“And the Oscar goes to….“ (14. November 2012 bis 29. April 2013)

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Joan Fontaine hatte beim Casting zunächst kein Glück: Als sie für REBECCA (USA 1940) bei Alfred Hitchcock vorsprach, sortierte der große Hollywood-Regisseur sie noch sehr verhalten als “Möglichkeit” ein. Und damit war sie noch gut bedient. Andere, wie Heather Angel, traf ein vernichtendes Urteil: “unattraktiv anzuschauen”, notierte Hitchcock beim Casting. Eine gewisse Betty Campbell war ihm dagegen “zu gewöhnlich” und:”too chocolate-box” (auf Deutsch vielleicht: “zu sehr Törtchen”). Am Ende bekam Joan Fontaine die Rolle. Hitchcocks Casting-Notizen sind nur einer von unzähligen interessanten Funden, die die Kuratoren der Sonderausstellung “And the Oscar goes to…”, Jessica Niebel und Michael Kinzer, in den Archiven der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) in Beverly Hills und Hollywood aufgestöbert haben. Vier Wochen lang waren sie gerade in Kalifornien, um die weltweit erste Ausstellung zur Oscar-Geschichte aus Beständen der Academy vorzubereiten.

Sie wird vom Deutschen Filmmuseum Frankfurt am Main entwickelt und kuratiert und ist hier vom 14. November 2012 bis 29. April 2013 zu sehen. Dass US-Botschafter Philip D. Murphy die Schirmherrschaft für die Ausstellung übernommen hat, ist eine große Ehre für das Deutsche Filmmuseum. Ganz aktuell hat der Botschafter seinen Besuch am Schaumainkai angekündigt und besichtigt am Donnerstag, 31. Mai, um 15 Uhr das Haus für den Film. Noch nie zuvor hat die Academy eine derartige Menge an Exponaten (mehr als 150 Stück) an eine einzige Institution verliehen. Ein Highlight darunter sind etwa die Auszüge aus dem Drehbuch zu HIGH NOON (USA 1952): Künftige Ausstellungsbesucher werden sehen, wie Regisseur Fred Zinnemann hier die unzähligen Zwischenschnitte auf die Uhr penibel an die zugehörigen Stellen gemalt hat.

Das “Best Picture” – der mit dem Oscar ausgezeichnete jeweils “beste Film” – ist das Thema der Ausstellung, und zwar von der ersten Verleihung 1929 bis zur 85. Oscar-Nacht 2013. Allerhand gibt es hier zu lernen: Zuallererst, dass der Produzent, und nicht der Regisseur, den Preis für den besten Film erhält, oder dass den allerersten Oscar (der damals noch nicht so hieß) der deutsche Schauspieler Emil Jannings bekam. Er musste nämlich vor der Verleihung 1929 aus Hollywood abreisen und erhielt ihn deshalb vorab.

Auch warum die Academy überhaupt gegründet wurde, wird beantwortet – in einer Zeit nämlich, in der die Studiobosse angesichts zunehmender arbeitsrechtlicher Auseinandersetzungen ihre Macht schwinden sahen: “Sie suchten ein Instrument, die Filmindustrie weiter zu lenken, die Regeln zu bestimmen und gleichzeitig das Image des Filmbusiness wieder aufzupolieren”, urteilt Kuratorin Niebel. Die Auszeichnung besonderer Leistungen sei dabei zunächst nur ein Nebenprodukt gewesen, die Preisverleihung eine Gelegenheit der Branche, sich selbst zu feiern. Längst ist die Kulturpflege, die Archivierung, die Betreuung der bedeutenden Sammlungen, aber auch Fortbildung und Filmvermittlung in den Fokus der Academy-Tätigkeit gerückt. Diese nennt immerhin so bedeutende Nachlässe wie die von Alfred Hitchcock, Katharine Hepburn oder Billy Wilder ihr eigen und archiviert – neben tausenden Filmkopien – allein zehn Millionen Fotos.

“Ein perfekter Ort für Filmforscher und die tollste Sammlung, die ich je gesehen habe”, erzählt Niebel und präzisiert umgehend: “Dabei kriegt man die eigentlichen Depots nie zu Gesicht.” Stattdessen stöberten die beiden Kuratoren, die von Deutschland aus online schon gründlich vorrecherchiert hatten, im Lesesaal der Margaret-Herrick-Library nach Material zu den 500 Filmtiteln, die bisher als Best Picture nominiert wurden. In der Library sind das natürlich ausschließlich zweidimensionale Exponate: Briefe, Produktionsnotizen, Storyboards, Drehbücher, aber auch Plakate, Filmstills und Werkfotos.

Endlos könnten die beiden Kuratoren erzählen. “Faszinierend” nennt Michael Kinzer etwa den Moment, als er im AMPAS-Filmarchiv in Hollywood saß und Filme alter Verleihungen sichtete – in einer streng konservatorischen Atmosphäre übrigens, in der man keinen Duft tragen darf und auch auf Trinkwasser verzichten muss: “Bei der Verleihung des Ehrenoscars an Charles Chaplin, 1972, gab es fünf Minuten lang Standing Ovations – das war schon sehr ergreifend.” Niebel stimmt zu: “Es gibt viele solcher Momente.” Etwa 1974, als Katharine Hepburn – mit vier Schauspiel-Oscars Academy-Award-Rekordhalterin – erstmals persönlich zur Verleihung kam: Minutenlang ehrte das Publikum sie mit donnerndem Applaus. “Das macht den Preis ja auch so besonders”, sagt Niebel: “Dass er von den eigenen Kollegen verliehen wird.”

Warum der Oscar “Oscar” heißt? Da gibt es Legenden in Hülle und Fülle, berichten Niebel und Kinzer: So behauptete die frühere Academy-Direktorin Margaret Herrick, sie habe den Academy Award, wie er offiziell noch heute heißt, nach ihrem Onkel getauft. Bette Davis dagegen versichert, der Oscar heiße so, weil Oscar der Mittelname ihres Mannes sei und dessen Hinterteil dem des Oscar auffallend ähnele… Sicher ist nur eins: Erstmals in den Medien erwähnt wurde der Oscar als Oscar 1934.

Deutsches Filminstitut
Deutsches Filmmuseum
Schaumainkai 41
60596 Frankfurt am Main

info@deutsches-filminstitut.de
www.deutsches-filminstitut.de
www.deutsches-filmmuseum.de

Öffnungszeiten der Ausstellung: 14. November 2012 bis
29. April 2013

Di 10 – 18 Uhr
Mi 10 – 20 Uhr
Do – So 10 – 18 Uhr
Mo geschlossen

Eintrittspreise:
7 Euro / ermäßigt 5 Euro

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