Ein bibliophiler Schatz

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Der Taschen Verlag hat schon manche Kostbarkeit für Buchliebhaber publiziert, seien es Eigenproduktionen wie das neulich bei uns vorgestellte Rose, c’est Paris, oder auch Reprints von Büchern, die gehütet in Bibliotheken aufbewahrt werden und daher dem breiten Publikum nicht zugänglich sind.

Albertus Sebas Naturalienkabinett ist ein solches Werk, das viel zu schade ist, in einem Archiv nur noch konserviert zu werden. Der niederländische Apotheker (1665-1736) legte eine beispiellose Sammlung von Tieren, Pflanzen und Insekten aus aller Welt an, die noch zu seinen Lebzeiten internationalen Ruhm erlangte. Zwar waren solche Sammlungen in ihrer Zeit durchaus nicht selten – die Menschen begannen sich immer mehr für die Phänomene der Natur auch im Kleinen und Detaillierten zu interessieren, so dass Universitäten, Wissenschaftler, Angehörige gewisser Berufsgruppen – wie Seba als Pharmazeut – und auch wohlhabende Privatpersonen Kostbarkeiten aus aller Welt zusammentrugen, aber Sebas Naturalienkabinett hob sich unter den meisten anderen durch die geradezu unglaubliche Bandbreite an Kategorien und Objekten hervor.

Nach Jahrzehnten der Sammlertätigkeit gab Albertus Seba im Jahr 1731 Illustrationen von jedem einzelnen Exemplar in Auftrag und ermöglichte so  die Veröffentlichung eines vierbändigen Katalogs: von merkwürdigen exotischen Pflanzen zu Schlangen, Fröschen, Krokodilen, Schalentieren, Korallen, Vögeln und Schmetterlingen bis hin zu Fantasiewesen wie Hydra und Drache. Natürlich konnte ein solches Werk (das erst nach Sebas Tod fertig gestellt wurde) nur einem kleinen Kreis von Betrachtern offen stehen, zu aufwändig und kostspielig war seine Produktion.

Tausende von Objekten wurden nach und nach von den besten Illustratoren erfasst und dargestellt. Dabei kam es nicht alleine auf deren wissenschaftlich korrekte und aussagekräftige Abbildung an – vielen der wunderbar aquarellierten Tafeln verliehen die Künstler eine weit über den dokumentarischen Zweck der Arbeit reichende Ästhetik. Da sieht man ornamental angeordnete Schneckenhäuser, mäandernde Schlangen oder Falter, die in ihrer Sortierung einem Glasfenster ähneln. Für diese Art der Darstellung müssen die Illustratoren eine immense Vorstellungskraft besessen haben, befanden sich die präparierten Tiere doch in oft wenig ansehnlichen Aufbewahrungsgläsern mit Konservierungsflüssigkeit. Die auf dieser Basis entstandenen Farbtafeln suchen ohne Zweifel ihres Gleichen.

Albertus Sebas Naturalienkabinett ist ein mehr als 3 Kg schwerer Band von über 400 Seiten, die den Betrachter immer wieder aufs Neue erstaunen lassen, die Detailtreue sowie die ästhetische Qualität der Seiten kann gar nicht genug bewundert werden, und jede Tafel lädt zum intensiven betrachten ein, so dass sich auch der Leser von heute in die Faszination hineindenken kann, die eine solche Sammlung einst hervorrief.

Nicht wenig erstaunt dürfte der Bücherfreund auch vom Preis dieses Prachtbandes sein: Großformatig, in Ganzleinen gebunden und mit einer geprägten Coverillustration kostet Taschens neuer Streich für Bücherliebhaber nur EUR 29.99! Chapeau für diese Leistung! Die prächtige Reproduktion entstand nach der Vorlage eines seltenen, von Hand kolorierten Originals, das in Den Haag aufbewahrt wird. Eine mehrsprachige Einleitung liefert aus historischer und naturwissenschaftlicher Sicht Hintergrundinformationen zur faszinierenden Tradition, der Sebas Kuriositäten angehörten. Hier haben wir einen kleinen Wermutstropfen anzumerken: der höchst kundige und unerlässliche Text ist in so einer kleinen Schrifttype gesetzt, dass das Lesen einige Mühe macht. Diese Mühe sollte man aber nicht scheuen, erschließt die Einleitung doch die Geschichte des Buches und der Person, die dahinter steht.

Albertus Sebas Naturalienkabinett ist eines jener Bücher, die ihrem Leser eindrucksvoll zeigen, dass die alleinige Zukunft des Buches nicht im E-Book liegen kann. Ein solches Werk möchte man mit seinem Gewicht spüren, die Leinenstruktur und Prägung der Coverillustration fühlen und das Blättern der mächtigen Seiten zelebrieren. Das Naturalienkabinett ist ein großes Buch in jedem Sinne.

awb

Albertus Seba, Cabinet of Natural Curiosities
Irmgard Müsch, Jes Rust, Rainer Willmann
Hardcover, 23.9 x 33.4 cm (9.4 x 13.1 in.),
416 Seiten
EUR 29.99
ISBN 978-3-8365-1583-2
(Deutsch,Französisch,Englisch)

Die Autoren:
Irmgard Müsch wurde 1967 geboren. Sie studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie in Mainz und Berlin. Ihre Doktorarbeit befasst sich mit Johann Jakob Scheuchzers Kupfer-Bibel, einem prächtigen wissenschaftlichen Bibelkommentar aus dem frühen 18. Jahrhundert. Sie veröffentlichte u.a. zur Kunst des 18. und 20. Jahrhunderts.

Jes Rust (geboren 1963) studierte Geologie, Paläontologie und Zoologie in Göttingen und Kiel. Seit 2001 ist er Professor am Institut für Paläontologie der Universität Bonn. Seine Forschungsprojekte seit 1996 umfassen u.a. die Systematik, Phylogenie und Paläobiologie von Insekten, den Formenwandel und Evolution von Seeigeln in geologischen Zeiträumen sowie Insekten aus dem Mitteleozän.

Rainer Willmann ist Professor für Zoologie an der Universität Göttingen und Direktor des dortigen Zoologischen Museums. Seine wissenschaftlichen Hauptinteressen liegen in den Bereichen Stammesgeschichtsforschung und Evolution sowie in der Biodiversitätsforschung und ihrer Geschichte. Er ist Mitbegründer des Forschungszentrums für Biodiversitätsforschung und Ökologie an der Universität Göttingen.

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