Von Wiglaf Droste
Ferien ist ein anderes Wort für Kinderhölle. In den Sommerferien haben Kinder die Wahl zwischen der Pest, ihren Eltern rund um die Uhr ausgeliefert zu sein oder der Cholera, von ihnen in den Ferienlagerpäderasmus abgeschoben zu werden. Mancher und manche Kleene landet immerhin im sicheren Drittland Oma und Opa, doch auch dort kann die Lage brüchig sein. Am besten ist immer noch abhauen wie Huck Finn, aber das schafft man frühestens im Alter von zehn Jahren.
Die drei Kinder, die von ihren Eltern durch den Urlaubsort geschleift werden, sind noch nicht im fluchtfähigen Alter. Die beiden ihrem Lebensalter nach Erwachsenen, die sich ohne jede Voraussetzung dafür künftige Untergebene zusammenkopuliert, herbeigeboren, zugelegt und angeschafft haben, zerren, zergeln und nölen an ihren Opfern herum: Wie sie zu gehen, zu sprechen oder wahlweise nicht zu sprechen hätten, bekommen die drei Dötze in Permanenz und trommelfellpenetrierender Lautstärke mitgeteilt.
Tu dies, lass das, sei am besten gar nicht da: Die dauerpädagogisierenden Eltern finden jedes Kind unkonzentriert, das sich auf ihre eigene Hilflosigkeit nicht konzentrieren kann und will, erstrecht nicht dann, wenn sie in Gemeinheit umschlägt. „Ruhe!“, brüllt der Vater, ein sportlicher Mann Ende 20, der kurze Hosen für öffentlichkeitstaugliche Kleidung hält, und packt, statt die eingeforderte Ruhe selbst zu geben, seinen Sprössling an einem Knöchel, reißt ihn hoch und schreit ihm ins Gesicht: „Ruhe! Oder willst du den Rest des Tages kopfüber verbringen?“
Das Kind, instinktklug, erkennt den rhetorischen Gehalt der Frage und sagt nichts. Irgendwann wird es die Krankheit, die sich Vater nennt, erschlagen. Oder ihr, im besseren Fall, für immer den Rücken kehren. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass es sich fügen und unterwerfen und den erlernten Druckdreck weitergeben wird, ist allerdings hoch.
Die nächste Eltern-bebrüllen-ihre-Kinder-Terroristenvereinigung, im Volksmund Familie genannt, rollt vorbei. Diesmal ist Mutter Leittier und Quell des Leidens anderer. Ihre Kleidung ermöglicht den höchst unerwünschten Blick auf ein Äußeres, das mit unvollständig bekleidet, schwammig, hornhautig, latschend und gesichtsstumpf äußerst sachlich beschrieben ist. Die von ihr bebrüllte dreiköpfige Brut im Alter von vier bis acht Jahren wagt nicht mal mehr Widerspruch; falls sie lesen gelernt hätte, würde sie sich nach den Lebensumständen des jungen Oliver Twist sehnen.
Das etwa dreißigjährige Trampelwesen kennt nicht den Walzer, aber sehr wohl das Walzen, und während es diese Disziplin ausübt, schnauzt es das Trio, das ihrem Leib entkriechen musste und der Leibeigenschaft aber hoffentlich entkommen wird, rohtönend an: „Ihr sollt stille sein!“, obwohl doch der Lärm in ihrem eigenen Kopf ist und dort austritt.
Ob sie sich zum Befehlen nicht lieber einen Köter anschaffen wolle, möchte ich sie fragen, verzichte aber darauf, denn das wäre ganz zwecklos: Das würden Pitbulls wie sie, so kitschig wie ernstgemeint empört, als Tierquälerei anprangern.


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