…und morgen die ganze Welt – Das Phänomen Facebook

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Ganz allmählich schlich es sich in unser Bewusstsein, ich könnte selber nicht mehr sagen, wann ich das erste Mal von Facebook hörte, aber lange kann das noch nicht her sein.

Die Idee der sozialen Netzwerke kam schon in einer frühen Phase des Internets auf, und heute gibt es, entweder in einer Zielrichtung vorgegeben (Businessleute, Schüler, Studenten) oder weitgehend offen (MySpace, Netlog, Facebook), zahlreiche Projekte dieser Art. Doch keins davon ist derart explosionsartig gewachsen wie Facebook, eine halbe Milliarde Menschen weltweit soll bei Facebook registiert sein.

Der Vorzug eines solchen Netzwerks für die User liegt anscheinend klar auf der Hand – inhaltlich und örtlich unbegrenzte Kommunikation über alles und jedes. Dem Freund in New York kann man die Bilder seiner Ausstellung oder des Geburtstags oder vom letzten Auftritt schicken, dessen Freunde können das auch sehen und vielleicht gut finden, und schon entstehen neue Freundschaften und daraus resultierend vielleicht mehr …

Schöne neue Welt – nur leider auch mit sehr dunklen Ecken. Und in die gerät man leicht, wenn man sich und sein Tun bei Facebook nicht ständig hinterfragt. Und viel zu wenige machen dies offenbar, sie geben Informationen über sich und seine Lebensumstände preis, die sie tunlichst für sich behalten sollten, aus vielfältigen Gründen. Denn diese Informationen interessieren nicht nur andere Mitglieder, die ihr Wissen vielleicht auf die eine oder andere Weise missbrauchen könnten, diese Informationen interessieren vor allem auch Facebook. Denn Facebook ist kein altruistischer Freund, Facebook ist ein Unternehmen, und Unternehmen haben nie etwas zu verschenken, jedenfalls nicht ohne Hintergedanken.

Der österreichische Journalist Jakob Steinschaden hat sich in das Facebookuniversum begeben und darüber ein ebenso informatives wie spannendes Buch geschrieben. Er ist ins kalifornische Silicon Valley gereist, hat vor Ort recherchiert und von zahlreichen Gesprächspartnern Informationen erhalten, die das Entstehen, das Wirken und die Absichten von Facebook erklären. Ein Buch, das mehr als eine halbe Milliarde Menschen interessieren sollte.

Das Herrenzimmer hat mit Jakob Steinschaden über sein Buch und das Phänomen Facebook gesprochen.

Ein vergleichsloser Sog – Jakob Steinschaden über das Phänomen Facebook

Herr Steinschaden, Sie sind bei Facebook, ich bin bei Facebook, und Vierhundertneunundneuzig Millionen Neunhundertneunundneuzigtausend-neunhundertachtundneunzig weitere Menschen ebenso – warum?
Facebook hat einen vergleichslosen Sog entwickelt, dem sich offenbar immer weniger Menschen entziehen können. Je mehr dabei sind, desto stärker wird der soziale Druck auf jene, die nicht dabei sind. Da Facebook ein geschlossenes System ist – versuchen Sie mal, eine Nachricht nach draußen zu schicken – findet eine Exklusion statt, etwa bei Party-Einladungen. Es werden 3,5 Millionen Veranstaltungen pro Monat eingetragen, wer nicht bei Facebook ist, erfährt möglicherweise nichts davon.

Kann man, können Sie die Frage “Findest du Facebook gut?” mit einem simplen Ja oder Nein beantworten?
Nein, kann ich nicht. Ich sehe mich als jemand, der sich kritisch mit der Webseite und der Firma auseinander setzt.

Wie nutzen Sie persönlich diese Plattform?
Um ehrlich zu sein, nutze ich Facebook in den vergangenen Wochen vor allem dazu, mein Buch zu promoten. Mein Freundeskreis ist überraschenderweise nicht sonderlich aktiv bei Facebook.

Vor zwei Jahren sprach hierzulande noch kaum jemand von Facebook – was hat dieses Netzwerk inzwischen richtig gemacht?
Facebook kann unheimlich schnell auf Trends aufspringen und nimmt damit anderen Web-Diensten Wind aus den Segeln. Gerade sind etwa Handy-Ortungsdienste wie Foursquare aufgetaucht, und schon startet Facebook mit “Places” eine sehr ähnliche Funktion. In Summe heißt das: Man muss nicht mehr auf andere Webseiten, da man bei Facebook sowieso alle Funktionen (z.B. auch Spiele) zur Verfügung gestellt bekommt.

Die Facebookidee ist nicht wirklich etwas Neues, ähnliche Projekte gab und gibt es weltweit – wieso sind die auf der Strecke geblieben?
SixDegrees.com
in den späten Neunzigern war einfach zu früh dran, damals gab es vergleichsweise wenig Internet-Nutzer. Friendster ein paar Jahre später hat die Nutzer mit Server-Ausfällen und und kontroversen Entscheidungen bezüglich dem Umgang mit falschen Namen verärgert. MySpace schließlich wurde bald an die News Corporation von Rupert Murdoch verkauft, und dann standen Profite und nicht Innovation im Fokus. All das ist diesen Online-Netzwerken auf den Kopf gefallen, und Facebook vermeidet tunlichst die Fehler, die diese Firmen gemacht haben.

Beim Lesen Ihres Buches hat mich als Laien überrascht, wer überall wo die Finger mit drin hat. Da denkt man, dieser Tom, der einen bei MySpace als neues Mitglied begrüßt sitzt in seiner Studentenbude und freut sich über jeden neuen Kontakt, stattdessen hält er nur die Nase für die Leute im Hintergrund hin – war es auch für Sie neu, wie eng die Verflechtungen zwischen den ganz großen Webprojekten tatsächlich ist?
Bei Web-Firmen aus dem Silicon Valley sind diese Verflechtungen gang und gäbe, deswegen war ich nicht grundsätzlich überrascht. Allerdings sind diese versteckten Beziehungen, die ich in meinem Buch detailliert schildere, hochinteressant. So habe ich etwa herausgefunden, dass U2-Sänger Bono Vox Anteile an Facebook hält.

Sie haben vor Ort im Silicon Valley recherchiert und viele Leute und Orte dort besucht – in was für eine Welt gerät man da als Außenstehender?
Als ich durch Palo Alto, dem Firmensitz von Facebook etwa 45 Autominuten südlich von San Francisco, gefahren bin, habe ich mich in den Film “Truman Show” mit Jim Carrey hineinversetzt gefühlt. Die Kleinstadt im Herzen des Silicon Valley entspricht fast jeden Klischee über US-Vorstädte: Weißlackierte Gartenzäune, hübsche Einfamilienhäuser, Kreidezeichnungen der Kinder in der Hauseinfahrt, die pure Langeweile.

Die Deutschen, vielleicht auch die Österreicher? sind ja immer schnell etwas hysterisch, was vermeintliche oder reale Gefahren im Internet angeht, die Google Street View Aufregung ist ein aktuelles Beispiel, und auch Facebook hat natürlich viele Kritiker, die sich um den Schutz persönlicher Daten Sorgen machen – wie schätzen Sie als Beobachter der Internetwelt die tatsächlichen Fallen ein, die zum Beispiel bei Facebook lauern?
In den vergangenen Monaten haben sich die Fälle gemehrt, in denen Menschen durch unbedachte Nutzung von Facebook zu Schaden gekommen sind. Facebook hat in wenigen Jahren sehr viele Umstellungen bezüglich der Öffentlichkeit von Nutzerdaten gemacht, und ich glaube nicht, dass alle 500 Millionen Nutzer so schnell mitgelernt haben, wie man mit der immer größeren Öffentlichkeit umgeht.

Seitdem ich bei Facebook einen Account habe frage ich mich oft: “Womit verdienen die eigentlich Geld?” Es heißt mit Werbung, aber ich habe auf meinen Facebookseiten noch nie Werbung gesehen. Liegt das an meinem Ad-Blocker? Und wenn ja, gibt es wirklich Menschen, die einen Browser ohne Ad-Blocker betreiben?
Facebook macht sein Geld mit Werbeeinbeldungen in den Profilen, derzeit aber vor allem in den USA. Dort wird jede vierte Online-Werbung bei Facebook geschaltet. In Europa wird noch auf kleiner Flamme gekocht und man bekommt nur drei bis vier kleine Anzeigen rechts im Profil. Das wird sich aber bald ändern, den Facebook hat sein Mitteleuropa-Team verstärkt und wird den Werbedruck wohl bald erhöhen. Außerdem bastelt die Firma an neuen Einnahmequellen: Facebook Credits kann man in den USA bereits im Supermarkt als Rubbelkarte kaufen, mit ihnen bezahlt man virtuelle Güter in Facebook-Spielen. Um auf die Frage zurückzukommen: Ja, natürlich gibt es viele Menschen, die ohne AdBlocker surfen.

Spiegel Online meldet soeben: “Konzerne sperren Mitarbeitern Facebook-Zugang. Eine ganze Reihe von Dax-Konzernen verbietet im Büro die Nutzung des sozialen Netzwerks. Offiziell aus Sicherheitsgründen – doch die Firmen fürchten wohl auch, dass ihre Angestellten zu viel Zeit vor dem Computer vertrödeln.” Auch beim deutschen Netzwerk Xing kann man ganz einfach beobachten, wie da in Online-Diskussionen über jedes noch so banale Thema unendliche Arbeitsstunden verbrannt werden. Werden jetzt in den Firmen vielleicht ein paar Entscheider wach und ziehen die Notbremse? Und könnte das für Facebook eine Gefahr werden?
Ja und nein. Facebook ist vor allem zu einem Büro-Phänomen geworden, weil dort die Menschen vor einem Computer sitzen und bei Langeweile auf die Webseite surfen. So kommen die hohen Verweilzeiten (im Schnitt 50 Minuten pro Tag) zu stande, die Facebook braucht, um möglichst viel Werbung an den Mann bringen zu können. Diese Zeit fehlt natürlich, wenn Facebook für viele Mitarbeiter gesperrt wird. Auf der anderen Seite wird nichts so reizvoll wie durch ein Verbot: Wenn die Mitarbeiter nicht am Computer auf Facebook zugreifen können, werden sie es eben am Handy tun. Außerdem gibt es bereits den Umkehr-Trend: In Kommunikationsberufen ist es oft erwünscht, dass Mitarbeiter bei Facebook, Xing, Twitter etc. aktiv sind – weil sie dort eine Firma und Marke vertreten können.

Welche offiziellen Ziele hat sich Facebook für die nächste Zukunft nach Ihrem Wissen gesetzt?
Die Eroberung der Handy-Welt steht ganz oben auf der Agenda von Mark Zuckerberg.

Gibt es Reaktionen seitens Facebook auf Ihr Buch?
Nein, bis dato nicht. Ich habe DACH-Chef Scott Woods mein Buch persönlich überreicht. Hoffentlich liest er es.

Wenn man Ihr Buch liest sieht man: Sie besitzen ein immenses Wissen über das, was in dieser Szene an Potenzial steckt – warum sitzen Sie nicht längst in Silicon Valley mit ein paar anderen Jungs und brüten an einer Idee, die sie wenig später für dickes Geld verkaufen können? Stattdessen arbeiten Sie für ein aussterbendes Medium, eine Tageszeitung…
Mein Ziel war nie, Unternehmer zu werden, sondern Journalist. Die Tageszeitung mag ihre besten Tage hinter sich haben, aber das Internet bietet genug Raum und Publikum für guten Journalismus. Ich schreibe nicht fürs Papier, sondern für den Leser.

Können Sie uns drei Szenarien rund um Facebook nennen, die in den nächsten fünf Jahren denkbar wären?
1. Facebook wird wahrscheinlich 2012 an die Börse gehen.

2. Der Werbedruck wird weiter steigen, und jedes neue Produkt wird es zum Ziel haben, noch genauere Daten über die Nutzer zu erheben.

3. Es wird die so genannte “Facebook Fatigue”, also eine Facebook-Müdigkeit einsetzen: Die Nutzer werden immer weniger heikle Daten online stellen, was die Plattform in Summe für neugierige Nasen weniger interessant macht. Wenn das einsetzt, wird sich die Spirale nach unten drehen und die Nutzung abnehmen.

Die Fragen stellte awb

Steinschaden, Jakob
Phänomen Facebook

Wie eine Webseite unser Leben auf den Kopf stellt
Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2010
200 Seiten, Hardcover m. Schutzumschlag
EUR 19.95 / sFr 34.80
978-3-8000-7488-4

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