Blasphemie

ist laut Salman Rushdie “ein Verbrechen ohne Opfer.” Mit Blasphemie drückt man aus, dass man in der Lage ist, seinen Verstand zu gebrauchen. Denn an Märchen zu glauben, die sich vor tausenden von Jahren von Blitz und Donner erschreckte Ziegenhirten erzählten, das bedarf schon einer gehörigen Portion geistiger Hartleibigkeit.

Es mag jeder damit halten, wie er will, solange er seine Religiotie für sich betreibt. Er und sie können Kerzen anzünden, Rosenkränze kreisen lassen oder sich Medaillen ins Auto kleben, die vor Unfall und Tod schützen sollen. Sie können weit pilgern, um einen Fetzen Stoff anzubeten oder einen Splitter vom Kreuze Jesu, von denen es in den Kirchen weltweit wahrscheinlich mehr gibt als man an Holz benötigte, um die Wüste Sahara aufzuforsten. Sie können auch an brennende Dornbüsche glauben und an wiederkehrende Propheten und an Himmelfahrten und überhaupt an alles, was sie wollen. Solange sie die Klappe darüber halten, vor allem gegenüber Kindern. Und wenn sie die Klappe darüber nicht halten können sie nicht erwarten, dass man das toleriert, was sie wollen. Oder anders ausgedrückt: sie müssen sich Kritik, Hohn und Spott gefallen lassen, so wie jeder andere auch, der an Ufos, Elfen, Hatiffnatten oder Zwerge glaubt oder davon überzeugt ist, wiedergeboren oder Napoleon zu sein.

Man muss es sich leider immer wieder deutlich machen: wir leben in einer säkularen Gesellschaft. Was in der Realität eine Farce ist. Jeden Morgen kann man sich im Radio eine Morgenandacht anhören, jeden Samstagabend schenkt man uns fünf Minuten Pinkelpause durch das “Wort zum Sonntag”, es gibt “Gedanken zum Shabbat” im Radio und heilige Messen am Sonntagmorgen und verkitschte TV Serien über die Kindheit Jesu. Die Kirchen arbeiten mit den Abermillionen Euro, die ihnen vom “säkularen” Staat jedes Jahr aus Steuermitteln zugeschanzt werden, und zwar aus Steuermitteln, die alle aufbringen müssen und nicht nur die Gläubigen. Die dürfen bloß zum Kaschieren der fetten Staatsknete noch Extrakirchensteuer zahlen, damit die Kirchen dann lügen können, es seien ja die Gelder aus der Kirchensteuer, mit denen sie alten Damen das Mittagessen an den Rollstuhl bringen und auch sonst viele gute Werke tun..

Die Allgegenwart der Religiotie sollte uns verwundern, gibt es doch in Deutschland zahlenmäßig längst mehr Nichtgläubige als Gläubige. Doch die Kirchen ficht das nicht an, sie sitzen feist auf den einst zunächst mit dem Kaiserreich, später mit Hitler vereinbarten Pfründen. Und die sind fest verankert und werden das wohl auch noch eine lange Zeit bleiben, erst recht, seitdem nun an oberster Stelle der BRD Priester das Sagen haben. Und deshalb müssen wir uns Woche für Woche das Wort zum Sonntag anhören und nicht im Wechsel mit dem Wort zum Alltag, mit einer humanistischen Botschaft.

Bleibt uns also vor allem das Lästern, um ein Gegengewicht zu bilden. Was keine große Kunst ist, die Religionen bieten soviel an unfreiwillig absurden Inhalten, dass es schon genügen kann, diese einfach zu zitieren oder sie von ihren Anhängern zitieren zu lassen. Bill Maher hat in seinem gnadenlos komischen Film Religioulous wenig mehr getan, als eine Reihe von Gottesdienern sie selbst sein zu lassen. Das zu kommentieren oder ins Alberne zu ziehen erledigt sich von selber, sobald diese Leute nur den Mund auftun.

Es gibt wunderbare Blasphemien wie den Blechjesus aus der Titanic mit dem damals zur Werbung für Recycling weit verbreiteten Spruch “Ich war eine Dose.” Das ist in nichts weniger blasphemisch als all dieser religiöse Kitsch, den es rund um Wallfahrtsorte und Papstbesuche gibt, aber an dem verdient die Kirche kräftig mit und wird deshalb geduldet. Dabei sind diese Dinge eine Beleidigung nicht nur fürs Auge, sondern für jeden Verstand.

Und nun das. Ausgerechnet die Frankfurter Rundschau gab vor wenigen Tagen dem Schriftsteller Martin Mosebach nun Raum, einen Essay mit dem Titel Vom Wert des Verbietens dort hinein zu setzen. Was verbieten? Ein Schriftsteller, ein Kopfarbeiter also, der Verbote fordert, das ist zumindest ungewöhnlich, und so will der Leser wissen, um was es Mosebach geht.

“Muss der deutsche Staat ein genuines Interesse daran haben, Blasphemie in der Kunst und der veröffentlichten Meinung zu verbieten und dieses Verbot mit Strafe zu bewehren?” So beginnt Mosebach seinen Text, und man reibt sich angesichts der Länge des noch folgenden Textes zu Augen, schließlich ließe sich diese Frage mit einem schlichten Nö!” kurz und abschließend beantworten. Aber Mosebach gerät über seine eigene Frage nun völlig aus der Kurve.

Es geht ihm um nicht weniger als die Forderung, Blasphemie, also Gotteslästerung wieder unter Strafe zu stellen. Und er beklagt, dass sich die Frommen dagegen nicht erheben und “die Schmähung ihres Glaubens” klaglos hinnehmen. Um seiner reaktionären Botschaft ein Tarnkäppchen überzuziehen wirft Mosebach eine Nebelkerze und hebt darauf ab, es ginge ihm um die Frage, ob Gotteslästerung in der Kunst hingenommen oder verboten werden müsse. Eine durchsichtige Strategie, die er sich – bei seinem Ruf – auch hätte sparen können.

Der Zeitungsleser erschaudert. Was schreibt der Mensch da? Ist der bei Verstand? Und wer überhaupt ist Martin Mosebach? Wikipedia kennt ihn, und schon wird einiges klar. “Nur wer auf Knien glaubt, kann glauben.” schreibt Mosebach in einer Kritik des Zweiten Vatikanischen Konzils. Mosebachs Roman Ruppertshain wurde von der Kritik ausführlich zerlegt und als „schlechtester Roman der Welt“ bezeichnet. Und der Kultursoziologe Thomas Wagner gibt Mosebach den Gnadenstoß: „… lässt kaum eine Gelegenheit ungenutzt, um demokratische Ideen zu diskreditieren, indem er falsche Parallelen zum deutschen Faschismus behauptet. Sein Haupteinwand gegen den Nazismus scheint zu sein, dass er »eine modernistische Bewegung war«

https://www.facebook.com/GodIsNotGreat

Aber immerhin hat Mosebach den Georg-Büchner-Preis verliehen bekommen, wieso das? Sigrid Löffler spricht es aus: Er  habe den Georg-Büchner-Preis 2007 nicht für sein Werk, sondern wegen seiner reaktionären Gesinnung bekommen. Denn literarisch sei der Mann eine glatte Null und stürze laut Löffler beim Schreiben ständig ins Lächerliche ab. Mit dieser Einschätzung ist die Kritikerin nicht alleine, als politischer und religiöser Reaktionär wird Mosebach von vielen Seiten her bezeichnet. Sogar von manchen Theologen, erst recht von seriösen Historikern, wird er als ultramontaner Katholik und reaktionärer Verfechter einer Abwendung von der Aufklärung und statt dessen der Hinwendung zur Monarchie gesehen.  Soweit, so unappetitlich. Und somit nicht ernst zu nehmen, denn der Mann meint genau das, was er in seinem Text für die FR geschrieben hat und kann somit in die gleiche Kiste gesteckt werden wie ein anderer Träger der Initialen MM: Matthias Matussek.

Doch halt! Ihn als Spinner abzutun wird dem Mann nicht gerecht. Denn so wirr Mosebach daher zu kommen scheint, so ekelhaft und widerwärtig ist seine Denke, wie sie in dem Satz kulminiert: “… will ich nicht verhehlen, dass ich unfähig bin, mich zu empören, wenn in ihrem Glauben beleidigte Muslime blasphemischen Künstlern – wenn wir sie einmal so nennen wollen – einen gewaltigen Schrecken einjagen.” Man lese das zweimal: Mosebach verharmlost mit der Formulierung “einen gewaltigen Schrecken einjagen”, dass Salman Rushdie jahrelang mit einer Fatwa bedroht wurde, eben so wie jetzt der iranische Musiker Shahin Najafi oder der saudiarabische Journalist Hamza Kashgari. Um nur einige wenige Fälle zu nennen, die zufällig bekannt wurden, weil sie unseren Kulturkreis berühren. Mit dem Tode bedroht, weil sie es wagen, eine mittelalterliche Religion zu kritisieren, der jegliches demokratische Verständnis fehlt. Eine Drohung, die für  Mosebach das Selbe ist, als würde man diesen Denkern einen Knallfrosch in den Briefkasten werfen.

Erschreckend wie der reaktionäre Essay ist, in welchem Medium er erschien: die Frankfurter Rundschau, die sich als als „links-liberal“ bzw. „sozial-liberal“ sieht. Man man sollte annehmen, dass diese Zeitung ihren Lesern ein derartig voraufklärerisches, widerliches Gewäsch nicht zumuten mag. Warum tut sie es dann aber? Es ist ja nicht so, als habe man Mosebach im Voltaire’schen Sinne (“Du bist anderer Meinung als ich, aber ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen.”) Asyl gewähren müssen. Es gibt genug reaktionäre Medien, in denen Ungeheuerlichkeiten wie “Es wird das soziale Klima fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird.” willkommen wären. Spätestens bei kreuz.net wäre der Autor hochwillkommen. Aber die Frankfurter Rundschau? Hängt das Blatt so am Tropf, will es sich so mal wieder ins Gespräch bringen, koste es, was es wolle, nachdem man in der letzten Zeit journalistisch so gut wie unbeachtet vor sich hindümpelte? Ein sehr gefährlicher Versuch, mal wieder etwas mehr ins Bewusstsein der lesenden Bevölkerung zurück zu kehren. Denn Leser kosten kann das durchaus, wie man den Kommentaren unter Mosebachs Essay entnehmen kann. Empörung allenthalben darüber, was und wie Mosebach denkt und schreibt und sich nicht einmal schämt, kriminellen Terroristen aus dem islamistischen Lager Windschatten zu bieten. Die Leser sind empört, zu Recht: “Bitte erklären Sie in diesem Forum, warum es Ihnen wichtig erscheint, Ihr Presseorgan einem politsch-religiösen Reaktionär, der sich von Zielen der Aufklärung und Demokratie abwendet, zur Verfügung zu stellen?” schreibt eine der Kommentatorinnen. Dem ist nichts hinzu zu fügen. Und vor Martin Mosebachs Weltbild möge man uns doch bitte fortan verschonen, zumindest in Medien, die man früher einmal ohne Zögern aufschlagen konnte.

awb

Martin Mosebachs Essay in der Frankfurter Rundschau



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