Am 21. Februar 1903, heute vor 108 Jahren, wurde nahe Paris die französische Schriftstellerin Anaïs Nin geboren, die eine wichtige Rolle in der Literaturszene ihres Landes spielte und nicht zuletzt durch ihre Beziehung zu Henry Miller bekannt wurde. Bis heute gelesen und geschätzt werden ihre Tagebücher sowie ihre erotischen Erzählungen (Das Delta der Venus). Anaïs Nin starb im Januar 1977 in Paris.
Mit Anaïs Nin und Henry Miller sind zwei Namen genannt, die nicht zuletzt im Zusammenhang mit erotischer, wenn nicht pornografischer Literatur verbunden werden. Das Thema Erotik und das Genre der erotischen Literatur ist viel älter als die Kunst, Texte in nennenswerten Stückzahlen zu vervielfältigen. Schon früh nutzte man daher die Möglichkeit, auf andere Weise denn als reinen Text die Erotik als tragendes Thema zu verwenden. Aristophanes, der um 400 vor unserer Zeitrechnung lebte, ist mit seiner Komödie Lysistrata ein sehr frühes Beispiel. Ein Paradoxon liegt in der Tatsache, dass es in diesem Theaterstück um Sexverweigerung geht (die Frauen Athens und Spartas wollen Frieden zwischen den Staaten erzwingen, indem sie sich den Männern verweigern) und es zugleich in der Handlung eine Vielzahl sexueller Anspielungen gibt.
Ovids “Liebeskunst” ist ein anderes prominentes Beispiel aus der Antike, und es hat nichts von seiner Bedeutung verloren, auch heute ließe es sich noch als Ratgeber in Sachen Erotik nutzen. Es handelt sich halt um ein zeitloses Thema.
Der nun erschienene Band 50 Klassiker Erotische Literatur von Barbara Sichtermann und Joachim Scholl führt den Leser über viele Kulturen hinweg vom Buch Salomo über Aretinos Kurtisanengespräche, Casanovas Memoiren und Sacher-Masochs Venus im Pelz bis in die Gegenwart mit Werken wie Schnitzlers Traumnovelle, Genets Notre-Dame-des-Fleurs, Réages Geschichte der O oder Erica Jongs Angst vorm Fliegen. Und natürlich ist auch Anaïs Nin vertreten mit ihrem Delta der Venus. Und auch Namen, die man nicht unbedingt in diesem Kontext erwartet wie J. W. von Goethe und Thomas Mann.
Alle 50 Werke werden inhaltlich beschrieben, analysiert und – sehr wichtig – in ihren historischen Kontext gestellt. Denn nicht zuletzt dieser erklärt manche der Werke; nicht immer ging man mit Sexualität restriktiv um, und was in der einen Epoche gezeigt wurde (man denke zum Beispiel an griechische und römische Statuen oder Kunstgegenstände) war in einer anderen verpönt, verboten oder gar gefährlich für den, der es schrieb, druckte, las und besaß. Im Herrenzimmer findet man dazu einen Artikel über die Ausstellung der französischen Nationalbiblithek, die vor zwei Jahren eine Ausstellung mit Exponaten aus ihrem Giftschrank ( L\’Enfer) durchführte, Exponate, die ansonsten bis heute zu der Öffentlichkeit vorenthalten werden, so auch von anderen bedeutenden Bibliotheken wie der British Library in London und dem Vatikan, in dessen Archiven laut Experten für erotische Literatur die meisten und wertvollsten Schätze lagern.
Vor allem das Christentum tat sich gleichermaßen in der Verdammung wie Verbreitung von erotischer und pornografischer Literatur hervor. Was man dem gemeinen Volk unter Berufung auf Gottes Gebote bei Androhung der ewigen Verdammnis verbot, wurde vom Klerus fleißig gelesen und getan. Die Ungeheuerlichkeiten, die der Marquis de Sade in seinen Büchern schildert, sind nicht Produkte einer pervertierten Fantasie des Autors, sonden realistische Schilderungen ihrer Zeit, in denen Fürsten, Bischöfe und Päpste im wahrsten Sinne des Wortes “die Sau raus ließen.”
Die 50 Klassiker Erotische Literatur sind bei Gerstenberg in einer Reihe erschienen, die Bildungslücken zu verschiedenen Themen schließen möchte, so gibt es auch 50 Klassiker Romane von 1900, 50 Klassiker Lyrik oder 50 Klassiker Theater, um nur einige zu nennen. Sicher kann der Band keine vollständige Übersicht der Literatur mit den Stellen geben, aber es sind doch alle Werke vertreten, die bis in unsere Zeit hinein Gültigkeit besitzen oder bei ihrem Erscheinen für Aufregungen sorgten. Zudem wartet das schön gestaltete Buch mit mehr als 200 farbigen Abbildungen sowie zahlreichen Querverweisen zu Literatur, Film und Alltagskultur auf, was ihn zu einem zugleich informativen wie unterhaltsamen Buch macht. Und es wird weder bei den Bildern noch bei den Texten drumherum geredet, was uns daran denken lässt, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass ein solches Buch auch bei uns nicht denkbar gewesen wäre, erst recht nicht bei einem renommierten Verlag.
Joachim Scholl
Barbara Sichtermann
50 Klassiker – Erotische Literatur
Sinnliche Zeilen über die Liebeskunst
272 S., 230 x 163 mm
Klappenbroschur, reich bebildert
ISBN 978-3-8369-2627-0
EUR (D) 19.95 | EUR (A) 20.60 | SFr 30.50
Die Autoren
Joachim Scholl, geboren 1960, studierte Germanistik und Anglistik in Heidelberg und Berlin. Nach seiner Promotion war er bis 1999 Literaturredakteur bei DeutschlandRadio Berlin. Er lebt als freier Journalist und Literaturkritiker in Berlin. Für die Reihe 50 Klassiker hat er die Bände Romane des 20. Jahrhunderts und Lyrik (zusammen mit Barbara Sichtermann) verfasst.
Barbara Sichtermann, geboren 1943 in Erfurt, wuchs in Kiel auf und besuchte nach dem Abitur die Schauspielschule in Bochum, wo sie 1965-68 am Theater tätig war. Anschließend zog sie nach Berlin und studierte Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre.
Seit 1978 arbeitet sie als freie Autorin und widmet sich vorrangig den Themen Frauenpolitik, Leben mit Kindern, Geschlechterbeziehung, Literatur und Medien. Barbara Sichtermann lebt in Berlin. www.barbarasichtermann.de



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