Eis und Espresso schlonzend sitze ich im StraßencafĂ© und beobachte einen jungen, durchaus adrett gekleideten Mann, der auf der anderen Straßenseite in größeren zeitlichen Abständen Passanten anspricht. Aus den unwirschen bis feindseligen Reaktionen schließe ich, dass er nach Geld fragt und sich dabei gar nicht erst mit Münzen zufrieden geben will.
Längst ist ein zweiter Espresso geschluckt, da löst sich das Rätsel, ein Mann zückt sein Feuerzeug, und der Bittsteller kann eine Zigarette anzünden. Er hatte einfach nur nach Feuer gefragt. Sicher wäre er schneller ans Ziel gekommen, wenn er ein paar Cent erfragt und sich dafür ein Einwegfeuerzeug geholt hätte. Bloß wo? Eine Tankstelle war weit und breit nicht zu sehen. Ein Tabakladen erst recht nicht.
Als Raucher ist man auf der Stufe der menschlichen Existenzformen inzwischen ganz unten angelangt. Selbst für Priester und Politiker gibt es mehr Sympathien als für Tabakgenießer. Das hat Tradition und ist nicht wirklich etwas Neues. Bloß – der christlichen Enthaltsamkeitslehre, vehement vertreten von zutiefst misanthropischen Muckern, denen nicht einmal der Rausch der Nüchternheit bekannt ist, ist in unserer Zeit als weiterer moralischer Sittenwächter die Medizin zur Seite getreten. Der Gesundheitseifer mit seinen Diätvorschriften und Fitnessprogrammen, auf dessen Abschussliste schon längst weitere Genussmittel stehen, ist der unleibhaftige Bruder der christlichen Temperenzler.
Aber was jammere ich. Meine letzten Zigaretten dürfte ich als Schüler in den frühen 1970ern geraucht haben, gedreht aus “Schwarzer Krauser mit den Negerlein”, Tabak und Blättchen gestiftet von jemandem, der heute deutscher Botschafter in Venezuela ist. Danach folgten viele rauchfreie Jahre, bis ich die Cigarren entdeckte. Und Havanna hin, Havanna zurück – die mir heute liebste kommt aus Italien.
“Nimm einen Zug”, sagt Clint Eastwood in “The Good, The Bad and The Ugly” zu Eli Wallach, “dann kannst du gut kacken.” Und zieht aus seinem Mundwinkel etwas heraus, das wie ein länglicher Hundeköttel aussieht und schiebt es dem Hässlichen ins Gesicht. Dieses Etwas war Eastwoods Markenzeichen in etlichen Italowestern und kam – vielleicht aus Kostengründen wie die Kulissen – aus dem Süden Europas. Genauer gesagt aus der Toscana. Denn dort werden bis heute Cigarren hergestellt, die es in sich haben, weshalb sie auch “die Drei-Männer-Cigarre” genannt werden: einer raucht sie, die beiden anderen halten ihn fest.
Da ist etwas dran. Meinen ersten Zug an meiner ersten Toscano – so heißen die Dinger – werde ich kaum vergessen, ein sich umgehend einstellender Nikotinflash, der einem den Boden unter den Füßen gnadenlos wegzieht und den Gleichgewichtssinn ausknipst, war die Folge; damals hätte ich wirklich gut zwei Hilfesteller brauchen können.
Die Toscano ist eine schlanke, freundlich gesagt “rustikal” wirkende Kentucky-Cigarre mit sehr kräftigem, würzigem Aroma. In Italien haben Toscani eine Tradition, die bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück geht. Auch heute findet man sie dort in jedem Tabakladen. Sie sind fester Bestandteil der italienischen Lebensart und passen natürlich hervorragend zu Wein oder Espresso.
Bei fast jeder epochalen Entdeckung der Menschheit spielt ein Unfall, ein Versehen oder eine Tolpatschigkeit die entscheidende Rolle, also auch bei der Entstehung der Toscano. Anfang des 19. Jahrhunderts kam eine florentinische Manufaktur für Pfeifen- und Schnupftabak durch ein Missgeschick hinter die Rezeptur. Der Regen eines Sommergewitters soll, so die offizielle Chronik, den dort im Innenhof gelagerten Kentucky Tabak durchnäßt haben. Die Hitze des Sommers, mit der in Florenz nicht zu spaßen ist, hatte daraufhin Gärungsprozesse in Gang gesetzt, was eigentlich das Aus für den betroffenen Tabak bedeutete. Der Inhaber der Fabrik beschloß, als guter Geschäftsmann nie um eine Idee verlegen, seinen Schaden so gering wie möglich zu halten und den “verdorbenen” Tabak nicht wegzuwerfen, sondern ihn als Füllstoff für Cigarren zu benutzen. Diese sollten dem Volke zu einem günstigen Preis angeboten werden.
Mit dem Inneren aus derart fermentiertem Kentucky Tabak und nur mit einem Deckblatt aus natürlichem Kentucky (das Umblatt ließ man aus Kostengründen weg), wurde diese Cigarre geboren, die auf’s Vorzüglichste ankam und einzigartig in ihrer Art war. Zunächst namenlos wurde sie vom Volksmund sehr bald als Toscano bezeichnet. Der Hersteller rieb sich die Hände, dankte der Madonna, zündete eine große Kerze an und beschloss sogleich, die Gunst des Volkes zu nutzen und errichtete darum große Fabrikationsstätte für den neuen Cigarren-Typ.
Fast alles ist bei den Toscani anders als bei anderen Cigarren, und hier sei vor allem das zunächst etwas merkwürdig anmutende Ritual des Halbierens genannt: der Raucher teilt nämlich vor dem Anzünden eine Toscano, die etwa 17 cm lang ist, in der Mitte durch, sei es, dass er sie bricht, sei es, dass er sie mit einem Messer oder einer Cigarrenschere in zwei Hälften teilt. Vor allem dem Anfänger ist dieser Brauch wärmstens ans Herz gelegt, denn eine ganze Toscano kann selbst den erfahrenen Raucher leicht aus der Kurve tragen.
Ebenfalls anders als bei herkömmlichen Cigarren sind Herstellung und Bestandteile der Toscano. Besonders interessant ist die Fermentationstechnik. Nachdem der Tabak entrippt wurde, wird er in Wasser getaucht und anschließend in Fässern feucht vergoren. Dabei entwickelt sich der unvergleichliche Geschmack. Je nach Sorte wird bei Fermentation und Reifung variiert. Angebaut wird der Tabak hauptsächlich in der Toskana und in Umbrien. Nur für die Deckblätter werden meist original Kentuckys aus den USA verwendet. Es wird, anders als bei herkömmlichen Cigarren kein Umblatt gebraucht, die Decker werden nämlich mit etwas Maisstärke bestrichen, die den Rauchkanal abdichtet und die Füllung fixiert. Fertig. Das alles hört sich für den Liebhaber feiner Tabakwaren recht merkwürdig an, und ohne Zweifel ist es das auch, aber mit Dogmatik kann man den Toscani nicht kommen.
Es gibt verschiedene Toscano-Varianten und Qualitäten, so die Classico, die Antica, die Extra Veccio und, das non plus ultra, die rein von Hand gefertigte Antica Riserva, die mehr als ein Jahr lagert, ehe sie in Zweierschachteln in den Verkauf gelangt. Etwa 550 Antica Riserva kann eine Arbeiterin täglich herstellen. Die anderen Sorten lagern und reifen in Kellern zwischen vier und sechs Monate vor dem Verkauf und sind in Fünferschachteln verpackt.
In ihrer Aufbewahrung zu Hause sind die Toscani absolut anspruchslos, hätte Clint Eastwood sie sonst geraucht? Sie benötigen keinerlei feuchte Lagerung in einem Humidor. Anders als bei Karibik-Produkten hat die trockene Toscano ein besseres Brandverhalten, als die feucht gelagerte. Man setze seine Toscani nur keinen starken, fremden Gerüchen über längeren Zeitraum aus, ebenso sollte man starke, fremde Gerüche keiner Toscano aussetzen.
Die erste Toscano ist für Manchen gewiss auch zugleich die letzte, zu ungewöhnlich ist der Geschmack dieser echten Aroma- und Nikotinboliden. Einmal bot ich einem mit allen Wassern gewaschenen und der Cigarre keineswegs abholden Dichter und Satiriker eine halbe Toscano an, er dankte höflich und zündete sie an, um sie wenige Augenblicke später dezent im Ascher erlöschen zu lassen. Auch einem bekannten Trompeter, mit dem ich schon so manche Cigarre teilte, gab ich einst eine Toscano, er versprach, sie später zu rauchen und Bericht darüber zu erstatten und steckte sie ein. Gehört habe ich danach nichts mehr von ihm, außer in Funk und Fernsehen.
Man nähere sich der Toscano also vorsichtig und komme vor allem niemals im Leben auf den Gedanken, den Rauch zu inhalieren! Die Toscano schmeckt auf der Zunge, nicht in der Lunge. Doch hat man sich erst einmal mit dem ungewöhnlichen Aroma und der Kraft angefreundet, wird man feststellen, dass eine Toscano den puren Genuss bietet. Vielleicht dazu ein Espresso, bevorzugt natürlich unter südlicher Sonne. Und wenn das gerade nicht geht, dann eben hierzulande. Am besten, man hat für den ersten Versuch zwei kräftige Freunde dabei.
Archi W. Bechlenberg
Erschienen in: âHäuptling Eigener Herdâ, Band 45, Dezember 2010



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