Prominente beim Stöckchenwerfen.

Hamburg [ˈhambɔːχ] …Perle des Nordens, Tor zur Welt. Alle Metropolen, die etwas auf sich halten, lassen sich von einem Fluss durchfließen. Hamburg tut dies mit hanseatischer Selbstversss-tändlichkeit von der Elbe und hat sogar einen Überseehafen mitten in sich. Hamburg hat ein weiches Weichbild, im Zentrum und rund um die Binnen- und Außenalster findet man viel gründerzeitliche, weißwandige Architektur, teils mit Kupfer gedeckt und daher oft mit stumpf hellgrünem Dach. Fröhlich lustwandelnd nimmt man zur Kenntnis, dass im Stadtkern und an der Alster nicht unzählige himmelhoch ragende Betonklötze aufploppen. Nur der Funkturm ragt keck empor.

Hamburger Fußballverein mit Kultcharakter

Hamburg ist sympathisch, etwas distanziert zwar, aber es ist ohnehin nicht ganz einfach, jemandes Zuneigung zu erlangen, sie zu festigen und zu halten. Als ich das erste Mal hierher kam, hatte ich das Gefühl, Hamburg mag mich. Die Stadt blickte mich an, ich schaute entzückt zurück und seitdem sind wir Freunde. Um Mitternacht von Altona zum Hafen zu spazieren, um dort weite Welt zu schnuppern und Schiffe und Sterne zu kucken, habe ich mehrmals genossen. Man kann auch nach Wandsbek fahren und dort Backsteinhäuser streicheln. Oder um die Alster joggen (der Kenner tut dies gegen den Uhrzeigersinn) oder sie, wie in diesem Winter, auf Kufen überqueren.

Dreimal im Jahr steht hier ein Dom, sonst nur dieser Bunker

Hamburg nennt ein Schulterblatt, eine Palmaille und einen Jungfernstieg sein eigen. Und einen Kiez, der in einem Stadtteil liegt, der seinen Namen zwar einem Zisterzienserinnenkloster zu verdanken hat, aber ansonsten nicht viel damit gemein hat. Dies gilt auch für den ortsansässigen Fußballverein gleichen Namens.
Dessen Stadion liegt am Millerntor und neben dem Heiligengeistfeld, auf dem dreimal im Jahr der Hamburger Dom stattfindet. Ja stattfindet, denn in Hamburg ist der Dom keine Kirche, sondern ein Volksfest mit mehr Besuchern als alle Hamburger Kirchen im Jahr zusammen.

Wenn man auf der Reeperbahn nicht angequatscht werden will, stellt man sich am besten vor die Davidswache, die wohl berühmteste Polizeiwache Deutschlands.
Von dort nur einen Heringswurf entfernt liegt das Empire Riverside Hotel. Wenn man lange genug in Zweierreihen vor dem Aufzug gewartet hat, lässt man sich in die zwanzigste Etage beamen, um dann mit einer famosen Aussicht über den nächtlich illuminierten Hafen in der Bar 20up einen der unzähligen und leckeren Cocktails zu schlürfen. Man bedenke bitte beim Genuss derselben, dass die Abwärtsfahrt mit einer dem freien Fall angenäherten Geschwindigkeit erfolgt.

Offensichtlich aus dem Beweggrund dass die Hamburger Wetterregel “Wenn nicht grad die Sonne scheint, regnet es” an 200 Tagen im Jahr zutrifft, haben die Hamburger Verkehrsbetriebe eine Vielzahl von U- und S-Bahnhöfen so gestaltet, dass man große Strecken zentral innerstädtisch trockenen Hauptes zurücklegen kann. Startpunkt war diesmal einer der ältesten Kunstvereine Deutschlands am Klosterwall, in dem neben Ausstellungen auch eine Vielzahl von Veranstaltungen stattfinden (z.B. der Workshop “Dressed to hell”). Bis zum Ziel, einer der ältesten Kneipen Hamburgs -der Bodega Nagel an der Kirchenallee- waren lediglich 50m oberirdisch unüberdacht zurückzulegen. Dort wird man von klar kommunizierenden “Was wollt Ihr?” Kellnern aufmerksam “Noch zwei Nagel?” und freundlich “Alles recht? Siehste. Wusst’ ich.” bedient, kann aus der gutbürgerlichen und lokal eingefärbten Küche Matjes ‘Hausfrauenart’ mit Bratkartoffeln, Seelachs mit Kartoffelsalat und Sauerfleisch mit Bratkartoffeln genießen. Unabdingbar ist neben dem malzigen Hausbier ‘Nagel-Bräu’ als Getränk zum Essen die Einnahme von Ratzeputz am Ende der Mahlzeit. Dieser mit Ingwer geschärfte 58%ige Schnaps ordnet den Verdauungstrakt neu und vertreibt gleichzeitig sämtliche Erkältungsviren. (Wer’s nicht verträgt: das Kotzbecken auf der Herrentoilette ist gut ausgeschildert und die dabei verwendete Typografie wirkt entspannend). Derart gestärkt kann man nächtens auch noch am Alsterufer wahlweise die glänzende Wasserfläche oder die gediegene hanseatische Architektur geniessen. Regen ist dann egal. Völlig.

Die handgeschriebene Speisekarte im Literaturhaus Café

Die Regenerationsphase vom Vorabend verbringt der Hansestadtbesucher idealerweise stilvoll im Café im Literaturhaus nahe der Alster. Auf den beschreibbaren Papiertischdecken lassen sich vorzüglich soziale Phänomene des urbanen Lebens, Gedichte oder Brainstormings festhalten und bei Bedarf auch mitnehmen. Oder man versucht, die Deckenfresken und Kronleuchter nachzumalen. Alternativ zieht man sich in die ledermöblierte Sitzecke zurück und versteckt sein fahles Antlitz hinter einer der vielen bereitgehängten Zeitungen.

Bei einem Hamburg-Besuch sollte man unbedingt auch Zeit für einen Spaziergang an der Alster einplanen. Selbst wenn man selbst nicht prominent ist, hat man dabei große Chancen, Prominenten beim Joggen oder beim Stöckchenwerfen auf der Hundewiese zuzuschauen.

In diesem Sinne: Viel Spaß bei Ihrem nächsten Besuch in Hamburg! Und „Hummel, Hummel“ – „Mors, Mors“.

Torsten Alpers

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