Von Wiglaf Droste
Irgendwann, wenn der ganze Heißluftgargel verweht und längst vergessen ist, wird sich jemand aus Studiengründen der „Affäre Wulff“ bzw. der „Causa ‚Bild’ versus Wulff“ annehmen und nachlesen, was alles geschrieben wurde in diesen Angelegenheiten. Dann wird er auf den ‚Spiegel online’-Seiten den Satz finden: „Bei Günther Jauch konnte man spüren, wie quälend es ist, wenn ein Präsident sein Land in Geiselhaft nimmt“, und wird sich wundern: Geiselhaft? Wirklich Geiselhaft?
Wenn er den Text vom 9. Januar 2012 ganz liest, wird er feststellen: Ja, das steht da so, und der Vorwurf der Geiselnahme wird noch ein zweites Mal erhoben: „Christian Wulff zwingt die deutsche Öffentlichkeit in eine Endlosschleife. Er hat sie zu seiner Geisel gemacht.“
Und dann wird er sich fragen: Wenn das wahr wäre – wie konnte Christian Wulff dieser Coup gelingen? Erst „sein Land“ und dann auch noch „die Öffentlichkeit“ zu Geiseln nehmen? Hat Schloss Bellevue so viele Keller und Verliese? Und Wulff so viele Schergen unter seiner Fuchtel? Oder anders gefragt: Ist es nicht immer wieder erstaunlich, mit welchem Weihrauch im Ton Journalisten das Ausfüllenkönnen von Bewirtungsquittungen schon für Schreiben ausgeben?
‚Spiegel online’ gibt darauf keine Antwort, sondern fragt vollinvestigativ nach: „Möchte man in einem Land ein Hirn besitzen, in dem sich dieses Hirn immer wieder mit demselben Thema, mit demselben Mann beschäftigen muss – einzig und allein aus dem Grund, weil der einen dazu zwingt?“ Das sind so Fragen. Wer will wissen, ob der ‚Spiegel online’-Mann, aus dem diese Zeilen auf welchem Wege auch immer austraten, „ein Hirn besitzen möchte“? Allenfalls er selbst, falls Hirn in nachweisbarer Menge überhaupt im Spiel ist.
Wenn Medienjournalisten ihrer eigenen Endprodukte überdrüssig sind, liegt das im Gegenstand ihrer Arbeit begründet; dass turnusmäßig abgesonderte Rücktrittsforderungen nicht von jedem so ernst genommen werden wie von ihnen selbst, empfinden sie als Frechheit, die ihnen zwei Tage später aber wieder wurscht ist, weil ihre Maxime „Man kann’s ja mal versuchen“ schon längst beim nächsten zur Anwendung kommt, der als Sau durchs Dorf muss oder auch will.
Schwatzhaft und wehleidig halluziniert der von ‚Spiegel online’ repräsentierte Journalismus-to-go eine „Geiselhaft“ herbei, die darin besteht, dass jemandem vor’m TV-Schirm tot zwischen den Ohren wurde. „Bei Günther Jauch konnte“ er „spüren“, „wie quälend“ es sein kann, Journalistendarstellern bei der Arbeit erst zusehen und dann auch noch darüber schreiben zu müssen. Für diesen begreiflichen Ekel ist allerdings nicht Christian Wulff verantwortlich.


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