Draußen nur Kännchen

Eine Erinnerung von Wiglaf Droste

Zu den Seltsamkeiten des Lebens gehört, dass man sogar Dinge vermissen kann, die man niemals mochte; zu diesen Dingen wiederum zählen die kleinen Plastikaufsteller auf Cafétischen, die jedem, der seinen Kaffee im Freien trinken wollte, mitteilten, dass es „draußen nur Kännchen“ gebe.

Diese Botschaft wurde gern mit einem herrischen Ausrufungszeichen versehen: „Draußen nur Kännchen!“ Derart verb-los angebellt, wagte kein Cafébesucher, bei der Serviererin nur um eine einzelne Tasse Kaffee zu bitten, für die der weite Weg nach draußen einfach nicht lohnte. Wer  dem Luxus eines Heißgetränks unter freiem Himmel frönen wollte, der hatte dafür gefälligst den doppelten Preis zu entrichten. Das draußen Kaffee trinkende Publikum, zum Kännchenverzehr genötigt und gezwungen, wurde vom Cafépersonal intern weiter degradiert und unter dem Titel „Kännchenterror“ zusammengefasst.

Kännchen bestellen und sich dafür Kännchenterror nennen lassen müssen: So rüde waren die Zeiten des „Draußen nur Kännchen!“ Und was für scheußlicher Kaffee serviert wurde! Säuerlich wie ältere Achselnässe roch er, bitter und brandig wie aufgekochte Schuheinlage war sein Geschmack. Nur eine Tasse davon war schon schwer in sich hineinzuzwängen, doch der „Draußen nur Kännchen!“-Sadismus nötigte den Kaffeetrinker, sich sogar die doppelte bis zweieinhalbfache Menge davon einzuverleiben. (Die Alternative, den teuer bezahlten Zwangskaffee einfach stehen zu lassen, kam nicht in Frage; nur nichts umkommen lassen hieß die Devise in jenen vergangenen, sogar ernstjüngerhaft „verwehten“ Zeiten.)

So präsent und derart fest in die rhetorische Folklore eingegangen war der deutsche „Draußen nur Kännchen!“-Imperativ, dass ich in den 90er Jahren die Zeilen „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland, und draußen gibt’s nur Kännchen…“ als Schlusspointe für das Lied „In 80 Phrasen um die Welt“ wählte.

Dann aber war wie über Nacht Schluss; die Filialen der Kaffeeketten schossen wie Giftpilze aus dem Boden. Dort wird seitdem ausgeschenkt, was der urbane Mensch von heute als Symbol seiner dauermobilen Lebensart vor sich herträgt: das Heißgetränk im Pappbecher, Kaffee zum Davonlaufen, gern auch so aufgeschäumt wie die Gehirne der Konsumenten.

Und so fiel mich doch ein sentimentales Sehnen an nach den Schrecken des „Draußen nur Kännchen!“, das ich, in Anlehnung an Marlene Dietrich, in einem alten Lied verarbeitete:

Wo sind all die Kännchen hin,
wo sind sie geblieben?
Wo sind all die Kännchen hin,
was ist geschehn?

Mit den Kännchen ist es so:
Kaffee gibt’s nur noch to go.
Wann wird man je verstehn,
wann wird man je verstehn?

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