Unendlicher Spaß

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“Ich wollte nur raus. Ich wollte nicht mehr mitspielen, das ist alles.”

Der Freitod des Fußballspielers Robert Enke im vergangenen Herbst lenkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für einige kurzen Wochen auf eine Krankheit, die, wie der Schweizer Autor Hermann Burger es formulierte, “schlimmer ist als der Tod – sie ist der Tod bei vollem Bewusstsein.” Das Thema Depression als Krankheit füllte Nachrichten, Feuilletons und Diskussionsrunden, es wurde viel Dummes und manchmal etwas Kluges darüber gesprochen und geschrieben, und inzwischen ist man längst zu anderen Themen weitergezogen. Zurück bleiben die Betroffenen, die sich einer medizinischen Versorgung auf dem Stand der Chirurgie vor 50 Jahren ausgeliefert sehen, die mehr hilflos als zielgerichtet im Nebel der menschlichen Psyche herumstochert, aus Hilflosigkeit querbeet Medikamente verschreibt oder mit psychotherapeutischen Maßnahmen mehr Schaden anrichtet als nützt. Kein Wunder, dass der Suizid bei an Depression erkrankten Menschen die Todesursache Nr. 1. ist.

Auch David Foster Wallace hat es “nicht geschafft”, im September 2008 nahm sich der amerikanische Schriftsteller, zu der Zeit längst ein Popstar unter den zeitgenössischen Literaten das Leben. Er wurde 46 Jahre alt. Zuvor hatte er mehr als 20 Jahre lang sein Leiden mit Medikamenten und sogar Elektroschocks bekämpft, was zumindest soweit etwas brachte, dass er als Professor für englische Literatur und Creative Writing am Pomona College in Claremont, Kalifornien, arbeiten konnte und seit 1987 etliche Bücher veröffentlichte. Darunter der von der Kritik als Jahrhundertwerk gefeierte, mehr als 1600 Seiten starke Roman Infinite Jest (Unendlicher Spaß), der vom TIME-Magazin zu einem der 100 einflussreichsten Romane seit 1923 gewählt wurde. Die WELT schrieb über Infinite Jest: „Irrlichternde Abrechnung mit der Spaßgesellschaft, überbordend, voller postmoderner Finessen, mal Zukunfts- und mal Bildungsroman, mal Satire und letztlich bodenlos traurig.“ Eine ausführliche Inhaltsangabe zu diesem erst im vergangenen Jahr auch auf Deutsch erschienen Roman, der jahrelang als unübersetzbar galt, findet man bei Wikipedia. Der Übersetzer Ulrich Blumenbach arbeitete sechs Jahre an der deutschen Fassung.

Beim Hörverlag ist soeben eine Doppel CD erschienen, auf der man den Livemitschnitt einer öffentlichen Lesung von Texten aus Unendlicher Spaß miterleben kann. Diese Lesung fand im vergangenen Jahr im Kölner Schauspielhaus statt, und teilgenommen haben zahlreiche prominente Interpreten, so Manfred Zapatka, Joachim Król, Maria Schrader und Harald Schmidt. Es sei an dieser Stelle gleich gesagt: grandios arbeiten sich die Vorleser durch die komplizierten, verschachtelten und oft genug bizarren Satzkonstruktionen des Autors hindurch. Solche Texte würde mancher sicher lieber im Aufnahmestudio lesen, wo immer und immer wiederholt werden kann, bis es sitzt. Auf einer Bühne vor Publikum Wallace lesen, das hat es in sich. Von den Originaltexten auf den beiden CDs her ist dieses Hörbuch ein wahres Erlebnis und macht unstillbare Lust aufs Lesen des gesamten Werkes.

Nicht ganz so glücklich ist der Rezensent mit den anderen Teilen des Abends. Die Begrüßung der Zuschauer fällt langatmig aus, die Moderation ist gequält witzelnd, und die Gespräche sind teils von schlechter Tonqualität, was sie zwar nicht uninteressant macht, aber stellenweise schwer verständlich. Besonders fällt das auf in der Gesprächsrunde zwischen Autor Elmar Krekeler, Übersetzer Ulrich Blumenbach, Kritiker Dennis Scheck und Verleger Helge Malchow vom Kiepenheuer und Witsch Verlag (bei dem Unendlicher Spaß erschienen ist), letzterer leistet sich auch noch während des Gespräches den Ausdruck Selbstmord für Wallace’ Suizid, ein Intellektueller sollte eigentlich wissen, dass Suizid Selbsttötung bedeutet und der Begriff Selbstmord einem religiösen Vorurteil und einer veralteten Rechtsauffassung entspringt.

Fazit: ein Hörbuch, das in den Lesungen der Texte aus Unendlicher Spaß ein wirkliches Ereignis wiedergibt, während die übrigen Teile des Abends aus den genannten Gründen nicht wirklich zu loben sind. Dennoch: der Mitschnitt ist tiefgründig, satirisch, spannend, originell, eindrucksvoll und traurig zugleich und stellt somit einen würdigen Einblick in Wallace’ Buch dar. Darum erhält das Hörbuch unsere klare Empfehlung.

awb

“Dieses Buch ist ein Geisteszustand.” (Iris Radisch)

-> Die ZEIT über Unendlicher Spaß

 
 
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