Chet Baker – Tod in Amsterdam

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Archi W. Bechlenberg

Für die 50ste Ausgabe des Magazins “Häuptling Eigener Herd” habe ich im Frühjahr 2012 diesen Text über Chet Baker noch einmal komplett überarbeitet. Sie können hier also beide Fassungen lesen, der erste Text ist die überarbeitete Version.

„Play simple and strong.“
(Chet Baker)

Wer heute über den Amsterdamer Zeedijk schlendert und diesen noch aus früheren Zeiten kennt, der fühlt sich in eine Disneyland-Version der Straße versetzt. Alles ist pittoresk, sauber und gefegt, Fahrweg und Bürgersteige sind neu gepflastert, und man kommt mühelos von einem Ende bis zum anderen, ohne alle paar Meter Drogen angeboten zu bekommen oder überfallen zu werden.

Am Nordende des Zeedijks liegt ein kleiner Platz, der Prins Hendrik Plein, und hier findet man ein Hotel, das mit drei großen Neon-Sternen für sich wirbt. Vielleicht sind die ja heute berechtigt, aber in den 1970er und 1980er Jahren war das Prins Hendrik vor allem als billige Absteige bei drogenabhängigen Musiker beliebt, die von dort nur ein paar Meter schnüren mussten, um auf dem Zeedijk zu scoren.

Am 13. Mai 1988 findet ein Passant vor dem Prins Hendrik Hotel in der Nacht einen männlichen Toten, der auf dem Trottoir in seinem Blut liegt. Wenig später kommen Polizei und Ambulanz und bringen den Toten ins Leichenschauhaus. Da er keinerlei Papiere bei sich führt ist seine Identität zunächst nicht festzustellen. Man hält ihn wegen seines abgerissenen Zustands für ein weiteres Drogenopfer, wie man sie zu dieser Zeit täglich in der Stadt findet.

Zwei Tage später wird der Mann identifiziert. Sein niederländischer Manager, auf der Suche nach dem Verbleib des Musikers bei der Polizei vorstellig, erkennt in ihm den Trompeter Chet Baker. Es stellt sich heraus, dass Baker im Prins Hendrik ein Zimmer im zweiten Stock bewohnt hatte und offenbar aus dem Fenster auf die Straße gestürzt war. Er wurde 58 Jahre alt. In den letzten Monaten und Wochen seines Lebens – das über Jahrzehnte vom Drogenkonsum bestimmt war – muss es mit ihm nach Aussagen von Freunden und Kollegen rapide abwärts gegangen sein. Die Ursache seines Todes bleibt bis heute rätselhaft, und rasch gab es Gerüchte und Vermutungen. War er im Rausch aus dem Fenster gefallen? Hatte er versucht, an der Fassade hochzuklettern, weil er seinen Schlüssel vergessen hatte? War es Suizid? Hatte ihn gar jemand heraus gestoßen, im Streit um Geld oder Drogen? Baker war immer für eine Geschichte gut.

Zum letzten Mal erlebte ich Chet Baker im Dezember 1987, fünf Monate vor seinem Tod. Er trat mit einer Band im Aachener Carlton Club auf, ein müder, alt wirkender Mann, der sich nur mühsam auf einem Hocker halten konnte und meist so aussah, als würde er schlafen, aber er schlief nicht, er saß nur da, über seine Trompete gebeugt und wartete auf seine Soli, die er dann mit einer Tiefe und Intensität blies, die man von diesem Wrack auf der Bühne nicht erwartete. Das Carlton war an diesem Abend voll wie ewig nicht, und ich übertreibe nicht, wenn ich annehme, dass den meisten Zuhörern der Gedanke, Chet Baker zum letzten Mal live zu erleben, sehr präsent war.

Chet Baker im Haus von Jacques Pelzer, Lüttich, 1987. Mit herzlichem Dank an Jacky Lepage

Später kam als Gast Chets alter Freund Jacques Pelzer mit seinem Altsaxophon auf die Bühne. Bei ihm, im belgischen Lüttich und nur eine halbe Stunde von Aachen entfernt, hatte der Trompeter häufig gewohnt, oft auch für längere Zeit. Pelzer war im Hauptberuf Apotheker, spielte aber seit den 1940er Jahren semiprofessionell Querflöte und Altsaxophon, nahm mit Baker einige Platten auf und ging mit ihm auf Tournee. Jacques war ein treuer Freund, der nicht zuletzt in einem wichtig für Chet Baker war: als Apotheker hatte Pelzer Zugriff auf Substanzen, die der süchtige Trompeter brauchte. Und nicht nur er; über dem Laden wohnten immer wieder drogenabhängige Musiker, darunter Stan Getz, Dexter Gordon, Woody Shaw oder Elvin Jones. Das brachte Pelzer später noch einigen Ärger ein.

Seit seinem dreizehnten Lebensjahr hatte Baker, der aus dem ländlichen Oklahoma stammte, Trompete gespielt, gefördert von seinen Eltern und vor allem seiner Großmutter. Musikunterricht war nicht seine Sache, er lernte, nach Gehör zu spielen. Mit Siebzehn ging er in die Armee und kam, als Musiker in einer Militärband, auch nach Berlin. Nach seiner Entlassung ging er zurück in die USA und trat bald regelmäßig in Jazzclubs auf.

Die erste Plattenaufnahme, auf der er zu hören ist, stammt vom März 1952, es ist eine Jam Session, die später als “Live At The Trade Winds” erschien. Etwa zur gleichen Zeit spielte Baker bei einer Audition vor niemand geringerem als Charlie Parker, der einen Trompeter suchte und sich für Baker entschied. “Da ist ein weißer Trompeter, der spielt euch den Arsch weg!” soll Parker anschließend zu anderen Musikern gesagt haben. Unter dem Titel “Live at Inglewood” gibt es ein Album mit Parker und Baker, das diese einzige Begegnung der Beiden dokumentiert. Was Parker an dem Trompeter fand ist aus der Aufnahme nicht zu entnehmen, Baker spielt kraftlos und unsicher und trifft die Töne eher selten.

Als die – nur kurz und nebensächlich gehaltene – Nachricht von Chet Bakers Tod in einigen Zeitungen erschien waren höchstens die Leute überrascht, die ihn schon lange tot wähnten. Wer ihn zuletzt kannte und erlebte wunderte sich nicht, davon zu erfahren; zu sehr war die Verwüstung voran geschritten, die Bakers Leben bestimmte. Jeder konnte es sehen: In den Tagen kurz nach seinem Tod lief auf dem Filmfestival von Cannes Bertrand Fèvres Film „Chet’s Romance“, ein zutiefst einfühlsames Portrait des Musikers von nur knapp zehn Minuten, und im September 1988 kam Bruce Webers eher reißerischer Dokumentarfilm „Let’s get lost“ in die Kinos, in dessen nachhaltigsten Momenten man 1987 aufgenommene Gesprächsfragmente mit einem völlig desolaten Menschen sieht, der nur noch am Leben litt. James Gavin, der Biograf Chet Bakers, schreibt nicht von ungefähr in seinem Buch „Deep in a Dream“, Baker sei in Amsterdam an gebrochenem Herzen gestorben.

Wer sich, vielleicht zum ersten Mal, über die Musik Chet Bakers ein Bild machen möchte und dazu im Internet recherchiert, erhält buchstäblich hunderte Verweise auf Platten. Für einen Neuling stellt dieses Ansinnen eine schier unlösbare Aufgabe dar. Denn es gibt neben viel Licht nicht nur den obligatorischen Schatten, sondern auch völlige Dunkelheit.

Die Gründe sind vielfältig. So werden immer und immer wieder Alben neu aufgelegt, unter verschiedenen Namen, mit verschiedenen Covern, aber identischem Inhalt. “Chet is Back” und “The Italian Sessions” und “Chet in Milan” sind ein und das selbe Album und nur ein Beispiel von vielen. Dann gibt es eine kaum zu überschauende Zahl von Zusammenstellungen unter so phantasievollen Titeln wie “The Best of…”, “The Very Best of…” oder sogar „The Ultimate …“. Sie umfassen mehr oder weniger willkürlich auf eine CD gepresste Aufnahmen, die, wenn man Glück hat, schon repräsentativ sind, aber keineswegs immer.

Chet Baker, 1964. Mit herzlichem Dank an Klaus Gottwald

Doch für das größte Problem ist Baker selber verantwortlich: Er hat in den mehr als fünfunddreißig Jahren seiner Musiker-Laufbahn viele, viel zu viele Platten eingespielt, deren Existenz nur durch seine Heroinsucht und die ständige Suche nach Geldquellen zu erklären ist. Er ging für und mit jedem ins Studio, der ihm tausend Dollar in die Hand drückte. Aus dieser Kategorie gibt es nicht wenige Alben, die nur für Sammler, die möglichst alles haben wollen, von Interesse sind. So einer bin ich – leider – selber; nur anhören mag ich dieses Zeug nie und nimmer. Mehr als 200 LPs und CDs habe ich bisher zusammen getragen, und es kommt immer wieder etwas dazu, Radiomitschnitte zum Beispiel von teils brillanter Qualität. Teils.

Um an Geld zu kommen war sich Baker in den 1960er Jahren nach der Haft in Italien wegen Drogenbesitzes für nichts zu schade. Er gab seinen Namen für Mariachi-Platten im Stil von Herb Alpert her, auf denen er oft nur im Hintergrund ein paar Töne dudelte. Man kann sich die verheerende Wirkung vorstellen, wenn jemand auf der wohlgesonnenen Suche nach Bakers Musik an so etwas gerät. Eindeutiger Tiefpunkt ist die Platte „Albert’s House” vom Ende der 1960er Jahre, darauf klingt Baker, als habe er vor fünf Minuten zum ersten Mal eine Trompete in die Hand bekommen. Kein Wunder – nicht nur, dass er zutiefst in der Heroinsucht steckte, er hatte wenig zuvor alle Zähne in Folge einer zweifelhaften, bakertypischen Geschichte (Überfall? Schlägerei? Quittung?) verloren, und aus Geldmangel spielte er mit irgendeinem Gebiss, das vor allem eines war: nicht seines. Die Platte ist ein entsetzliches Dokument des Grauens, musikalisch wie menschlich. Und wird doch regelmäßig, unter verschiedenen Titeln, von zwielichtigen Labels wiederveröffentlicht. Ein Verbrechen.

Zum obskuren Teil von Bakers Diskografie müssen auch eine Reihe von live mitgeschnittenen Platten zählen, die nicht unter professionellen Umständen entstanden und denen man im günstigsten Fall das Attribut „dokumentarisch“ zubilligen mag. Da saßen dann Fans mit Kassettenrecordern irgendwo im Raum und nahmen alles auf, was ein Geräusch machte und sich auf Platte pressen ließ. Die Musik ist da meist nur das Hintergrundrauschen.

Was also bleibt von Chet Bakers Magie? Kann man guten Rat geben? Versuchen wir’s. Uneingeschränkt empfehlenswert sind Chet Bakers Aufnahmen zwischen Ende 1952 und 1956. In diese Zeit fallen die legendären Einspielungen mit dem pianolosen Quartett von Gerry Mulligan, die Sessions im eigenen Quartett mit Russ Freeman, seine ersten gesungenen Platten, die 1953er Aufnahmen mit Stan Getz, eine Livesession mit Howard Rumsey’s Lighthouse All-Stars vom September 1953 sowie die bei Pacific Records erschienenen Platten des Chet Baker Septets und des Chet Baker Quintets with Strings vom Ende 1953. Intensiv sind die Aufnahmen, die Baker mit Drogenbruder Art Pepper Mitte der 1950er Jahre machte, wenn gerade einmal keiner der Beiden wegen Delikten einsaß, sowie das Album „Chet Baker in New York“ mit Johnny Griffin von 1958.

In den letzten zehn Jahren seines Lebens sind, vor allem in Europa, noch eine Reihe beeindruckender Aufnahmen entstanden, dank der Unterstützung treuer Freunde in Italien, Skandinavien, Frankreich, Benelux und auch Deutschland. Ein Livemitschnitt aus Tokio vom Sommer 1987 ist zu nennen, der ohne Zweifel einen musikalischen Höhepunkt darstellt, Methadon sei Dank, denn in Japan gab es nichts, um sich abzuschießen. Und eine zutiefst bewegende, letzte Sternstunde ist das Konzert mit der NDR Bigband und dem Rundfunkorchester Hannover sechs Wochen vor Bakers Tod, das beinahe nicht zustande gekommen wäre, weil der Pförtner des Funkhauses den Star des Abends nicht herein lassen wollte. Er hielt ihn für einen Obdachlosen.

Zäsur an dieser Stelle, der Rahmen ist längst gesprengt. Es sei auf die dunkle Baker-Biografie „Deep in a Dream“ des amerikanischen Autors James Gavin hingewiesen, der gut zehn Jahre, eine Reise um die halbe Welt und hunderte von Interviews benötigte, um ein Buch voller Abgründe zu schreiben, das auch ihn, den Autor, mehr als einmal an seine Grenzen brachte. So wie es wohl den meisten Menschen – seine Familie, seine Frauen, seine Freunde und Feinde, seine Mitmusiker, seine Fans – erging, die jemals mit Chet Baker zu tun hatten.

(Der Film Chet’s Romance von Bertrand Fèvre im Internet: http://youtu.be/2ZK8TnDIe2w)

Die Chet Baker Gedenktafel am Hotel Prins Hendrik in Amsterdam - Foto (c) awb

Es folgt die erste Fassung des Textes von 2008

Am 13. Mai 1988 finden Passanten vor dem Amsterdamer Prins Hendrik Hotel in der Nacht einen männlichen Toten auf dem Bürgersteig. Die Polizei holt ihn ab und bringt ihn ins Leichenschauhaus. Da er keinerlei Papiere bei sich führt ist seine Identität zunächst nicht bekannt. Man hält ihn für einen weiteren Drogentoten.

Zwei Tage später wird der Mann identifiziert. Sein niederländischer Manager, auf der Suche nach dem Verbleiben des Musikers, erkennt in ihm den weltbekannten Trompeter Chet Baker. gestorben im Alter von 58 Jahren. Man findet daraufhin rasch heraus, dass Baker, der im Prins Hendrik Hotel ein Zimmer im zweiten Stock während eines Konzertaufenthaltes bewohnte, aus dem Fenster gestürzt war. Ob es Selbstmord war oder ein Unfall konnte nie geklärt werden. Rasch wurde auch als Gerücht kolportiert, jemand habe ihn aus dem Fenster gestoßen. Baker sorgte zeitlebens für Geschichten und Legenden, aber diese war einfach nur Unsinn. Das Zimmer war von innen verschlossen.

Chet Baker und Jacques Pelzer

Das letzte Mal sah ich Chet Baker im Dezember 1987, fünf Monate vor seinem Tod. Er trat im Aachener Carlton Club auf, ein müder, alt wirkender Mann, der sich nur mühsam auf einem Hocker halten konnte und meist so aussah, als würde er schlafen, aber er schlief nicht, saß nur da, über seine Trompete gebeugt und wartete auf seine Soli, die er mit einer Kraft bließ, die man der Erscheinung auf der Bühne kaum glauben mochte.

Später kam, als ein Überraschungsgast, sein alter Freund Jacques Pelzer auf die Bühne. Bei Pelzer hatte Chet lange Zeit gewohnt, in der Nähe von Lüttich. Pelzer war im Hauptberuf Apotheker, spielte aber auch seit den 40er Jahren Querflöte und Altsaxophon und nahm mit Baker einige Platten auf und ging mit ihm auf Tournee. Ein treuer Freund, der vor allem in einem wichtig für Chet Baker war: als Apotheker hatte Pelzer Zugriff auf Substanzen, die der Trompeter, fast sein ganzes Musikerleben lang drogenabhängig, benötigte.

Seit seinem 13 Lebensjahr hatte Baker Trompete gespielt, gefördert von seinen Eltern und vor allem seiner Großmutter. Musikunterricht war nicht seine Sache, er lernte, nach Gehör zu spielen. Mit 17 ging er in die Armee und kam, als Musiker in der Militärband, dadurch nach Berlin. Nach seiner Entlassung ging er zurück in die USA und schrieb sich am El Camino College von Los Angeles ein, wo er Harmonielehre und Musiktheorie studierte. Schon in dieser Zeit trat er regelmäßig in Jazzclubs auf.

Er begann 1952 als Musiker zu arbeiten und spielte zusammen mit Stan Getz in Vido Mussos Band. Die erste Plattenaufnahme, auf der er zu hören ist, stammt vom März 1952, es ist eine Jam Session, die später auf Fresh Sound Records als “Live At The Trade Winds” erschien. Etwa zur gleichen Zeit spielte Baker bei einer Audition vor niemand geringerem als Charlie Parker, der einen Trompeter suchte und Chet nahm. “Da ist ein weißer Trompeter, der spielt euch den Arsch weg!” soll Parker anschließend gesagt haben. Unter dem Titel “Live at Inglewood” gibt es ein Album mit Parker und Baker, das diese einzige Begenung der Beiden dokumentiert.

Die Biografie des Chet Baker soll hier nicht weiter ausgebreitet werden, es sind verschiedene Bücher über sein Leben erschienen, an einem der Bücher hatte ich die Ehre, mitzuarbeiten.

Deep in a Dream, recherchiert und geschrieben von dem amerikanischen Autor James Gavin, der nahezu zehn Jahre lang an diesem Buch arbeitete und die meisten Stationen von Chet Bakers Leben weltweit besuchte und dort mit Zeitzeugen sprach, so in Los Angeles, Berlin, Köln, London, Paris, Lüttich, Amsterdam, Italien. Gavins Buch ist eine unerschöpfliche Quelle an Informationen über Chet Baker und wird von vielen Chet Baker Enthusiasten kritisert, es konzentriere sich zu sehr auf Bakers Drogensucht und die daraus resultierenden Fakten. Das ist nichts neues, Fans verklären immer wieder gerne die Figur ihres Idols. Ich kann nur sagen: Gavin hat sorgfältig recherchiert und übertreibt in keinster Weise.

Ein weiteres Buch, das zudem in deutscher Übersetzung vorliegt, ist “Chet Baker” von dem holländischen Autor Jeroen de Valk. Dieses Buch geht mit seinem Thema schonender um als das von Gavin, enthält aber auch nur einen kleinen Teil der Fakten, die der amwerikanische Autor zusammen getragen hat.

Besonders empfehlenswert ist das Buch “Chet Baker – Engeln mit gebrochenen Flügeln” von dem deutschen Autor Lothar Lewien, der seit seiner Jugend in den frühen 60er Jahren ein Fan von Baker war und darüber einen sehr persönlichen Text geschrieben hat, aus dem besonders gut hervorgeht, welche Bedeutung der Trompeter für seine Fans besaß.

Vom weltberühmten Jazzfotografen William Claxton ist ein Bildband erschienen, in dem man Aufnahmen von Chet Baker findet, die Claxton fotografierte, ehe sich in Bakers Gesicht die Drogensucht bemerkbar zu machen begann; neben den Bildern enthält der schöne Band Texte von Claxton, der sich an seine Begegnungen mit dem damals umschwärmten Musiker erinnert.

Wer bei einem Versender wie Amazon oder jpc, um nur zwei exemplarisch zu nennen, den Suchbegriff Chet Baker eingibt, erhält hunderte Verweise. Selbst wenn man Sekundärfundstellen wie Compilations verschiedener Künstler unter Titeln wie “Smooth Jazz”, “Jazz for lovers”, “Romantic Jazz” und sogar “Schmusejazz” (gibt es wirklich!) sowie Literatur ausklammert bleiben einige hundert CDs, die derzeit weltweit im Handel erhältlich sind. Für einen Neuling, der sich erst einmal mit der Musik des 1988 verstorbenen Trompeters vertraut machen möchte, stellt das eine unlösbare Aufgabe dar.

Die Gründe sind vielfältig. Da werden immer und immer wieder Chet Bakers Alben neu aufgelegt, unter verschiedenen Namen, mit verschiedenen Covern. So ist “Chet is back” und “The italian sessions” und “Chet in Milan” ein und das selbe Album und nur ein Beispiel von vielen. Eine kaum zu überschauende Zahl von Zusammenstellungen unter so phantasievollen Titeln wie “The best of…” oder gar “The very best of…” umfassen mehr oder weniger willkürlich zusammen gestellten Aufnahmen, die, wenn man Glück hat, recht repräsentativ sind, aber eben nicht immer. Und dann hat Baker in den mehr als 35 Jahren seiner Musikerlaufbahn noch einige Platten eingespielt, die nur durch seine Heroinsucht und seine ständige Suche nach Geldquellen zu erklären sind. Als Tiefpunkte wären die Mitte der 60er Jahre aufgenommenen Mariachi-Platten im Stil von Herb Alpert, auf deren Cover er zwar immer groß genannt wurde, auf denen er aber, wenn überhaupt, nur hilflos mit der Trompete einige Noten stammelnd zu hören ist. Selbst bei diesen grauenhaften Machwerken sieht die Musikindustrie noch einen Dollar oder zwei zu machen, drei der Mariachiplatten sind inzwischen als CDs wieder aufgelegt worden.

Die ohne Zweifel übelste aller Platten, die unter Chets Namen erschienen ist, dürfte wohl “Albert’s House” von etwa 1968 oder ’69 sein. Hier klingt baker, als habe er erst vor fünf Minuten zum ersten Mal das Instrument in der Hand gehabt. Die Platte ist ein entsetzliches Dokument und zeigt, wie sehr sich ein Mensch durch Sucht verlieren kann. In gewisser Weise erinnert Albret’s House an Charlie Parkers Aufnahme von “Lover Man” von 1947, auf der das Genie des Saxophons völlig zugedröhnt ein paar hilflose Noten aus seinem Horn quetschte, um direkt anschließend sein Hotelzimmer in Brand zu setzen und noch am gleichen Tag in eine psychiatrische Klinik eingeliefert zu werden.

Noch eine zweifelhafte Kategorie von Chet Baker Alben gilt es zu nennen. Es kursieren eine Reihe von Lifemitschnitten, so aus dem Kölner Club Subway, in dem ein Fan mit primitivsten Miteln die Auftritte mitschnitt und als LPs heraus brachte. Einige dieser Aufnahmen sind auch als CD erhältlich. Die Tonqualität ist in allen dieser Fälle grauenhaft, und nur wahre Fans und Sammler, die unbedingt jeden Ton ihres Idols besitzen wollen (ob sie es auch anhören sei dahingestellt) dürften sich für diese Aufnahmen interessieren.

Was also bleibt? Zunächst die Tatsache, dass Baker zwischen 1952 und 1988 weit über einhundert Platten unter seinem Namen aufnahm. Manche davon sind Meilensteine, manche davon – siehe oben. Sein ständiger Geldmangel führte dazu, dass er sich für einen Tausender auf die Hand leicht kaufen ließ, meist ohne Vertrag, oft ohne mehr als seinen Namen und ein paar Töne im Hintergrund zu liefern. Denn so out er auch zwischen 1965 und 1974 war, sein Name galt in der Jazzszene noch immer (auch wenn viele Leute in dieser Zeit dachten, er sei längst tot) und war Garant dafür, das selbst die obskursten Platten noch ihre Käufer fanden. Auch wenn diese dann durch den Reinfall beim einen und anderen Kauf den Trompeter endgültig abschrieben.

Welchen Rat kann man nun einem an Chet Baker interessierten Musikliebhaber geben, wenn er sich mit diesem Musiker noch nicht wirklich gut auskennt? ich will es versuchen.

Uneingeschränkt empfohlen werden können Chet Bakers Aufnahmen zwischen Ende 1952 und 1956. In diese Zeit fallen die legendären Aufnahmen mit dem pianolosen Quartett von Gerry Mulligan, darunter das erstmals am 2. September 1952 von C.B. aufgenommene My Funny Valentine. Darunter fallen die Aufnahmen mit Russ Freeman, seine ersten gesungenen Platten, die 1953er Aufnahmen mit Stan Getz, die fantastische Livesession mit Howard Rumsey’s Lighthouse All-Stars vom September 1953. Die Aufnahmen mit Charlie Parker von 1952 sind zwar historisch interessant und durchaus hörenswert, jedoch von schlechter Aufnahmequalität.

Des weiteren hörenswert sind die Aufnahmen mit dem Chet Baker Septet Ende 1953 und dem Chet Baker Quintet with Strings ebenfalls Ende 1953.

Aufnahmen aus dieser Zeit tauchen oft in teilweise recht preiswerten Compilations auf, beim Kauf darf man sich aber nicht an einzelnen Titeln, die einem bekannt vorkommen, orientieren. So hat Baker My Funny Valentine sicher viele hundert Male gespielt und davon wurden sicher fast hundert auf Platte aufgenommen. Das sagt aber gar nichts, er konnte es das eine Mal so, das andere Mal so spielen. Man sollte sich also, soweit vermekrt, nach den Aufnahmedaten richten.

Ab der zweiten Hälfte der 50er Jahre begann Baker auch zweifelhafte Platten aufzunehmen, so ein unsagbar schlechtes Album mit einem längst vergessenen Sänger namens Johnny Pace oder eine deutlich kommerziell ausgerichtete Platte mit Musicalsongs von Lerner und Loewe. Auch eine Reunionplatte mit Gerry Mulligan lässt jede Inspiration vermissen. Großartig dagegen die Aufnahmen, die Baker mit Drogenbruder Art Pepper in dieser Zeit machte und die unbedingt zu empfehlen sind.

Ein Highlight der späten 50er Jahre ist eine LP mit Stan Getz, auf der zwar der falscheste Ton der Jazzgeschichte zu hören ist, die aber ansonsten großartigen Livejazz liefert, im Handel erhältlich unter dem Titel Stan Meets Chet.

Ebenfalls erstklassig ist Chet Baker in New York, mit dem Bopsaxophonisten Johnny ‘The Little Giant’ Griffin, hier kann man, vor allem im Stück Solar erleben, zu welchen Höhenflügen Chet Baker fähig war.

1959 nimmt Baker das Album Chet auf, eine von getragener, melancholischer Stimmung geprägtes Album, das seinerzeit hervorragend gut ankommt und auch heute gewiss noch gute Verkaufszahlen aufweisen kann. Danach geht Baker nach Europa, meist hält er sich in Italien auf, wo er Platten mit Orchesterbegleitung und auch kleiner Besetzung aufnimmt, auch diese sind durchweg hörenswert. Vor allem zu nennen ist Chet Baker Sextet mit Bobby Jaspar (ts, fl) Amadeo Tomasi (p) Rene Thomas (g) Benoit Quersin (b) Daniel Humair (d) von Anfang 1962, eine Platte, die unter mehreren Titeln im Handel erhältlich ist.

In diesen Jahren werden Chet Bakers Drogenprobleme immer größer, und in Italien muss er wegen seiner Sucht ins Gefängnis. Alles Faktoren, die nicht gerade seiner Musik förderlich sind. Nach langer Pause nimmt er 1965 in den USA ein Album auf, das großspurig The Most Important Jazz Album of 1964-1965 heißt, was es gewiss nicht ist, aber es ist eine gute Platte, auf der Baker ausschließlich Flügelhorn spielt. Ebenfalls 1965 entsteht Baby Breeze, ein erstaunliches und durchweg großartiges Album, auf dessen Release als CD noch einige Extras zu hören sind, darunter eine gesungene Version von A Taste of Honey, das Stück, mit dem Herp Alpert so erfolgreich war – hierin ist vielleicht der wenig später erfolgende Link zur mexikanischen Mariachimusik in seinem Ursprung zu entdecken. Eine weitere Platte aus dieser Zeit ist Baker’s Holiday, ein Album mit Titeln, dir durch Billie Holiday bekannt wurden. Nicht schlecht, aber weit weg vom Chet zehn Jahre zuvor.

Für das Label Prestige nimmt Baker 1965 vier Alben auf, die ihm nichts einbringen, da er vom Produzenten übers Ohr gehauen wird, das beste, das man über diese Alben sagen kann ist, dass seine Mitspieler erstklassig sind, darunter George Coleman (ts) und Kirk Lightsey (p).

Es folgen die Mariachialben sowie einige unsägliche Platten, die unter dem Namen von Bud Shank veröffentlicht werden, auf dieser sind Popschlager zu hören, die zu der Zeit populär waren, Stücke wie California Dreamin’, Michelle, Sounds of Silence und Monday, Monday, um die bekanntesten zu nennen. Ein weiterer Schritt auf dem Weg nach ganz unten.

Dann versandet die Spur des Mr. B. für einige Jahre. Er verliert bei einer Schlägerei sämtliche Zähne und jobbt mal hier mal da, um sich, seine Familie (er hatte 1962 geheiratet) und seine Sucht durchzubringen. 1969 erscheint das unsägliche Albert’s House, für das er ein paar Dollar bekommt. Ein Amateurkomponist hat die Titel geschrieben und Baker zur Einspielung überredet, was dieser gerne macht, kann er doch jeden Dollar brauchen. Diese Platte sollte jeder hörfähige Mensch meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Chet Baker – die Aufnahmen 1974 bis 1983

1974 taucht Chet Baker wieder aus der Versenkung auf. Im April spielt er mit einer hochkarätigen Band (Chet Baker (tp) Lee Konitz (as) Keith Jarrett (p) Charlie Haden (b) Beaver Harris (d)) ein Livealbum ein, das unter schlechter Tonqualität leidet. Im gleichen Jahr beginnt dann eine Zusammenarbeit mit Don Sebesky, der einige erstklassig produzierte Fusionalben mit Baker aufnimmt, die allesamt empfehlenswert, wenn auch nicht bakertypisch, sind. Das erste Album heißt “She Was Too Good to Me” und enthält wunderbare Passagen, die zeigen, dass Baker sich offenbar, nicht zuletzt dank der Hilfe alter Freunde wie Dizzie Gillespie, wieder zu fangen scheint. Weitere Alben aus dieser Zeit sind “Jim Hall – Concierto” und “You Can’t Go Home Again“, auf der Chet ungewohnt rockig klingt.

Es entstehen zwischendurch weitere Platten, oft Liveaufnahmen von zweifelhafter Soundqualität, aber auch erstklassige Alben, hervorzuheben sind hier “Chet Baker – Once Upon a Summertime” von 1975, das “Carnegie Hall Konzert” mit Gerry Mulligan von 1974 und “Chet Baker – The Best Thing for You” mit unter anderem Paul Desmond (kurz vor seinem frühen Tod), Ron Carter, Kenny Barron und Tony Williams. Auf “The Incredible Chet Baker Play and Sings” von 1977, das Baker mit seinem Freund Jacques Pelzer, seiner damaligen Lebensgefährtin Ruth Young und Gianno Basso in Italien aufnimmt, ist die wohl atemberaubendste Version von Autumn Leaves zu hören, die jemals erschienen ist. Gänsehaut pur.

In der Folgezeit hält sich Baker überwiegend in Lüttich bei seinem Freund Jacques auf, von dort aus unternimmt er zahlreiche Reisen und Tourneen, nach Holland, Italien, Skandinavien und Deutschland, wo er mit dem Vibraphonisten Wolfgang Lackerschmidt einige bemerkenswerte, sehr ruhige Alben einspielt.  Viele andere Platten aus dieser Zeitz ähneln sich im Repertoire sehr, sie vermitteln hauptsächlich, dass der Mann einmal mehr, einmal weniger gut aufgelegt dabei ist. Herausragendes entsteht in dieser Zeit kaum, zu nennen sind aber durchaus gute Alben wie “No Problem” mit Duke Jordan, oder auch “Chet Baker – Steve Houben“, eingespielt 1980 in Bruxelles mit unter anderem Bruno Castellucci am Schlagzeug.

Bruno Castellucci (Foto awb)

Dies ist ein sehr schönes Album mit einem bestens aufgelegten Chet, was sicher auch an der hochklassigen Band liegt, zu der neben Castellucci auch Jacques Pelzers Neffe Steve Houben (as) sowie Dennis Luxion (p) Bill Frisell (g) und Kermit Driscoll (b) gehören. Vor allem die auf dieser Platte enthaltene Version von This is Always hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

In die Zeit um 1980 fallen die verheerend schlechten Aufnahmen, die auf Circle Records erschienen. Es gab keinen Tontechniker und keine Tontechnik, und meist ist Baker kaum zu hören oder zu verstehen. Eine Ausnahme ist die im Kölner Subway aufgenommene Platte In Your Own Sweet Way, auf der Baker mehr als 20 Minuten lange Soli spielt, die ihresgleichen suchen.

Eine großartige Platte aus der gleichen Zeit ist Burnin’ at Backstreet, ein Livealbum, aufgenommen am 19. 2. 80 im Backstreet Club in New Haven, CT, wo sich Baker als erstklassiger Bopper erweist, der sich im wahrsten Sinne des Wortes den Arsch abspielt. Die darauf enthaltene Version von Milestones ist ein Parforceritt, bei dem Baker seine Mitspieler in nichts schont. Eine absolut mitreißende Platte, bei der auch die Tonqualität stimmt.

In Paris nimmt Baker 1980 eine für ihn eher ungewöhnliche Platte auf: Chet Baker with Novos Tempos Quartet, darauf zu hören Chet Baker (tp) Richard Galiano (accor) Rique Pantoja Leite (p) Michel Peratout (b) Jose Boto (d). Alle Stücke sind Originalkompositionen von Rique Pantojo Leite und vermitteln ein warmes, südamerikanisches Feeling, in das sich der Trompeter bestens einzufügen weiß. Auch diese Platte ist zu empfehlen, nicht zuletzt als Beweis auf Bakers Vielseitigkeit. Mit Michel Graillier, dem vor einigen Jahren früh verstorbenen Pianisten und Schwiegersohn Jacques Pelzers nimmt Baker, ebenfalls in Paris, 1981 das schöne Duoalbum Dream Drops auf.

1983 geht Baker zusammen mit Stan Getz, auf Skandinavientournee. Getz hasst Baker seit Ewigkeiten, und es kommt während der Tournee zu solchen Schwierigkeiten, dass einige der Konzerte abgesagt werden müssen. Entstanden sind bei diesen Gelegenheiten einige tontechnisch und musikalisch erstklassige Alben, die umeingeschränkt zu empfehlen sind.

In der zweiten Hälfte der 80er Jahre hält Chet Baker sich überwiegend in Europa auf, er tourt und spielt eine Vielzahl von Alben ein, nicht zuletzt dank der Hilfe eines niederländischen Managers, Peter Huijts (der vor einigen Jahren bei einem Unfall ums Leben kam), der dem Trompeter Konzert- und Studiotermine verschafft. Auf diesen Platten schart Chet einige Musiker um sich, die ihm über Jahre treu bleiben, zu nennen seien die Bassisten Hein van de Geijn, Jean-Louis Rassinfosse und Ricardo Del Fra,  der Gitarrist Philippe Catherine,  der italienische Flötist Nicola Stilo, die Pianisten Harold Danko, Michel Graillier, Enrico Pieranunzi und Michel Herr und natürlich sein alter Freund Jacques Pelzer.

Manche der Platten ähneln sich stark, das Repertoire ist oft das Gleiche, dennoch ist es für einen Fan unerlässlich, auch die von der Songauswahl bis zu den Mitmusikern fast identischen  Produktionen zu besitzen, denn Vergleiche zeigen sehr gut, wie schwankend in dieser Zeit Chets Form war. Nicht selten lag es daran, ob er zuvor die Gelegenheit zum Drogenkauf fand oder nicht. Auch Chets Charakter changierte stark, mal war er ein liebeswürdiger, höflicher Mensch, mal ein Ekel, dem man besser aus dem Weg ging. Vor allem seine Frauen bzw. Partnerinnen kannten diese Seiten nur zu gut.

Jacques Pelzer an seinem 70. Geburtstag, wenige Wochen vor seinem Tod. Foto (c) awb

Welche Platten aus dieser Zeit kann man empfehlen? Vorsichtig muss man mit den auf dem italienischen Label Philology erschienen Alben sein, sie sind meist von zweifelhaftem technischen und auch künstlerischen Wert und nur für Sammler, die alles haben wollen, wirklich von Interesse. Sorgfältig produziert und meist auch musikalisch erfreulich sind die beim holländischen Label Timeless sowie bei Criss Cross erschienenen  Platten, zu nennen sind da auf jeden Fall Chet Baker – Mr. B, Chet Baker – Chet’s Choice und Crystal Bells; ein schönes Album ist auch das auf Sonet erschienene Chet Baker – Candy, das eine großartige Version von Love For Sale enthält sowie ein schönes Solo von Michel Grailler.

Einer meiner persönlichen Favoriten ist nicht auf einem Chet Baker Album erschienen, es ist das Stück Fair Weather, das Baker mit Herbie Hancock (p) Pierre Michelot (b) und Billy Higgins (d) im Juli 1985 in Paris für den Soundtrack des Films Round Midnight aufnahm, es vermittelt auf ganz besonders eindringliche Weise der Zauber, der von Bakers Stimme und Trompete ausgehen konnte, auch Herby Hancock harmoniert perfekt mit Baker, was einen bedauern lässt, dass es von diesen beiden kein gemeinsames Album gibt.

Dafür nahm Baker eine ganz außergewöhnliche Platte mit Paul Bley auf, ein reines Duoalbum, 1985 auf SteepleChase unter dem Titel Diane erschienen und ein unbedingtes Muss für jeden Bakerfan. Trompete und Piano, damit lässt sich, wenn die Richtigen zusammenfinden, alles ausdrücken.

Eine äußerst seltene Platte ist “Sleepless – Joe LoCascio Quintet with Chet Baker“. LoCascio ist ein nur lokal bekannter Pianist aus Huston, wahrscheinlich wurden Chet wieder einmal die obligatorischen 1000 Dollar für einen Studiotermin geboten. Ich finde dieses Album ausgesprochen reizvoll, alle Stücke sind Originals von LoCascio, alles ist sauber produziert, und Chet spielt mit vollem Einsatz.

Chet Baker Live at Ronnie Scott’s London ist auf CD und DVD erhältlich und kann uneingeschränkt empfohlen werden. Als Gastsänger kann man Elvis Costello (der ein großer Chet Baker Fan ist) und Van Morrison hören, die DVD bringt zudem ein Interview, das Costello mit CB führte.

Ein Jahr vor Chets Tod dreht Bruce Weber einen Dokumentarfilm über und mit dem Trompeter, dafür wurde ein eigener Soundtrack eingespielt, Chet Baker – Let’s Get Lost, dem man anhören kann, wie erledigt Chet Baker zu dieser Zeit bereits war. Ich stehe dieser Platte unentschlossen gegenüber, zum einen zieht sich die Musik wie Kaugummi daher, zum anderen hat sie ohne Zweifel einen hohen dokumentarischen Wert. Einmal im Jahr anhörbar.

Hein van de Geijn, Chets bevorzugter Bassist in den 80er Jahren. Foto (c) awb

Immer wieder anhören dagegen kann man sich die Platten, die auf dem Label enja erschienen sind, diese Alben sind, wie von enja gewöhnt, sauber produziert und auch musikalisch sehr gut, zu nennen seien da vor allem die CDs Chet Baker – Peace, Chet Baker – Strollin’ und natürlich Chet Baker – My Favorite Songs: The Last Great Concert und Chet Baker – Straight from the Heart: The Last Great Concert, Vol. 2. Dieses Konzert mit der NDR Bigband ist  so etwas wie Chets Vermächtnis, zwei Wochen später war er tot. In welchem Zustand er sich in Hannover bereits befunden haben muss zeigt die Geschichte,  dass Baker verspätet zu den Aufnahmen erschien, da ihn ein Aufseher wegen seines abgerissenen Zustands nicht  ins Gebäude lassen wollte.

Ein Jahr zuvor war noch vieles ganz anders, denn da unternahm Baker mit einem Trio eine Konzertreise nach Japan, und in diesen Tagen war er offenbar in einer sehr guten Verfassung; er versuchte zu dieser Zeit mit einem Methadonprogramm seine Drogenabhängigkeit zu bewältigen.

Von der Reise gibt es Video- und Audiomitschnitte, die dokumentieren, zu welcher Tiefe und Virtuosität Baker fähig war: Chet Baker in Tokyo – Memories und  Chet Baker in Tokyo – Four heißen die CDS, die DVD hat den Titel Chet Baker – One Night in Tokio und erscheint voraussichtlich am 16. Mai, also drei Tage nach dem 20. Todestag.

Bliebe zum Schluss die berühmte Inselfrage: welche Platten von Chet Baker würde ich mit auf eine einsame Insel nehmen. Diese Frage kann ich nicht klar, also nicht mit eindeutigen CD Titeln beantworten. Ich denke, es würde auf eine persönliche Zusammenstellung aus mehr als 200 Tonträgern hinauslaufen, die aus vielleicht 100 Stücken bestünde. Frühe Aufnahmen mit Mulligan und Freeman wären darunter, kaum etwas aus den 60ern, wenig aus den 70ern (da aber auf jeden Fall die 1977er Version von Autumn Leaves mit Ruth Brown), etliches aus den 80ern, darunter Aufnahmen aus Italien, Holland, Belgien und natürlich die beiden CDs mit dem Konzert in Tokio. Schwer zu sagen, schwer zu sagen. Ich hoffe, ich komme nie in die Verlegenheit, Mitnehmsel für eine einsame Insel zusammentragen zu müssen, denn es gibt doch noch so viele gute Jazzmusiker und -musikerinnen, auf deren Musik ich auch nicht verzichten kann und will…

Foto: (c) awb

Zu einem mehr als günstigen Preis erscheint Anfang Juni bei Label membran eine Kassette mit 10 CDs, die ein hervorragenden Überblick über die ersten professionellen Jahre Chet Bakers bietet. Von 1952 bis 1957 reicht die Zeitspanne auf diesen CDs, und günstiger dürften die insgesamt 128 Songs nicht zu bekommen sein.

Die Chet Baker Kassette enthält Stücke wie seine erste Aufnahme von My Funny Valentine aus 1952, mit der Chet Baker quasi über Nacht bekannt wurde. Sie entstand mit der pianolosen Gruppe Gerry Mulligans, von der eine nahezu lückenlose Übersicht auf den CDs enthalten ist. Auch klangtechnisch großartige Mitschnitte von Liveauftritten mit Mulligan sind reichlich enthalten. Es folgen instrumentale und gesungene Aufnahmen, die Chet Baker, nachdem Mulligan wegen eines Drogenvergehens ins Gefängnis musste, mit einer eigenen Rhythmusgruppe , diesmal mit Piano, aufnahm. Ebenfalls enthalten sind einige der legendären Studioaufnahmen, die Baker bei Barclay in Paris um die Jahreswende 1955/56 einspielte, leider ist keines der Stücke dabei, auf denen noch Dick Twardzik mitspielte, ein außergewöhnliches Talent, gerade einmal 24 Jahre alt war, als er in seinem Pariser Hotelzimmer an einer Heroinüberdosis starb. Aber dafür enthält die Kassette einige der schönsten Aufnahmen Chets aus dieser Periode in Frankreich wie Stella by Starlight und Everything happens to me.

Weitere seltene Aufnahmen sind die für den Film The James Dean Story mit einer Bigband unter Leitung von Bob Shank (mit dem Baker 10 Jahre später einige seiner unsäglichen Easy Listening Alben aufnahm) eingespielten Stücke, die Chet als herausragenden Solisten in einer ohnehin hochkarätig besetzten Big Band zeigen.

Eines der Stücke für die einsame Insel ist das rare Grey December, das Baker mit Herb Geller (as, ts) Jack Montrose (ts) Bob Gordon (bars) Russ Freeman (p) Joe Mondragon (b) Shelly Manne (d) in den Capitol Studios in Hollywood am 14. Dezember 1953 einspielt. Ebenfalls nicht vergessen bei der Zusammenstellung der 10 CDs wurden einige der großartigen Stücke, die Baker 1956 mit dem ebenfalls drogenabhängigen Art Pepper aufnahm. Auch dabei: Live-Aufnahmen von einer Italientournee Anfang 1956 sowie die meisten Stücke der unter dem Titel Chet Baker Bigband erschienenen Sextettaufnahmen vom Sommer 1956.

Eine solche Zusammenstellung von Chet Baker Aufnahmen (von denen viele auch jetzt noch im Handel als Einzel CD erhältlich sind, zum gleichen Preis wie diese gesamte Kassette) hat es noch nie gegeben, und so haben sowohl Chet Fans als auch interessierte, aber bisher noch nicht so informierte Musikfreunde für kleines Geld die Gelegenheit einen nahezu vollständigen Überblick – es fehlen Aufnahmen mit Stan Getz sowie von der unter Russ Freemans Name erschienenen LP Love Nest -  über das Wirken des Trompeters zu bekommen. Wie schon gesagt: es befinden sich 128 Titel auf den 10 CDs.

Leider gibt es einen Wermutstropfen: die Kassette enthält absolut keine diskografischen Angaben, nicht einmal die Jahre der Einspielung sind vermerkt und natürlich auch nicht die einzelnen Besetzungen. Das mag für viele, die die Musik nur konsumieren wollen, kein Manko sein, Jazzfans wissen aber immer gerne, wer wann wo genau welchen Ton gespielt hat. Schade, das man bei membran für ein Booklet keinen Sinn hatte, aber angesichts des niedrigen Preises der Kassette muss man als Käufer hier einen kleinen Abstrich machen.

Fazit: eine hervorragende, sehr preiswerte (unter 15,-!) Zusammenstellung über die Musik Chet Bakers zwischen 1952 und 1956 und ein Muss in jedem CD Regal für Freunde des lockeren Westcoastjazz. Die Kassette erscheint voraussichtlich am 6. Juni 2008.

Die Chet Baker Gedenktafel am Hotel Prins Hendrik in Amsterdam - Foto (c) awb

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