
“Au café Hamelin: des photographes et des noctambules” (Alfred Delvau, 1866, zitiert bei Walter Benjamin, Das Passagenwerk – Aufzeichnungen und Materialien; Die Photographie, Seite 832)
Im Jahre 1839 macht der französische Maler und Erfinder Louis Daguerre aus dem Fenster seiner Wohnung am Pariser Boulevard du Temple ein Bild mittels einer von ihm entwickelten Technik, die er Daguerreotypie nannte. Dieses Verfahren steht am Beginn der Geschichte der Fotografie, es war von Anfang an sehr ausgereift und erfreute sich rasch überaus großer Beliebtheit*, auch wenn es sich wegen der zunächst langen Belichtungszeiten nur für statische Architekturaufnahmen und Porträts eignete, vorausgesetzt, die Modelle konnten längere Zeit still sitzen.
(*Bei aller Faszination, die von der Fotografie ausging darf nicht unterschlagen werden, dass sie durchaus nicht unumstritten war. Walter Benjamin, der Paris in seinem fragmentarischen Passagenwerk, “Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts” nennt, zitiert in diesem Werk unter anderem Delacroix, der gegen die neue künstlerische Technik einwendet, das Menschenantlitz könne nie von einer Maschine aufgefasst werden. Ein anderer Einwand der damaligen Zeit lautete, die Daguerretypie “kann nichts verschönern”. Über Jahrzehnte ging der Wettstreit zwischen Malerei und Fotografie, und das Entstehen des Impressionismus oder später des Kubismus hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass die Malerei nach neuen Ausdrucksformen strebte, wie sie die Fotografie – jedenfalls zur gleichen Zeit – nicht vermitteln konnte.)
Daguerres Bild des – nur scheinbar menschenleeren – Pariser Boulevards (die lange Belichtungszeit ließ alle bewegten Objekte verschwinden) vor seinem Fenster ist eine der ersten jemals entstandenen Fotografien, Paris ist somit der Geburtsort einer Technik, die eine bis heute ungebrochene Popularität besitzt. Südlich des Friedhofs Montparnasse erinnert eine geschäftige Straße, die Rue Daguerre, an den genialen Erfinder.
Am Montparnasse – genauer gesagt im dortigen, 1972 fertig gestellten Hochhaus “Tour Montparnasse” entstand das Foto, das den großartigen, bei TASCHEN erschienenen und mehr als 4 kg schweren Band Paris – Bilder einer Stadt als Umschlag ziert. Helmut Newton machte dieses Bild mit dem Titel Bergström over Paris in den 1970er Jahren. Es zeigt in nackter Rückenansicht das Model Gunilla Bergström , die ihr Gesicht in einem Spiegel betrachtet. Bergströms Pose gleicht der der Venus mit Cupido von Diego Velasquez, nur hält ihr nicht ein Engel den Spiegel sondern sie sich selber, und den Hintergrund bildet nicht eine rote Samtdraperie, sondern ein riesiges Fenster, durch das man im weiten Bogen und aus großer Höhe die Pariser Stadtlandschaft sehen kann. Für diese hat die Frau jedoch keinen Blick, es interessiert sie nur das, was der Spiegel zeigt. Zugleich präsentiert sie sich in ihrer ganzen Nacktheit der Stadt, auch wenn diese gut 200 Meter unter ihr liegt. Zwei breite Straßenachsen laufen tief unten auf die Frau im Fenster zu und bilden dabei die Form eines V? V wie Venus?
Helmut Newton (1920 – 2004) hat ungezählte Fotos in Paris gemacht, und auf ihnen immer und immer wieder die Stadt mit in die Kompositionen einbezogen, ob sie sich nun draußen oder drinnen manifestierte. Den Interieurs sah man immer an, dass es sich nur um Räume in Paris handeln konnte, Hotelzimmer, elegante private Wohnungen im Haussmann Stil oder auch weniger noble Orte, und in die Außenaufnahmen bezog Newton nur zu oft klassische Pariser Szenerien und weltbekannte Monumente mit ein.

Eugène Atget: Prostituierte
140 Jahre zuvor nahm die Technik der Fotografie dank der Erfindung Daguerres einen unvergleichlichen Siegeszug auf, und diente sie zunächst eher dokumentarischen Zwecken, die sie vor allem während der umwälzenden Veränderungen des Stadtbildes durch die von Haussmann ergriffenen Baumaßnahmen erfüllte, wie es kein anderes Medium wie Grafik und Malerei hätte erfüllen können, so erschlossen die in ihr steckenden Möglichkeiten und die rasch fortschreitende technische Weiterentwicklung immer mehr Einsatzmöglichkeiten. Benjamin bezeichnet in seinem bereits zitierten Passagenwerk das Jahr 1882 als Wendepunkt im Sinne des Fotoreporters, als der Pole Ottomar Anschütz den Schlitzverschluss erfand und damit die eigentliche Momentfotografie ermöglichte. Nun konnten auch bewegte Szenen scharf abgebildet werden, aus Ballons heraus wurden erste Luftaufnahmen möglich und das Leben in der Stadt, in den sich so sehr voneinander unterscheidenden Stadtteilen, konnte erzählt und festgehalten werden. Für den Parisliebhaber und selbst den -kenner ist der prachtvolle Band eine wahre Fundgrube, zeigen doch viele, wenn nicht die meisten der Bilder ein Paris, das real nicht mehr existiert, durchaus aber in den Köpfen vieler, die etwas über die Stadt wissen. Alleine die Fotografien, die das einst vor den Toren der Stadt liegende Dorf Montmartre zeigen geben eindrucksvoll wieder, in welchem ländlichen Umfeld die Maler des 19. Jahrhunderts sich bewegten, deren Bilder uns heute alle als Meisterwerke des Impressionismus vertraut sind. Arme Stadtviertel wie Menilmontant und Belleville werden auf den Fotos von Atget oder Ronis lebendig, die das dortige tägliche Leben auf Straßen und in heruntergekommenen Mietskasernen für immer dokumentieren. Und natürlich fehlen nicht intime Einblicke in die Welt der Mode, in Ateliers von Dior und Chanel und die fantastischen Inszenierungen der Haute Culture, zu deren Meisterwerken Erwin Blumenfelds Bild eines Mannequins hoch oben auf dem Eiffelturm, das wie eine Fahne den Rock über die Stadt wehen lässt, gehört. Ungemein eindrucksvoll sind auch die in vorderster Front aufgenommenen Bilder von Capra oder Doisneau aus den Tagen der Befreiungskämpfe im August 1944 und des anschließenden Einzugs der amerikanischen Befreier und der Generäle de Gaulle und Leclerc. Kurz: Das Buch lässt die parallelen Historien von Stadt und Fotografie auf 624 Seiten und im monumentalen 25 x 34 cm Format so lebendig werden wie kein anderes dem Rezensenten bekanntes Buch, und er kann immerhin auf gut 3 Regalmeter Parisliteratur schauen.
Manchmal, wenn ich durch die Straßen der Stadt flaniere, habe ich einen Gedanken: hätte ich einen materiellen Wunsch frei, ich würde mir für jedes Foto, das an einem beliebigen Tag des Jahres in Paris gemacht wird, einen einzigen bescheidenen Cent wünschen. Ein Tag würde mir voll und ganz genügen angesichts der Heerscharen von Touristen, die mit allem, was heutzutage Klick machen kann, Bilder der Stadt einfangen wollen und angesichts der unzähligen Fotoateliers und -studios, in denen für Werbung, Mode und jede Art von Unterhaltung gearbeitet wird, Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr. Die digitale Revolution der Fotografie dürfte die schiere Zahl der geknipsten Bilder um ein Vielfaches von einem Vielfachen erhöht haben, zum Opfer gefallen sind ihr nicht nur die Filmhersteller, sondern auch die dreisten Polaroidgauner, die zwischen Louvre und Arc de Triomphe früher die Touristen abzockten. Doch bestimmt haben sie längst eine neue Geschäftsidee entwickelt.

Straßenleben während der deutschen Besatzung
Die Fotografie ermöglichte es einer ganz besonderen Spezies des Parisers, eine Leidenschaft um eine wertvolle Tätigkeit zu erweitern: gemeint ist der Flaneur. Einige der wichtigsten Fotografen, die uns ein nahezu lückenloses Bild der Stadtgeschichte seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts erschaffen haben, gehörten den Flaneuren – den ziellos umherwandernden Beobachtern – an: Eugène Atget gehörte dazu so wie Brassai, Willy Ronis, Robert Doisneau und Henri Cartier-Bresson. Diesen Fotografen haben wir unsterbliche Bilder zu verdanken, die mehr über die Geschichte der Stadt Paris in den letzten 150 Jahren erzählen als alles, was von offizieller Seite dazu dokumentiert wurde.
Über 500 Bilder enthält das Buch, und diese stehen natürlich nicht im leeren Raum. Herausgeber und Autor Jean Claude Gautrand, geb. 1932, gilt in Frankreich als einer der wichtigsten Experten in Sachen Fotografie. Seit 1960 ist er als Fotograf aktiv und machte sich auch mit zahlreichen Veröffentlichungen einen Namen als Historiker, Journalist und Kritiker. Gautrand stellt in ausführlichen, die einzelnen Kapitel begleitenden Texten die jeweilige Zeit und die Ereignisse vor, durch die die Geschichte von Paris geprägt wurden. Haussmanns Baumaßnahmen, der Krieg 1870/71, die Periode der Pariser Kommune, die verschiedenen Weltausstellungen – die mit bizarren, zum Glück später meist wieder abgerissenen Bauten aus Paris zeitweise eine Art Disneyland machten, die Belle Epoque, das Leben der in Paris wirkenden Künstler, die Armut nach dem 1. Weltkrieg, die politischen Unruhen in den 1930ern, die deutsche Besatzung zwischen 1940 und 1944 und das Wiederaufleben des Pariser Stadt- und Kulturlebens bis in unsere unmittelbare Jetztzeit – all dies ergänzt textlich die immer wieder faszinierenden Bilder, die vor allem durch das große Buchformat so beeindruckend wirken wie sonst nie.
Bald werde auch ich wieder einmal durch die Pariser Straßen flanieren, eine kleine, handliche Kamera in der Tasche, von der die ersten Fotografen mit ihren hölzernen Kisten wohl nicht einmal zu träumen gewagt hätten und werde sicher wieder den einen und anderen Schnappschuss machen. Und davon träumen, einen Tag lang nur 1 Cent pro Bild …
awb

Paris in den 1950ern. Links: Juliette Greco
Perfekt abgerundet wird Paris – Bilder einer Stadt duch einen Index mit den Biografien der Fotografen sowie Hinweisen auf weiterführende Literatur.
Paris, Portrait of a City
Jean Claude Gautrand
Hardcover, 25 x 34 cm (9.8 x 13.4 in.), 624
Seiten
EUR 49.99
ISBN 978-3-8365-0293-1
(Deutsch,Französisch,Englisch)

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