Der Dichter als Bahnreisender

Wenn einer, der mit der Bahn unterwegs ist, in diesen Tagen und Wochen anderthalb Stunden zu spät kommt, dann kann das verschiedene Gründe haben. Tief Klara könnte die Weichen verhärtet haben, der Bahnhof könnte vor lauter Weihnachtsmarktbuden unauffindbar geworden sein oder Glühwein den Geist des Reisenden so verwirrt haben, dass er sich im Bahnsteig irrte.

Wäre Wiglaf Droste Münchhausen, er hätte sich auf einer Kanonenkugel von Berlin nach Düsseldorf gebeamt, um pünktlich seinen Auftritt zu beginnen, aber der Mann sagt nun einmal gerne die Wahrheit, und so erfuhr das geduldige Publikum im Düsseldorfer Zakk gestern Abend, dass es ein äußerlich wie innerlich hässlicher, uniformierter Mensch war, der, bar jeder Erziehung, Drostes Reise am Berliner Hauptbahnhof derart verzögerte, dass es halt alles in allem recht spät wurde. Dass diese Leute, die doch “nur ihre Pflicht tun und für unser aller Sicherheit arbeiten” dem Terror der anderen Seite durchaus ähnliches entgegen setzen weiß ich selber nur zu gut; seit dem Sommer 1977 spüre ich die Stelle, an der die Mündung einer Maschinenpistole aufgesetzt wurde, weil ich meinen Ausweis nicht schnell genug heraus gezogen habe. Bis heute habe ich zu aknezerfressenen Köpfen, die aus einer Uniformjacke lugen und nicht einmal über rudimentäre Kenntnisse von Respekt und Höflichkeit verfügen, ein eindeutiges Verhältnis.

So ähnlich war es denn wohl auch gestern in Berlin; mehr sei an dieser Stelle dazu nicht gesagt, vielleicht wird man von Droste darüber lesen oder hören.

Letztendes hatte diese Geschichte denn aber für den Fortlauf des Abends viel Gutes, Droste, der buchstäblich mit Mantel, Hut und Reisegepäck die Bühne bestieg, war aufgekratzt wie selten, und der Auftritt wurde weit mehr als eine Lesung seiner Texte, immer wieder unterbrach sich der Autor, um extempore zu erzählen. So über das von einem Schmähtext aus Titaniczeiten vor 20 Jahren bestimmte Verhältnis zum Grüßpunk Campino – immerhin eine Düsseldorfer Lokalgröße – der Droste dafür einst “ein paar in die Fresse” versprochen hatte. Dazu kam es zwar nie, mangels gemeinsamer Berührungspunkte (Droste: “Ich mache Musik – er nicht. Ich singe – er nicht. Ich schreibe Texte – er nicht”), dafür aber gab es eine zufällige Begegnung der Beiden vor wenigen Tagen in einem Zug der Bundesbahn, die Droste sehr souverän meisterte. Was ihm und dem Publikum beim Erzählen sicht- und hörbar Spaß machte.

Ich habe Wiglaf Droste schon etliche Male auf der Bühne erlebt, und immer waren es brilliante Abende, aber so gut wie gestern Abend hat er mir noch nie gefallen. Gerade diese Selbstunterbrechungen, diese spontanen Gedankenläufe und dieser sein ganz offensichtlicher Spaß an dem, was er macht, das darf nicht verpuffen. Aus dem langen privaten Gespräch nach dem Auftritt entnehme ich, dass es nicht nur die explosive Energie war, die Droste aus seinem zuvorigen Erlebnis am Berliner Hauptbahnhof schöpfte und in seinem Sinne umzusetzen wusste, er scheint selber in einer Umbruchphase zu stecken, die sich auch auf seine Auftritte und die Interaktion mit dem Publikum auswirkt, hoffentlich weit über den gestrigen Abend hinaus. Sie sollten sich davon überzeugen, bei einem der nächsten Termine.

awb

Do. 25.11.10 20:00 Dülmen, Aula des Schulzentrums (mit Fritz Eckenga)
Fr. 26.11.10 20:00 Dortmund, Fritz Henßler Haus (mit Fritz Eckenga)
Sa. 27.11.10 20:00 Hiddenhausen, Aula Olaf-Palme-Gesamtschule (mit Fritz Eckenga)
Di. 30.11.10 20:00 Augsburg, Abraxas (mit Danny Dziuk)
Mi. 01.12.10 20:00 München, Laab (mit Danny Dziuk)
Fr. 03.12.10 20:00 Bamberg, Odeon (mit Danny Dziuk)
Di. 07.12.10 19:30 Menden, Wilhelmshöhe (zu Gast bei Christine Westermann)
Mi. 08.12.10 20:00 Gütersloh, Die Weberei
Sa. 11.12.10 20:00 Leipzig, Horns Erben (mit Stefan Schwarz)
So. 12.12.10 20:00 Halle, Objekt 5 (mit Stefan Schwarz)
Fr. 07.01.11 20:00 Bielefeld, Kamp
Sa. 08.01.11 20:00 Bremen, Lagerhaus
So. 09.01.11 20:30 Leipzig, Schaubühne Lindenfels (Der Malteser Falke – zum 50. Todestag von Dashiell Hammett)
Mo. 10.01.11 20:00 Berlin, Eiszeit Kino (Der Malteser Falke – zum 50. Todestag von Dashiell Hammett)

Wiglaf Droste

Auf sie mit Idyll!

Mo. 10.01.11 20:00

Karten beim Eiszeit Kino Tel. 030 611 60 16 oder bei der Hammett-Krimibuchhandlung Tel. 030 691 58 34, info@hammett-krimis.de

Mi. 12.01.11 20:00 Kiel, Studio Kino
Do. 13.01.11 20:00 Lübeck,Das Filmhaus
Fr. 14.01.11 20:00 Hamburg, Uebel & Gefährlich
Di. 18.01.11 20:00 Frankfurt, Mousonturm
Mi. 19.01.11 20:00 Marburg, Waggonhalle
Do. 10.02.11 20:00 Hoyerswerda, Kulturfabrik
Fr. 11.02.11 19:30 Zittau, Gerhart-Hauptmann-Theater
Sa. 12.02.11 20:00 Lichtentanne bei Zwickau, St. Barbara
Do. 10.03.11 20:00 Berlin, Heimathafen Neukölln
Fr. 11.03.11 20:00 Greifswald, Koeppenhaus (“Peter Hacks”)
Sa. 12.03.11 19:30 Rostock, Peter-Weiss-Haus
Do. 07.04.11 20:00 Dresden, Scheune
So. 17.04.11 20:00 Chemnitz, Theater
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