Als Charlie Mariano im Sommer 2009 starb verlor die Musikwelt, vor allem die deutsche, einen ganz besonders wertvollen Menschen. Seitdem der in Boston geborene Altsaxophonist sich in Köln niedergelassen hatte, war er in Europa in einem Umfeld tätig, das von Pop bis Jazz reichte; vor allem aber war Charlie ein Jazzer aus ganzem Herzen, und sein unverwechselbarer Ton gab ungezählten Produktionen als Leader und Sideman ihren ganz besonderen Charakter. “Tears of Sound” wurde Marianos Spiel genannt, Freuden- und Leidtränen, in Musik umgesetzt.
Charlie war ein ganz besonders herzlicher Mensch und wurde von seinen Freunden und Mitmusikern wirklich geliebt. Eine kleine, persönliche Geschichte kann zeigen, wie er war: Ich war bei einer Feier zu seinem 70. Geburtstag und machte für mich privat eine Reihe von Fotos. Eins davon bearbeitete ich am Computer (was 1993 noch etwas Besonderes war), ließ mir von meinem Freund Lothar Lewien, der Charlies Biografie geschrieben hat, dessen Kölner Adresse geben und schickte Charlie einen Druck des Bilder. Bis auf ein paar Shakehands kannten wir uns aber nicht persönlich. Monate später bekam ich eine Postkarte aus Indien mit herzlichen Worten Grüßen von Charlie; er hatte demnach meine Adresse, die auf dem Umschlag meines Briefes an ihn gestanden hatte, mitgenommen, um mir aus Indien zu schreiben, obwohl er mich gar nicht kannte. So war Charlie Mariano…
Aber ich will nicht abschweifen, denn eigentlich geht es um eine CD, auf der er zu hören ist und die unter dem Namen des Martin Sasse Trios in diesem Herbst bei Nagel-Heyer erschienen ist.
Mit Martin Sasse, p, Henning Gailing, b und Hendrik Smock, dr, hat Charlie Mariano 2006 sein letztes Studioalbum eingespielt, unter dem Titel Good Times, benannt nach einer Komposition des Saxofonisten, die auf dem Album zu hören ist. Ein Album, auf dem gute alte Standards interpretiert werden, dazu zwei Originals von Charlie.
Mit Bruno Martinos Klassiker Estate beginnt die Platte, ein Stück, das für Marianos hymnischen Sound wie geschaffen ist und einen wunderbaren Einstieg in die CD darstellt. Mingus’ Good Bye Pork Pie Hat ist dabei und My Funny Valentine und Stella By Starlight und My Foolish Heart – die vier Musiker haben wahrlich keine Scheu vor Stücken, die schon ungezählte Male von Jazzern interpretiert wurden, aber warum sollten sie auch? Im Zusammenspiel des bewährten Trios um den Pianisten Martin Sasse mit dem Saxofonurgestein Charlie Mariano entstanden für Good Times Stücke von ganz eigener Qualität.
Das sieht auch der Preis der deutschen Schallplattenkritik so und hat Good Times in seine Bestenliste 4-2010 im Bereich Jazz (Traditionell und mainstream) gewählt. Eine verdiente Auszeichnung für das nunmehr fünfte Album mit Martin Sasse als Leader. Wer als Hörer Freude an neu interpretierten Standards hat findet in Good Times ein brilliantes Album, das noch einmal den ganzen Zauber von Marianos Saxofonstil bietet, begleitet von einem deutschen Trio, das verteufelt swingt und jeglichen internationalen Maßstäben mehr als gerecht wird.
Was vor allem Martin Sasses Biografie eindrucksvoll aufzeigt. Er arbeitet seit Jahren mit vielen internationalen Grössen der Jazzmusik zusammen: Al Foster Quartett (Europatournee 2008, u.a. Amsterdam, Barcelona, Paris Jazzfestival), New York Voices (2000 – 2002 Tourneen, Festivals, TV-Mitschnitte in Europa, u.a. Jazzfest Lüttich), Jimmy Cobb (Deutschlandtour 2004 u. 2008), Steve Grossman (Jazzfestival Paris 2008), Hiram Bullock (Jazzfestival Wolfsburg 2007), Peter Bernstein (Tourneen 2002/03/05/07/09, u.a. Jazzfest Rotterdam), Vincent Herring (2002/04/08) Roberta Gambarini (WDR-Produktion 2006), Silvia Droste (regelmäßige Tourneen, u.a. Jazzfest Dubai), Bobby McFerrin + Bochumer Symphoniker (2010), Till Brönner (regelmäßige Auftritte bei „Talkin’ Jazz“ u.a. mit Nils Landgren), Tommy Emmanuel (Tourneen 1998-2002), Tom Gäbel (2005 – 2008, u.a. Jazz Open Stuttgart), Dick Oatts (Tour 2009), Dennis Mackrel (Tour 2009), Douglas Sides (u.a. Jazzfest Athen 2006), Philip Catherine (Tour 2010)
Konzerte gab er mit: Tierney Sutton, Janis Siegel, Brian Lynch, Toots Thielemanns, Alan Praskin, Gary Campbell, Charlie Mariano, Jean Toussaint, Lee Konitz, Rolf Römer, Jesse van Ruller, John Ruocco, Ferdinand Povel, Tony Lakatos, Greetje Kauffeld, Dusko Gojkovich, Bart van Lier, John Marshall, Paul Heller, Peter Weniger, Peter Fessler, Benny Bailey, HR-Big Band, Cologne Concert Big Band (u.a. Peking 2005) u.v.a..
awb
Good Times
Martin Sasse Trio plus Charlie Mariano
Martin Sasse – piano
Henning Gailing – bass
Hendrik Smock- drums
plus
Charlie Mariano – alto sax
01 Estate
02 Yours Is My Heart Alone
03 Goodbye Pork Pie Hat
04 My Funny Valentine
05 Doxy
06 I Thought About You
07 Stella By Starlight
08 Randy
09 My Foolish Heart (Live)*
10 Good Times (Live)*
Recorded on April 16, 2006 at Topaz Studios, Köln, by Reinhard Kobialka.
*Recorded live on March 13, 2003 at Kinodrom, Bocholt.
“After all those years I’m not able to tell any negative side of Charlie. He is a wonderful person.”
Albert Mangelsdorff



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