„Wenn deine Bilder nicht gut genug sind – dann bist du nicht nah genug dran!“

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Robert Capa. Cordoba front. 1936. Loyalistischer Soldat im Moment des Todes. © International Center of Photography/Magnum Photos

Dieses Foto gehört zu den Foto-Ikonen der Welt und ist im Gedächtnis eines jeden tief verankert: Ein Soldat wirft die Arme nach hinten, sein Gewehr gleitet ihm aus der Hand – es ist der Moment, in dem er von einer Kugel tödlich getroffen wird. In diesem Foto mit dem Titel “Loyalistischer Soldat im Moment des Todes”, das 1936 während des Spanischen Bürgerkrieges entstand, hält der Fotograf Robert Capa die Quintessenz eines jeden Krieges fest. Man mag behaupten, mit diesem Foto und den darauf folgenden Fotografien, die Robert Capa zusammen mit dem Triumvirat George Rodger, Henri Cartier-Bresson und David Seymour aus diesem Krieg und später von den fürchterlichen Schlachtfeldern und Orten der Verzweiflung des Zweiten Weltkrieges schossen, beginne die eigentlich fotografische Berichterstattung über Kriege.

Susan Sontag, die sich in ihren frühen Aufsätzen kritisch mit der Kriegsfotografie auseinandergesetzt hatte, revidierte 2003 in ihrem Buch “Das Leiden anderer betrachten”, ihre Meinung, dass der Mensch angesichts der Bilder von Gewalt und Krieg abstumpfe, und unterstrich den Appell-Charakter solcher Fotografien: „Das Bild sagt: Setz dem ein Ende, interveniere, handle. Und dies ist die entscheidende, die korrekte Reaktion.“ Sontag beschreibt die Kriegsfotografie als “Gemeinsprache für Leiden und Unheil.” Eine Sprache, die uns heute, nach vielen kleineren und größeren kriegerischen Konflikten rund um die Welt nur allzu gut bekannt ist und die mit den verstörenden Bildern der “Arabellion” in jüngster Zeit wieder einen festen Platz auf den Titelseiten der großen Tageszeitungen und weltweit in Magazinen fand.

Moises Saman: Tripolis. 31. März 2011. Gaddafi-Anhänger stellen sich freiwillig als menschliche Schutzschilde zur Verfügung, Kundgebung zur Unterstützung des libyschen Führers in seinem Anwesen Bab Al-Asisija in Tripolis. © Moises Saman/ /Magnum Photos

Und wieder stellt sich die Frage: Können Bilder Kriege und Krisen beenden, können sie die Weltöffentlichkeit aufrütteln? Dieser Frage will die Ausstellung “Frontline” anhand der Arbeiten von neun Fotografen der berühmten Fotoagentur Magnum nachgehen.

Das vorgenannte Foto des spanischen Loyalisten von Robert Capa ist eine von 200 Fotografien in der Ausstellung. Das NRW-Forum spannt in “Frontline” den Bogen von den inzwischen historischen und oft zu Ikonen der Fotografie geadelten Kriegsbildern der Magnum-Gründer Robert Capa, George Rodger, Henri Cartier-Bresson und David Seymour hin zu fünf jungen Magnum Fotografen: Thomas Dworzak, Dominic Nahr, Moises Saman, Peter van Agtmael und Alex Majoli. Sie fotografieren in den Krisenherden von Heute, liefern die brandaktuellen Bilder aus den Ländern Arabiens von den Aufständen gegen die dort herrschenden supressiven Regime, sind heute wieder unterwegs an die neuen Fronten.

Magnum Photos wurde im Jahr 1947 von Capa, Cartier-Bresson, Seymour und Rodger gegründet. Mit der Gründung ihrer eigenen Fotoagentur schlugen die vier Fotografen ein neues Kapitel in der Geschichte des Fotojournalismus auf. Erstmalig schlossen Fotografen sich zu einer Agentur zusammen, mit dem Ziel ihre Arbeit unabhängig zu produzieren, sie zu kontrollieren, sie selbst zu vermarkten und sich so eine gewisse Unabhängigkeit von den Medien zu sichern.

Ihr Prestige war das der erfolgreichsten Kriegsfotografen jener Zeit; ihr Ziel war die humanistische Idee des Verantwortungsgefühls und des Respekts des Fotografen gegenüber der Welt, den Menschen und deren Leid. Ihre Idee war, Bilder mit einem erzieherischen Anspruch in die Welt setzen, Bilder zu fotografieren, die so stark sind, das sie – ganz im Sinn von Susan Sontag – den Betrachter auffordern, eine Position zu beziehen.

Moises Saman: Tripolis. 31. März 2011. Gaddafi-Anhänger stellen sich freiwillig als menschliche Schutzschilde zur Verfügung, Kundgebung zur Unterstützung des libyschen Führers in seinem Anwesen Bab Al-Asisija in Tripolis. © Moises Saman/ /Magnum Photos

In der Anfangszeit von Magnum Photos waren dies vor allem die Bilder vom Zweiten Weltkrieg und aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Die Ausstellung “Frontline” zeigt aus dieser Zeit die Fotografien der Magnum-Gründer Capa, Rodger, Seymour und die Filme “Victoire de la vie”, “L’Espagne vivra” und “Le Retour” von Henri Cartier-Bresson.

Von Robert Capa stammt der Satz: „Wenn deine Bilder nicht gut genug sind – dann bist du nicht nah genug dran!“ Dieses Bewusstsein für die Notwendigkeit der Nähe des Foto-Reporters zu seinem Sujet existiert auch heute noch bei der jungen Generation der Magnum Fotografen. Und dass auch sie sich den humanistischen Zielen von Capa & Co. verpflichtet fühlen, beweisen die Bilder der Ausstellung die aus der jüngsten Vergangenheit stammen – aus Libyen, Ägypten, Tunesien und dem Irak.

Diese Fotografien der fünf jungen Magnum Fotografen sind gerade erst entstanden, anders als die Bilder von Capa, Seymour, Rodgers und Cartier-Bresson sind sie noch nicht historisch verankert und kontextualisiert, sie sind noch nicht zu Ikonen im Bildergedächtnis der Welt geworden. Geradezu unglaubliche Bilder gelangen aus dem libyschen Krieg und von den Schauplätzen der ‘Arabellion’ in die Medien. Es sind neue, andere Bilder, Bilder die den Zeitläufen geschuldet sind: jungen Araber mit Smartphones und Laptops inmitten von Chaos, per SMS organisierte Massen-Aufstände unter höchster Bedrohung, …

Das Internet sorgt dafür, das uns heute mehr Bilder denn je erreichen. Neben den Aufnahmen der professionellen Foto-Reporter sind das neuerdings auch die Amateur-Bilder von Mobiltelefonen, die über Blogs und sozialen Netzwerke in unglaublicher Geschwindigkeit Verbreitung finden. In der Ausstellung bildet eine Blog-Wall, deren Inhalt von der Deutschen Welle beigesteuert wird, diese neue Medien-Realität in den Krisenherden ab und zeigt die wichtigsten Blogs der jungen arabischen Blogger-Szene.

Alex Majoli: Grenzübergang Ras Jedir. 3. März 2011. Gastarbeiter aus Libyen überqueren die Grenze zu Tunesien, darunter Ägypter, Bangladescher, Chinesen, Vietnamesen und Sudanesen. © Alex Majoli/Magnum Photos

Und wieder stellt sich die Frage: Können Bilder Kriege und Krisen beeinflussen, beschleunigen, beenden? Können sie die Weltöffentlichkeit aufrütteln? Dieser Frage gehen am 23. September in einer Paneldiskussion unter der Leitung des CICERO-Chefredakteurs Dr. Michael Naumann Fotografen, Blogger und Fotohistoriker nach.

Die Ausstellung entsteht in Zusammenarbeit mit Magnum Photos, Paris. Aufgrund der Aktualität der Ausstellung erscheint anstelle eines Kataloges eine neue umfangreiche Ausgabe des NRW-Forum-Magazins KRAUT. Mit aktuellen Interviews mit den jungen Fotografen der Ausstellung, die auch als Videoportraits in der Ausstellung und im Internet zu sehen sein werden.

„Frontline“ reiht sich ein in eine Reihe von Ausstellungen des NRW-Forum, die sich mit Reportage-Fotografie von Kriegen und Krisen beschäftigen: wie Requiem (2000) mit den Arbeiten von 200 Kriegsfotografen, die in Ausübung ihres Berufes starben (unter ihnen im übrigen auch Robert Capa und David Seymour), mit Here is New York (2002), eine Ausstellung die anonymen Aufnahmen vom Terroranschlag auf die Twin Towers ein Jahr nach dem Ereignis zeigte, und mit (Tat)Orte (2006), Bilder vom täglichen Krieg auf unseren Straßen mit Fotografien von Weegee , Arnold Odermatt, Enrique Metinides und aus dem LA Police Archiv.

Ausstellungspartner: Magnum Photos
Medienpartner: Cicero
Partner: Deutsche Welle DW und K.West

Frontline
24. September 2011 bis 8. Januar 2012

NRW-Forum Düsseldorf
Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf
www.nrw-forum.de

Dienstag bis Sonntag 11 – 20 Uhr
Freitag 11 – 24 Uhr

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