Das Buch für die einsame Wortschatzinsel

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Jetzt kann ich sagen: geil, geil, geil!“ So war es in der Presse zu lesen, als Dortmunds Trainer Jürgen Klopp sich über einen erhofften Erfolg freute. Das gäbe ordentlich Kloppe, wäre Wiglaf Droste in der Nähe, aber an Trainers Statt traf es dann mich, als mir vor kurzem G-Punktpunktpunkt in des Autors Beisein entschlüpfte.

Natürlich geht Geil gar nicht. Weder für Gesang noch für Gewinn. Der Rüffel kam somit völlig zu Recht, und ich bemühe mich seither, selbst in Gesprächen mit jungen Menschen davon Abstand zu halten. Als Angehöriger einer Generation, die noch live über Heinz Erhards Sketch lachte, in dem alle Wörter mit G beginnen (geil kam darin nicht vor) sollte ich wissen, für welche Momente im Leben das Wort geschaffen wurde.

Ömm“ hingegen wurde für gar keine Gelegenheit geschaffen, und genau deshalb ist es auch in aller Munde. Kein Wortbeitrag in einer unter kulturellem Anspruch geführten Rederunde wird mit einem freundlichen „Also ich sach mal so …“ begonnen, sondern mit „Ömm …“. Kaum jemand merkt das noch, so inflationär wird geömmt. Wiglaf Droste allerdings hört genauer hin. Ihm entgeht keine jener allgegenwärtigen Floskeln, für die es in der Sprachhölle (Motto: „Schwefel zu Schwafel!“) eine eigene Abteilung geben muss, die unermüdlich neue Kreationen andenkt, mit „voll d’accord“ für zeitgemäß erklärt und daraufhin in unser aller Sinne verortet. Definitiv.

Nicht weniger schlimm als viele Floskeln und Neusprechwörter sind deren Folgen. Multitasking ist als Wort schon unschön genug, in seinen Auswirkungen auf den Alltag kann es geradezu bedrohliche Ausmaße annehmen. Multitasking und Deutsche Bahn, zwei Begriffe, die nicht kompatibel sind und es wohl auch nie werden. Dazu sind beider Eckdaten zu verschieden. Droste, oft und gerne mit der Bahn unterwegs, kann darüber manches schreiben und tut es. So wie auch über Mensch gewordene Worte (Ganzkörperverspannung: Herbert Grönemeyer, Gratismoralerpresser: Bono, Facility Manager: Hausmeister), denn wo Worte sind, da sind auch Menschen. Häufig, oft und gerne zu häufig. Die uns zudem ohne jedes Schamgefühl an ihren Artikulationen teilnehmen lassen, sei es von einer Bühne herab, sei es vom Abteilsitz zwei Reihen weiter oder gar vom Nebentisch. „Ömm … ja geil, unser nachhaltiger Protest gegen den Lärm der B 256 muss noch weiter verortet werden! Dranbleiben! Können wir Bono nicht für unsere Sache gewinnen?“

Die Sprache ist ein Minenfeld, in dem sich niemand sicher fühlen kann. Auch wer einen Plan in Hand und Kopf hat kann nicht sicher sein, stets unbeschadet hindurch zu kommen. Wie schnell checken wir mal eben ab, finden etwas (nein, nicht g***) fett oder tun gar zielführendes.

Die Sprache ist aber auch etwas Lebendiges und stets in Wandel begriffen. Gegen ein vereinzeltes cool oder geil oder fett ist wenig zu sagen. Erst wenn ein Begriff zur reinen Floskel wird und durchweg alles unreflektiert cool oder geil oder fett oder gar porno ist, dann sollte das möglichst zeitnah angesprochen werden.

Wiglaf Droste mahnt und moniert, und das zu Recht, denn allzu oft entkommt auch ein in sich ruhender Mensch nicht dem Lall und Lull, das aus den Meisenheimen von Westernhagen, Andreas Frege a.k.a. Campino und Niedecken blubbert. Wobei Droste alles andere als ein akademisch verbisterter Sprachschützer, gar Wutbürger ist. Die geistige Verflachung der Kommunikation – für die die sprachlichen Exzesse ein Indiz unter anderen sind – scheucht ihn auf und lässt ihn immer wieder so erschauern, dass er es aufschreiben muss. Um die Sprache ist ihm dennoch nicht bange, er setzt auf ihre selbstreinigende Kraft. „Auch wenn die Blödwelt sich noch so anstrengt, sie kriegt die Sprache nicht kaputt.“ Da können sich noch so viele Marketingabteilungen und personifizierte Landplagen anstrengen.

Dass es in der Kommunikation auch anders als ausschweifend und nervend geht, beweist der Autor in seinen selten mehr als anderthalb Seiten langen Glossen. Geistreiches bedarf nicht vieler Worte, vor allem nicht des modischen Neusprechs unserer Zeit. Sprichst du noch oder kommunizierst du schon? zeigt das überzeugend auf. Möge somit die Lektüre des Buches vor allem dies sein: erheiternd, unterhaltend, erhellend. Und meinetwegen auch nachhaltig.

awb

-> Leseprobe

WIGLAF DROSTE
Sprichst du noch oder kommunizierst du schon?
Neue Sprachglossen
Edition Tiamat
Berlin 2012
Cover: Nikolaus Heidelbach
ISBN: 978-3-89320-165-5

191 Seiten, 14 Euro.

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