Galaxien, Edelsteine und Hommagen

Hubert Nuss’ Trio-CD The Book of Colours spielt grandios mit Farben, bringt sie zum Tanzen, Schillern und vor allem zum Swingen

Musik für die Augen. Oder besser: Musik, auch für die Augen. Noch besser: Musik für die feinen Verbindungen von Augen und Ohren. Der Pianist Hubert Nuss ist fasziniert von Farben. Und dabei wiederum besonders von den ganz feinen Wirkungen und Abstufungen, wenn mehrere Farben ineinanderspielen. Schon nach wenigen Takten dieser neuen CD ist man mittendrin in einer ganz eigenen Welt der Lichtwirkungen. Eine Musik, bei der man sofort den Eindruck hat, einzutauchen in einen Kosmos mit eigenen Gesetzen. Darin schillert es nur so vor Nuancen, fein sprühenden und oszillierenden Leuchtpartikeln und sanften Abtönungen. Von Stück zu Stück kann man sich treiben lassen und immer neue, spontan entstehende und stets lebendig bewegte Bilder zu den Tönen dieser Musik entdecken. Es ist Musik für Jazz-Trio: Klavier, Bass, Schlagzeug. Und es ist Jazz-Trio-Musik mit völlig eigenem Profil – The Book of Colours.

Voller Reichtümer steckt dieses Buch. Zunächst einmal: einfach nur zum Hören und Genießen. Der in Köln lebende deutsche Pianist Hubert Nuss wird von der Jazzkritik immer wieder vor allem für die “Schönheit” seiner Aufnahmen gelobt – und zwar genau mit diesem schwer definierbaren, aber stets ein starkes Statement abgebenden Wort. An seiner Pirouet-CD Feed the Birds von 2005 entdeckte etwa die Jazzzeitung “intensive Klangschönheit und strukturelle Meisterschaft. Und Piano News hob hervor, dass Nuss seinem Instrument “selbst die leisesten Nuancen zu entlocken” verstehe. Diese Qualitäten haben bei Hubert Nuss Bestand. Auch The Book of Colours bietet Musik von enormer klanglicher Feinheit und sinnlicher Kraft. Klänge mit allen Sinnen auszukosten – das bieten Hubert Nuss und seine beiden Trio-Partner Jon Goldsby (Bass) und Jon Riley (Schlagzeug) den Hörern hier an. Und die Sinne sind mit der Musik, die dieses seit 1997 bestehende und zu einer ausdrucksstarken Einheit geformte Trio macht, außerordentlich vielfältig beschäftigt.

Die Reichtümer dieser Aufnahmen führen aber auch noch weiter. Wer will, kann einigen Fährten folgen, die Hubert Nuss schon mit den Stücktiteln auslegt, und geistige Abenteuer erleben. Nuss, 1964 geboren, seit Jahren als Hochschuldozent in Köln und Berlin renommiert, Träger diverser Preise – zuletzt 2008 der “WDR-Jazzpreis für Improvisation” -, war offenbar selbst von einer immensen Abenteuerlust getrieben, als er die Inspirationen für diese CD fand. Eines der Stücke heißt Galaxy NGC 300 – und der Titel bezieht sich wirklich auf eine Galaxie. “Bilder von Galaxien sind unglaubliche Farbspektakel”, sagt Nuss, und die Musik oszilliert dementsprechend vielfarbig. Außer den unendlichen Weiten des Alls inspirierten Nuss auch die schillernden Farben von Kathedralenfenstern und von Edelsteinen. Zudem enthält die CD einige Hommagen an persönliche Favoriten aus der Bildenden Kunst. Ein Stück ist dem in den USA als Maler für die Film-Industrie berühmt gewordenen Chinesen Tyrus Wong gewidmet, ein anderes dessen Kollegen Dominique Louis, einem Hintergrundzeichner von Animationsfilmen (nicht zu verwechseln mit einem französischen Maler des 19. Jahrhunderts namens Dominique Louis Papety). Ein wiederum anderes Stück bezieht sich auf Charles Blanc-Gatti, einen Schweizer Maler und Musiker, der Musikwerke in Bilder übersetzte: Hubert Nuss macht es hier umgekehrt – er geht von Bildern und Farbwirkungen aus und übersetzt sie in Musik. Oder genauer: in seine eigene Musiksprache.

Doch der stärkste Bezugspunkt für Nuss war und ist nicht erst seit dieser CD die Geisteswelt des französischen Komponisten Olivier Messiaen (1908 bis 1992). Von Olivier Messiaen ist es bekannt, dass er Klänge mit Farben assoziierte. Es verlangte ihn, schrieb Messiaen in einer Abhandlung über seine musikalische Sprache, “nach feenhafter Pracht in der Harmonie”, es fesselte ihn der “Wirbel von Tönen und Farben in einem Wirrwarr von Regenbogen”. Hubert Nuss hat sich schon vor Jahren auf Olivier Messiaen bezogen. Das umfangreiche und vielfältige Oeuvre dieses Komponisten und Organisten beschäftigt den auch als Kirchenorganist ausgebildeten Jazzpianisten seit langem. Vor allem die sogenannten “Modi” Olivier Messiaens, Skalen mit dazugehöriger Harmonik, verwendet Hubert Nuss immer wieder – und das tut er ausgiebig auch hier. Er spricht von der vorliegenden CD auch als “Mini-Enzyklopädie aller Messiaen-Modi, die ich verwende”. So bezieht sich etwas Galaxy NGC 300 auf den siebenten Messiaen-Modus, The Dark Diamond of Donetsk auf den zweiten, The Pictures of Charles Blanc-Gatti auf den sechsten. Um freischwebende Tonbeziehungen mit vielfältigen Farbwirkungen ging es Olivier Messiaen mit seinen Modi. Und das setzt Hubert Nuss hier aufregend stimmig und souverän um. Augenzwinkernd bringt er in einem Stück übrigens Messaien mit einem großen Jazz-Idol zusammen: Barry & Ollie bezieht sich auf Messiaen und auf Barry Harris, dessen Major-Sixth-diminished-Skala laut Nuss einige Ähnlichkeiten zum dritten Modus Messiaens aufweist, mit denen man gut spielen könne. Das tut er denn auch.

Die Stücke auf dieser CD klingen ungemein organisch: Sie sind ein Wachsen und Vergehen von Klängen – und damit auch von Farben -, das von der Kraft der spontanen Erfindung beseelt ist. Zart und prägnant zugleich agieren Bassist John Goldsby und Drummer John Riley zusammen mit Nuss. Nicht umsonst nannte der Pianist die beiden schon vor Jahren sein “Dream-Team” – Goldsby lebt in Deutschland, und den New Yorker Riley lernte Nuss einst in der WDR Big Band kennen. In allen Stücken erreichen die drei Musiker einen ganz hohen Grad der Verschmelzung. Schnell wird klar, dass es eben nie ein solistisches Muskelspiel des einen oder anderen Trio-Mitglieds ist, um das es hier geht – sondern stets der Zusammenklang, das Zusammen-Aufblühen, das Ineinanderschimmern von Klangfarben und -strukturen. Das kann sich mal ganz gemütlich trottend anhören wie in der Hommage an Tyrus Wong – jedoch mit höchst reizvollen harmonischen Schattierungen -, und dann wieder stellt sich wirbelnde Intensität mit schier schwindelerregenden Tonfolgen ein – wie in der Hommage an Blanc-Gatti. Immer jedoch ist diese Musik entschieden jazzig – sie swingt immens. Bestes Beispiel: das sich über einem coolen Walking Bass entwickelnde Stück Another Kind of Paris. Lässiger, entspannter, elastischer geht es kaum – und wer will, dem kann dabei eine Paris-Assoziation einfallen, die bei Nuss womöglich kein Auslöser für das Stück war: der “weiche Gang geschmeidig starker Schritte” des Panthers, den der Dichter Rainer Maria Rilke 1902 offenbar im “Jardin des Plantes” in Paris erlebte und in einem berühmten Gedicht verewigte; hört man diese Musik, dann scheint das Fell des sich swingend bewegenden Raubtiers in beeindruckenden Farben zu schillern.

Sinnlicher, aufregend klangfeiner Trio-Jazz ist hier zu hören. Und bei allen Querverbindungen zu anderen Welten ist die Welt des Jazz hier deutlich im Mittelpunkt. Die meisten der Aufnahmen, so Hubert Nuss, sind keine festgeschrieben Kompositionen, sondern innerhalb der verwendeten Modi frei entstanden. Improvisation spielt hier also eine noch stärkere Rolle, als man zunächst annehmen würde. Und diese Improvisationen klingen balladesk, bluesig, jazz-kammermusikalisch – und stets in höchstem Maße eigenständig. Musik von Hubert Nuss.

Pirouet Records – Seele, Substanz und Genauigkeit

Die beste Wirkung erzielt man oft dann, wenn es einem gar nicht um die Wirkung geht. Diese Erkenntnis könnte als Motto über der noch jungen Geschichte von “Pirouet Records” stehen. Das Label wurde 2003 von dem Musiker Jason Seizer und dem Münchner Kaufmann Ralph Bürklin gegründet. Dahinter steckte, so sagte Seizer in einem Interview, “eigentlich kein großer Plan. Wir wollten vor allem eines: nicht so laut sein.” “Pirouet” pflegt das Feine, das Genaue, das Unaufgeregte. Da wird nichts angepriesen. Kein “Trend” ausgerufen, kein “Star” hochgepäppelt (und später wieder fallengelassen), kein zeitgeistiger Sound einer möglichst hippen Metropole zum Etikett erkoren. Es wird Musik gemacht. Die aber mit ganz hohem Anspruch. Musiker wie die Pianisten Marc Copland, Hubert Nuss und der ganz junge Pablo Held oder die Saxophonisten Domenic Landolf, Robin Verheyen und Loren Stillman machen bei Pirouet stets Aufnahmen von besonderer ästhetischer Schlüssigkeit. Die Keimzelle von “Pirouet” ist das mitten in München gelegene eigene Studio. Pirouet veröffentlicht konsequent keine vorproduzierten Aufnahmen. Alles nimmt das Label gemeinsam mit den Künstlern in die Hand: vom ersten aufgenommenen Ton über den Mix bis zum Mastering und der graphischen Gestaltung des Endprodukts. Pirouet-CDs erkennt man schon an der stilvollen Gestaltung ihrer Cover. Und: Pirouet-Musik schreit nie, sondern überzeugt mit beseelter Substanz. (Quelle: Unterfahrt-Website)

Die Pirouet-Woche in der Unterfahrt im Internet
http://www.unterfahrt.de/ufanext.php

Ähnliche Artikel im Herrenzimmer
Pablo Held: Music
Vor mehr als einem Jahr stellten wir die erste CD des jungen Kölner Pianisten Pablo Held vor: Forest Of Oblivion. Die Resonanz auf dieses außergewöhnliche Album ...
Weiterlesen...
Die andere Saite.
Die ganz alleine schwingt. Und mit der man einen Musiker sozusagen pur genießen kann. Marc Copland solo. Das ist eine Facette, die besonders ...
Weiterlesen...
Bill remembers Clifford – Joy Spring
Bill Carrothers ist ein verdammt netter Kerl. Das hört man in seinem Zusammenspiel mit anderen Musikern als Sideman, wo er sich niemals in den Vordergrund ...
Weiterlesen...
Fünf radikale Individuen: Contact
Fünf werden eins. Fünf sind eins. Fünf auf einer Wellenlänge. Diese Gruppe heißt einfach nur Contact. Aber das ist ein Wort mit ganz ...
Weiterlesen...
Florian Ross solo: Mechanism
"Mechanism" ist die 49. Pirouet-CD aus dem Hause Pirouet (Ralph Bürklin/Jason Seizer) seit Labelgründung 2003 - und die erste Veröffentlichung mit dem neuen ...
Weiterlesen...
Pablo Held: Music
Die andere Saite.
Bill remembers Clifford – Joy Spring
Fünf radikale Individuen: Contact
Florian Ross solo: Mechanism
 
 
Alles aus der Rubrik CD
Alles aus der Rubrik Jazz
Alles aus der Rubrik Musik
Alles aus der Rubrik Piano