
Grafik © awb, unter Verwendung einer Grafik aus: Everybody's Cyclopedia (New York: Syndicate Publishing Company, 1912)
Als Kind spielte ich gerne mit dem Kerbschnittcutter meines Großvaters, denn er (der Cutter) lag immer griffbereit auf dem Wohnzimmertisch neben dem Drehascher (ein weiteres faszinierendes Spielzeug). Insbesonders die Frage, wie tief Kinderfinger in den kleinen Schacht passten, der für den abzuschneidenden Cigarrenkopf da war und wie es sich wohl anfühlte, wenn man den Schneidemechanismus leicht gegen den kindlichen Zeigefinger drückte, schien immer wieder nach einer Antwort zu verlangen. Und mit dem anderen Ende konnte man auf allem möglichen herumklopfen, so wie man es vom Opa kannte, der damit seine Cigarrenkiste nach dem Entnehmen einer Handelsgold oder RuC wieder zumachte. Leider, als Kind fällt das Differenzieren oft schwer, hinterließ mein Klopfen mit dem Cutter häßliche Spuren, sowohl auf dem Cutter als auch auf den Möbeln als auch auf meinem Po.
Kerbschnitte sind heutzutage aus der Mode, und die dafür zuständigen Abschneider findet man nun in Grabbelkisten auf Flohmärkten oder dann, wenn man den Nachlass des Opas durchsieht. Manche haben bizarre Griffe aus Weinstockwurzeln, Bakelitelfenbein oder gar Geweihenden von Hirschen, Gemsen und anderen Tieren, die sich zu spät geduckt hatten. Im Cigarrenzubehörhandel kann man V-Cutter manchmal auch noch erstehen, aber ich bin sicher, die damit erzielten Umsätze gehen gegen Null. Der Kerbschnitt -(auch V-Schnitt genannt) – wird wohl kaum noch praktiziert. Nicht zuletzt deshalb, weil man mit diesem Cuttersystem entweder nur Cigarren mit spitzem Kopf oder sehr kleinem Ringmaß anschneiden kann. Die heute populären Formate wie Robusto, Corona, Churchill oder Doppelcorona passen mit dem Kopf gar nicht in diese ohnehin nicht besonders scharf schneidenden Geräte hinein. Immerhin praktisch: am unteren Ende des Griffs befindet sich ein abgeflachtes halbrunder Metallhebel, mit dem man sehr gut die zugenagelten Kistendeckel aufhebeln bzw. geöffnete wieder verschliessen konnte. Dennoch: Kerbschnittcutter sind out.
Die Frage: “Was ist der ideale Cigarrenanschneider?” kann nicht durch die Nennung eines einzigen Systemprinzips beantwortet werden, denn jedes hat Vor- und Nachteile. Vorweg gesagt empfehle ich daher den Besitz mehrerer verschiedener Cutter, jeden für seinen speziellen Zweck.
Generell unterscheiden kann man die Abschneider in folgende Systeme:
Kerbschnitt-Cutter (auch V-Schnitt Cutter genannt)
Guillotinen
Lochbohrer
Messer
Rundlochschneider (Punch)
Scheren
Den Kerbschnitt-Cutter haben wir ja schon beschrieben. Ebenso obsolet dürften heute die Bohrer sein. Die kann man sich wie einen kleinen Drillbohrer vorstellen, man dreht sie in das Mundende der Cigarre hinein und zieht sie mitsamt dem entstehenden Tabakmehl wieder heraus. Das dabei entstehende, im Durchmesser sehr kleine Loch lässt nur wenig Rauch durch, was bei den eh oft chronisch verstopften handgerollten Cigarren das Rauchvermögen noch zusätzlich mindert. Auch konzentrieren sich die Verbrennungsstoffe in dem gebohrten Loch auf einer sehr kleinen Fläche und führen rasch zu bitterem unangenehmen Geschmack und Kondensatbildung. Bohrer sind nicht zu empfehlen oder wenn, dann nur für trocken gelagerte Shortfillercigarren.
Das wohl am häufigsten verbreitete System ist das der Guillotine. Zwei Prinzipien existieren: das mit einer und das mit zwei Klingen. Am besten zu handhaben und mit den besten Schneideeigenschaften sind die Modelle mit zwei Klingen. Sie haben für Daumen und Zeigefinger je einen Griff, damit bedient man die Klingen, die durch gegenläufige Bewegung das Kopfende der Cigarre abschneiden. Bei guten Klingen schärfen sich die Schneiden durch die Schneidebewegung selber nach, aber nach einer gewissen Zeit wird man auch bei diesen feststellen, dass sie anfangen, das Deckblatt unsauber zu durchtrennen, und dann ist eine neue Guillotine oder ein Austausch der Schneiden fällig.
Schwieriger zu bedienen sind die Guillotinen mit nur einer Klinge, Man muss das Gehäuse zwischen Daumen und Mittelfinger halten und die Schneide mit dem Zeigefinger bedienen. Mit etwas Übung kommt man aber damit zurecht. Einklingen-Guillotinen bekommt man nicht selten als Werbeschenk von seinem Händler zu den Cigarrenkäufen dazu gelegt (wenn nicht von selber, dann mal nachfragen, der Händler bekommt sie kostenlos von seinen Lieferanten, den grossen Importeuren und Herstellern). Diese Werbecutter haben dank billigster Machart nur eine geringe Lebensdauer, aber fürs Erste tun sie es.
Nur am Rande: für Haushalte mit kleinen bis mittelkleinen Kindern stellt die Cigarrenguillotine einen Gegenstand dar, der besondere Aufmerksamkeit seitens des Rauchers verlangt, schliesslich dürfte es kaum etwas Unerfreulicheres (und Ungerechteres) geben als ein häusliches Cigarrenverbot, nur weil der neugierige Nachwuchs seine Finger nicht aus dem Cutter lassen konnte, der auf dem Couchtisch lag. (Vorsorgliche Verbote nützen da gar nichts. Es ist wie im Film: wenn jemand zu jemandem anderen sagt “Berühren Sie niemals, unter keinen Umständen diesen Hebel oder Schalter! weiss der geübte Zuschauer, dass genau dieser Hebel oder Schalter eine tragende Rolle im weiteren Geschehen spielt.)
Zurück zur sachgemässen Bedienung. Der Hauptvorteil der Guillotinencutter ist zugleich auch ein Nachteil: sie sind klein und flach, somit leicht in der Tasche zu verstauen. Das macht dem Besitzer Freude, weil Hosen- und Jackentaschen davon nicht ausbeulen; aber rasch sind die Cutter auch weg, wenn man nicht immer ein Auge darauf hält. Und viele der Modelle haben einen ordentlichen Preis. Schwupp, weg. In größerer Runde, wo der Spruch “Kann ich mal deinen Abschneider haben? zum Standardrepertoire gehört (so wie der Klassiker “Hast du für mich auch mal eine Cigarre?) sollte man jedenfalls seinen Abschneider keinen Moment aus den Augen lassen. Das gilt übrigens auch für Feuerzeuge, aber das ist wieder eine andere Geschichte.Wenn man es für sein Ego nicht nötig hat, coram publico mit einem brillantenbesetzten Platincutter zu protzen empfehlen sich für den Gebrauch in geselliger Runde durchaus die kostenlosen Werbecutter, deren Verlust wirklich nur den schmerzen würde, der sich seinen Humidor aus einer von Muttern geschnorrten Tupperdose gebaut hat. Was aber wieder eine andere Geschichte ist. Man sollte nur ihre Handhabung zu Hause üben, denn ganz so einfach ist es nicht, wie man glaubt.
Das Gleiche (was die Schwundfähigkeit angeht) gilt auch für die Rundcutter. Ihr Prinzip: eine runde Stahlklinge, mit deren geschliffenem Rand aus dem Mundende der Cigarre ein rundes Stückchen herausgestanzt wird. Die Vorteile dieses Prinzips gegenüber der Guillotine liegen zum einen in der einfacheren Handhabbarkeit, zu zweiten darin, dass die Gefahr, ungewollt das ganze Käppchen abzuschneiden hier nicht gegeben ist. Wenn das passiert beginnt sich nämlich das Deckblatt vom Mundende her abzulösen und abzuwickeln, was das Rauchen der Cigarre mehr und mehr erschwert, bis man sie schliesslich entnervt weglegen muss. Beim Ausstanzen mit dem Rundcutter bleibt hingegen das (bei handgerollten Cigarren immer vorhandene, aus einem Stückchen Deckblatt geformte) Käppchen um das entstandene Zugloch stehen und verhindert das unerwünschte Abwickeln des Deckblattes.
Rundcutter gibt es in mancherlei Form, wobei das Schneideprinzip immer das gleiche ist. Manche Modelle kann man praktischer Weise am Schlüsselbund festmachen, manche sind aus einer echten Schußwaffenpatrone hergestellt (was mächtig Eindruck schinden kann, wenn man vor den Anderen in der Disco damit seine falsche Cohiba Esplendido rauchbereit macht), manche verbergen sich im Fuss von Cigarrenfeuerzeugen (nützlich für unterwegs, man muss sein Auge nur auf ein Ding halten), manche sind in einem Gehäuse von der Form und Höhe einer Münze untergebracht, das dann Rundcutter mit verschiedenen Durchmessern beherbergt. Für alle Modelle gilt, für manche eher, für andere später, dass der Schliff nicht sehr lange scharf bleibt und dann nachbearbeitet werden muss. Oder dass man eine neue Klinge braucht.
Nachteile der Rundcutter: man verliert sie meist schnell oder verlegt sie und findet sie nicht wieder. Und ihr Schnittprinzip (eigentlich ja eher ein Stanzen als Schneiden) kann zu Problemen während des Rauchens führen. Oft bildet sich nämlich bei Cigarren von innen heraus ein bitter schmeckendes Exsudat am Mundende, das man mit dem Rundcutter nicht entfernt bekommt. Eine Cigarre mit diesem verteerten Ende ist verloren, wenn man nichts dagegen unternehmen kann. Mit einer Guillotine kann man sie hingegen meist noch einmal retten, indem man das Ende mit dem gut sichtbaren Teer zwei oder drei Millimeter abschneidet, wenn auch auf die Gefahr hin, dass dann das oben beschriebene Ablösen des Deckblattes pasieren kann. Einen Versuch ist es aber allemal wert, sie durch das Entfernen des verteerten Endes wieder rauchbar zu machen.
Die Messercutter sieht man eher selten, ich finde ihre Handhabung auch nicht eben einfach. Sie sind im Prinzip nichts anderes als Taschenmesser, deren Klinge durch eine Feder hochgedrückt wird. Man legt das Ende der Cigarre zwischen die halb aufgeklappte Klinge und das Gehäuse und drückt dann die Klinge herunter. Vorteil des Systems: man kann diese Art Cutter auch als normales Taschenmesser verwenden. Nachteil: ungenauer Schnitt und komplizierte Bedienung.
Schliesslich und nicht zuletzt gibt es die Cigarrenscheren. Ihre Schneiden sehen aus wie zwei gekrümmte Papageienschnäbel, zwischen die man das Kopfende der Cigarre legt und dann durch eine Schneidebewegung (wie bei einer normalen Schere) abtrennt. Die Schneiden sind meist sehr scharf und gut nachschleifbar, die Handhabung jedem, der schon mal ein Blatt Papier durchgeschnitten hat, vertraut. Es gibt sie in der klassischen Scherenform in verschiedenen Grössen und aus verschiedenen Materialien. Auch eine Kombination von Schere und Guillotine ist auf dem Markt: bei diesem Teil bewegen sich die Schneiden nicht gerade aufeinander zu, sondern dank der gemeinsamen Achse an einem Ende scherenartig.
Ein besonders praktischer Cutter ist der Xikar, eine Eigenentwicklung der Solinger Firma Wolfertz. Der Xicar ist eine Kombination aus Guillotine und Cigarrenschere, er ist klein und leicht, von hervorragender Klingenqualiät (20 Jahre Garantie) und sehr einfach zu bedienen. Der Xicar ist der Cutter, den ich am liebsten benutze, nur muss man auch bei diesem immer darauf achten, dass er nicht in fremde Hände gerät. Wolfertz stellt als Solinger Traditionsunternehmen auch andere Cuttersysteme wie Punchbohrer und Guillotinen her, und sogar einen V-Cutter findet man noch im Sortiment.
Über jahrelangen Gebrauch ans Herz gewachsen ist mir bei den Scheren das Modell des Schweizer Herstellers Wenger. Diese Firma hat es nämlich geschafft, eine hochfunktionelle Cigarrenschere aus anscheinend unverwüstlichem Stahl in ein herkömmliches Schweizer Messer zu integrieren, was dieses Messer zum ultimativen Überlebenswerkzeug macht, denn natürlich enthält es neben Messern, Pinzette und Zahnstocher drei andere unverzichtbare Tools: Korkenzieher sowie Kronkorken- und Büchsenöffner. Das Wengermesser hat einzig den Nachteil, etwas schwerer und sperriger zu sein als eine Guillotine oder ein Rundcutter, aber ich finde, die Vorteile überwiegen bei weitem.
Bei allen Anschneidermodellen gilt: Schärfe ist das Wichtigste! Nicht nur, weil ansonsten das Deckblatt gerissen statt geschnitten wird (was Tabakbrösel im Mund und sich ablösende Deckblätter in der Hand bedeutet). Fast noch bedeutender ist die Tatsache, dass ein unscharfer Schneider das Ende der Cigarre nicht zügig durchtrennt, sondern den Tabak zusammendrückt und somit den Zug erschwert bis verhindert. Hier hilft dann manchmal das Hin- und Herrollen des Mundendes unter ganz leichtem Druck zwischen Daumen und Zeigefinger, aber vorsichtig!
Welches Prinzip man auch verwendet (am besten hat man von allem bis auf Kerbschnitt-Cutter und Messer das eine und andere Teil in seinem Besitz), ganz an einem Cigarrenabschneider kommt man in keinem Falle vorbei (es sei denn, man raucht Cigarren, die bereits fertig angeschnitten in der Dose daherkommen). Ein billiger Werbecutter kann es durchaus tun, wenn man rechtzeitig vor dessen Erstumpfen Nachschub findet. Persönlich empfehle ich den Xicar von Wolfertz und das Schweizer Messer von Wenger, das auch für andere Dinge des Alltags nützliche Dienste tut. Ach ja, abbeißen kann man das Mundende einer Cigarre übrigens auch, aber diesen Brauch sollten wir denn doch den Cubanern überlassen, die haben darin die größte Übung. Und Winston Churchill soll seine Cigarren mit einem Streichholz aufgepopelt haben, nur: der stippte auch die Mundenden in Cognac und hat seinen Ruf als grosser Cigarrenmann eher der konsumierten Menge (angeblich rund 300.000 Cigarren) zu verdanken, aber nicht dem angemessenen Umgang mit den Puros. Denn dazu gehört nun mal auch das korrekte Öffnen einer Cigarre.
awb




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