Die Ochs- und Eselwochen

streben dem Höhepunkt zu, die letzten Geschenke werden in aller Eile zusammengetragen, und wenn einem partout nichts einfallen will gibt es ja immer noch Socken und Krawatten für den Herrn und Kölnisch Wasser für die Dame und einen USB-Stick für das Kind. Das meistgehörte und gelesene Wort in diesen Wochen ist Weihnachtsstress, und das wird dann nächste Woche zum Nachweihnachtsstress, wenn USB-Stick, Socken, Krawatten und Kölnisch Wasser wieder umgetauscht werden gegen … was weiß ich.

Keine Frage, Ochs und Esel sind in diesen Wochen die Hauptpersonen, man könnte vielleicht noch die Schäflein dazu zählen, beliebte Krippenfiguren und derzeit in den Fußgängerzonen zu beobachten. Aber fehlt da nicht jemand? Nein, nicht der einsame Wulff. Jemand, der diesen ganzen Brassel angerichtet hat. Jemand namens – Jesus!

Im Film Das Leben des Brian gibt es eine Szene, in der man alle zwei Meter einen Wanderprediger sieht, der den Vorbeigehenden alles mögliche vorschnarrt und verspricht – so etwa kann man sich auch einen gewissen Jesus von Nazareth vorstellen, dessen Visionen-Programm zumindest geeignet war, einige Leute aufmerksam zu machen und Anhänger um sich zu scharen. Dennoch ein Prediger unter vielen anderen, den die Geschichte aber nicht wie die anderen wieder von der Bildfläche tilgte, sondern auf wundersame, sprich zufällige Weise, konservierte, so dass sich aus seiner Gefolgschaft schließlich eine Sekte entwickelte, deren Auswirkungen bis heute anhalten, näheres dazu lese man in Karl Heinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums.

Auch unter den Kirchen- und Religionkritikern gibt es Köpfe, die den historischen Jesus nicht anzweifeln oder zumindest für möglich halten. Darunter der Theologe Heinz-Werner Kubitza, dessen Buch Der Jesuswahn wir vor einigen Monaten vorstellten. “Fast alle Forscher gehen heute davon aus, dass es eine historische Person Jesus tatsächlich gegeben hat und das er nicht nur eine komplette Erfindung ist.” sagte Dr. Kubitza seinerzeit in einem Gespräch mit dem Herrenzimmer. Und weiter: “Die Überlieferung von Jesus erklärt sich besser, wenn man davon ausgeht, das am Beginn tatsächlich ein Mensch und kein Mythos stand. Freilich hat man den Menschen Jesus dann innerhalb von einigen Jahrzehnten zu einem Gott gemacht.”

Diese Sätze fassen prägnant Dr. Kubitzas Jesusbild zusammen. Es habe eine historische Person Jesus gegeben, die Vergöttlichung hingegen fand erst später statt, samt dem daraus entstehenden Jesuswahn, vom dem Kubitzas sehr lesenswerte Buch berichtet.

Doch gibt es auch Positionen, die selbst die menschliche Existenz eines Jesus von Nazareth in Frage stellen, und eine dieser Positionen vertritt ein anderer Autor und Theologe, Hermann Detering, in seinem neu erschienenen Buch “Falsche Zeugen“, das bei Alibri verlegt wurde. In dieser Arbeit nimmt Detering sich Quellen vor, die, außer in wissenschaftlichen Kreisen, nur selten wahrgenommen werden und von denen wohl die meisten Christen gar nicht wissen, dass es sie gibt – ihnen genügen ja die Evangelien, auf deren Texten sich der christliche Glaube und die Jesusverehrung im Wesentlichen stützen.

Aber es gibt auch andere Quellen, Aufzeichnungen antiker Historiker wie Josephus, Tacitus, Sueton sowie den römischen Literaten Plinius der Jüngere; diese Quellen werden als außerchristliche bezeichnet. Und diesen ist Hermann Detering mit Hilfe moderner Untersuchungsmethoden nachgegangen. Sein Fazit: die angeblichen Jesuszeugnisse sind nicht geeignet, einen historischen Jesus von Nazareth zu bezeugen, zu ungenau, zu fragwürdig sind diese Zeugnisse, auch wenn sie von interessierter Seite innerhalb der theologischen Dispute als besonders beweiskräftig bezeichnet werden. Aber sie stehen – nicht erst seit Detering – nun einmal nicht außerhalb jedes Zweifels, auch wenn das gerne suggeriert wird durch Aussagen wie “sie werden von keinem ernsthaften Forscher bestritten”, was in der Aussage kulminiert: “Wer von einem Christus-Mythos spricht ist kein Historiker.”

Akribisch hat sich Hermann Detering mit diesen außerchristlichen Quellen beschäftigt. Sein Fazit ist eindeutig: “Mit ihrer Hilfe kann weder die historische Gestalt Jesus von Nazareth noch die Existenz eines frühen Christentums im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bewiesen werden.”

Deterings Buch ist keine leichte Lektüre, die man so nebenbei lesen kann, schließlich geht er mit wissenschaftlichem Anspruch an sein Thema heran. Dennoch ist es auch für interessierte Laien verständlich geschrieben, so sie sich denn für den Themenkomplex interessieren. Detering stellt fundamentale Werte des Christentums in Frage, und das radikaler als manche Anderen – es wäre interessant, Meinungen von Jesuskritikern wie Kubitza dazu zu hören, der ja den historischen Jesus nicht bezweifelt, wohl aber die nachfolgende Vergöttlichung eines von vielen Predigern, die vor 2000 Jahren durch den Nahen Osten schnürten.

Überraschend für den Leser ist sicherlich die Tatsache, dass sich Hermann Detering, promovierter Theologe mit dem Forschungsschwerpunkt frühes Christentum durchaus weiterhin als Mann der Kirche sieht. So sagt er in einem Gespräch mit dem humanistischen Pressedienst: “Ob es einen historischen Jesus gegeben hat, der am Kreuz gestorben ist, ist in religiöser Hinsicht irrelevant… sollte es jedenfalls sein für jemanden, der für die Sprache der Zeichen und Symbole empfänglich ist. Entscheidend ist, welche Bedeutung das Kreuz für mich und mein Gottesbild hat. Wir müssen wieder zurück zu einer poetischen Betrachtungsweise der Bibel. Die ersten Evangelien wurden als Gleichnisse und nicht als Geschichte verfasst.”

Das Buch wird zumindest zu Disputen mit Deterings Kollegen führen – in früheren Zeiten hätten seine christlichen Brüder wohl ein hübsches Feuerchen aus ihm gemacht. Und ob er in heutigen Zeiten einen christlich geprägten Verlag dafür gefunden hätte darf bezweifelt werden.

awb

Hermann Detering: Falsche Zeugen. Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand.
Aschaffenburg: Alibri 2011.
243 Seiten, kartoniert,
Euro 19.-,
ISBN 978-3-86569-070-8

Aus dem Inhalt

Christliche Interpolationen bei Flavius Josephus * Tacitus: Der Brand Roms und die „neronische Christenverfolgung“ * Plinius der Jüngere – Christenverfolgung in Bithynien * Leben und Werk des jüngeren Plinius * Sueton: Christus in Rom Sueton und seine Biographien römischer Kaiser * Mara bar Serapion: der „weise König“ * Thallus: Ein Hinweis auf die Passionsgeschichte * Das Schweigen nichtchristlicher Quellen

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Angekratzt: Jesus von Nazareth

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