Müde Hummer, wache Händler.

Erstaunlich, was eine halbe Stunde mehr oder weniger ausmachen kann. Beim letztjährigen Besuch des Pariser Großmarktes in Rungis waren in der gigantische Fischhalle die Geschäfte schon gelaufen. Da war es gerade einmal 5 Uhr morgens. Letzte Langustinen langweilten sich, die Scheren träge durch die Luft fuchtelnd, und an Fischen war nur noch das zu sehen, das später in billigen Chinarestaurants enden würde.

Doch beim diesjährigen Besuch pulsierte das Leben, denn unsere kleine Besuchergruppe war eine gute halbe Stunde früher in Rungis angekommen, und die war offenbar entscheidend. Geschäfte wurden allenthalben mit Handschlag geschlossen, wie es Usus ist in Rungis, kostbare Abaloneschnecken kuckten mit unsicher wackelnden Fühlern ihrer unschönen Zukunft entgegen, Steinbutts vom Ausmaß junger Ufos glänzten wie gerade aus dem Meer gezogen, und ein kleiner Hai ließ sich widerstandslos über die samtartige Haut streichen – er hatte, erfreulich für den Besucher, sein Leben ausgehaucht.

Rungis in Zahlen

7.6 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr
1.200 Firmen mit 12000 Beschäftigten vor Ort
6,6 Millionen Fahrzeuge pro Jahr
232 Hektar Grundfläche
1,5 Millionen Kubiktonnen angelieferte Waren
200 Millionen Schnittblumen pro Jahr
Kundenstruktur: 50 % Einzelhandel, 35 % Gastronomie, 15 % Supermärkte
10 % Ausland, 25 % Frankreich, 65 % Paris

Ein neues Gütesiegel verrät dem Kunden, ob sein Bäcker, sein Metzger, sein Fisch- oder sein Käsehändler und auch das Restaurant, in dem er speist, die Produkte in Rungis einkauft. Damit kann der Händler sein Qualitätsbewusstsein demonstrieren, was gewiss zu seinem Umsatz beitragen kann.

Nach dem Fisch das Fleisch, dann – mit einer eigenen Halle, die Franzosen wissen halt, was schmeckt – die Innereien von Hoden bis Hirn, weiter zum Geflügel und dem Kleingetier wie Hasen und Kaninchen und dann  zur Crèmerie mit Butter und Käse. Nach so viel Protein folgt das Obst und das Gemüse, zuletzt noch – diesmal nicht für den Magen, sondern das Auge – Tulpen, Rosen und Narzissen, und dann für die tüchtig durchgefrorenen Gäste ein üppiges Frühstück mit Zutaten so frisch, wie es nur geht. Dazu – es ist 7 Uhr morgens – Burgunder und auf speziellen Wunsch der seltsamen Deutschen auch Kaffee. Übrigens haben wir nur einen ganz kleinen Teil der Hallen gesehen, alleine Fleisch und Gemüse bringen es auf insgesamt sechszehn.

Was in Rungis besonders auffällt ist die Freundlichkeit der dort Arbeitenden, sowohl untereinander als auch und vor allem den Besuchern gegenüber. Niemals, und wenn man noch so im Weg stand, hatte man das Gefühl, dass die Händler und Verkäufer sich genervt fühlten, ganz im Gegenteil. Man merkt in allen Hallen den Stolz, mit dem man dort diesen uralten Beruf zur Versorgung von Urbi et Orbi ausübt, und hatte man Fragen wurden diese ausgiebig und mit manchen kleinen Demonstrationen beantwortet.

Der Großmarkt in Rungis wurde ab 1969 auf einem 220 Hektar großen Gelände der Gemeinden Rungis und Chevilly-Larue angelegt, nachdem ein Umzug der bis dahin genutzten Markthallen im Zentrum von Paris unumgänglich wurde. Dabei beging man die städtebauliche Todsünde, die alten Markthallen von Victor Baltard abzureißen und ein abgrundhässliches Einkaufszentrum an die Stelle zu setzen, das heute wieder teilweise zurückgebaut wird. Seit 1972 ist der Markt im vollen Einsatz, er feiert somit in diesem Jahr sein 40jähriges Bestehen. Rungis verfügt über einen eigenen Bahnhof, einen Busbahnhof, ist flächenmäßig so groß wie Monaco und kann dank der kompletten vorhandenen Infrastruktur ohne Übertreibung als Stadt bezeichnet werden. Zwölf Restaurants bieten frischeste Gerichte an, mehr als 60 Straßenkilometer führen durch den Ort, was mehr als 30.000 Menschen in über 25.000 Fahrzeugen Nacht für Nacht zu nutzen wissen. Und das übers ganze Jahr.

Wer hier arbeitet hat sich kompromislos für ein Leben entschieden, in dem das Tageslicht durch die Neonröhren in den Hallen ersetzt wird. Ein wahrlich harter Job, aber das haben alle vorher gewusst. Und er kann stolz darauf sein, bei der Versorgung der Bevölkerung einen wichtigen Beitrag zu leisten und dass durch seine Mithilfe die landwirtschaftlichen Produkte aus allen Regionen Frankreichs und einigen anderen Ländern ihre Konsumenten finden. Beim Fleisch ist es auch Ware aus Irland und selbst aus Deutschland, denn man findet Spezialitäten wie Kalbszungen, -nieren oder -bries in großen Kühlkartons, auf denen deutsche Schlachtereien als Absender zu lesen sind. Die schicken ihre Innereien lieber nach Frankreich, als sie in Deutschland fortzuwerfen. Da isst sie nämlich kaum jemand. Ils sont fou, les allemands.

http://www.rungismarket.com/

awb

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