Zeitgeist und Glamour – Die Jahrzehnte des Jetset

Francesco Scavullo: Grace Jones, 1979. © Francesco Scavullo, Motion Picture Group Inc.

Die Sechziger Jahre: Ein neues Zeitalter scheint angebrochen, eine „Revolution der Jugend”: neue Gesichter, unerhörte Musik, ungewöhnliche Schönheiten, ein Wandel von Mode, Stil und Geschmack, ein anderer „way of life”. Jeder will dabei sein und alle mischen sich, das süße Leben und das der Subkultur, Glamour und Kunst und intellektuelle Strömungen.

Das NRW-Forum Düsseldorf zeigt in 400 Fotografien die Quintessenz der Schweizer Nicola Erni Collection, die sich auf Fotos der 60er und 70er Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts fokussiert. Über den Weg des Visuellen, des Fotografischen erschliesst sich im musealen Zusammenhang auch eine gesellschaftliche Revolution: Der gesellschaftliche Wandel dieser beiden Dekaden ist bestimmt durch die Medienkultur; überhaupt ist Kultur die treibende Kraft dieser Zeit. Der gesellschaftliche Wandel, auch als „Wertewandel“ deklariert, wurde geprägt durch Medien, Musik, Jugend- und Protestkultur.

Die Verbindung von Pop Art und Popmusik, von kultureller Rebellion und Rockmusik, von Sexualität und Wohlstand, von Normverletzung und Marketing bestimmte jene Dekaden, konstatiert der Popkultur-Theoretiker Thomas Hecken. Die Grenzen zwischen Hochkultur und Pop, zwischen Design und autonomer Kunst, zwischen Nonkonformismus und Fun wurden erfolgreich und spektakulär übertreten und durch die sich neu aufstellenden Massenmedien in alle Welt verbreitet. Mode, Film, Architektur bilden eine neue Ästhetik der Zukunft aus, der Jet wird zum Symbol einer neuen Zeit, und bringt neue Orte auf die Landkarte des Tourismus, Airports sind die neuen Icons. Die Werbung trägt den „Duft der großen weiten Welt“ selbst in die entlegendste Ortschaft.

„Demokratischer Wandel“ ist das Schlagwort, dem sich auch die Yellow Press nicht verschliessen kann und der zeigt sich im Niederreissen jener Schranken, die bislang soziale Klassen trennte. So entstand eine neue gesellschaftliche Elite aus Schriftstellern, Schauspielern, Musikern aus High und Low, Modemachern, Werbeleuten, Fotografen vermischt mit Adeligen, Bankern, Reedern, Erben … eben der traditonellen Geld-Elite.

Tom Wolfe beschreibt die neue Gesellschaft als eine Pop Society, die sich über die Medien formatierte. Sie schafft problemlos den Spagat zwischen Hochkultur und Avantgarde, zwischen Protestkultur und Jet Set, zwischen alternativen Lebensformen und einer Boheme des Wohlstandes. Die Fotografie und der Film sind das Medium dieses Zeitpunktes. In Ihnen zeigt sich eine janusköpfige Gesellschaft von ihren beiden Seiten: Pressefotos setzen erfolgreich Andy Warhols Diktum um, dass jeder für 15 Minuten berühmt sein könne. Pressefotos stimulieren die Gesellschaft zum erfolgreichen Protest gegen den Vietnamkrieg.

Raymond Depardon: Brigitte Bardot, 1960. © Raymond Depardon/Magnum Photos

Die Ausstellung bietet ein Kaleidoskop von Lebensformen der 60er und 70er Jahre, das sich konzentriert auf die „Szenen“ der Metropolen der westlichen Welt. Sie führt in die Zentren des Jetset, die Côte d’Azur und St. Moritz, nach Paris, London, Rom, New York. Heute kennt man viele der Protagonisten, damals waren es junge Playboys, Kreative, Visionäre – so sieht man Gunther Sachs, Brigitte Bardot, Andy Warhol, aber auch Truman Capote oder den jungen Karl Lagerfeld. Heute kennt man auch die inzwischen großen Fotografen, die damals ihren Ruf begründeten: Richard Avedon, David Bailey, William Klein, Jeanloup Sieff oder Francesco Scavullo, Robert Mapplethorpe, Lord Snowdon oder Andy Warhol. Und natürlich die großen Paparazzi wie Ron Galella oder Edward Quinn – eine Gradwanderung zwischen musealer Fotografie und Pressefotografie.

Zusammengetragen wurden die Fotografien in der Nicola Erni Collection, Switzerland von der Schweizer Sammlerin Nicola Erni und kuratiert von Ira Stehmann. Gezeigt werden 400 der faszinierendsten Aufnahmen, die noch nie öffentlich ausgestellt wurden. Eine Zeitreise in die auftregenden “Swinging Years” des 20. Jahrhunderts.

Sponsor der Ausstellung ist die Marke Schwarzkopf. Tina Müller, Corporate Senior Vice President für das weltweite Haarkosmetik-, Körper-, Gesichts- und Mundpflege-Geschäft bei Henkel: „Die 60er und 70er Jahre versprühen einen besonderen Zeitgeist. Ein kompletter Wandel des Lebensgefühls und des Stils setzte ein – nicht nur in, sondern auch auf den Köpfen: Vom Twiggy-Bob über die lange Hippie-Mähne bis zur Seventies Föhnwelle, die Frisuren passten sich der revolutionären und aufregenden Zeit an. Die Fotografien der Ausstellung entführen in die Welt des Jetsets – und in die Welt glamouröser Frisuren, daher freuen wir uns sehr, dass wir mit unserer Marke Schwarzkopf die Ausstellung mit präsentieren dürfen.“

Zeitgleich erscheint im Prestel Verlag das Buch „Zeitgeist und Glamour“; und im NRW-Forum führt der Audio-Guide, der auch auf Mobile-Phones zu hören ist, mit Original-Tönen und Original Sounds durch die Ausstellung – er findet sich auch auf der iPhone NRW-Forum App.

Ron Galella: Lester Persky, Andy Warhol and Truman Capote, New York, December 1978. © Ron Galella, Ltd.

Zeitgeist & Glamour
05.02. bis 15.05.2011

NRW-Forum Düsseldorf, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf, www.nrw-forum.de
Dienstag bis Sonntag 11 – 20 Uhr, Freitag: 11 – 24 Uhr

Fotografen in der Ausstellung:
Diane Arbus, Eve Arnold, Richard Avedon, David Bailey, Harry Benson, Guy Bourdin, Bob Colacello, Raymond Depardon, Terence Donovan, Elliott Erwitt, Nat Finkelstein, Ron Galella, Ormond Gigli, Dennis Hopper, Frank Horvat, William Klein, Robert Mapplethorpe, Christopher Makos, Billy Name, Terry O’neill, Edward Quinn, Bob Richardson, Steve Schapiro, Melvin Sokolsky, Jeanloup Sieff, Francesco Scavullo, Jerry Schatzberg, Christian Skrein, Lord Snowdon, Bert Stern, Bob Willoughby, Andy Warhol, Garry Winogrand …

SCENES

CÔTE D’AZUR
ST. MORITZ

Die französische Riviera war der Hotspot des Jetset. In seinem berühmten Roman Tender is the Night hat F. Scott Fitzgerald schon Mitte der 30er Jahre vom fabelhaften Leben der atemberaubend Frivolen an der Côte d’Azur erzählt. Von den 50er und dann den 60er Jahren zeichnen die Fotografien von Edward Quinn, die uns heute zu nostalgischem Tagtraum verführen, das großartige Panorama einer untergegangenen Epoche. Seine Protagonisten: Winston Churchill, Aristoteles Onassis, Maria Callas, Fürst Rainier, Grace Kelly, Sophia Loren, Miles Davis, Pablo Picasso und viele andere. Die Reichen von Paris, Rom oder Mailand haben hier ihre Sommersitze, die Künstler ihre Ateliers. Celebrities aus Hollywood reisen zu den Internationalen Filmfestspielen nach Cannes. In Monte Carlo locken Casino, Grand Prix und fürstliche Bälle. Die Jachten der Superreichen und ihre herrschaftlichen Villen bieten ein herrliches Ambiente für Dinner und Partys. Die phantastische Villa La Leopolda des Industriellen Gianni Agnelli in Villefranche ist ein solcher Mittelpunkt gesellschaftlichen Lebens. „Gianni had his boats racing up and down the coastline non-stop, ferrying people back and forth to an endless round of parties“, schreibt Taki, selbst Playboy, Erbe einer griechischen Reederei und gefeierter Journalist der Kolumne High Life.
Das Carlton in Cannes, das Hôtel du Cap in Cap d’Antibes, in St-Tropez die Bar Le Gorille, das Byblos, der Club 55, die Nanno Bar: Paloma Picasso, Jane Fonda, Alain Delon … Hier läuft Brigitte Bardot barfuß in Jeans, das europäische Sexsymbol, Schmollmund, verwirrend natürlich, so ganz anders als eine Diva wie Marilyn Monroe. Natürlich wurde sie in Cannes entdeckt und zum internationalen Filmstar mit Und immer lockt das Weib (1956). Sie, die auch mit Roger Vadim verheiratet war, macht „Deutschlands einzigen Playboy“ durch ihre Ehe (1966–1969) berühmt: Gunter Sachs, durch sein Erbe im Stand, ein wildes Leben zu führen, das insbesondere die deutschen Magazinleser in Atem hielt: gefährliche Mondscheinfahrten, aus der Luft abgeworfene Rosen, Sprünge aus Helikoptern, verträumte Dinner am Strand. „Die 60er Jahre waren eigentlich die amüsantesten“, sagt er. Noch ein anderer wird berühmt durch sie, durch ihre Jeans: Der Modedesigner Roberto Cavalli, der zeigt, was ein italienischer Macho ist. Lässig! Die Haare lang, das Hemd aufgeknöpft bis zum Bauchnabel, die Brust geschmückt mit einem Goldkettchen, Jeans mit kleinem Schlag und flache Stiefeletten. Damals schlief er in seinem Motorboot und war jeden Abend auf der Piste. „Alle trafen sich im Papagallo: „Warst du drin, warst Du dabei.“ Easy going. „The object was to have fun, as much fun as possible, and to ask the questions later.“ (Taki)

In den Hügeln des Hinterlandes geht es stiller zu, aber nicht weniger hochkarätig international. In St-Paul-de-Vence im Colombe d’Or traf sich schon in den 50er Jahren die Hocharistokratie von Paris, der Prince of Wales, die großen Künstler der Zeit wie Henri Matisse, Georges Braque, Fernand Léger oder Pablo Picasso. Jacques Gomot, „Hoffotograf“ des Hotels und Restaurants, hat die illustren Gäste in den 60er Jahren festgehalten: Orson Welles, Jeanne Moreau, Romy Schneider, Burt Lancaster, Charles Bronson, Yul Brynner, Curd Jürgens, Charlie Chaplin. In der Nähe die Fondation Maeght mit ihrer Sammlung Klassischer Moderne und dem Skulpturenpark, im Jahr 1964 eröffnet durch den Kulturminister André Malraux: Anziehungspunkt der Szene.

Im Winter wechselt man in die Schweiz ins Oberengadin: Der Jetset hält Einzug in St. Moritz, Landung in Samedan. Das sind die „Glanzzeiten“, als der Schah von Persien die Villa Suvretta kaufte, ehemals Dependance zum Hotel, die zuvor schon schillernde Gäste sah wie Chagall, Mel Ferrer, Audrey Hepburn …; als der griechische Reeder Stavros Niarchos die Schwebebahnen auf Piz Nair und den Corvatsch finanzierte und die legendäre Indoor-Tennishalle des Palace aus dem Jahr 1913 zur Saison 1963/64 in den ebenso legendären King’s Club umgewandelt wurde; ausgelassene Feste, auch im Kegelclub des Palace. „Wenn Niarchos eine Party gab, lud er auch die Skilehrer ein und seine Bekannten von St. Moritz. Man war eine ganze Clique“, erinnert sich Maggie Pedrini, seit 1967 die Directrice der Villa Suvretta.

St. Moritz Dorf ähnelte mehr und mehr einer Bühne. Gunter Sachs unnachahmlich im Pelzmantel oder in passendem Kostüm im Dracula Club oder mit Elsa Martinelli auf dem Motorrad. Agnelli elegant und gebräunt, die Baronesse Thyssen-Bornemisza, die Begum, Aga Khan, Karajan. Der exklusive Corviglia Club, die berühmte Skihütte auf der Corviglia, und El Paradiso oberhalb des Hotels Suvretta House. Der Schah auf Skiern. Zwei Monate war er da im Winter (bis 1974) – Farah Diba präferierte mit Kindern und Anhang den Sommer. 36 Bodyguards, eine Entourage von 110 Leuten! Seine Gäste waren König Hussein von Jordanien, Prinz Bernhard von den Niederlanden, der marokkanische Prinz, viele Premierminister. Eine Party im King’s Club 1972 zählte sieben gekrönte Häupter!

St. Moritz glänzt mit einem spektakulären Beispiel der Verbindung von Geld und Kunst und der transatlantischen Achse: Andy Warhol kommt! Gunter Sachs, auch avantgardistischer Sammler, bezog 1967 die luxuriöse Suite des wieder aufgebauten Turms des Palace-Hotels und lud Tom Wesselman, Andy Warhol, Roy Lichtenstein und César ein, sie mit ihm einzurichten. Die Pläne wurden in St-Tropez ausgeheckt: Andy wählt die Küche, Roy das Bad, samt Badewanne. Andy erscheint ein Mal zur Ortsbegehung, César öfter. Der Palace-Turm wird zu einem Kunst-Happening der Sixties: „ein Projekt im Esprit der Hippies, die ihre Keller und Obdächer auch meist gemeinsam ausstatteten“, sagt Gunter Sachs.

PARIS

„Alle mischten sich, Haute-Volée und Demi-Monde, Künstler, Intellektuelle“, erzählt Claude Azoulay, der Starreporter von Paris Match, selbst Teil des Jetset. Und in der Tat, in der Stadt an der Seine treffen wir die Leute, die wir von der Côte d’Azur kennen. Das ist offenkundig der „inner circle“: Brigitte Bardot, Maria Callas, Liz Taylor, Jaqueline Onassis, Paola von Belgien, Eliette von Karajan, Stavros Niarchos, auch Andy Warhol – schlafend.

„Fashion was the heartbeat of the city“. In den 50er Jahren ist Paris, „la plus belle ville du monde“, die Metropole der westlichen Welt: Existenzialismus, Informel (die abstrakte Kunst der europäischen Nachkriegszeit), Haute Couture … In den 60er Jahren läuft ihr New York den Rang ab in der Kunst, London in der Jugendkultur (nicht im Protest: die Studentenrevolten 1968 gehen von der Sorbonne aus!). Ihr Image als die Stadt der Mode ist unverändert glänzend: Cristóbal Balenciaga, Christian Dior, Coco Chanel, Givenchy, die neue Elite Courrèges, Nina Ricci, Yves Saint Laurent, Pierre Cardin, Karl Lagerfeld – sie sind Magnete eines internationalen Publikums und haben ihren festen Platz in der Society. Romy Schneider kleidet sich ein bei ihrer Freundin Coco Chanel, und auch Marlene Dietrich, Grace Kelly, Barbra Streisand, Gina Lollobrigida, Hildegard Knef kommen der Mode wegen.

Das französische Kino hatten François Truffaut, Jean-Luc Godard, Jacques Rivette, Louis Malle und Claude Chabrol revolutioniert („Nouvelle Vague“); sie etablierten in den 60er Jahren den Ruf des Neuen Französischen Films. Seine Stars sind Romy Schneider, Jean-Paul Belmondo, „le joli“, der zur internationalen Spitzenklasse gehört, die kühl fragile Catherine Deneuve, über Nacht berühmt durch ihre Rolle in Les Parapluies de Cherbourg, Roger Vadim, Yves Montand, Michel Piccoli, Simone Signoret oder Anouk Aimée, die für Un Homme et une Femme in Hollywood einen Golden Globe erhielt.

Treffpunkt ist das Maxim’s, das edle Vergnügungslokal in der Rue Royal, wo man schon einmal dem Traumpaar Liz Taylor und Richard Burton über den Weg läuft, wo Aristoteles Onassis und die Callas dinieren, Dalí, Helmut Berger, der legendäre Playboy Porfirio Rubirosa oder Rudolf Nurejew, dem vielleicht besten Tänzer des 20. Jahrhunderts, der sich von der Sowjetunion 1961 nach Paris absetzte, und seinem Lebensgefährten Erik Brun; Chez Régine, der Pariser Nachtclub nahe den Champs-Élysées, wo bei Einbruch der Dämmerung die Jungen barfuß im Bikini Twist tanzen, Le Palace. Im Café Flore finden sich Designer, Models und Musen ein wie Betty Catroux, Loulou de la Falaise und Clara Saint, die Lieblinge von Yves Saint Laurent.
Francoise Hardy, in Jeans und Lederjacke, langen glatten Haaren und Gitarre, debütiert 1962 mit ihrem Song Tous les garçons et les filles. Serge Gainsbourg, der provokant geniale Künstler, Chansonnier, Filmschauspieler, Komponist und Schriftsteller, singt mit der britischen Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin den skandalösen Song Je t’aime … moi non plus (1969). Eine der wohl legendärsten Verbindungen zweier europäischer Schauspielstars, Romy Schneider, die 1962 in Paris in Orson Welles’ Kafka-Verfilmung Der Prozess vor der Kamera steht, und Alain Delon endet tragisch mit einem Selbstmordversuch Romys.

Die Beat Generation flieht nach Paris, um dem amerikanischen Konformismus und Puritanismus zu entkommen und größere Freiheit in Bezug auf Homosexualität und Drogen zu genießen. Schon in den Dekaden zuvor hatten so gut wie alle amerikanischen Schriftsteller, Dichter und Komponisten hier eine Zeit lang Schutz vor Rassismus und Vorurteilen gesucht. Das Beat Hotel in der Rue Gît-le Cœur (1957–1963) war vergleichbar mit dem Chelsea Hotel in New York: Allen Ginsberg lebte hier, William Burroughs …

An drei hervorragenden Protagonisten lässt sich exemplarisch die Pariser Szene und ihre „Clique“ beschreiben. Da ist Régine, die Königin der Nacht, die die „discothèque“ erfindet, wie sie mit gewisser Selbstironie behauptet – und in der Tat gibt es in ihrem Nachtclub die erste mit bunten Lichtern illuminierte Tanzfläche, auf der man seit 1961 twistet zu Johnny Hallydays Danse le twist avec moi!. Sie erobert nicht nur das Pariser Nachtleben mit Neugründungen wie New Jimmy’s. Régine selbst, der Helmut Newton als verruchter Chansonnière ein Denkmal setzt, interpretiert seit Anfang der 60er die berühmten Chansons der Zeit – in Paris im Folies Bergère wie in New Yorks Carnegie Hall –, und Komponisten wie Charles Aznavour oder Serge Gainsbourg schreiben speziell für sie.

Da ist Françoise Sagan, die schillernde Intellektuelle aus dem vornehmen XVI. Arrondissement, Tochter eines wohlhabenden Industriellen, die ihr Pseudonym der „Princesse de Sagan“ in Marcel Prousts A la Recherche du temps perdu entliehen hatte und die nicht allein mit ihren Kultromanen Bonjour Tristesse (1954) und Aimez-vous Brahms? (1959) Aufsehen erregte. Ihr Lebenswandel machte sie zur illustren Person. Sie fuhr schnelle Autos, gab sich Glücksspiel und Drogen hin, war kurz mit einem amerikanischen Playboy verheiratet und liebte Frauen. St-Tropez inspirierte sie zum Schreiben. Sie war Freundin von Jean-Paul Sartre und Juliette Gréco, und in den USA traf man sie in Gesellschaft von Truman Capote und Ava Gardner.

Ein nicht minder spektakuläres Leben führt Yves Saint Laurent, der Modeschöpfer, der nach phänomenalem Erfolg bei Dior mit seinem Lebensgefährten Pierre Bergé 1961 sein eigenes Couturier-Haus eröffnete. Nicht nur galten seine Kollektionen in den 60er Jahren teilweise als skandalös, etwa ihrer transparenten Stoffe wegen. Der Designer, der den Beatnik-Look popularisierte, den Schiwago-Look (1966) oder den Safari-Look (1968), der feinsinnige Kunstsammler auch – drogenabhängig, seit er in den Algerienkrieg geschickt wurde – lud in seine herrschaftlich elegante Pariser Wohnung in der Rue de Babylone zu glanzvollen Festen oder in seine Villa Majorelle nach Marrakesch, „the exotic playground for jet set hippies“.

LONDON

Einige Jahre lang war London „the coolest city on earth“, „the hottest place in the world“ und diktierte dem Rest der Welt die Kultur. Popmusik, Mode, Haare, Kunst, Sexualität, Skandal Theater, Kino, Drogen, Medien ..: „London was buzzing“. Dennis Hopper, der einer Party wegen öfter über den Atlantik kam, beschreibt es so: „The fashion and the art and everything was just exploding, … the music … the dance clubs and the jazz and these packed places, it was just incredible … This was more of a style and cultural explosion.“ Es ging um Musik, Malerei, Skulptur, Kleidung. Die Popbands, Schauspieler, Filmregisseure, Kunsthändler und Models dominierten die Weltszene. „Swinging London“: „das heißt, jeder kann tun und sein, was er will … Sie können also, wenn Sie hier leben, ‚swingen’ von einem Platz zum anderen. Alles ist da – Intellektuelles, Volkstümliches, Pop, was Sie wollen“, sagt Michael Caine, der eingesessene Londoner. Terence Stamp, das Paradigma der „new wave“ des britischen Lebens, drückt es so aus: „People like me, we’re the moderns (…). We wear elastic-sided boots and we smoke Gauloises, we work hard and we play hard. We have no class and no prejudice. We’re the swinging Englishmen.“

Unknown Photographer: Penelope Tree and David Bailey, ´60s. © Agenzia Araldo Crollolanza

„They intermingled arts and live and classes“: Die Gesellschaft hatte sich geöffnet, so beschreibt es Shawn Levy in Ready, Steady, Go! Swinging London and the Invention of the Cool. Plötzlich entstand eine neue „Aristokratie“ durch die Musik und das Tanzen, die die Grenzen von „upper-class“ und „lower-class“ verwischte. „There was a jolly collision“, erinnert sich Mary Quant, ein „coming together„ der Extreme, „the boring thing was to be anything in the middle“. Das spektakulärste Beispiel dieser „klassenlosen“ Gesellschaft war die Heirat des Fotografen Anthony Armstrong-Jones 1960 mit Princess Margret; die Prinzessin und der Earl of Snowdon, ein „working couple“. „The new aristocracy of talent“, zu der die Schauspielerstars Terence Stamp, Peter Sellers, Peter O’Toole, Peter Cook, Peter Brook, David Niven, Julie Christie, Charlotte Rampling, die Rolling Stones oder die Pilzköpfe aus Liverpool – George Harrison, Paul McCartney, John Lennon und Ringo Star – gehörten, mit ihren „members-only-restaurants“ und Nightclubs, war allerdings so exklusiv wie die alte „upper-class“.

„Every day was a party.“ „It was enough to go mad.“ In den Diskotheken Annabel’s am Berkeley Square, Wips oder Ad Lip trafen sich Künstler und Fotografen wie David Hockney, David Bailey, Terence Donovan, Designer wie Mary Quant und Ossie Clark und der Haarstylist Vidal Sasoon mit dem „smart jet“. Die Atmosphäre ist enthusiastisch, energiegeladen, kreativ und natürlich narzisstisch nach dem Motto von Ray Davis von den Kinks: „Everyone’s a star“. Soho oder Chelsea waren die Szeneplätze, King’s Road, Carneby Street, Symbol der britischen Erfindung der Popkultur, sexy, kinky; die Mekkas der Musik waren das Flamingo, das Marquee, das Piccadilly, der Ealing Club. Wohl ist London viel zu groß und divergent, um nur ein Zentrum zu haben, aber Robert Frazer, dem Galeristen, der die Pop Art und dann die Op Art repräsentierte, brachte in seinem Salon die vielleicht sensationellste internationale Szene zusammen: Mick Jagger, Andy Warhol, Allen Ginsberg, Paul McCartney, John Lennon, Terry Southern, Fußballstars, Models, Drug Dealers und die „jetsetter“.

Vidal Sassoon eröffnet 1963 seinen Beauty Salon in der Bond Street in Mayfair und erfindet den neuen kurzen „haircut“, „the Bob“, bekannt dann als „the Quant“. 1964 hatte er ein 15-jähriges Mädchen als Frisurenmodell eingestellt, dem er seinen berühmten Bubikopf verpasste; es landete auf dem Cover eines Magazins und war die Sensation: Aus Leslie wurde Twiggy, das Zweiglein, fragil, schlaksig, Antityp des üppigen Schönheitsideals der 50er Jahre, ein „Dolly-Bird“, weltweit das erste Supermodell. Mary Quant, die mit ihrem Ehemann Alexander Plunket-Greene die Boutique Bazaar auf der Kings Road aufgemacht hatte, kreierte das Symbol einer ganzen Generation, das durch Twiggy zum Markenzeichen wurde: den Minirock – und einen androgynen, provokanten Look: bunte Strumpfhosen mit kurzen Hängerkleidchen, flache Stiefel, Mary-Jane-Sandalen, Hüfthosen, Rippenpullover, Regenmäntel und Stiefel aus PVC!

„The first bright shiny star of the sixties“, diese Auszeichnung scheint David Bailey zu gebühren, dem Synonym für britische Fotografie, verheiratet mit Catherine Deneuve (1967–1972), Entdecker der Supermodels Jean Shrimpton, Marie Helvin, Jerry Hall, Penelope Tree, der in neuem Stil die Protagonisten der Mode-, Musik- und Filmszene porträtierte. In dem Kultfilm Blow up wurde ihm von Michelangelo Antonioni schon 1966 ein Denkmal gesetzt mit David Hemmings als dem jungen Starfotografen. Mit seinem Model, der wirklichen Vera Gräfin Lehndorff, genannt Veruschka – „1,86 Meter Coolness“! – vollführt er einen unvergesslichen Tanz mit der Kamera. Die mysteriöse Frau im Film ist Vanessa Redgrave, die das Kino auf der Insel aufgemischt hat – unter anderem mit dem jungen Regisseur Tony Richardson, mit dem sie ein paar Jahre verheiratet war.

„The party of all partys: Swinging London“: „It was the time of my time; I will never have so much fun again, ever.” (Michael Caine)

ROMA

„Alle waren hier“, erzählt Rino Barillari, heute noch Paparazzo, und weiter: Das war „die goldene Epoche“ in Rom, zwischen der Armut der Nachkriegsjahre und dem Terrorismus der Roten Brigaden Anfang der Siebziger, „es war verrückt“! „Hollywood am Tiber“. „In keiner anderen Stadt bekommt man die Stars so buchstäblich auf dem Tablett serviert“, schreibt Margret Dünser. ob Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Gary Cooper, Gregory Peck oder Alfred Hitchcock, Claudia Cardinale, Monica Vitti, Carlo Ponti, Prinzessin Soraya, Konstantin von Griechenland, Vera Gottliebe Gräfin von Lehndorff, genannt Veruschka, mit ihrem Traum-Italiener Franco Rubartelli oder Senta Berger … – man musste nur die richtigen Lokale kennen. Die Künstlerkneipe Taverna flavia etwa oder das Café Greco in der Via Condotti – „Was high ist durch Geld, Adel, Kunst oder Hasch, schlürft hier seinen Aperitif täglich zwischen sechs und acht“.

Die römische Aristokratie feiert in ihren Vorstadtvillen und den Palästen des antiken Rom, Ira von Fürstenberg, illustre Prinzessin, in grandios moderner Dachwohnung mit riesiger Terrasse über dem Park der Villa Borghese. Fotografen und Journalisten aus aller Welt umschwärmen die Society. John F. Kennedy oder der Schah von Persien gehen bei dem König der Herrenmodemacher vorbei, bei Angelo Litrico, der auch wie ein König residiert, sich einen Anzug schneidern zu lassen. Claudia Cardinale trägt das, was Courrèges in Paris und Mary Quandt in London erfunden haben, als erste Römerin – und das gleich vor den Heiligen Stuhl: ihre Papstaudienz wird zum Skandal. Valentino ist gefragt als der italienische Modeschöpfer.

Motor des aufregenden kulturellen und gesellschaftlichen Lebens in Rom ist der Film. Nach dem Neorealismo, noch während der Zeit des Faschismus der Diktatur Mussolinis von Autoren und Regisseuren wie Roberto Rossellini, Luchino Visconti, Federico Fellini oder Vittorio De Sica begründet, macht Fellinis La Dolce Vita zu Beginn der 60er Jahre die Cinecittà, die „Filmstadt“ südöstlich von Rom, vollends zum Mythos und ihn zum Meisterregisseur und internationalen Superstar. Der eigentliche Protagonist des Films ist nicht der Journalist Marcello Rubini – gespielt von Marcello Mastroianni, seitdem „il bel Marcello“ –, sondern die Via Veneto, die Prachtstrasse Roms: inszeniert wird „das süße Leben“ in den Cafés, „zwischen Erotik, Wahnsinn, Langeweile und plötzlichen Glücksmomenten“, exzessiv, frivol, geprägt durch „sexuelle Promiskuität, Drang zu ungewöhnlichen Genüssen, Weltbürgertum, übersteigerte Ästhetik“ (Alberto Moravia). Das Wohlgefühl an der dünnen Oberfläche einer florierenden Wirtschaft ist umgeschlagen: Fellini entwirft ein großes Fresko der raffinierten Dekadenz einer Gesellschaft am Vorabend der großen Jugendrevolten und prägt damit die Kultur der frühen 60er Jahre.

Ganz Rom wird zum Set: in Trastevere sieht man Sophia Loren in Vittorio de Sicas La Ciociara, ihrem größten Erfolg überhaupt; Anita Ekberg, „dieses Fabelwesen aus dem Reich der Sexsymbole tanzt in voller Abendgarderobe durch die Fontana di Trevi, ein Bild so bizarr und kühn wie skandalös“. Weltstars werden hier geboren. Dreharbeiten waren Sensationen, Photoreporter überall, tausende von Neugierigen. Welche Chancen! Die internationalen Stars – auf der Straße! Brigitte Bardot, Jean-Paul Belmondo, Ursula Andress, Anouk Aimée, Marlon Brando, Audrey Hepburn, Liz Taylor, Jane Fonda, Catherine Deneuve, Richard Burton, Kirk Douglas, Clint Eastwood, Frank Sinatra. Pier Paolo Pasolini lebt hier, einer der prominentesten und zugleich umstrittensten Protagonisten des intellektuellen Europa, Alberto Sordi, Michelangelo Antonioni …

Am Abend treffen sie sich auf der Via Veneto Künstler, Intellektuelle, Filmleute, junge Industrielle, reiche Erben, Politiker – eine Glitzerwelt mit Bars, Hotels, Restaurants: das Café de Paris, das Excelsior, das Doney, „Catwalk eines kosmopolitischen Lebens“. Die Stadt wird Bühne: Via Veneto, Piazza Navona, Spanische Treppe, Piazza del Popolo. Hier findet die Fortsetzung der Filme im realen Leben statt, das öffentliche „Theater“ der Leidenschaften in einer Freizügigkeit, wie sie in anderen Städten der Welt wohl undenkbar wäre. Voyeure gibt es genug, begierig auf das kleinste Fragment von Privatheit. In Momenten der Überrumplung, der Überraschung, der Geschwindigkeit werden sie zu Zeugen auch des Intimen, Verbotenen: von Verführung, Liebesszenen, Striptease, Trinkgelagen und Rangeleien. „Action Photography“ nennt der große italienische Kurator Achille Bonito Oliva mit Respekt die Zeitdokumente der Paparazzi.

NEW YORK

„We all knew something revolutionary was happening, we just felt it“, schreibt Andy Warhol 1966 in Popism. „… the groups were getting all mixed up with each other – dance, music, art, fashion, movies. It was fun to see the Museum of Modern Art people next to the teeny-boppers next to the amphetamine queens next to the fashion editors.

Ron Galella: Halston, Bianca Jagger and Liza Minelli, Studio 54, New York, January 1978. © Ron Galella, Ltd.

Warhol erscheint als die Schlüsselfigur im Universum der Eitelkeiten, als der Erfinder der Celebrity-Kultur. 1964 bezieht er im Osten von Midtown-Manhattan an der 47. Straße ein neues Atelier und lässt es komplett mit Aluminiumfolie auskleiden: die legendäre Factory: siebgedruckte Blumen, Kühe, Dollarnoten, Filme (Chelsea Girls), sein Magazin Interview, seine Rockband The Velvet Underground mit Lou Reed, Nico, John Cale, Partys und eine ständige Entourage: Fred Hughes, Henry Geldzahler, Kurator am Metropolitan Museum, Brigid Polk, Divine, Paul Morrisey, der für die Filmprojekte zuständig ist, Candy Darling und natürlich Andys Muse Edie Sedgwick, verführerisch und verloren, gefeiertes „It-Girl“ der glamourösen New Yorker Partygesellschaft und „Queen“ der Factory; Sie bringt Bob Dylan mit und viele andere. Eine Feier der Leichtigkeit des Pop, bis Valerie Solanas 1968 Andy niederschießt und ihn lebensgefährlich verletzt. Edie stirbt 1971 an einer Überdosis Barbiturate. 1966 war sie ins Chelsea Hotel gezogen, der legendären Künstlerresidenz; hier wohnten viele, die mit der Factory verbunden waren und manche Künstler über Jahre: Jannis Joplin, Allen Ginsberg, Patti Smith, Robert Mapplethorpe …

Gestus der Rebellion, Drogenexperimente, sexuelle Befreiung. David Bailey fotografiert Jean Shrimpton für die britische Vogue (1962): „New York: Young Idea Goes West.“ Die Beatles kommen und die Rolling Stones (1964), The Doors (1966); Barry Gibb von den Bee Gees wird zum schönsten Mann der Welt gekürt (1968). Max’s Kansas City ist „the ultimate hangout“ der Rockstars und Künstler, der Dichter von St. Mark’s Place, der Schauspieler aus Hollywood und denen aus dem Underground: „everything got homogenized here.“

Die Zirkel der High Society mit New Yorks Literaten, Theaterkünstlern und Hollywoodstars wie Marlon Brando und Frank Sinatra, den interessantesten Komponisten und Choreografen wie John Cage und Merce Cunningham waren mit strengen Zutrittsregeln äußerst hermetisch (Daniel Schreiber). Susan Sontag, eine „dramatisch schöne Erscheinung“, Intellektuelle und Celebrity zugleich, in kulturtheoretischen Debatten offen für die Popkultur, fand schnell Eingang. „Sie schien eine unwiderstehliche Mischung aus Geist, Hipness und Sex auszustrahlen, so dass (…) Kunstlegende Jasper Johns und Politikerstar Bobby Kennedy und Hollywoodsymbol Warren Beatty ihr zu Füßen lagen.“

Die amerikanische Welt mit ihrem abstrakten Expressionismus und dem Jazz ist natürlich nicht untergegangen: Mark Rothko oder Willem de Kooning malen weiterhin Meisterwerke, Miles Davis ist Weltstar und cool – aber avantgardistische Transformationen finden Anfang der 60er Jahre in allen Künsten statt. Wie viele großartige Frauen! Eva Hesse, Carol Schneeman, Marisol, Lee Bontecou, Yoyo Kusama, Charlotte Moorman. Happenings revolutionieren die New Yorker Kunstszene, die Pop Art übernimmt: Roy Lichtenstein, Tom Wesselmann, Robert Rauschenberg, Robert Indiana, James Rosenquist, Claes Oldenburg. Leo Castelli ist ihr erster Galerist – weltoffen, sprachgewandt, Mitglied der High Society und Freund von Marcel Duchamps und Alberto Giacometti, verbindet er die europäische und amerikanische Kunstszene.

„The Party of the Century“ 1966 bringt alle zusammen, die „berühmtesten und begabtesten Leute der Welt, und sie folgen aus aller Welt der Einladung von Truman Capote zu einem „Black and White Dance“ ins legendäre Plaza Hotel, um seine Freundin Katharine Graham, Präsidentin der Washington Post, und sich selbst zu feiern. Mit dem Roman In Cold Blood auf der Höhe seines Erfolges, geschmückt mit seinen „Swans“ Babe Pailey, Gloria Guiness, Marella Agnelli, Slim Keith oder C.Z. Guest, versammelt Capote auf seinem Maskenball 500 Gäste aus Adel (die Windsors, Prinz und Prinzessin Stanislas Radziwill), Politik (die Kennedys), Geld (Rockefellers, Vanderbilts, Whitneys), Film (Gregory Peck, Mia Farrow, Henry Fonda, Marlene Dietrich), Musik (Leonard Bernstein, Frank Sinatra, Sammy Davis), Literatur (Norman Mailer, Tennessee Williams, Arthur Miller, John Steinbeck, Billy Wilder), Kunst (Andy Warhol, Geldzahler), Mode (Penelope Tree) und Wissenschaft (John Kenneth Galbraith) und die Fotografen: Cecil Beaton, Richard Avedon, Elliot Erwitt.

Viele Discos gibt es im New York der 60er und 70er Jahre: Ondine, Shepheard’s, Electric Circus, Salvation – sein Besitzer ist der Fotograf Jerry Schatzberg –, El Marocco, Le Club; Régine’s eröffnet 1976. Die größte und berühmteste ist das Studio 54, das der charismatische Steve Rubell und der introvertierte Ian Schrager 1977 in den ehemaligen Räumen des CBS TV Studios aufmachten und das den Zeitgeist der 70er Jahre exemplifiziert. Genusssucht und Luxus waren der letzte Schrei, vielleicht – so analysiert es Ron Galella in seinen Disco Years – als Fluchtbewegung aus der erschütternden amerikanischen Welt von Vietnam und Watergate, das Motto: „to have fun and forget the rest of the world“.

Anthony Haden-Guest, der intime Kenner der „key players“ des Studio 54 – „the owners, bartenders, and bouncers, the celebs and the dealers; the divas, DJs, and doormen …“ – hat es in The Last Party, Disco and the Culture of the Night beschrieben: den Glamour und Kult der Celebrities, das sexy verführerische Nachtleben in Lichtorgeltaumel und Nebelschwaden, extrem, bizarr. Man raucht, trinkt und isst, hat Sex und tanzt auf dem Dancefloor. Die Hits: Saturday Night Fever der Bee Gees, Gloria Gaynor’s I will Survive … Lauren Hutton, Jerry Hall, Mick Jagger, Liza Minnelli, Warhol …, Grace Jones singt, Bianca Jagger reitet an ihrem Geburtstag im Mai 1977 auf einem Schimmel ein. „A memorial to another time, a time that felt itself to be pretty damned decadent but which (…) was a lot more fun…”

FASHION

Francesco Scavullo: Karl Lagerfeld, 1977. © Francesco Scavullo, Motion Picture Group Inc.

Mode ist nicht nur Oberfläche, sie ist Bedeutung, Medium, eine Identität aufzubauen, zu kommunizieren mit der Welt und Vehikel der Selbsterkenntnis, schreibt der französische Philosoph Roland Barthes in Système de la Mode. Welches Potential birgt sie, in jener Zeit des Aufbruchs die neue Lebensphilosophie zum Ausdruck zu bringen! Die Mode explodiert: unendlich einfallsreich, gegen die Konventionen, die Grenzen zu Kunst und Film überschreitend, von mädchenhaft diskret bis kapriziös verrückt, verführerische Extravaganz neben schräg Schrillem: von Givenchys schnörkelloser Eleganz des schwarzen Etuikleides von Audrey Hepburn in Frühstück bei Tiffany (1961) und dem von Kragen und Manschetten umrandeten Kleid aus schwarzem Wollcrepe, das Catherine Deneuve in Belle de jour (1967) trägt, bis zum Minirock der Mary Quant und Rudi Gernreichs konzeptuell radikalem „unisex design“. André Courrèges schneidert für Weltraumexkursionen minimalistische Outfits; Yves Saint Laurent erfindet Piet Mondrian neu und den Safari-Look, Tweed-Anzüge, enge Hosen, schenkelhohe Stiefel und den Damensmoking; Pierre Cardin berauscht sich an wilden Zickzackmustern. Pillboxhüte werden berühmt durch Jackie Kennedy, eine der Fashionistas des Jahrhunderts. Der Hippie-Look ist Synonym des Unangepassten, das transparente Plastikkleid und futuristische Helme weisen den Weg in ein neues Zeitalter; da verführen falsche Wimpern, Spiegelbrillen und Bikini das Auge, Bridget Rileys Op-art Geometrie machen einen schwindeln, Doktor Schiwago (1966) oder Bonnie and Clyde (1967) laden zur Nachahmung ein. Tom Wolfe schreibt in der Aprilausgabe von Harper’s Bazaar 1965 über die alte Society-Garde in New York, wie sie alle erstarrt dastanden, „konfrontiert mit der Tatsache, dass die Gesellschaft dieser Tage in ihrer Mode bei allen möglichen Außenseitern – Parias – Anleihen macht“: Stretchhosen, Norwegerpullover, Zopfmuster, Batikstoffe, Häkelsocken, Sandalen, Rollkragenpullover, Tonperlen. Die 70er Jahre ziehen dann nach mit Kordsamt, Filz und Kappen, Satinhosen mit breitem Schlag, Pelzjacken, Plateauschuhe, einem Spruch auf dem T-Shirt, Hot Pants, Ringelstrümpfen, Jeanswesten und dem trägerlosen Top.

Die Models sind Entdeckungen. Ausgeprägt individuelle Gesichter, Kindfrauen eher als Vamps, von schauspielerischem Talent. Die „Stars“: Jean Shrimpton, Veruschka, Penelope Tree, Twiggy, Loulou de la Falaise, Marisa Berenson, Lauren Hutton, Suzy Parker oder Anjelica Houston. Prominente schlüpfen in ihre Rolle wie Barbra Streisand, Geraldine Chaplin, Mia Farrow oder Paloma Picasso. Francesco Scavullo fotografiert Bianca Jagger in weißem Hosenanzug, Faye Dunaway im gefiederten Kleid und die phänomenale Grace Jones in atemberaubender Robe. Ormond Gigli versammelt alle Models der Agentur Ford zum Gruppenbild.

Die Magazine dieser Jahre sind avantgardistisch, progressiv, aufregend. Sie packen die Energie der Zeit in ein schillerndes Kaleidoskop aus Mode, Popkultur, Kunst, Musik, Haute Couture und intellektuellen Trends: in New York Harper’s Bazaar, dem Alexey Brodovitch bis 1958 als Art Director Profil gegeben hatte – übernommen dann von Henry Wolf und Marvin Israel und ab 1963 von zwei Frauen: Ruth Ansel und Bea Feitler; Vogue, in ihrem Flair geprägt von Diana Vreeland, der unbestrittenen „Empress of Fashion“, die, zunächst Redakteurin bei Harper’s, 1963 die Chefredaktion besetzt; Elle in Paris, Queen in London.

Die Fotografie ist wie die Mode selbst: am Puls der Zeit. Neue Bildsprachen, neue Techniken, eigenwillig, aufmüpfig gegen den konventionellen Kanon des Genres. Statt starrer Posen, statt klassischer Schönheiten und ätherischer Wesen – das Leben! Experimentell, subtil inszeniert, überraschend, fröhlich frech, sexy, exaltiert, exotisch, cool bis hysterisch. Dem rasanten Wechsel des Looks – immer kürzer, immer frecher, bisweilen verrückt – korrespondieren Schwung und Esprit der Fotografie. Persönlichkeiten mit geheimnisvollem Antlitz, sinnlich, freizügig, verspielt in Gesten und Mimik, tanzend, voller Spontaneität und Dynamik.

Die Welt wird zum Studio. Raus aus dem Atelier, ins Freie, auf die Straße, in den Schein der Nacht, in den tosenden Verkehr – Passanten, Fabriken, Wohnviertel. David Bailey reist mit Jean Shrimpton nach New York für eine Bildstrecke über 14 Seiten für Vogue (1962). Jeanloup Sieff nimmt sie mit an Bord der Creole, der Segeljacht von Stavros Niarchos, und törnt durch die griechische Inselwelt (1967). Richard Avedon stellt Anjelica Huston in die irische Landschaft (1969), Ormond Gigli spielt mit dem Reiz der Hadriansvilla vor Rom oder kostet das Licht von Cala di Volpe an Sardiniens Costa Smeralda aus. Christian Skrein zieht es nach Afrika, oder er breitet das Model auf dem Boden der Wiener Boutique CM aus, eingebettet in das „stylische“ Interior des Architekten Hans Hollein. Melvin Sokolsky lässt sein Model in einer gläsernen Kugel über Paris schweben. Helmut Newton bevorzugt, mit seiner Kamera an Orte zu gehen, „die oft nur den Reichen zugänglich sind“.

Wenn Studioinszenierungen, dann zeichnen sie sich durch verfeinerte Technik aus, bei Avedon etwa durch Reduktion bis zur Leere und dem Verschwinden des Raumes, bei Hiro durch imposanten Perspektivenwechsel und grafische Brillanz. Es gibt eine enorme Vielfalt: William Kleins Mädchen mit den dunkel umrandeten Augen in horizontal gestreiften Shirts vor vertikal gestreiftem Hintergrund; Bert Sterns Twiggy in Op art-Wellen für Vogue (1967) und seine Girls mit den metallischen Perücken von Courrèges. Saul Leiter zeichnet dagegen malerisch, poetisch zart, einfühlsam, feinsinnig delikat. Bob Richardson, „sort of an underground figure“, der spätere Fotografen wie Bruce Weber oder Peter Lindbergh stark beeinflusste, montiert seine Fotografien auch schon einmal zu künstlerischen Collagen. Einen politischen Unterton bringt Jim Lee in die Modefotografie: dem Mädchen im eleganten Mantel drückt er ein Maschinengewehr in die Hand – Titel: Baader Meinhof (1969) –, in Kenya (1970) lässt er über die Beine des langhaarig blonden Mädchens einen halbnackten schwarzen Junge sich beugen.

Oft werden Geschichten erzählt, gleich Comics oder kleinen Filmsequenzen. Avedon gewinnt für seine romantischen Idyllen Claudia Cardinale, Sophia Loren, Cher oder Mrs. Alfred G. Vanderbilt. Bob Richardson inszeniert mit dem Model Donna Mitchell für die französische Vogue 1967 auf 16 Seiten die Romanze zweier Liebender auf einer griechischen Insel, und wie im wirklichen Leben werden gar Tränen vergossen. Auch Guy Bourdins Werk, geheimnisvoller noch und dramatisch, bisweilen von dunkler Erotik, lebt von einer narrativen Struktur: Erzählungen in intensiven Farben, die eine Fülle von Assoziationen eröffnen und die Phantasie des Betrachters anregen. Geist und Glanz spiegeln sich in jenen Fotografien, Schönheit, Erotik, Unorthodoxes, ein Faible für das Exotische und der Flair des Internationalen. Keinem der großen Fotografen ist es allein um die „Mode“ gegangen!

FACES

Brigitte Bardot, Charlotte Rampling, Veruschka, Truman Capote, Andy Warhol, The Beatles, Diana Vreeland – das sind Leitfiguren der „internationalen Gesellschaft“, Idole der Zeit, Gesichter, die den Geist der Stunde verkörpern, und ideale Projektionsflächen für Wunschträume und Sehnsüchte. Jene Persönlichkeiten sind hier „gebannt“ im Kunstwerk. Was ist Person, was Maske? Was ist Effekt und was ihr Wesen selbst? Die Fotografien leben von der Spannung zwischen Rolle und Identität, zwischen Inszenierung und Authentizität der Charaktere.

Vermag die Fotografie die Realität auch nicht zu duplizieren – worin alle Theorie der Fotografie übereinstimmt –, so bewahrt sie doch den Moment vor dem Verschwinden und ist Dokument der Geschichte da, wo der Betrachter sich in den Realien der Fotografie wiedererkennt. Über ihre „technische Reproduzierbarkeit“ und die Vielfalt medialer Distribution hat sie Teil an gesellschaftlichen Prozessen. So ist sie nicht nur ein „expressives Genre“, sondern sie kann etwas bewegen! Die „abgelichteten“ Personen werden zu Identifikationsfiguren, die Einfluss haben können auf Denken und Handeln, ja auf die Lebensformen des Rezipienten.

Die fotografische Stilistik und die ästhetische Form sind vertraut. Die kunstvollen Porträtfotografien stehen am ehesten in der Tradition: Der Protagonist „en face“, im Profil, im Halbprofil, den Kopf geneigt. Die klassische Pose: sitzend, melancholisch, Haltung und Gebärde des Denkenden, den Ellbogen auf das Knie gestützt, den Kopf auf die Hand: Rudolf Nurejew. Die Schulter entblößt: so Brigitte Bardot oder Geraldine Chaplin; elegant drapiert auf der Chaiselongue: Madame Grès; Mia Farow x-beinig auf einem Hotelbett, Barbra Streisand verkleidet sich für William Claxton und Arndt von Bohlen und Halbach für Christian Skrein.

Das sind keine Schnappschüsse, sondern wohl arrangierte Aufnahmen, artifiziell, nach dem besten Ausdruck suchend. Magie und Verführung sind ihr Ziel. Ihre Rhetorik eröffnet dem Betrachter imaginäre Räume. So ist die erotische Geste von Bianca Jagger, die sich die Achselhaare rasiert, nur scheinbar unbeobachtet, als würde Andy Warhol eindringen in die Intimität jenes Aktes – und doch stellt er ihn wohl inszeniert zur Schau: die Schöne im Abendkleid, den Telefonhörer im Schoß, in der „Öffentlichkeit“ von Halstons Haus.

Vieles hängt ab von der Interaktion von Fotograf und Model: ob kühle Distanz oder „liebender Blick“ – ein guter Fotograf ist nicht bloß Beobachter, sondern ein „co-creator“. Durch sein Einfühlungsvermögen kann das Bild zum Psychogramm werden und weit mehr als die Oberfläche offenbaren. Welche Empfindsamkeit spiegelt sich in Francesco Scavullos Porträt der Geraldine Chaplin!

Die ausgewählten Fotografien zeigen die vielfältigen Möglichkeiten des Mediums und die individuellen „Handschriften“ der Fotografen. David Bailey experimentiert mit der Verzerrung der Perspektive, Jerry Schatzberg mit Mehrfachbelichtungen. In dem Anamorphic Portrait der Anjelica Huston wird das von Pelz umlegte Gesicht schmal wie ein Modigliani-Bildnis. Edie Sedgewick erscheint schemenhaft gleich fünffach neben- und übereinander in farbiger Transparenz. Und Christopher Makos macht aus Andy Warhol ein vertikales Triptychon: Stand-Up Portrait.

Es gibt phantastische Kontaktabzüge, Raritäten, wie Videostills. die zeigen, wie der Fotograf arbeitet, welche Auswahl er trifft. Wie ein Film läuft das Shooting vor dem Auge des Betrachters ab und zieht ihn hinein: wenn Irene Pappas fotogene Stellungen ausprobiert (Bert Stern) oder die aufreizende Uschi Obermeier vor Werner Bockelberg ihren nackten Busen präsentiert.

Eine suggestive Kraft hat Andy Warhols Torso: der verwundete Körper, der Künstler wie zum Märtyrer stilisiert und zugleich mit einer erotischen Aura versehen durch den Kontrast des nur halb entblößten weißen Leibes und dem Schwarz von Pullover und Lederjacke. Im Bild von Yoko Ono und John Lennon von Annie Leibovitz liegt die ganze Geschichte dieses charismatischen Paares. Der Mann, nackt und verwundbar, innig voller Hingabe um die Frau geschlungen, sie in Jeans und Pullover souverän, gelassen: das Verhältnis der Geschlechter ist hier feministisch emanzipatorisch umdreht – ein absoluter Gegenentwurf zur konventionellen Rollenverteilung wie sie zur selben Zeit etwa James Bond verkörpert, aufrecht stehend, im Anzug, in einer Hand die Waffe, im anderen Arm ein Bikini-Mädchen.

Die Macht dieser Bilder ist spürbar. Manchmal hat man den Eindruck einer persönlichen Begegnung, einer wunderbaren Sinneserfahrung. Das fotografische personale Bildnis kann gar die Präsenz des alten Kultbildes haben. Es kann Identität stiften und verehrt werden, wie ein privates Andachtsbild. Und diese Kraft hat es bis heute bewahrt.

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