Vor drei Jahren war’s, da lernte ich bei Vincent Klink in Stuttgart den von mir seit vielen Jahren verehrten Thomas C. Breuer samt Gattin persönlich kennen. Mal abgesehen davon, dass ich Thomas als Wortkünstler schätze beeindruckte mich an diesem Tag kolossal, dass die Beiden in später Nacht die Alte Weinsteige von der Wielandshöhe hinab zum Hotel am Marienplatz mit mir Schritt hielten, was nicht einfach war, hatte ich mir doch wenige Wochen zuvor ein Fußgelenk gebrochen und brauchte für die paar hundert Meter eine Ewigkeit. Dank Beatrice und Thomas musste ich den Weg durch die weinselige Nacht nicht alleine stolpern, wer weiß, wo ich sonst heute wäre.
Manchmal ist es nur ein Buchstabe, der einen Satz von Thomas C. Breuer ausmacht. Da ist dann nicht mehr vom Lohn der Angst die Rede (der Titel eines Filmklassikers mit Lino Ventura), sondern vom Sohn der Angst. Oder sein Programm bietet nicht Bewusstseinserweiterung, sondern -erheiterung. Das klingt sehr einfach, man muss aber erst einmal drauf kommen, und das können nur ganz wenige so wie er.
Thomas hat das Herrenzimmer immer mal wieder mit einem seiner unverkennbaren Texten versorgt, thematisch dreht es sich darin um seine Lieblingsbeschäftigungen Essen, Trinken und Bahnfahren, möglichst voneinander getrennt. Und im folgenden Gespräch geht es vor allem um ihn.
Thomas, zusammen mit Heino Jaeger warst du mein Radioheld, das muss Anfang der 1980er gewesen sein, ich schraubte samstags an meinem Motorrad, hörte dabei im WDR die Unterhaltung am Wochenende und freute mich jedes Mal, wenn du oder Heino mit im Programm waren – wann fing das bei dir an mit dem Radio?
Den ersten Radiobeitrag habe ich für den damaligen SWF gemacht, damals durften Hörer ein Programm gestalten, Honorar 20 Mark – schon damals sagte man: “Damals viel Geld!” – das war 1974. Ab 1977 fast 20 Jahre SWF 3, vor allem mit Walter Schumacher. Im WDR fing das im Dezember 1980 an und ich bin immer noch viermal im Jahr bei derselben Show zu hören in der “Unterhaltung am Wochenende”. 1980 hatte ich in Bochum eine Veranstaltung, unter anderem mit Jürgen von der Lippe. Und der hat mich gleich eingeladen. Das war übrigens auch die erste Kabarettveranstaltung, die ein gewissen Jochen Malmsheimer je gesehen hat.
Heino Jaeger wurde damals von Hans Dieter Hüsch “entdeckt”, wie war das bei dir? Und ab wann warst du auf Bühnen unterwegs?
Ich habe 1976 in Trier in einer Buchhandlung gearbeitet. Zwei Jahre vorher hatte ich den Liedermacher und jetzigen Buchautor Thommie Bayer kennengelernt. Es gab in Trier einen kleinen Verlag, der Verleger kam öfter in die Buchhandlung, irgendwann fragte ich ihn, ob er sich vorstellen könnte, ein Buch mit Thommie und mir zu verlegen. Er sagte zu, und erst danach hatte ich Thommie gefragt. Vorher gab es nur die übliche Karriere: Schülerzeitung. Ein paar Artikel für den “Grünen Zweig” und immerhin gelegentlich für die “Welt im Spiegel” (Pardon) Tatsächlich war Hüsch aber ein Katalysator, den habe ich 1971 in Koblenz kennengelernt, weil der Vater meiner Freundin ein Studienkollege von ihm war. Ich muss übrigens in der letzten Zeit häufig an ihn denken.
Haha, Werner Piepers Grüner Zweig, da stehen glaube ich auch von mir die ersten eigenen Worte drin … welche Zeiten …Wie ging es denn bei dir vor der “professionellen Karriere los, wann entdecktest du deine Gabe, der Sprache hinter die Fassade blicken zu können? War das schon etwas, das dir zu Schulzeiten lag?
Das war so ziemlich das einzige, worin ich gut war. Und in Erdkunde, wahrscheinlich, weil ich immer weg oder woanders sein wollte, und da mußte man sich informieren. Und Englisch klappte ganz gut, wegen dem Blues. Oder des Blueses?
Sprache war meine Überlebensstrategie. Vorbilder: Karl Valentin, Hüsch. Und immer schon Schweizer Autoren, Urs Widmer, Franz Hohler. Außerdem gab es einen Onkel im Schwarzwald, der immer gute Wortspiele auf Lager hatte, das liebte ich.
Mal vom etablierten Kabarett wie dem Kommödchen, den Stachelschweinen oder der Lach- und Schießgesellschaft abgesehen – wie sah zu deinen Anfängen die Satire- und Comedyszene aus? Gab es die überhaupt schon? War die Unterhaltung am Wochenende so etwas wie ein Leuchtfeuer im Meer des Seichten?
Comedy gab es natürlich nicht, aber schon immer Blödeler, den begnadeten Frankenfeld, die frühen Insterburgs. Ich sehe das auch nicht so dramatisch. Comedy ist für die nächste Generation, andere Themen, anderes Tempo, anderes Timing. Jede Generation hat ihr Recht auf eigene Künstler. Gott sei Dank hat meine immer noch Bedarf … Ob mir Comedy jetzt gefällt: Nicht mein Ding, obwohl es gute Comedians gibt. Und gute junge Kabarettisten. Dazu aber die Poetry-Szene, die so anders nun auch nicht ist. Und die “Unterhaltung am Wochenende” hatte immer schon Licht und Schatten, und da will ich mich auch nicht ausnehmen.
Gehen wir mal eben weg von deinem Tun als Sprachkünstler – du bist ein großer Musikliebhaber, schätzt Folk, Blues, Country, Bluesgrass – wie ist diese Liebe entstanden? Für einen Deutschen unserer Generation war das ja nicht unbedingt die Musik der ersten Wahl …
Meine Kindheit war Bluesaffin: Ich habe bis zum 18. Lebensjahr im Hotel-Restaurant meiner Eltern mithelfen müssen. In meiner Kindheit ein Manko, heute zehre ich davon, das Thema war für immerhin drei Bücher gut. War ja stellenweise auch ganz lustig. Gerade habe ich einen Roman beendet, der kommt im März: “Manalishi oder der Dicke kommt zum Abendbrot.” 1970 kam tatsächlich Helmut Kohl zum Abendessen zu uns, und da habe ich eine Geschichte draus gestrickt.
Folk gab es immer, beflügelt vom Radio, Country etc. nach einem sog. “Erweckungserlebnis”, ein Konzert von Peter Rowan, Jerry Douglas und Mark O’Connor in der Great American Music Hall in San Francisco. Besser kann man in eine Musik nicht einsteigen.
Ich habe auch erst nach und nach gelernt: Country ist die Musik einiger heller Köpfe hierzulande, ich denke an Wiglaf Droste oder Franz Dobler zum Beispiel …
Unbedingt. Die schätze ich auch sehr dagegen. Und Radio Leute wie Geri Stocker vom Schweizer Radio SRF 1, früher Tom Schröder vom SWR und Hansjörg Malonek von Radio ISW. die kann man alle im Internet hören, und viele andere, die ich vergessen habe …
Spielst du auch selber? Ich weiß dass du singst und Mundharmonika bläst …
Als Musiker würde ich mich nicht bezeichnen. Bill Clinton hat immer Saxofon spielen müssen, und die ihn begleitenden Musiker hatten immer dieses verhaltene Grinsen im Gesicht. Das möchte ich mir und vor allem dem Publikum ersparen. Gerade aber fange ich ein Projekt mit Stefan Hiss an, die Gruppe Hiss ist ziemlich bekannt, und seiner wunderbaren Band “Los Santos” an da geht es auch um Amerika, und Mexiko. Das sind ausgezeichnete Musiker, das möchte ich denen überlassen.
Zurück zur Wortkunst – wie gehst du beim Erarbeiten deiner Texte vor, hast du eine Technik, klopfst du zum Beispiel Wörter oder Begriffe auf ihre Verschiebbarkeit in ein sprachliches Paralleluniversum ab? Oder fliegt dir das einfach so zu?
Kreativ bin ich unterwegs, vor allem im Zug. Manchmal, wenn ich nicht mehr weiter weiß, setzte ich mich in den Zug. Ausgearbeitet und nachrecherchiert wird zuhause. Alles, was an Ideen so anbrandet, findet den Weg in mein Notizbuch, aber längst nicht alles wird verwendet.
Im Herrenzimmer sind ja einige deiner Texte zu finden, so über fremdländische Küchen oder über das Wetter, ich zitiere mal zwei Passagen: “Jedes Tief [ist] definitiv ein Produktief, vor allem für die Hersteller von Winterreifen und Allwetterkleidung.” Die andere: “Griechisches Essen ist ganz und gar gar.” Da haben wir eine simple Wortwiederholung, und zugleich eine vollständige Charakterisierung der griechischen Küche. Und ‘Tief’ und ‘Produktiv’ bringst du hier so schlüssig unter einen gemeinsamen Hut, dass man es beim Lesen für ganz selbstverständlich hält, ebenso wie einen provencalischen Restaurantnamen “Chez Guevara”, aber außer dir kommt da kaum einer drauf. Wieso also du?
Ich bin ja nicht der einzige, wenn ich nur wieder auf den Kollegen Malmsheimer verweisen darf, mit dem ich ein- zweimal im Jahr auftrete. Andererseits: Wer, wenn nicht ich? Ich kann ja auch kaum was anderes. Vielleicht stimmt etwas in meinem Hirnkastl nicht.
Wenn du an einem Text arbeitest, gibt es da eine innere Vorgabe, was die Sprachwitzdichte angeht? Pro Satz ein Schatz?
Nein. Bei manchen Texten, bei Romanen vor allem, verbietet sich das von selbst. Wortwitze sind gut für die Bühne, manchmal fürs Radio, obwohl ich auch da Redakteure kenne, die dabei nur die Augen verdrehen. Ein bisschen Inhalt ist auch nicht schlecht.
Ich gehe mal davon aus, dass die Antwort “Ja” sein wird, aber ich frage trotzdem: “Schwächelst du auch beim Schreiben? Tust du dich manchmal schwer, einen kompakten – was die Qualität der Sprache angeht – Text zusammen zu bekommen? Bleibt manches mittendrin hängen und landet dann im Aus?
Es gibt rund um meine Wohnung wahre Abraumhalden. Viele sagen, das Leichte sei schwer – das kann ich nachvollziehen. Ich habe glücklicherweise nicht mehr den Anspruch, in vielen Disziplinen zu glänzen. Ich würde mich gerne auf meine Kernthemen beschränken. Schwierig ist oft die Regelmäßigkeit, z. B. zehnmal im Jahr fürs Schweizer Radio in einer Sendung auf den Punkt zu kommen, eine Herausforderung. Macht allerdings auch Spaß.
Brauchst du immer ein definierbares, benennbares Umfeld zum Arbeiten? Ein Arbeitszimmer, im Zug, am Küchentisch …?
Siehe oben: Eindeutig der Zug. Deshalb sitze ich auch nicht gerne im Auto, habe wie Hüsch eh keinen Führerschein. Und ein Arbeitszimmer habe ich auch, mit Blick auf zwei Bergahornbäume. Oder war es Zwergahorn?
Wie verhinderst du, dass dir manche Formulierungen, die dir vielleicht vor dem Einschlafen, beim Einkaufen oder Spazierengehen in den Sinn kommen, verloren gehen? Mir ist schon mancher Reim entfleucht, weil ich nix zum Diktieren oder Aufschreiben bei mir hatte…
Notizbuch. Postkartenformat. Die Dinger bewähren sich seit 1978. Was nicht bedeutet, daß es im Gehirn keine Abraumhalden gibt, das große schwarze Loch – Ein Jammer!
Was wird man von dir in nächster Zeit hören, lesen oder sehen können?
Im März kommt “Manalishi” bei Maro heraus, dieser Roman über drei Tage im Juni 1970. Derzeit arbeite ich an einem Buch über Baden-Württemberg, wir werden beide 60 im nächsten Jahr. Und danach ein hoffentlich lustiges Buch über die Schweizer Küche. Und dann freue ich mich auf das gemeinsame Programm mit Stefan Hiss und eine kleine Kanada-Tournee fürs Goethe-Institut.
Habe ich etwas vergessen zu fragen?
Nein. Aber vielleicht fällt Dir ja noch was ein, Lieblingsfarbe, Lieblingsverein, Lieblingsgericht …
Die Fragen stellte awb


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