische Art wohltemperierter Klaviermusik einleitet, hört man Ross noch nicht in zweifacher Ausführung – das kommt dann erst im zweiten Track. If at All, Paying the Bill, Moment’s Notice, Sometime Ago, Mangroove und Quiet of the Evening sowie – der Titel sagt es – Better Alone sind ohne Loop. Ein Stück wie Nice to Meet You natürlich wieder mit.

Florian Ross, das merkt man nicht zuletzt an diesen Stücktiteln, ist ein ernsthafter Musiker mit viel hintergründigem Humor. Zu diesem Humor gehört es auch, dass ausgerechnet diejenigen Stücke, die sich auf Bill Evans beziehen lassen, eben keine Conversations with himself sind, sondern einfache Solo-Einspielungen. Etwa die zart hingehauchten Motive und fein ineinandergleitenden Harmonien des Stücks Paying the Bill: Sie lassen sich als raffinierte Reminiszenz hören, ebenso wie das Stück Sometime Ago, ein Standard, den zwar der Argentinier Sergio Mihanovich geschrieben hat, den aber eben Evans in vollendete Klavierform brachte – und dessen zart-impressionistischen Ton Florian Ross hier fortführt.

Sometime Ago und der John-Coltrane-Standard Moment’s Notice, der hier nicht kraftvoll voranstürmt, sondern nachdenklich innezuhalten scheint – wie ein festgehaltener Augenblick eben – sind die einzigen Standards auf dieser CD. Alle anderen Stücke sind Eigenkompositionen. In allen Stücken, den eigenen wie den beiden geliehenen, zeigt Florian Ross, wie groß sein musikalisches Vokabular ist und wie viele musikalische Idiome er überzeugend zu seinen eigenen machen kann. Sie klingen dann wie eine individuelle Sprache.

Das ist auch – und vielleicht sogar besonders – bei den Stücken für vier Hände und einen Kopf der Fall. Diese Aufnahmen bleiben eben nicht im Labor-Experiment stecken – es sind übrigens Kompositionen, die auch live solo von Ross aufführbar sind -, sondern entfalten eine faszinierende Natürlichkeit. Es sind Einspielungen, die in ihrer Form und Anlage höchst selbstverständlich wirken; so, als würden Solo-Pianisten schon immer allein zu zweit mit einem Sampler dialogisieren. Und so wird eine Erweiterung durch Live-Sampling, die bei einem Instrument wie der Gitarre schon fast zu einem Standard-Ausdrucksmittel des heutigen Jazz geworden ist, auch hier absolut sinnfällig.

Bei Florian Ross’ zweifachem Solo-Piano entsteht keine Note zuviel. Es gibt kein “erstes” und kein “zweites” Klavier, sondern einfach eine fesselnde Klangwelt aus zugleich organisch und höchst spannend miteinander verwobenen Stimmen. Und: Es entsteht eine Homogenität der Gestimmtheit, die wiederum mit zwei unterschiedlichen Pianisten so kaum möglich wäre.

Die Musik von Florian Ross ist eine Musik mit vielen Schichten. Die Stücke mit nur einem Klavier haben oft eine aphoristische Leichtigkeit, unter der stets ein ganz tiefer Grund zu vermuten ist. Und wenn er zwei Klaviere überlagert, dann ist das eine konsequente Umsetzung des jeweiligen kompositorischen Reichtums. Ross gelingt es in diesen siebzehn Takes, den Hörer in sinnliche Schönheiten voller Hintergründigkeit zu entführen. Es ist immer eine Dimension mehr dahinter, als man aufs erste ahnt. Und trotzdem wirkt kein Takt anstrengend. Es ist ein Vergnügen, diesen Monologen und Dialogen zu folgen – und ein Genuss, eine Musik zu hören, die so wenig Wind macht und doch so viel in sich hat. Mechanism voller Substanz und Seele.

Mit Mechanism präsentiere ich nun ein Programm für Solo-Piano plus Solo-Piano, was mir nicht nur die Möglichkeit gibt, „im Moment“ noch kompositorischer mit dem Klavier umzugehen, sondern was sich problemlos live mit einfachsten Mitteln umsetzen lässt. Durch den spontanen Einsatz des Loopers bleibt die improvisatorische Freiheit erhalten und wird mir überdies ermöglicht, am Klavier live und im Moment zu orchestrieren und komponieren.

Florian Ross

Mechanism

1. Round About 4:08 2. Bridges 4:05 3. György 1:03
4. If at All 3:50 5. Paying the Bill 2:39 6. Silver Spur 1:17
7. Take Your Time 2:46 8. Blade Runner 2:05 9. Mechanism 3:45
10. Rondo Nr. 1 6:00 11. Moment’s Notice 3:25 12. Catflap 2:00
13. Sometime Ago 5:01 14. Mangroove 2:06 15. Better Alone 2:37
16. Nice to Meet You 3:44 17. Quiet of the Evening 4:58

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