Heino Jaeger – Erinnerungen von Olli Dittrich

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Olli Dittrich. Foto: Mathias Bothor

Bademantel, Badeschlappen, Bier und Blabla – seit Jahren irrlichtert ein gewisser Dittsche im deutschen Fernsehen herum und erklärt die Welt. Olli Dittrich ist der Dittschedarsteller und hat mit dieser Figur eine Popularität gewonnen, die mit der von Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling vergleichbar ist.

Dittrich wurde bundesweit bekannt durch die RTL Reihe RTL Samstag Nacht, die von Jacky Dreksler produziert wurde und in der er vor allem im Zusammenspiel mit Wigald Boning brillierte. Und auch als Musiker und Komponist ist der in Hamburg aufgewachsene Komiker und Schauspieler tätig – fürwahr eine beeindruckende Bandbreite an Kreativität, die seit 2004 um den Dittsche bereichert wird.

Für Olli Dittrich ist der 1938 geborene Maler, Graphiker und Satiriker Heino Jaeger ein ganz besonders genialer Kollege, dessen Skurrilität unerreicht ist und wohl auch bleiben wird. Jaeger, der bereits 1997 starb, war überregional einem breiten Radiopublikum bekannt, das er vor allem mit seinen Sketchen rund um Praxis Dr. Jaeger verblüffte, in denen sich die uns allen bekannte Welt in eine bizarres Paralleluniversum verwandelte. Damit Heino Jaeger nicht vergessen wird hat Dittrich häufig Lesungen mit dessen Texten abgehalten. Das Herrenzimmer hat mehrfach über wiedererschienene Tonträger von Heino Jaeger berichtet sowie Erinnerungen von Knut Kiesewetter an seinen Freund veröffentlicht.

Nun gibt es eine interessante Neuigkeit, was Olli Dittrich und Heino Jaeger bestrifft: Ein Film ist in Planung, der sich mit dem Leben des Dr. Jaeger befasst, und Dittrich wird darin die Hauptrolle spielen. Das Drehbuch schreibt Rocko Schamoni, die Regie führt Lars Jessen. Nach dem Buch “Man glaubt es nicht” von Joska Pinschovius wäre dieser Film gewiss ein weiteres angemessenes Denkmal für den komischen Herrn Jaeger. Das Herrenzimmer hat das Filmprojekt zum Anlass genommen, Olli Dittrich über seine Erinnerungen an und seine Bewunderung für Heino Jaeger zu befragen. Zudem Heino Jaegers Geburtstag sich am 1. Januar zum 72sten Mal jährt.

“In einer Hochbegabung finden Sie nie eine Buchhalterseele.”

Olli Dittrich, erinnern Sie sich daran, wie Sie Heino Jaeger zum ersten Mal gesehen haben?

Natürlich. Das war irgendwann in den frühen 80er Jahren in der Lebensmittelabteilung des Hamburger “Alsterhauses”. Jaeger stand vor einem Konservenregal, hielt eine Champignon-Dose in der Hand und las sich murmelnd und unter gelegentlichem Kopfschütteln oder Lächeln die Ingredenzien vor. Ein sehr skurriler, sehr komischer Moment.

Sein Werk habe ich schon viel früher wahrgenommen. In den späten 70er Jahren steckte mir ein Freund eine überspielte Cassette mit der LP “Meisterstücke” zu. Von da an war ich regelrecht infiziert und habe versucht, alles zu bekommen, was es von Jaeger gab. Das waren aber im Wesentlichen die Alben “Wie das Leben so spielt”, “Praxis Dr. Jaeger” und eben “Meisterstücke”.

Live auf einer Bühne habe ich ihn per Zufall nur einmal, bei einer Veranstaltung im Hamburger Audimax zugunsten des “Frauenhauses” erlebt. Zwischen den Dixie-Kapellen traten Spaßmacher auf, um den Umbau der Bands zu überbrücken. Jaeger saß auf einem Stuhl und gab mit schwer verständlicher, verstellter Stimme eine Ordensschwester, die über die Ausfahrt nach “Gent und Brügge” berichtete. Irgendwann, mitten in der Nummer, als die Unruhe im Publikum immer größer wurde, schlich sich hinter ihm Moderator Henning Venske heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und bedeutete ihm, aufzuhören. Es sei jetzt genug. Sonderbarer Moment.

Venske bremst Jaeger aus – unglaublich! Was fiel Ihnen beim ersten Hören zunächst auf, das norddeutsche Idiom oder das, was er erzählte?

Unbedingt das, was er erzählt. Der Norddeutsche Zungenschlag ist ja auch nur ein, wenn auch sehr häufig von ihm eingesetzter Dialekt. Seine Figuren sprechen aber auch Rheinländisch, Bayerisch, Fränkisch, Sächsisch oder sie berlinern. Unerreicht aber ist seine Intuition für den relevanten, komischen Moment, seine Beobachtungsgabe und seine Treffsicherheit in der Wiedergabe. Vor keinem Milieu, keinem Genre, keinem Thema, keiner Person hat er Halt gemacht. Und stets das Hochkomische darin aufgespürt, um ein paar Grad weitergedreht, mit seinem genialen Nonsens angereichert, dass es noch nicht mal auf den ersten Blick zu bemerken war.

Ich glaube, dass er deshalb auch so vielen nicht geheuer war. Er war nicht kabarettistisch genug sondern viel zu nah dran an der Wahrheit.

Ich erinnere mich, wie mir beim ersten Hören von Heino Jaeger im Radio das Werkzeug aus der Hand fiel – wissen Sie denn auch noch, was Ihnen da beim Hören durch den Kopf ging?

Nein, konkrete Gedanken erinnere ich nicht. Nur, dass er etwas ganz Besonderes in mir angeschwungen hat. Er sprach mir einfach aus der Seele und traf zu 100% meinen Humor. Egal womit. Bei Jaeger stimmt jeder Ton.

Haben Sie Heino Jaegers Werk danach kontinuierlich verfolgt?

Es war gar nicht möglich, seine Arbeiten kontinuierlich zu verfolgen. Nach drei LP, die zudem bei Erscheinen schon Flops waren – “Praxis Dr. Jaeger” war vielleicht eine kleine Ausnahme – wurde Jaeger ja nirgendwo wirklich publiziert. Das Meiste verschwand kurz nach der Aufnahme in irgendwelchen Pappkartons und tauchte erst nach 20 Jahren oder später wieder auf. Ähnlich erging es seinen Zeichnungen und Gemälden. Mittlerweile habe ich unendlich viele Stunden Jaeger-Material, unveröffentlichte Juwelen, die von Kennern und Liebhabern in den letzten Jahren entdeckt, kopiert und weitergereicht wurden.

Olli Dittrich. Foto: Mathias BothorIch kenne – Sie sicher auch – Menschen, die beim Hören von Heino Jaeger nicht eine Miene verziehen, und zugleich andere, die fassunglos vor Ergriffenheit sind – wie erklären Sie diese extreme Bandbreite an Reaktionen?

Die einen begreifen’s, die anderen nicht.

Heino Jaeger war ein psychisch sehr kranker Mensch – hat seine Art des Humors Ihrer Meinung nach aus dieser Erkrankung geschöpft? Wäre ein solcher Humor in einem “gesunden” Kopf überhaupt denkbar?

Ach, der Versuch einer solchen Analyse ist müßig und überflüssig. Man weiß doch im Grunde, wie es sich damit verhält. Valentin war in gewisser Weise auch gestört und nur begrenzt sozial kompatibel, war ein Despot und fiel mitunter gnadenlos penetrant und bestimmend seinem Umfeld zur Last.

Ähnliches erzählt man sich von Chaplin oder W.C. Fields und Buster Keaton soll depressiv gewesen sein. In der bildenden Kunst, der Musik, der Schriftstellerei finden sich in den Biografien bedeutender Meister immer Leute, die zwischen Genie und Wahnsinn pendeln. Ohne Exzentrik, neurotische oder psychotische Veranlagungen sind geistige Quantensprünge, weit über den Tellerrand hinaus, doch gar nicht möglich.

In einer Hochbegabung finden Sie nie eine Buchhalterseele. Und so war es mit Jaeger auch. Oder – wie ich es mal gelesen habe: Jaeger war gelebte Anarchie.

Heino Jaeger hat früh aufgehört zu arbeiten und ist bereits vor 13 Jahren gestorben – massenkompatibel wäre er aber auch bei längerer Schaffenszeit wohl nie geworden?

Schwer zu sagen. Das hätte man vor 30 Jahren über Helge Schneider vielleicht auch gesagt. Die Zeiten haben sich geändert, was mediale Präsenz und Möglichkeiten zur Verbreitung anbetrifft. Jaeger hätte heutzutage zumindest sehr viel mehr Möglichkeiten, publiziert und wahrgenommen zu werden. Und könnte ganz sicher auf mehr Offenheit und Toleranz beim Publikum hoffen.

Sie bewundern Heino Jaeger, und Ihre sicher bekannteste Kunstfigur ist seit Jahren der “Dittsche” – irrlichtert in Dittsches Körper und Geist etwas von Heino Jaeger herum?

Nicht konkret in der Figur Dittsche. Die hat mit meinem eigenen Wahnsinn genug zu tun. Aber mein Faible für das möglichst Reale – in Szenen und Figuren – gerade wenn sie gänzlich erfunden sind, entspricht schon sehr dem Jaegerschen Geist. Auch wenn dieser unerreicht ist und immer bleiben wird.

Es soll, soweit meine Informationen, eine Verfilmung von Heino Jaegers Leben in Planung sein, mit Ihnen in der Hauptrolle. Basiert dieser Film auf Joska Pintschovius Erinnerungen? Können Sie über das Projekt bereits etwas erzählen?

Rocko Schamoni und der Regisseur Lars Jessen arbeiten am einem szenischen Grundgerüst, Joska Pintschovius steht mit Rat, Tat und Informationen zur Seite. Ich werde mich zu einem späteren Zeitpunkt mehr involvieren und in der Tat Jaeger spielen. Es wird ein biografischer Spielfilm, der aber, wie gesagt, noch in der Entwicklung steckt. Viel Recherche nötig, viel Liebe, bis ins Detail. Dauert noch.

Dann wünsche ich diesem spannenden Projekt alles Gute und freue mich schon sehr auf den Film. Danke, Olli Dittrich.

Die Fragen stellte awb (mit herzlichem Dank an Birgit Winter und Wigald Boning!)

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