Der Reisende

Von Wiglaf Droste

Einen kenne ich, der so nichtsesshaft ist, dass er zwei Wohnungen hat und trotzdem meistens in keiner von beiden lebt. Herrlich sei das Reisen, sagt er, man lege sich als glühendes Eisen in die Herdfeuer der Welt. Die Herdfeuer brennen aber doch bei den Sesshaften, wie geht das zusammen? Bestens, sagt der Reisende; gerade weil er keiner von ihnen ist, mag er Sesshafte gern und sie mögen ihn aus demselben Grunde auch. Er bleibt nie zu lange, und sie bringen soviel zustande, schwärmt er. Das Leben häuft sich wie von alleine an bei ihnen, alles ist da, Hundkatzemaus, Auto, Rasensprenger, Geschirrspüler, Chaos und Gewusel, und für einen mehr am Tisch ist immer Platz. Die Seßhaften ziehen Kinder groß, wissen alles über Masern, Mumps und Meerschweinchen, und wann immer man sie besucht, sind sie viel zu k.o., um unglücklich zu sein.

Eine liebe Freundin, erzählt er, hat sich für ihr drittes Kind einen zweiten Mann gesucht, blickt voll durch und hat die Kerle und die Brut im Zaum, im Herzen und im liebevollen Griff. Das dritte Kind ist ein Quint; der Name ist vorausschauend klug gewählt. Wenn der Bengel später in der Pubertät rumstresst, wird sie ihm sagen: „Hey Quint, mach kein’ Terz“, und wenn er auch nur ein bisschen musikalisch ist, kapiert er’s und geht eine quartzen, schließt sich einer Sexte an oder verliebt sich in eine None.

Meiden muss der Reisende Einliegewohner, also solche, die ihr Leben aus Trägheit in Sesshaft verbringen, viel lieber woanders wären, sich aber nicht aufraffen können und dann den Reisenden unfroh, neidisch nörgelnd und schweinchenschlauhaft anäugeln und fragen: „Wovor läufst du eigentlich weg?“ Dann lächelt der Reisende das Lebensaussitzgespenst an und sagt freundlich: „Vor Deppen, die so naseweis dämliche Fragen stellen selbstverständlich. Lieber vagabund als moribund“, und dann ist er auch schon wieder weg, auf dem Weg als Nomade im Speck.

 
 
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