“In Ihrem Haus”. Kinostart 29. November 2012

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Monsieur Germain (Fabrice Luchini) ist frustriert. Dieser Schülerjahrgang ist noch schlechter als alle zuvor dagewesenen, was er nicht für möglich gehalten hätte, erzählt er seiner Frau Jeanne (Kristin Scott Thomas), während er am Küchentisch die letzten Hausarbeiten korrigiert. Germain liebt Literatur über alles, davon zeugt auch die Fülle von Büchern in dem schicken kleinen Apartment, das er mit Jeanne, Galeristin für moderne Kunst, bewohnt.

Da weckt ein Aufsatz sein Interesse, er liest ihn laut seiner Frau vor. Während die anderen Schulaufsätze nur von Fastfood und Fernsehshows handeln, schildert Claude (Ernst Umhauer) auf sprachlich äußerst geschickte Weise, wie er sich in das Haus seines Mitschülers Rapha jr. (Bastien Ughetto) einschleicht unter dem Vorwand, ihm bei den Mathe-Hausaufgaben zu helfen. Seiner genauen Beschreibung des Inneren des Hauses und seiner Mittelklasse-Bewohner erliegt nicht nur Germain. Auch Jeanne ist fasziniert. Zwar brandmarkt sie Claudes Vorgehen als voyeuristisch, doch ihre Neugier ist geweckt. Sie brennt darauf, mehr über diese Familie zu erfahren, die so ganz anders lebt als sie selbst und ihr Mann: ein kinderloses, gut situiertes, in der Kulturszene verwurzeltes Ehepaar.

Germain beginnt, seinen wissbegierigen Schüler zu unterrichten. In Einzelstunden erklärt er ihm, wie eine Geschichte aufgebaut wird, was Spannungsbogen und Figurenentwicklung bedeuten, und blüht dabei immer mehr auf. Am Anfang erklärt er Claude zwar, dass der gar nicht wirklich ins Leben der Menschen eindringen muss, die als Vorlage seiner Figuren dienen, doch als der gelehrige Schüler erklärt, er brauche das reale Anschauungsobjekt für seine Fantasie, ermuntert er seinen Schüler, seine Beobachtungen fortzusetzen.

Claude (Ernst Umhauer) bekommt Privatunterricht von seinem Lehrer (Fabrice Luchini) in Sachen Literatur. © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

So schleicht sich Claude immer tiefer ein ins Leben der Familie Artole. Unter dem Vorwand, Rapha jr., für den Claude schnell zum besten Freund wird, das Universum der Mathematik näher zu bringen, wird er von dessen Vater Rapha sen. (Denis Ménochet) schnell akzeptiert und integriert. Die Männer laden ihn ein zum Basketballspielen, ihrem Lieblingssport, teilen Pizza und Sportabende vor dem Fernseher mit ihm. Ablehnend reagiert dagegen zunächst die Mutter, Esther (Emmanuelle Seigner), eine schöne, sinnliche Frau, die ihre Rolle als Hausfrau und Mutter liebt, die sich aber auch langweilt und ihrem Traum nachhängt, als Innenarchitektin zu arbeiten. Instinktiv misstraut sie dem Eindringling, wohl aus einem Gefühl heraus, ihre Lieben schützen zu müssen. Doch Claude gewinnt auch ihr Vertrauen, und je näher Esther ihn an sich heran lässt, desto verwirrender werden seine Gefühle ihr gegenüber. Längst hat er sich in Esther verliebt und umgarnt sie mit allen Finessen seiner jugendlichen Obsession. Suchte Claude zunächst das, was ihm als mutterlosem Sohn aus armen Verhältnissen, der seinen kranken Vater zu versorgen hat, fehlt, nämlich die Geborgenheit der Familie, sehnt er sich immer mehr nach einer leidenschaftlichen Liaison mit Esther.

Frau der Mittelklasse und Objekt seiner Begierde. Esther Artole(Emmanuelle Seigner) und Claude Garcia (Ernst Umhauer). © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Begierig verschlingen Germain und Jeanne jedes neue, von Claude beschriebene Kapitel der Enthüllungen aus dem Hause Artole. Mit „Fortsetzung folgt“ endet jede der Geschichten. Ermuntert durch Germains Unterstützung verliert Claude bald jede Zurückhaltung. Germain, selbst ein verhinderter Schriftsteller, dessen einziger Roman zwar gedruckt wurde, aber erfolglos blieb, durchlebt noch einmal einen Teil seiner Jugend und schöpft neue Hoffnung. Immer weiter entfremdet sich seine Frau dabei von ihm, mit deren Verständnis zeitgenössischer Kunst er noch nie viel anfangen konnte. Dabei wird Jeanne von veritablen Zukunftsängsten geplagt: ein neuer Eigentümer will ihre Galerie verkaufen, wenn es ihr nicht gelingt, geschäftlich erfolgreich zu arbeiten.

Tiefer und tiefer gerät Germain in den Sog von teils in der Realität, teils in der Fantasie stattfindenden Ereignissen. Dabei verliert der Lehrer zusehends sein Urteilungsvermögen zwischen Recht und Unrecht, bis nicht nur ihn schließlich die Ereignisse, die er sehenden Auges herbeigeführt hat, auf ungeahnte Art einholen und aus der Bahn werfen …

Interview mit François Ozon

IN IHREM HAUS ist inspiriert von dem spanischen Stück „Der Junge aus der letzten Reihe“ von Juan Mayorga…

Ich war sofort begeistert von der Lehrer-Schüler Beziehung, als ich das Stück gelesen habe. Wir fühlen uns mit beiden verbunden, dem Lehrer und dem Schüler. Beide Sichtweisen werden abwechselnd dargestellt. Normalerweise lernen Schüler von ihren Lehrern, aber hier vollzieht sich das Lernen in beide Richtungen. Und der Wechsel zwischen Realität und Schriftstellerei führt selbst zu einer spielvollen Reflexion über Geschichtenerzählen und Imagination. Diese eher theoretischen Fragen werden im Stück mit Leben gefüllt. Die Beziehung von Germain und Claude repräsentiert die Quintessenz der Partnerschaft in jedem kreativen Unterfangen: Der Herausgeber und der Schreiber, der Produzent und der Regisseur, selbst der Leser und der Autor oder das Publikum und der Regisseur. Als ich das Stück las, sah ich eine Chance, indirekt über meine Arbeit zu sprechen, das Kino, die Inspiration und ihre Quellen, was es bedeutet, etwas zu schaffen, was es heißt, etwas zu rezipieren.

Wie haben Sie das Stück für die Leinwand adaptiert?

Das Stück ist eine kontinuierliche Abfolge von Dialogen. Es gibt keine eigentliche Handlung, keine wirklich zusammenhängenden Episoden. Die Locations sind nicht genau spezifiziert oder differenziert, wir sind überall zugleich: das Klassenzimmer, die Kunstgalerie, das Haus, der Park. Meine erste Aufgabe war es, eine Raum-Zeit-Struktur zu schaffen, die Geschichte in Abschnitte von Zeit und Location zu gliedern.

Als nächstes hab ich mir überlegt, die Handlung nach England zu verlegen. Ich stellte mir die Schüler in Uniform vor, ein Brauch, den es in Frankreich eigentlich nicht mehr gibt. Germain sieht seine Schüler als Schafe – eine Herde Dummköpfe, die eins werden durch die Uniform – und dann tritt ein Junge aus der Herde heraus, der Junge aus der letzten Reihe. Aber die Handlung ins englische Schulsystem zu verlagern, verlangte eine umfangreichere Adaption und einen aufwändigen Casting-Prozess. Also kam mir die Idee einer Pilot-Schule, die ein Experiment mit der Einführung von Schuluniformen durchführt – eine immer wiederkehrende Debatte in Frankreich.

Ich habe einiges weggelassen und vieles vereinfacht. Im Stück war Rapha sehr gut in Philosophie, im Gegensatz zu Claude, der gut in Mathe ist. Aber Raphas Sprache war zu ausgefallen für die Realität, die ich zeigen wollte, zu theatralisch, zu abgehoben. Im Stück wurden auch eine Menge Theorien entwickelt über den Akt der Kreation. Ich habe nur das behalten, was mich persönlich berührt hat und direkt mit der Geschichte gearbeitet.

Die grundlegende Frage war, wie man Claudes Schreiben zeigen sollte. Die erste Episode wird komplett von Germain gelesen, ein Hinweis fürs Publikum auf die kontinuierlich folgenden, geschriebenen Texte. Diese Einteilung unmittelbar von Anfang an vorzunehmen erlaubte mir, mich umso schneller von ihr zu lösen. Die zweite Textpassage ist visualisiert und im Voiceover kommentiert vom Erzähler, Claude. Mit dem Fortschreiten des Films wird das Voiceover immer seltener. Dialoge und Bilder übernehmen stattdessen, es ist das Kino.

Wir sind ebenso fasziniert von Germains Unterweisungen wie von Claudes Schreiben. Der Vorgang der Fiktionalisierung führt weder zu einer Verminderung der Lust am Schauen noch der Glaubwürdigkeit.

Und trotzdem ist das, was im Haus geschieht, ziemlich belanglos, eher trist. Ich habe mich gefragt, ob ich etwas hinzufügen soll, etwas dramatischeres, den Film in Richtung Thriller oder Mystery lenken, ihn mehr „Hollywood“ machen. Dann wurde mir klar, dass die wirkliche Herausforderung darin bestand, Normalität faszinierend erscheinen zu lassen: Die Probleme des Vaters bei der Arbeit, seine Obsession mit China. Die Liebe des Sohns zum Basketball, seine Zuneigung zu Claude. Die Langeweile der Mutter, ihr Schwärmen für die Innenarchitektur. Die Idee dahinter war, diese gewöhnlichen Dinge außergewöhnlich zu machen, in der Beschreibung und in der Darstellung, so dass die Spannung steigen würde. Das Drehbuch war so angelegt, dass das Publikum sich angesprochen fühlte, teilzunehmen, aktiv die Fantasie anzuspornen und uns in die Geschichte hineinzuziehen. Es gibt fehlende Stücke, und mit dem Fortschreiten des Films wird es immer schwieriger, den Unterschied zwischen Geschriebenem und Realität auszumachen. Der Schnitt trug entscheidend dazu bei, diesen Unterschied in den Hintergrund treten zu lassen, die Ellipsen zu verstärken und mit der Verwirrung zwischen Realität und Fiktion zu spielen.

François Ozon und Fabrice Luchini (v.l.). © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Sie gehen sogar so weit, Germain in Claudes literarischen Texten auftreten zu lassen.

Das ist eine Referenz an ein übliches Stilmittel des Theaters, wie es Bergman mit großem Effekt in WILDE ERDBEEREN anwandte und das auch Woody Allen oft einsetzt. Ich wollte keine Spezialeffekte, Germains Einmischung sollte sehr direkt sein. Es kommt ein Punkt, an dem Germain in die Erzählung eintauchen, ein aktiver Teilnehmer werden muss. Als Claude Esther küsst, tritt Germain aus der Kammer, weil das Begehren zu heftig ist für ihn. Er ist derjenige, der Claude beigebracht hat, er solle seine Figuren lieben, und Claude hat diesen Rat angenommen und umgesetzt. Germain wird ständig von seinen eigenen Ratschlägen überrumpelt.

Wenn Claude Esther am Ende bittet, mit ihm durchzubrennen, fragen wir uns, ob das wirklich passiert oder ob er sich das ausgedacht hat.

Das stimmt, vor allem weil wir in der nächsten Szene sehen, wie er aufwacht. Er könnte das geträumt haben. Esther selbst sagt: Was zwischen uns war, hat nie stattgefunden. Realität und Imagination werden immer mehr eins – für mich ist, am Ende des Tages, alles real. Selbst Raphas Selbstmord, weil Claude ihn wollte. Wir müssen uns auf die Fiktion einlassen und aufhören, Fragen zu stellen.

Die insistierende, wiederkehrende Musik hilft uns dabei, überzulaufen.

Ja, ich wollte rhythmische Musik, die das Publikum erobert. Die Melodie, die wir oft während des Schreibprozesses hören, hat seriellen Charakter. Sie weckt den Wunsch, zu wissen, was Claude als nächstes schreiben wird. Sie durchdringt den ganzen Film. Wie bei SWIMMING POOL gab ich das Drehbuch vor Drehbeginn Philippe Rombi, und er schlug schon im Vorfeld eine Musik vor, die mich wiederum inspirierte und mir half, meine Entscheidungen als Regisseur zu treffen.

Auch wenn der Film nicht naturalistisch ist, hat er doch einen starken sozialen Subtext. Claude ist ein benachteiligtes Kind.

Das war im Stück nicht so deutlich. Wir wussten, sein Vater hat eine Behinderung und er hat keine Mutter, aber solche Details wurden nicht entwickelt oder eingesetzt. Ich musste also für Claude einen sozialen Kontext entwickeln. Wir spüren von Anfang an, dass er nicht aus der gleichen sozialen Klasse stammt wie Rapha, aber erst am Ende erfahren wir etwas über sein bescheidenes Zuhause, bekommen die Bestätigung für seinen Background. Es ist wichtig, Claudes Herkunft spät im Film zu entdecken und zu visualisieren, um zu verstehen, wie seine ursprünglich ironische Suche nach einem Platz in der perfekten Familie sich mit der Zeit wandelt in ein Gefühl der Liebe, das aus einem wirklichen Mangel daran entsteht.

Können wir den Film als Selbstporträt sehen?

Nein, aber ich habe einen Bezug zu der Verbindung, die Claude mit Germain hat. Die Lehrer, die mir am meisten bedeuteten, waren die, mit denen ich mich auf Augenhöhe ausgetauscht habe, bei denen ich mich nicht komplett untergeordnet fühlte. Ich habe das erst spät in meiner Ausbildung erfahren, als ich bereits wusste, dass ich Filmemacher werden will, mit Lehrern wie Joseph Morder, Eric Rohmer und Jean Douchet. Sie haben mich genährt, ermutigt und einige meiner Instinkte bestätigt. Meine Eltern sind auch Lehrer. Ich kenne das alles aus erster Hand seit meiner Kindheit. Ich weiß, wie lästig es ist, Arbeiten am Wochenende zu korrigieren, ich weiß um Lieblingsschüler, Spannungen mit der Verwaltung. Ich hatte einen guten Zugang zu dem Thema. Ich wusste, wie ich mich den Dingen nähere, die Lehrer durchmachen: den Kämpfen, dem Burn-out, den oft lächerlichen Zwängen des Schulsystems, denen sie ausgesetzt sind (wie der Idee, dass Rotstifte für Schüler besonders unangenehm sind).

Eine andere Spitzfindigkeit über die Lehrer-Schüler-Beziehung ist, dass der Schüler den Lehrer nicht überflügelt. Claude gefällt Germains Buch, und am Ende sitzen die beiden wie Gleichberechtigte auf der Bank.

Das Stück ist anders. Es endet auf der Bank im Park gegenüber von Raphas Haus, mit Germain, der realisiert, dass Claude in sein Privatleben eingedrungen ist und seine Frau getroffen hat. Er ohrfeigt den Jungen, sagt ihm, er sei zu weit gegangen. Er beendet ihre Beziehung, schützt sich selbst und bleibt mit seiner Frau zusammen. Dieses Ende schien mir nicht richtig. Ich hatte das Gefühl, alles müsse durchgerüttelt werden im Film. Claude setzt seine Grausamkeiten fort und es gibt eine echte Begegnung zwischen ihm und Jeanne. Germains Privatleben ist irreversibel verändert durch seine Beziehung zu Claude, alles ist davon angesteckt, wie in Pasolinis „Teorema“.

Aber anders als Pasolinis Figur ist Claude kein kalter Manipulator. Auch er wird am Ende persönlich hineingezogen.

Claude glaubt, er kann die Familie infiltrieren und von innen heraus zerstören, aber es zeigt sich, dass die Liebe der Familie stärker ist und Claude seinen Platz nicht finden kann, er ist ausgeschlossen. In vielen meiner Filme zerstöre ich die Familie, aber hier besitzt die Familieneinheit eine zentrifugale Kraft, die sie zusammenhält und Außenseiter ausschließt. Die Familie ist sich selbst genug. Sie sind nicht darauf angewiesen, Platz für einen Außenstehenden zu schaffen, was ich sowohl wunderschön als auch monströs finde. Claudes Dilemma ist, dass er sowohl Erzähler als auch Darsteller ist. Er will einen Platz für sich selbst finden in dieser Geschichte, und indem er das tut, verliebt er sich unplanmäßig in Esther. Schritt für Schritt entgleitet ihm die Geschichte, er verliert die Kontrolle, vermischt seine Vorstellung mit der Realität, wird zwei Menschen, wird eine Figur. Indem er die Fiktion integriert, verbrennt er sich auch die Flügel. Am Ende sagt Claude: „Mein Lehrer hat alles verloren“, aber so geht es ihm in einem gewissen Sinne auch.

Germain (Fabrice Luchini) beobachtet seinen Schüler Claude (Ernst Umhauer) mit der Mutter eines Klassenkameraden (Emmanuelle Seigner) © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Den Film durchzieht ein Gefühl von Einsamkeit und Ausgeschlossensein.

Claude drückt durch sein Schreiben Einsamkeit und Ausgeschlossensein aus, aber er findet Zuspruch und Trost bei Germain. Deshalb war es wichtig, sie in der letzten Szene zu vereinen. Das ist so etwas wie ein Happy End. Ich wollte mit dem Band zwischen diesen beiden einsamen Seelen, die einander brauchen, um etwas zu schaffen, aufhören. Ich habe mir diese letzte Szene schon früh vorgestellt: die beiden auf einer Bank, auf Fenster starrend wie auf Bildschirme. Wie die Heldin aus UNTER DEM SAND, die einem Fremden am Strand nachläuft, ziehen Germain und Claude die Fiktion der Realität vor. Durch die Fiktion fühlen sie sich lebendig.

Fabrice Luchini ist besonders bewegend in dieser letzten Szene auf der Bank. Man sieht in seinem Gesicht die Zeit, die vergangen ist.

Ja, er hat aufgegeben, da ist ein Verzicht, die Brüche der Figur werden sichtbar. Er trägt seine Brille nicht mehr, wir sehen die Ringe unter seinen Augen, seine Müdigkeit, sein Alter. Das wunderbare an Fabrice ist, dass ihm die Eitelkeit fehlt, die typisch ist für Schauspieler, wenn es um ihre äußere Erscheinung geht, ihr Bild. Er hat keine Angst davor, lächerlich auszusehen. Nach DAS SCHMUCKSTÜCK wollten wir wieder zusammenarbeiten, seine Besetzung als Germain lag auf der Hand. Er hat sich völlig auf die Rolle eingelassen, ohne Grenzen. In manchen Sequenzen mochte er die Figur so sehr und identifizierte sich so stark, dass er Sätze dazu erfunden hat. Ich konnte ihn nicht davon abhalten, Claude Anweisungen über das Schreiben zu geben. Er liebt seine Arbeit, liebt die Proben, manchmal bis zum Punkt der Erschöpfung. Es ist der Traum eines jeden Regisseurs, einen so hingebungsvollen Schauspieler zu haben, dermaßen bereit, sich der Rolle unterzuordnen. Ich wusste, dass der Film ihm viel bedeuten würde, es war für ihn die Möglichkeit, seine Liebe zur Literatur auszudrücken. In DAS SCHMUCKSTÜCK war er völlig gegen den Strich besetzt, ein echter Ekel, aber hier konnte er er selbst sein, oder wenigstens näher an ihm selbst. Vielleicht war es unterbewusst, aber diese Rolle eines Vermittlers hat mit seiner eigenen Natur als Schauspieler zu tun, mit den Gründen, warum er diesen Beruf wählte, vor allem am Theater, sein Lieblingsort, um die großen Werke der Literatur zu vermitteln.

Wie haben Sie Ernst Umhauer gefunden?

Claude ist sechzehn im Film, und mir wurde schnell klar, dass Schauspieler dieses Alters die Reife fehlt, die es erfordert, eine solche Rolle zu spielen. Also habe ich mich auf ältere Schauspieler konzentriert. Ernst fiel mir während des Castingprozesses auf, als wir einige Screentests machten. Ich hatte das Gefühl, er würde seiner Figur ähneln: er kommt aus einer Kleinstadt, gehört nicht wirklich zum Kreis der Pariser Schauspieler. Er sieht gut aus, aber seine Attraktivität ist geheimnisvoll und kann etwas irritieren und beunruhigen. Er war 21, als wir gedreht haben, sah aber immer noch aus wie ein Teenager, was perfekt war. Er ist sehr fotogen und hat auch eine wunderbare Stimme, was sehr wichtig war, weil Claudes Stimme im Film immer präsent ist.

Jeanne (Kristin Scott Thomas) und Germain (Fabrice Luchini) bei der Vernissage ihrer Galerie. © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Germain und Claude sind ein richtiges Paar, und Fabrice wusste, Ernst musste gut und glaubwürdig sein, damit der Film funktioniert. Er war sehr großzügig und geduldig mit ihm. Wir haben versucht, so viel wie möglich chronologisch zu drehen, so dass Fabrice Ernst zur gleichen Zeit kennenlernen konnte wie Germain im Film Claude.

Und Emmanuelle Seigner?

Ich habe beim Casting tatsächlich in Paarverbindungen gedacht, nicht nur bei Germain und Claude, sondern auch bei den beiden Frauen. Ich wollte unbedingt, dass sie sich ergänzen: eine blond, eine brünett, eine intellektuell, eine sinnlich, eine maskulin, eine feminin…

Sobald ich angefangen habe, die Liebesgeschichte zwischen Claude und Esther zu entwickeln, habe ich an Emmanuelle gedacht. Ich habe vor ein paar Jahren ein Projekt mit ihr angefangen, das unglücklicherweise nie realisiert wurde, eine Geschichte um ein paar Zeilen aus SUMMER OF 42 über eine Frau, die sich in einen Teenager verliebt. Was ich an Emmanuelle liebe, ist, dass sie nie intellektualisiert, sie geht immer ins Volle eines Charakters.

Emmanuelle Seigner ist perfekt in der Rolle, obwohl sie gegen den Typ besetzt ist.

Sie wird oft als sexuell aktive aggressive Frau besetzt. In IN IHREM HAUS ist sie mütterlich, süß und zart. Wir wollten sie naiv, ohne Ironie, in keinster Weise pervers. Ihre Figur ist Indolent, sie hat Bedürfnisse, aber sie lässt sich von ihnen ablenken. Mit ihrer Kleidung, Haar und Make-Up drücken wir Understatement aus, um das zu schaffen, was Claude „die Mittelklasse-Frau“ nennt. Aber ihre Schönheit wird immer mehr enthüllt, je weiter der Film fortschreitet, durch Claudes Blick und die Liebe, die er für sie fühlt.

Und Kristin Scott Thomas?

Wir umkreisen uns seit einer Weile. Ich glaube, sie hatte viel Spaß an der Rolle. Sie ist eine sehr angelsächsische Schauspielerin. Sie kann akzentfrei Französisch sprechen, aber ich habe sie ermuntert, ihn zu behalten. Ich mag ihre kleinen Fehler im Französischen, sie sind charmant. Es war ein Kinderspiel, mit ihr zu arbeiten, dasselbe Vergnügen wie mit Charlotte Rampling. Die beiden haben tatsächlich manchmal die gleiche Intonation. Mit Fabrice gibt sie ein sehr gutes Paar ab. Wir nehmen ihnen ihre intellektuelle Verbundenheit ab, ihre Chemie stimmt, ihre kleinen Zeichen von Zuneigung sind natürlich, erinnern an Woody Allen und Diane Keaton. Ich war glücklich, weil die beiden sich beim Dreh gut kennenlernen mussten und es sofort genossen haben, miteinander zu spielen. Wie Fabrice hat auch Kristin viel Theater gespielt. Sie haben einander verstanden.

Wie kamen Sie auf Denis Ménochet?

Ich hatte ihn in Tarantinos INGLOURIOUS BASTERDS gesehen. Ich habe einige andere Schauspieler ausprobiert, aber sobald ich mich für Emmanuelle entschieden hatte, dachte ich in Paar-Besetzungen. Ich probte eine Szene mit Emmanuelle und Denis zusammen, und es passte sofort, wie bei Fabrice und Kristin. Denis ist ein Method Actor. Er vertiefte sich total in alles, was mit Basketball und chinesischer Kultur zu tun hat und erschien sehr gut vorbereitet am Set. Ich musste dafür sorgen, dass er einiges von seinen Recherchen wieder vergas. Es steckt etwas von Rapha sen. in ihm, eine starke sinnliche Präsenz, perfekt für die Rolle.

Fehlt nur noch Bastien Ughetto als Sohn…

Ursprünglich wollte ich die Figur von Rapha jun. als die eines übergewichtigen, schwierigen Kindes anlegen, zu Hause überbeschützt, in der Schule ständig gehänselt. Aber es ist schwer, fette Kinder zu zeigen, ohne in die Karikatur-Falle zu tappen. Als ich ein Foto von Bastien sah, hatte sein Gesicht etwas Schönes und Strenges zugleich. Wir trafen uns, und ich fühlte mich wohl mit ihm. Dann sah ich ihn mir in einem Stück an und arrangierte ein paar Testaufnahmen mit ihm und Ernst. Die Chemie stimmte zwischen ihnen und Bastien war sehr gut, fähig zur Offenheit, Naivität und einer gewissen Zähigkeit. Wie Ernst war auch er 21 bei den Dreharbeiten.

Durch die Figur der Jeanne werfen Sie auch einen Blick auf die Welt der zeitgenössischen Kunst.

Nein, ich spiele nur mit den üblichen Klischees, die die Menschen über zeitgenössische Kunst haben. Die avantgardistische Natur der Art von Kunst, die Jeanne ausstellt, dient als Kontrapunkt zum grenzwertig reaktionären Klassizismus, dem sich Germain verschrieben hat. Für ihn steht Literatur über allen anderen Kunstarten, vor allem lehnt er zeitgenössische Kunst ab, von der er nichts versteht. Ich dachte, es ist lustig, den Film damit zu beenden, wie er auf das Gebäude starrt mit all den Bewohnern in ihren kleinen Boxen. Das sieht aus wie eine typische Installation zeitgenössischer Kunst!

Warum haben Sie nicht den Titel des Stücks übernommen, „Der junge aus der letzten Reihe“?

Ich hatte das Gefühl, dass der Titel zu sehr einen Aspekt der Geschichte in den Vordergrund stellt, die Idee des sprichwörtlichen „Schüler in der letzten Reihe“, der auffällig und anders ist, oft brillant, aber sich schlecht ins soziale Leben integriert. Ich wollte den Rahmen erweitern, weil für mich alle Figuren wichtig sind und das Haus wirklich im Zentrum der Geschichte steht, wie in vielen meiner früheren Filme. Also schien mir der Titel DANS LA MAISON naheliegend.

FRANÇOIS OZON – Regie, Drehbuch

Geboren 1967 in Paris, absolvierte François Ozon die dortige Filmhochschule FEMIS. Bereits in seinen frühen Kurzfilmen zeigte Ozon einen konsequenten, eigenen Stilwillen, etwa in „Une robe d’été“, „Le petit mort“ oder „Regarde la mer“. Für Furore sorgte er erstmals bei der Berlinale 2000, wo seine Adaption eines nie aufgeführten Fassbinder-Stücks lief: TROPFEN AUF HEISSE STEINE (Gouttes d’eaus sur pierres brulantes).

Mit jedem neuen Film überrascht Ozon seine Zuschauer – nie darf man sicher sein, was einen erwartet. Jeder seiner Filme trägt eine eigene Handschrift, meist sind es ungewöhnlich stilisierte Liebes- und Familiengeschichten. Einige Topoi allerdings kommen fast immer vor, so die perfekt inszenierten Landschaftsaufnahmen wie im meisterhaften UNTER DEM SAND (Sous le sable) mit Charlotte Rampling oder die, teils humorvolle, Auseinandersetzung über den Umgang mit dem Tod, wie in dem intimen Porträt DIE ZEIT DIE BLEIBT (Le temps qui rest). Er wagte sich ebenso an den Kostümfilm (ANGEL – EIN LEBEN WIE IM TRAUM) wie an den Gangsterfilm (LES AMANTS CRIMINELES) oder die schwarze Komödie (SITCOM). Vor allem aber begeistert Ozon mit seinen intelligenten, feinfühligen Porträts der starken Weiblichkeit: Seinen größten Erfolg bisher konnte er mit 8 FRAUEN (8 femmes) feiern, dessen Darstellerinnenensemble (Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, Emmanuelle Béart, Fanny Ardant, Virginie Ledoyen, Danielle Darrieux, Ludivine Sagnier, Firmine Richard) mit dem Europäischen Filmpreis und dem Silbernen Bären der Berlinale ausgezeichnet wurde. Auch in dem Thriller SWIMMING POOL setzt er seine Aktricen Charlotte Rampling und Ludivine Sagnier grandios in Szene. In 5X2-FÜNF MAL ZWEI erzählt Ozon fünf Episoden aus dem Beziehungsleben eines jungen Paares rückwärts. Der Autorenfilmer par excellence verfasst zu fast allen seinen Filmen auch die Drehbücher.

Filmografie

1988 „Photo de famille“ (Kurzfilm)

1994 „Une rose entre nous“ (Kurzfilm)

1995 „Der kleine Tod“ (La petite mort) (Kurzfilm)

1996 „Ein Sommerkleid“ (Une robe d’été) (Kurzfilm)

1997 „Blicke auf das Meer“ (Regarde la mer) (Kurzfilm)

1998 SITCOM

1999 Ein kriminelles Paar (Les amants criminels)

2000 TROPFEN AUF HEISSE STEINE (Gouttes d’eaus sur pierres brulantes)

2001 UNTER DEM SAND (Sous le sable)

2002 8 FEMMES (8 Frauen)

2003 SWIMMING POOL (Swimming Pool)

2004 5X2 FÜNF MAL ZWEI (5×2)

2005 DIE ZEIT DIE BLEIBT (Le temps qui reste)

2006 „Un lever de rideau“ (Kurzfilm)

2007 ANGEL – EIN LEBEN WIE IM TRAUM (Angel)

2008 RICKY – WUNDER GESCHEHEN (Ricky)

2009 RÜCKKEHR ANS MEER (Le refuge)

2010 DAS SCHMUCKSTÜCK (Potiche)

2012 IN IHREM HAUS (Dans la maison)

Interview mit Fabrice Luchini

Zwei Jahre nach DAS SCHMUCKSTÜCK arbeiten Sie wieder mit François Ozon zusammen.

Ich hatte nicht damit gerechnet, so bald nach NUR FÜR PERSONAL! wieder einen Film zu drehen. Ich bin kein Arbeitstier, und das Theater nimmt viel meiner Zeit in Anspruch. Es passierte einfach. Mit Charme kann man mich beeinflussen, ich lasse mich von meinen Gefühlen leiten. Wenn jemand höflich, elegant, lustig, sympathisch, talentiert ist und wir gern zusammen arbeiten, bin ich dabei.

Und dann natürlich das Drehbuch… Ich weiß eigentlich gar nicht, wie man Drehbücher liest, das interessiert mich nur am Rande, wenn überhaupt. Meine Tochter entscheidet das normalerweise für mich. Diesmal war das anders. Es wäre undenkbar gewesen, ein so reiches, spannendes Buch abzulehnen. Es erzählt etwas Neues, aber nicht abstrakt, etwas, was sich gut anfühlt, was ambitioniert ist, aber nicht psychologisiert.

Können Sie die Art nachvollziehen, in der Germain sich zur Literatur hingezogen fühlt?

Sagen wir einfach, es ist für mich im Bereich des Möglichen. Aber der Regisseur ist derjenige, der dafür verantwortlich ist, den Schauspieler zu seiner Figur zu bringen. Er führte mich zu ihr hin. Er ist der Boss, ich bin das Werkzeug. In den letzten Jahren habe ich eine ungewöhnliche Methode entwickelt: ich gehorche total. Das kostet viel weniger Energie, und die Regisseure geben mir die Note vor, die ich spielen soll. Kino erfordert totale Verfügbarkeit, Leere. Am besten man kommt in einer Art somnambulen Zustand ans Set. Ich habe nicht das Selbstverständnis großer Schauspieler, die für sich reklamieren, jede Rolle spielen zu können. Und je älter ich werde, desto weniger verfüge ich darüber.

Meine Verantwortung hier war, es lebendig und lustig zu machen, auch wenn meine Figur ein bisschen depressiv ist. Schauspieler müssen effektiv sein. Tschechow kann man nur bewundern für seine intellektuellen Finessen, aber ich mag auch die Klarheit und Effizienz von Feydeaus Schauspielern, wenn sie nicht zu Gefangenen werden, bloßen Maschinen.

Germain lebt ganz für die Liebe zur großen Literatur, so wie Sie, wenn Sie auf der Bühne große Werke lesen…

Ja, aber in meinem Fall ist das anders. Mein Theaterpublikum zahlt vorher 50 Euro, um Baudelaire oder La Fontaine zu hören, Céline oder Flaubert. Germain gerät nicht über Poesie ins Schwärmen, er kann kein „emotionaler Athlet“ sein, wie Jouvet Theaterschauspieler nennt. Das konnte ich also auch nicht als Germain. Im Theater gebe ich den Rahmen vor, vor allem in meinen literarischen One-Man-Shows. Kino ist weniger physisch, man arbeitet im Rahmen, den der Regisseur vorgibt. François Ozon versuchte, meine literarischen Ratschläge an Claude zu zügeln. Er war besessen, mich davon abzuhalten, Fabrice Luchini zu spielen!

Also haben Sie nicht Ihr Salz in Germains Suppe gegeben?

Nicht wirklich. Aber das ist ein gutes Zeichen, weil ich das geschätzt habe, was im Drehbuch stand. Ich habe keine Meinung zu dem, was Germain sagt, aber offensichtlich hat es eine Resonanz in mir. Ich schlug Flauberts „A Simple Heart“ vor, ein Werk, das ich absolut liebe. Und Germain kriegt einen Schlag auf den Kopf mit einer Ausgabe von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ – das war François’ spielerische Referenz an mich. Was Germain sagt, ist nicht wichtig. Die Lust am Kino ist es, die zählt, und dafür ist François verantwortlich. Aber es gibt einen Dialog von mir: Wenn meine Film-Ehefrau über zeitgenössische Kunst spricht, sollte ich eine langatmige theoretische Antwort geben. Aber ich dachte an unseren französischen Elvis, Johnny Hallyday, und reduzierte die Antwort auf „Ich bin mir nicht sicher, ob sich das verkauft“. Ich liebe Johnny, er hat brillante Momente.

Sie sind dafür bekannt, lustig zu sein, aber in IN IHREM HAUS sind Sie auch sehr berührend, vor allem in der letzten Szene auf der Bank.

Es ist eine großartige Rolle, die es erlaubt, zwischen diesen beiden Registern abzuwechseln. Ein Schauspieler kann nicht aus einer Position der Stärke heraus agieren. Er kann variantenreich sein, aber er muss verletzbar sein, um das Menschliche zu zeigen. Es ist gut, dass mir solche Rollen angeboten werden, denn ich bin so ein Typ, den man entweder mag oder nicht ausstehen kann. Bei Rollen wie dieser, die mir jetzt seit einigen Jahren angeboten werden, sagen die Leute: Ah, du kannst emotional sein! – so als wäre ich eine ewige Rohmer-Figur, die chronische Quasselstrippe, ein Mann nur der Worte, der brillante, sarkastische, zynische oder gemeine Rollen spielt.

Wie war das Zusammenspiel mit Ernst Umhauer?

Es war riskant von Ozon, eine Rolle von solcher Bedeutung einem jungen Mann anzuvertrauen, der über so wenig Filmerfahrung verfügt. Er gab mir einen bedeutenden Hinweis: Vergiss die Literatur und stell dir vor, du unterrichtest einen jungen Schauspieler in einer Drama-Klasse. Mir kamen noch andere Ideen, wenn ich kurz philosophisch abschweifen darf: die Herausstellung des Anderen, Emmanuel Levinas… Ich dachte daran bei den Dreharbeiten zu NUR FÜR PERSONAL!: Was bedeutet es, dem Anderen zu begegnen? Wenn man als Schauspieler beginnt, ist man sehr selbstbewusst, völlig auf sich selbst bezogen. Und das ändert sich auch nicht – es ist der Fluch des Schauspielers! Aber glücklicher-, wunderbarerweise ist die Gegenwart eines Anderen eine fruchtbare Quelle für einen Schauspieler. Deine eigene Rolle ist nicht wichtig, entscheidend ist, deine Aufmerksamkeit auf deinen Partner zu richten.

Psychologie ist ein Killer. Schauspieler lamentieren ständig über ihre Figuren! Nein, es ist einfacher als das. Es gibt einen Lehrer und einen jungen Mann. Es ist die Freude am Kino, die du spürst, mit deinen Dialogen, der vertrackten Situation, in der sich die Personen befinden, die Art, wie meine Figur diesen jungen Mann sieht, der Inbegriff von Jugend und Talent. Ich analysiere das nicht, die Psychologie dahinter interessiert mich nicht. Und wenn ich dann mit Kristin Scott Thomas spiele, muss ich mich nur an die völlig andere Schauspielerin anpassen, die sie ist, mit all ihrer Erfahrung, ihrer unglaublichen physischen Präsenz. In dem Moment, wenn wir eine Szene beginnen, sie zu mir spricht und ich antworte, ist die Dynamik eine andere als mit Ernst. Erfreulich und ganz natürlich.

Deine Rolle zu kennen bedeutet nicht, jedes Wort auswendig zu können. Zuallererst geht es darum, zu wissen, welchen Platz du einnimmst in dem übergeordneten Muster des Films, die Handlung verstehst und welches Rad am Wagen du bist, der das Fahrzeug bewegt. Dann bringst du das ganze zum Laufen, statt dich auf dich selbst zu konzentrieren und den Fortgang der Erzählung zu blockieren.

Welches Rad sind Sie in dem Film?

Ich weiß nicht, wie ich das intellektuell beschreiben soll. Ich kann es nur hierarchisch erklären: Kamera, junger Mann, Kreation… Die Hauptrolle hat Francois Ozons Kamera, dann kommt Claude, eine Art verdrehter Rimbaud. An dritter Stelle kommt der Lehrer, der zunehmend den Boden unter den Füßen verliert, je mehr er den jungen Mann begleitet. Ich wusste, dass ich für die allererste Szene mit Claude die Worte nicht spielen durfte. Spielen musste ich nur ein Erstaunen: Wie kann das sein? Das ist meine Aufgabe: Was immer du tust, spiel die Worte nicht. Im wirklichen Leben bin ich extrem analytisch, ich habe zu allem eine Meinung, aber bei der Arbeit bin ich der vollkommene Dummkopf.

Warum spielt François’ Kamera die Hauptrolle?

Weil sie sich bewegt. Sie geht ins Haus, erkundet es, betrachtet es ironisch. Sie filmt Psychologie in Germains Frau, das Seltsame in den jungen Mann, die Mittelklasse in Raphas Heim und die Imagination in Claudes Schriften. Im Theater ist es mein Job, Bilder zu erzeugen, das, was Autoren geschrieben haben, bildhaft zu machen. In einem Ozon-Film ist er es, der die Bilder liefert für das Geschriebene, ich bin dafür nicht verantwortlich.

Wie war die Atmosphäre am Set?

Mit François zu arbeiten ist sehr angenehm. Er ist ein Ausnahme-Regisseur, immer in Bewegung. Er legt die Bildausschnitte selbst fest, ist immer beschäftigt, immer hinter der Kamera. Er weckt in dir den Wunsch, dein Bestes zu geben, Teil des Teams zu sein, Teil der Crew. Am Set herrscht eine außergewöhnliche Atmosphäre, er schafft Intensität. Er ist klug, verschmitzt, enigmatisch. Er intellektualisiert die Dinge nicht, er ist ein Macher, keiner der viel herum analysiert oder diskutiert. Einer, der mit beiden Beinen im 21. Jahrhundert steht, nicht im 18. Sehr weit entfernt von meinen Schriftstellern. Er mag Virginia Woolf, ich Céline. Flaubert ist der einzige, auf den wir uns einigen können, aber wir kommen wunderbar miteinander klar.

Germain ist ganz anders als Robert Pujol in DAS SCHMUCKSTÜCK.

Und ob! Ich hatte befürchtet, dass ich Robert Pujol in Ozons Farce nicht würde spielen können. Ich hatte wirklich die undankbarste Rolle, ein schrecklicher Charakter. Pujol ist gemein, pathetisch, rückgratlos, mittelmäßig. In DAS SCHMUCKSTÜCK drehte sich alles um Catherine Deneuve, ich war nicht wichtig. Ein Jahr später gab Ozon mir eine großartige Rolle, menschlich, vielseitig. Ein wirkliches Geschenk, das ich nicht erwartet hatte.

Welche Gefühle hatten Sie, als Sie den fertigen Film sahen?

Ich fühlte mich wohl. Wir sind ein bisschen verwirrt, wenn wir den Film anschauen, fühlen uns aber nicht kalt oder abgestoßen, sondern wohl. An einem bestimmten Punkt kommt man ins Schwimmen, man weiß nicht, ist das jetzt Realität oder bin ich in der geschriebenen Welt des jungen Mannes, aber das ist einem egal. Nicht wie im Traum, wie in so vielen dieser eher ärgerlichen Filme, wo man gar nichts versteht, diese schrecklichen Möchtegern-Cocteaus. Es ist aber auch kein psychologischer Realismus. Ein Wort fällt mir dazu ein: zum Jubeln!

Wer erteilt hier wem eine Lektion? Claude (Ernst Umhauer) und sein Lehrer Germain (Fabrice Luchini) © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Fabrice Luchini (Germain)

Als Sohn italienischer Einwanderer, die als Obst- und Gemüsehändler arbeiteten, wurde Fabrice Luchini am 1. November 1951 im Norden von Paris geboren. Mit 13 Jahren begann er eine Ausbildung in einem Friseursalon, aber er interessierte sich vor allem für die Literatur von Balzac, Flaubert und Proust. Seine Begeisterung für den Soul trieb ihn in die Diskotheken. Dort entdeckte ihn Philippe Labro und gab ihm seine erste Rolle in TOUT PEUT ARRIVER (1969). Kurz darauf wurde Eric Rohmer auf den jungen Verführer aufmerksam, der in seinem Schauspielkurs Nietzsche wie kein anderer deklamierte. Der legendäre Nouvelle-Vague-Regisseur engagierte den 20-jährigen Luchini für einen kleinen Auftritt im Liebesreigen CLAIRES KNIE (Le genou de Claire, 1970) und vertraute ihm später die Titelrolle im experimentellen Film PERCEVAL LE GALLOIS (1978) an.

Luchini hatte in Rohmer seinen Mentor gefunden und spielte in drei weiteren seiner Filme, darunter in VOLLMONDNÄCHTE (Les nuits de la pleine lune, 1984) als Schriftsteller und eifersüchtiger Liebhaber. Dem großen Publikum blieb er dennoch lange unbekannt. Dies änderte sich 1990 mit seiner Rolle des melancholischen Verführers in DIE VERSCHWIEGENE (La discrète, 1990) von Christian Vincent. Neben seiner nun in Schwung gekommenen Kinokarriere begann Luchini auch im Theater sein Image als exzentrischer und eloquenter Dandy zu festigen. Dort etablierte er sich mit virtuosen Monologen nach Texten von La Fontaine, Céline oder Barthes.

Seine Rolle als überforderter Manager in der Satire KLEINE FISCHE, GROSSE FISCHE (Riens du tout, 1992) war seine erste Zusammenarbeit mit dem jungen Regisseur Cédric Klapisch, der ihn später in SO IST PARIS (Paris, 2008) an die Seite Juliette Binoches stellte. Nachdem er für seine Rolle in Claude Lelouchs ALLES FÜR DIE LIEBE (Tout ça pour ça, 1993) nach einigen vergeblichen Anläufen den César als Bester Nebendarsteller gewonnen hatte, wurden ihm auch größere Filme angeboten, etwa die Komödie BEAUMARCHAIS – DER UNVERSCHÄMTE (Beaumarchais, l’insolent, 1996).

Nach einer Reihe erfolgreicher Kostümfilme, darunter DUELL DER DEGEN (Le Bossu 1997) oder MOLIÈRE (2007), gelang es dem raumgreifenden und wortverliebten Luchini, sich auch mit leiseren Tönen, etwa als schüchterner, in Sandrine Bonnaire verliebter Steuerberater in INTIME FREMDE (Confidences trop intimes, 2004) von Patrice Leconte zu beweisen.

Inzwischen ist er zu einem der bestbezahltesten Stars des französischen Kinos aufgestiegen. Seine egozentrischen Auftritte in Talkshows oder als Versteigerer kostbarer Weine sind berühmt und berüchtigt. In Anne Fontaines Komödie DAS MÄDCHEN AUS MONACO (La fille de Monaca, 2008) überzeugte er als redseliger Vollblutkomödiant in einer Paraderolle als biederer Anwalt, der von einer viel jüngeren Frau um den Verstand gebracht wird. In François Ozons Komödie DAS SCHMUCKSTÜCK (Potiche, 2010) hatte er Gelegenheit, als Gatte von Catherine Deneuves seine Waffen mit Gérard Depardieu zu kreuzen, und in Philippe Le Guays NUR FÜR PERSONAL! (Les femmes du 6ème étage, 2010) begeisterte er als bourgeoiser Monsieur, der dem bodenständigen Charme der Dienstmädchen erliegt. Zuletzt spielte Luchini den Julius Caesar in ASTERIX UND OBELIX: IM AUFTRAG IHRER MAJESTÄT (Asterix et Obelix au service de Sa Majesté, 2012), im nächsten Jahr wird er in ALCESTE A BICYCLETTE (2013), wieder unter der Regie von Philippe Le Guay, zu sehen sein.

Filmografie (Auswahl)

1970 CLAIRES KNIE (Le genou de Claire), Regie: Éric Rohmer1974

UNMORALISCHE GESCHICHTEN (Contes immoraux), Regie: Walerian Borowczyk1978

PERCEVAL LE GALLOIS, Regie: Éric Rohmer

VIOLETTE NOZIÈRE (Violette Nozière), Regie: Claude Chabrol

1981 DIE FRAU DES FLIEGERS (La femme de l’aviateur), Regie: Éric Rohmer

1983 VERDAMMT NOCHMAL! … WO BLEIBT DIE ZÄRTLICHKEIT? 2. TEIL (Zig Zag Story), Regie: Patrick Schulmann

1984 VOLLMONDNÄCHTE (Les nuits de la pleine lune), Regie: Éric Rohmer

1984 EMMANUELLE 4, Regie: Francis Leroi

1985 P.R.O.F.S – UND DIE PENNE STEHT KOPF (P.R.O.F.S.), Regie: Patrick Schulmann

1986 MAX MON AMOUR, Regie: Nagisa Oshima

1987 4 ABENTEUER VON REINETTE UND MIRABELLE (4 aventures de Reinette et Mirabelle, Regie: Éric Rohmer

1990 DIE VERSCHWIEGENE (La discrète), Regie: Christian Vincent

URANUS, Regie: Claude Berri

1992 CASANOVAS RÜCKKEHR (Le retour de Casanova), Regie: Edouard Niermans

KLEINE FISCHE, GROSSE FISCHE (Riens du tout), Regie: Cédric Klapisch

1993 ALLES FÜR DIE LIEBE (Tout ça pour ça), Regie: Claude Lelouch

DER BAUM, DER BÜRGERMEISTER UND DIE MEDIATHEK (L’arbre, le maire et la médiathèque), Regie: Éric Rohmer

1994 DIE AUFERSTEHUNG DES COLONEL CHABERT (Le colonel Chabert), Regie: Yves Angelo

1996 MÄNNER UND FRAUEN – DIE GEBRAUCHSANWEISUNG (Hommes, femmes, mode d’emploi), Regie: Claude Lelouch

BEAUMARCHAIS – DER UNVERSCHÄMTE (Beaumarchais l’insolent), Regie: Edouard Molinaro

1997 DUELL DER DEGEN (Le Bossu), Regie: Philippe De Broca

1999 PAS DE SCANDALE, Regie: Benoît Jacquot

RIEN SUR ROBERT, Regie: Pascal Bonitzer

2001 BARNIE ET SES PETITES CONTRARIÉTÉS, Regie: Bruno Chiche

2004 INTIME FREMDE (Confidences trop intimes), Regie: Patrice Leconte

2006 JEAN-PHILIPPE, Regie: Laurent Tuel

2007 DIE LIEBESABENTEUER DES HERRN MOLIÈRE (Molière), Regie: Laurent Tirard

2008 SO IST PARIS (Paris), Regie: Cédric Klapisch

DAS MÄDCHEN AUS MONACO (La fille de Monaca), Regie: Anne Fontaine

2010 DAS SCHMUCKSTÜCK (Potiche), Regie: François Ozon

NUR FÜR PERSONAL! (Les femmes du 6ème étage), Regie: Philippe Le Guay

LES INVITÉS DE MON PÈRE, Regie: Anne Le Ny

2012 ASTERIX UND OBELIX: IM AUFTRAG IHRER MAJESTÄT (Asterix et Obelix au service de Sa Majesté), Regie: Laurent Tirard

IN IHREM HAUS (Dans la maison), Regie: François Ozon

Interview mit Kristin Scott Thomas

Welchen Eindruck hatten Sie bei der Lektüre des Drehbuchs von IN IHREM HAUS?

Ich fand es lustig und leicht, aber nicht oberflächlich. Es stellt Fragen, lässt uns nachdenken über die Rolle von Lehrern und Schülern, über Kunst und unsere Vorliebe für Reality-Shows. Vor allem durch die Figur, die ich spiele, die völlig fasziniert ist von der Geschichte, die Claude schreibt. Jeanne hat eine sehr voyeuristische Haltung gegenüber der Rapha-Familie. Ihre Einstellung ist typisch für unsere Zeit, wir sind alle extrem neugierig auf das Leben der Anderen, wie auch die Popularität der Klatschmagazine zeigt. Nichts, worauf man sehr stolz sein könnte.

Für Jeanne ist die Beschäftigung mit dem Leben anderer eine Möglichkeit, ihrem eigenen aus dem Weg zu gehen.

Ja, Jeanne ist unfähig zu sehen, was direkt vor ihrer Nase passiert. Dass ihre Beziehung auseinanderfällt, macht sie bitter. Der Film stellt einige wichtige Fragen, aber in einfacher, amüsanter Art. Unter der Regie eines anderen hätte das eine Tragödie werden können, aber François macht daraus eine lustige aber auch bissige Geschichte. Ich mag seinen Humor.

Wie würden Sie Jeannes und Germains Beziehung beschreiben?

Sie bewundern sich gegenseitig. Sie haben einen gemeinsamen Weg gefunden in der Liebe zu der Literatur bzw. der Kunst, die sie teilen. Sie sind kulturell kompatibel. Kultur ist für sie so etwas wie das Kind, das sie nie hatten. Die Kinderfrage wird erst am Ende des Films gestellt, als Resultat von Germains Beziehung zu Claude.

Was sucht Claude in Germain?

Hilfe bei der Ausformung seiner Imagination und der Verfeinerung seines Schreibstils, so dass er seiner tristen Realität entfliehen kann, ohne Mutter, mit einem an den Rollstuhl gefesselten Vater. Bei seiner Flucht in eine virtuelle Welt beutet er eine Familie aus. Claude ist ein kleines bisschen ein Monster!

Die Familie ist aber auch monströs, verschließt sich nach außen und dreht sich nur um sich selbst.

Ja, das ist eines der wiederkehrenden Themen bei Ozon. Die Familie hat eine monströse Seite, aber wir sehen sie durch eine satirische Linse, es ist schwer, sie ernst zu nehmen. Wir halten eine gewisse Distanz, denn die Familie wird von Claude beschrieben. Die Beziehung von Jeanne und Germain ist realistischer, akkurater gezeichnet. Ozon hat uns aus der Nähe gefilmt, in einer kleinen Wohnung voller Bücher, und den Zuschauer in eine intimere Atmosphäre hineingezogen.

Jeanne beschäftigt sich mit zeitgenössischer Kunst, Germain mit klassischer Literatur.

Bis zu Claudes Erscheinen hat dieser Unterschied die beiden nicht gestört, er gab keinen Anlass für Konflikte. Jeder kümmerte sich um seine Angelegenheiten. Erst als ihre Beziehung ins Schleudern kommt, wird es zum Problem.

François filmt die Welt der zeitgenössischen Kunst mit Spott. Die Reaktion der Zwillinge auf die Wolken-Bilder, die Jeanne ihnen zeigt, ist sehr komisch. Sie haben Angst, irgendetwas dazu zu sagen.

Jeanne ist nicht die Karikatur eines Kunsthändlers, sie stellt die Qualität dieser Arbeiten auch in Frage. Wie sie versucht, die Gemälde zu verkaufen, zeigt das – sie versucht sich selbst ebenso zu überzeugen wie den Käufer. Und am Ende wendet sie sich eher dem Kunsthandwerk zu als der Kunst!

Wie war es, François Ozon kennen zu lernen?

Wir hatten uns schon ein paar Mal getroffen. Ich fand ihn interessant, scharf, provokativ. Er hat ein Funkeln in den Augen, redet schnell, ist ein Workaholic, interessiert sich für alles, ist sehr kultiviert und sich dessen bewusst, was um ihn herum vor sich geht.

Und die Dreharbeiten?

Ich hatte gerade ein Pinter-Stück in London abgeschlossen, ein dunkles Stück, das einige Monate lief. Ich hatte beinahe vergessen, wie es ist, beim Film zu arbeiten! François hat eine eher unübliche Art, Regie zu führen. Zum Beispiel legt er die Bildausschnitte selbst fest, das habe ich noch nie erlebt. Der Großteil der Dreharbeiten war schon abgeschlossen, als ich dazu kam. Nur die Szenen mit mir standen noch aus, sie warteten auf mich wie auf den Messias! Es ist nicht einfach, sich in eine solche Situation einzufügen, die sich bereits eingespielt hat.

Wie führt François Ozon seine Schauspieler?

Er hat genaueste Vorstellungen davon, wie du dich jeden Millimeter verhalten sollst. Seine Präzision erinnert mich an Polanski. François ist sehr pragmatisch, und er ist ein Pedant, wenn es darum geht, wie die Dialoge gesprochen werden sollen. In dieser Art der französischen Komödie müssen Tempo und Stil sehr präzise sein. Die Geschichte basiert nicht auf der Psychologie der Figuren, sie ist Anti-Method-Acting. Es geht nur um Rhythmus und darum, dem Partner zuzuhören und auf ihn einzugehen.

Wir war Ihr Zusammentreffen mit Fabrice Luchini?

Fabrice Luchini hatte bereits ein paar Drehwochen hinter sich, als ich ankam. Er ging völlig in seiner Rolle auf, war sehr vertraut mit der Crew und mit François. Ich bin es gewohnt, diejenige in der starken Position zu sein, während die anderen etwas verletzbarer sind. Jetzt war es genau umgekehrt! Es war die erste Zusammenarbeit von Fabrice und mir, und ich hoffe, es wird nicht die letzte gewesen sein. Wir ergänzen uns auf der Leinwand, wir wirken, als hätten wir ein Leben lang zusammen gearbeitet. Ideen auszutauschen war mit ihm ganz einfach. Sicher, weil wir beide die Theatererfahrung teilen. Auch Ernst Umhauers Spiel hat mich sehr beeindruckt. Er ist wunderbar neben Fabrice in dem Film.

Kristin Scott Thomas (Jeanne)

Die preisgekrönte Schauspielerin Kristin Scott Thomas ist international bekannt für ihr Talent, ihre Eleganz und ihr Engagement. Ohne Furcht vor anspruchsvollen Rollen und stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist ihr bisheriges Schaffen eine eindrucksvolle Reihe gefeierter und hoch gelobter Film-, Fernseh- und Theaterarbeiten.

Ihr US-Filmdebüt gab die britisch-französische Schauspielerin in UNDER THE CHERRYMOON – UNTER DEM KIRSCHMOND (Under the Cherrymoon, 1986) von Popstar Prince. Bekannter wurde sie aber erst durch Produktionen wie Roman Polanskis BITTER MOON (1992), Mike Newells VIER HOCHZEITEN UND EIN TODESFALL (Four Weddings and a Funeral, 1994, für den sie bei den British Academy Awards als Beste Nebendarstellerin gewann), Richard Loncraines RICHARD III. (1995), Brian de Palmas MISSION: IMPOSSIBLE (1996), Robert Redfords DER PFERDEFLÜSTERER (The Horse Whisperer, 1998) oder Sydney Pollacks BEGEGNUNG DES SCHICKSALS (Random Hearts, 1999).

Erstmals riss Kristin Scott Thomas Zuschauer wie Kritiker gleichermaßen neben Ralph Fiennes und Juliette Binoche in Anthony Minghellas DER ENGLISCHE PATIENT (The English Patient, 1996) zu Begeisterungsstürmen hin. Für ihre großartige Interpretation der Rolle wurde sie vielfach ausgezeichnet und wurde für Golden Globe, BAFTA und den Screen Actors Guild Award nominiert. 2001 war sie Teil des Ensembles von Robert Altmans umjubeltem Oscar®-Gewinner GOSFORD PARK.

2008 spielte Kristin Scott Thomas in Phillipe Claudels von der Kritik hoch gelobtem Familiendrama SO VIELE JAHRE LIEBE ICH DICH (Il y a longtemps que je t’aime) die Hauptrolle, für die sie eine Golden Globe, César- und BAFTA-Nominierung erhielt. In „Die Möwe“ gab sie ihr überall gefeiertes Broadway-Debüt. Variety nannte sie „faszinierend“ und die New York Times „herausragend“. Während des Gastspiels in London mit dem Stück gewann sie den Olivier Award als Beste Darstellerin.

Im Kino war Scott Thomas außerdem in Catherine Corsinis DIE AFFÄRE (Partir, 2009) und SARAHS SCHLÜSSEL (Elle s’appelait Sarah, 2010) zu sehen und wurde für ihre intensiven Darstellungen jeweils für den César nominiert. Im Anschluss drehte sie mit Alain Corneau das Fernsehspiel „Liebe und Intrigen“ („Crime d’amour“, 2010). Im gleichen Jahr spielte sie in Sam Taylor-Woods Regiedebüt NOWHERE BOY mit, welcher von den Teenagerjahren von John Lennon handelte. Für ihre Darstellung wurde sie in der Kategorie Beste Nebenrolle für den British Academy of Film and Television Arts Award sowie für den British Film Independent Award nominiert.

Zuletzt konnte man die vielseitige Aktrice gleich in mehreren Spielfilmen gleichzeitig bewundern: Neben LACHSFISCHEN IM JEMEN (Salmon Fishing in the Yemen, 2011) mit Ewan McGregor auch an der Seite von Robert Pattinson in BEL AMI (Bel Ami, 2011), dazu in Pawel Pawlikowskis DIE GEHEIMNISVOLLE FREMDE (La femme du Veme, 2011) sowie in Lola Doillons CONTRE TOI (2010) und Pascal Bonitzers CHERCHEZ HORTENSE (2012). Abgedreht ist THE INVISIBLE WOMAN (2013) von und mit Ralph Fiennes sowie Nicolas Winding Refns ONLY GOD FORGIVES (2013) mit Ryan Gosling.

Filmografie (Auswahl)

1986 UNDER THE CHERRYMOON – UNTER DEM KIRSCHMOND (Under the Cherrymoon), Regie: Prince

1988 EINE HANDVOLL STAUB (A Handful of Dust), Regie: Charles Sturridge

1989 DAS GEHEIME LEBEN DES IAN FLEMING – SPYMAKER (Spymaker – The Secret Life of Ian Fleming), Regie: Ferdinand Fairfax

DER PREIS DER FREIHEIT (Force majeure), Regie: Pierre Jolivet

1992 BITTER MOON, Regie: Roman Polanski

1993 VIER HOCHZEITEN UND EIN TODESFALL (Four Weddings and a Funeral), Regie: Mike Newell

1995 CONFESSIONNAL (Le confessionnal), Regie: Robert Lepage

RICHARD III., Regie: Richard Loncraine

1996 DER ENGLISCHE PATIENT (The English Patient, Regie: Anthony Minghella

MISSION: IMPOSSIBLE, Regie: Brian de Palmas

1998 DER PFERDEFLÜSTERER (The Horse Whisperer), Regie: Robert Redford

1999 BEGEGNUNG DES SCHICKSALS (Random Hearts), Regie: Sidney Pollack

2001 GOSFORD PARK, Regie: Robert Altman

DAS HAUS AM MEER (Life as a House), Regie: Irwin Winkler

2004 ARSÈNE LUPIN, Regie: Jean-Paul Salomé

MAN TO MAN, Regie: Régis Wargnier

2008 SO VIELE JAHRE LIEBE ICH DICH (Il y a longtemps que je t’aime), Regie: Philippe Claudel

2009 DIE AFFÄRE (Partir), Regie: Catherine Corsini

NOWHERE BOY, Regie: Sam Taylor-Wood

2010 SARAHS SCHLÜSSEL (Elle s’appelait Sarah), Regie: Gilles Paquet-Brenner

2011 LACHSFISCHEN IM JEMEN (Salmon Fishing in the Yemen), Regie: Lasse Hallström

BEL AMI, Regie: Declan Donnellan, Nick Ormerod

2012 IN IHREM HAUS (Dans la maison), Regie: François Ozon

Während der Dreharbeiten: Fabrice Luchini, Emmanuelle Seigner, Fraçois Ozon und Ernst Umhauer (v.l.). © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Interview mit Ernst Umhauer

Haben Sie sich vom Drehbuch direkt angesprochen gefühlt?

Ich war verblüfft von den Gemeinsamkeiten zwischen Claude und mir selbst. In seinem Alter war ich nicht der „Junge in der letzten Reihe“, ich war der Junge in der vorletzten Reihe! Wie Claude habe ich ziemlich gut geschrieben, das war aber auch das Einzige. Natürlich sind Claude und ich auch sehr verschieden. Wir haben nicht den gleichen Background, sind nicht am gleichen Ort geboren, haben nicht die gleichen Erwartungen. Ich würde mich nie in das Haus anderer Leute schleichen, um ihr Leben zu ruinieren. Aber es war nervtötend, mich in meiner ersten Hauptrolle zurückversetzt zu fühlen in die Teeniezeiten, zurück in der Schule, einen Ort, den ich so schnell wie möglich verlassen wollte.

Wie würden Sie Claude beschreiben?

Claude ist der Junge in der letzten Reihe, der alles sieht, alles hört, eine wilde Vorstellungskraft besitzt und bereit ist, alles zu tun, um seine jungen Schriftstellerphantasien zu beflügeln. Um Schreiben zu können, muss er in der Realität Dinge geschehen lassen. Das führt zu komischen Situationen. Er verwechselt sein Schreiben mit der Realität und nutzt alles, was ihm in die Quere kommt, für seine Zwecke. Er kann kratzbürstig und ätzend sein, weil er nicht geliebt wurde, und sein Mangel an Weltgewandtheit bringt ihn in Schwierigkeiten. Er kennt keine Distanz, es dauert eine Weile, bis er erkennt, dass seine Worte verletzen und Schaden anrichten können. Er ist schlau, aber sich seiner Verantwortung nicht bewusst.

Claude ist sowohl unschuldig auf der einen als auch manipulativ auf der anderen Seite, beides ist beängstigend und bewegend. Wie haben Sie sich einer solchen Figur genähert?

Ich habe im Vorfeld viel über ihn nachgedacht, aber als wir dann gedreht haben, fielen all meine Überlegungen von mir ab und ich habe meiner Intuition vertraut. Als Schauspieler muss ich vor allen Dingen Emotionen sichtbar machen können. Claude ist sowohl Machiavelli als auch unschuldig. Er macht ein paar zwielichtige Dinge, aber ich glaube, das meiste aus einer altersbedingten Ungeschicklichkeit heraus.

Wie haben Sie die Arbeit mit François Ozon erlebt?

François hat mich schnell durchschaut und wusste, mit welchen Worten er das Optimum zur rechten Zeit aus mir herausholen konnte. Wir haben nicht viel über die Figur geredet, aber wir haben geprobt, an der Choreographie der Szenen gearbeitet und es irgendwie geschafft, auf die gleiche Wellenlänge zu kommen, manchmal nur durch einen Blickwechsel. Es ist nicht leicht, das in Worte zu fassen und mir fehlt die Vergleichsmöglichkeit mit anderen Regisseuren. Aber eins kann ich sagen, das Tempo des Drehs war sehr schnell.

Haben Sie anders gespielt, je nachdem ob sich Claude in der Realität oder in der Fiktion bewegt hat?

François wollte, dass die geschriebenen Szenen genauso realistisch wirken wie die realen, so dass alles ineinander übergehen würde – Traum und Imagination als integrierter Teil des realen Lebens. Aber Claude ist zweifellos etwas frecher und extrovertiert in den literarischen Sequenzen. Das Bewusstsein, im fiktionalen Teil zu sein, ließ mich kreativer und freier agieren, nicht ganz so wie sonst.

Viele Ihrer Szenen haben ein Voiceover. Haben Sie auf Anhieb den richtigen Ton getroffen?

François war immer an meiner Seite und hat genau auf jeden Satz gehört. Wenn etwas nicht stimmte, sagte er: sinnlicher, oder neutraler. Ich hatte die Tendenz, manches ins Ironische zu ziehen, aber François warnte mich: „Der Text ist ironisch genug, du musst nicht mehr hinzufügen.“ Das war eine interessante Erfahrung, zu versuchen, das Geschriebene zu spielen, wenn die Worte an sich schon genug waren. Ein Beispiel: „Ein Geruch weckte meine Aufmerksamkeit. Der spezielle Duft einer Frau der Mittelklasse.“ Vieles über Claude verstehen wir nur durch diesen einen Satz.

Wir haben eine erste Aufnahme des Voiceover vor den Dreharbeiten gemacht, damit François das Timing der Szenen kannte. Nach dem Dreh haben wir noch mal aufgenommen, um technische Probleme auszugleichen und Modifikationen des Textes vorzunehmen. Beim zweiten Mal war es einfacher, weil ich den Dreh im Kopf hatte. Während des Schnitts habe ich viel Voiceover zu Hause in Cherbourg aufgenommen und sie per e-mail zu François geschickt.

Ist es nicht schwierig, sich selbst aufzunehmen, alleine, abgeschnitten von der Stimmung am Set?

Nein, das kenne ich schon. Mein Vater hat mir früh beigebracht, laut vorzulesen, einen Satz zu betonen, meine Stimme zu akzentuieren. Ich wollte immer Schauspieler werden. Ich habe sehr gern laut gelesen und dabei geübt den richtigen Ton zu treffen, um meine Freunde zum Lachen zu bringen.

Was sucht Claude in dieser „perfekten“ Familie?

Das, was er nicht hat. Ein Familienleben, eine Vater-Sohn-Beziehung (sein eigener Vater ist ein Alkoholiker im Rollstuhl), die Liebe einer Mutter. Dabei entdeckt er, jenseits der Mutterliebe, die Liebe zu einer Frau, Esther. Dank ihr fasst er seine neuen Gefühle in Worte, denn er versucht, zu verstehen, wie sein Leben wohl wäre, wenn er in diese Familie hineingeboren worden wäre. Und er stellt fest, dass er gar nicht so übel dran ist, denn Raphas Familie ist ziemlich seltsam! Ihr Zusammenhalt untereinander ist stark, aber sie haben auch eine lächerliche Seite und er macht sich über sie lustig.

Das Haus steht für Normalität, sowohl in der Familie wie auch in der Gesellschaft. Wenn es sich für Claude schließt, ist das, als würde ihn auch eine höhere soziale Klasse ausschließen.

Claude ist sich am Anfang sehr wohl der sozialen Dimension bewusst, aber dieser Aspekt gerät bald in den Hintergrund. Was er vor allem sieht in dieser Familie, ist ihre Liebe. Die einzige Person, der er wirklich nahe bleibt, gehört einer höheren sozialen Schicht an als die Familie: sein Lehrer Germain.

Das Schüler-Lehrer-Verhältnis zwischen Germain und Claude ist sehr stark.

Beide sind zwei totale Gegensätze, die zusammenfinden, um eine fiktionale Geschichte zu schaffen. Ihre Verbindung ist irgendwie angespannt am Anfang. Dass sie nicht gleich richtig harmonieren, liegt auch daran, dass Claude mehr nach einer Familie sucht als nach einen Mentor und einer Vaterfigur, wie sie sein Lehrer ist.

Germain ist eine Vater-Figur für Claude, aber auch Claude bringt ihm das eine oder andere bei.

Ja, wir alle sind ewige Schüler. Am Ende, wenn Germain, vollgepumpt mit Medikamenten, in einer schwächeren Position ist, übernimmt Claude die Rolle des Sohnes. Er besucht ihn, tröstet ihn, bietet seine Hilfe an. In einer wirklichen Vater-Sohn-Beziehung ist diese Art des Gebens und Nehmens üblich.

Wie haben Sie das Zusammentreffen mit Fabrice Luchini erlebt?

Mit 16, im Alter von Claude, habe ich ihn Céline lesen sehen am Theater. Ich wollte schon immer Schauspieler werden, und Fabrice auf der Bühne zu sehen hat meinen Wunsch bestärkt. Ich habe mir gewünscht, ihn zu treffen, ohne wirklich daran zu glauben.

Wie haben Sie sich auf Ihre erste große Rolle an der Seite eines so erfahrenen Schauspielers wie ihn vorbereitet?

Ich habe ihm zugehört! Und zwischen den Takes Kopfhörer getragen, um mich zu konzentrieren. Fabrice ist so gut wie immer auf der Bühne. Das ist eindrucksvoll, du willst mitmachen, aber das ist einfach nicht möglich. Wir hatten nicht viel Gelegenheit zum Reden vor Drehbeginn, aber am Set waren wir ganz schnell auf einer Wellenlänge. Es hilft, mit einem Schauspieler wie ihm anzufangen. Er steckt so viel Energie in sein Spiel, dass du das Gefühl hast, das machst du besser auch und hängst dich ebenso rein, wenn du auf seinem Level agieren willst.

Wir beide hatten hauptsächlich Szenen in der Schule, in Korridoren, wo es hallt, mit vielen Komparsen. Das Umfeld war unpersönlich. Außerdem spielte er meinen Lehrer, wir mussten eine gewisse Distanz aufrechterhalten, auch wenn unsere Figuren mit der Zeit gegenseitiges Vertrauen entwickeln. Als Schauspiel-Neuling hatte ich fast dieselbe Beziehung zu Fabrice wie Claude zu Germain.

Und mit den anderen Schauspielern?

Mit den anderen haben wir im Studio gedreht, Szenen im Haus. Wir hatten mehr Zeit zum Reden, es war eine sehr freundliche Atmosphäre, wir haben viel gelacht. Emmanuelle Seigner hat mich gleich unter ihre Fittiche genommen. Sie hat auch als Sängerin Karriere gemacht und wir sprachen mehr über Musik als über Film. Wir sind uns ähnlich, sogar physisch. Denis Ménochet war wie ein großer Bruder für mich, und zwischen Bastien und mir bestand bei den Dreharbeiten das gleiche Einverständnis wie bei den Testscreenings.

Wie hat sich Claude am Ende des Films verändert?

Gestärkt durch die Aufmerksamkeit, die Germain ihm entgegen bringt, konnte Claude seine dunkle Seite, seine Animosität, seine Furcht vor anderen mehr und mehr abstreifen. Er hat erfahren, dass sein Lehrer auch ein Schriftsteller ist. Das ist etwas, was sie teilen, aber Germain hat nicht so viel Glück gehabt: Er hatte nie diese Art Lehrer, die er für Claude ist.

Ernst Umhauer (Claude)

Ernst Umhauer kam 1989 in Cherbourg zur Welt, sein Vater ist Fotograf. In seiner Heimatstadt besuchte er Theaterkurse und spielte seit 2009 in kleinen Fernsehrollen, ehe er die Hauptrolle in dem Kurzfilm „Le cri“ übernahm. Als junger Novize war er anschließend an der Seite von Vincent Cassel in DER MÖNCH (Le moine) zu sehen. Die Rolle des Claude ist seine erste große Kinorolle, für die er gleich eine Nominierung für den César als männlicher Nachwuchsschauspieler erhielt.

Filmografie

2009 „Les corbeaux“, Regie: Régis Musset

2011 „Le cri“, Regie: Raphael Mathié

DER MÖNCH (Le moine), Regie: Dominik Moll

2012 IN IHREM HAUS (Dans la maison), Regie: François Ozon

Realität oder Traum? Claude im Ehebett mit Esther (Emmanuelle Seigner) und Rapha Artole (Denis Ménochet). © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Interview mit Emmanuelle Seigner

Wie haben Sie François Ozon kennen gelernt?

Wir haben uns schon lange vor diesem Film zum ersten Mal getroffen, 2007, für ein Projekt mit einer Schauspielerin im Rahmen von UNTER DEM SAND (Sous le sable). Es ging um eine Frau, die sich in den Freund ihres Sohnes verliebt, ein Charakter, der Ähnlichkeiten mit Esther hat, aber in einem dramatischeren Kontext. Ich liebe François’ Filme. Ich wollte unbedingt mit ihm arbeiten und war damals sehr enttäuscht, als der Film nicht zustande kam.

Wie war Ihr erster Eindruck bei der Lektüre des Drehbuchs?

Ich mochte es sehr. Ich fand die Rolle von Esther amüsant. Im Drehbuch war sie schwer zu fassen, mysteriös, fließend. Man konnte viel draus machen.

Waren Sie selbst auch an der Entwicklung der Figur beteiligt?

Ich entwickle nie den Charakter einer Figur, ich tue, was man mir sagt. Ich bin keine Schauspielerin, die ihre Rollen untersucht. Das sollte ich vielleicht nicht sagen, aber es stimmt. Ich lasse den Regisseur entscheiden, warte, was er will. Er hat den Final Cut – also kann ich ihm auch gleich geben, was er will. Ein Schauspieler ist da, um dem Regisseur zu dienen. Das ist allerdings etwas, was mir oft nicht gefällt an meinem Beruf. Deshalb singe ich auch. Singen erlaubt mir, mehr mit mir im reinen zu sein.

Was hat François Ozon von Ihnen erwartet?

Dass ich das Kleid trage, das er ausgesucht hat, mein Haar so frisiere, wie er wollte, meine Dialoge sage… Der Job eines Schauspielers ist viel leichter, als die meisten denken. Als ich jünger war, versuchte ich, gut zu sein. Jetzt, mit mehr Erfahrung und Selbstbewusstsein, glaube ich, je weniger ich das versuche, desto besser bin ich.

Esther ist eine Rolle, die eher nicht Ihrem sonstigen Rollentyp entspricht.

Richtig, ich bin wirklich nicht Esther, sie ist völlig passiv. Es macht Spaß, jemanden zu spielen, der so anders ist als man selbst. Neben dem Hausdrachen, den ich in Yvan Attals HAPPY END MIT HINDERNISSEN (Ils se marièrent et eurent beaucoup d’enfants) spielte, ist Esther eine der Rollen, die mir in meiner Karriere am meisten Spaß gemacht haben.

Sie sind überzeugend als Mittelklasse-Hausfrau, und schaffen es dennoch, sexy zu sein.

Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich habe mich überhaupt nicht sexy gefunden. Am Ende improvisiere ich ein bisschen, aber als ich den Film gesehen habe, war ich schockiert, ich habe mich selbst nicht wiedererkannt. Aber das ist ok. Dein Image zu kontrollieren ist kontraproduktiv in unserem Job als Schauspieler. Wir sind keine Models!

Wie sehen Sie Esther?

Ester ist eine nette Frau. Sie ist liebenswert, ein bisschen altmodisch, wie eine Hausfrau aus den 50ern oder 60ern. Sie geht völlig in ihrer Familie und ihrem kleinen Haus auf. Sie würde gern als Innenarchitektin arbeiten, aber ihr fehlt der Ehrgeiz. Sie ist eine der Mittelklasse-Hausfrauen, wie man sie seit der Emanzipation der Frauen kaum noch kennt. Anders als in amerikanischen TV-Serien wie „Desperate Housewives“ etwa.

Ist Esther glücklich oder ist sie die am meisten gelangweilte Frau der Welt?

Ein bisschen von beidem. Sie ist definitiv gelangweilt, aber sie hat einen Ehemann und einen Sohn, und am Ende des Films erfahren wir, dass sie ein weiteres Kind haben wird. Viele Frauen, die für ihre Karriere alles aufgeben, träumen davon, eine Familie wie Esther zu haben. Idealerweise hat Frau beides, aber nicht jeder ist in dieser glücklichen Situation. Wenn ich zwischen meiner Arbeit und meiner Familie wählen müsste, würde ich auch meine Familie wählen.

Können Sie verstehen, warum Claude so fasziniert ist von Raphas Familie und besonders von Esther?

Ja, Kinder wollen kein kompliziertes Leben, sie wollen so sein wie alle anderen. Sie sehnen sich nach versichernden Rollenmodellen: ein Vater, der zur Arbeit geht, eine Mutter, die zu Hause Plätzchen backt. Diese Normalität zieht Claude an. Esther ist süß und gibt ein sicheres Gefühl. Wir können leicht verstehen, warum Claude sie begehrt. Und sie wird weniger fad, wird interessanter durch seinen verliebten Blick.

Was zieht Esther zu Claude hin?

Fühlt sie sich wirklich zu Claude hingezogen? Findet dieser Kuss in der Küche wirklich statt? Könnte es sein, dass Claude ihn sich vorgestellt hat? Spielt François mit unser Fantasie?

Wie waren die Dreharbeiten?

Sehr angenehm. François’ Art zu arbeiten entspricht mir total. Er ist schnell, fröhlich, talentiert, witzig. Er verbreitet keine schlechte Stimmung am Set, was gut ist, denn meine masochistischen Seiten sind unterentwickelt. Ich glaube, das Leben ist zu wichtig, zu kurz und manchmal zu schmerzhaft, um im Job zu leiden. Ich habe einen tollen Beruf, also kann ich ihn auch genießen. Ich gehe die Schauspielerei ruhig an, ohne Angst. Was nicht bedeutet, dass ich mich nicht voll einbringe in das, was ich tue.

Wie hat Ihnen das Zusammenspiel mit Denis Ménochet gefallen?

Er ist ein wirklich netter Kerl. Wie ich empfindet er Schauspielen als Freude, also haben wir beide die Arbeit miteinander genossen. Und Ernst Umhauer wusste genau, was er tat, trotz seines jugendlichen Alters und seiner begrenzten Erfahrung. Er ist perfekt in dieser Rolle.

Emmanuelle Seigner (Esther)

Emmanuelle Seigner wurde 1966 in Paris in eine Künstlerfamilie hineingeboren. Ihr Großvater war der Theater- und Filmschauspieler Louis Seigner (1903–1991), ein Doyen der Comédie-Française. Ihr Vater war Fotograf, ihre Mutter Journalistin. Mit vierzehn Jahren begann sie als Model zu arbeiten, sie brachte es bis auf die Titelseiten verschiedener internationaler Hochglanzmagazine. Ihre Filmkarriere begann, als Jean-Luc Godard 1985 ihre geheimnisvolle Schönheit und Ausstrahlung fürs Kino entdeckte und ihr eine kleine Rolle in DETECTIVE an der Seite von Johnny Hallyday and Nathalie Baye gab. Ein Jahr später wurde Seigner als Zanon in Pierre Granier-Deferres COURSE PRIVE (1986) besetzt. Dann traf sie Roman Polanski und hatte ihren großen Durchbruch in seinem Thriller FRANTIC (1988) an der Seite von Harrison Ford. Vier Jahre später spielte sie die Hauptrolle in Polanskis BITTER MOON (1992) neben Hugh Grant und Kristin Scott Thomas. Es folgte DIE NEUN PFORTEN (The Ninth Gate, 1998) mit Johnny Depp, LA VIE EN ROSE (La Môme, 2007) und AFFÄREN A LA CARTE (Le code a changé, 2009). Neben der Schauspielerei singt Emmanuelle Seigner. 2007 erschien ihre erste LP als Sängerin mit dem Bandprojekt „Ultra Orange & Emmanuelle“. Julian Schnabel wählte daraus ein Lied für den Filmsoundtrack von SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE (Le scaphandre et la papillon, 2007) aus, in dem Emmanuelle auch mitspielte. Demnächst ist sie in VENUS IM PELZ, der Neuverfilmung von Sacher-Masochs erotischer Novelle aus dem Jahr 1870 unter der Regie von Roman Polanski zu sehen. Mit dem Regisseur ist Seigner seit 1989 verheiratet und hat mit ihm die Kinder Morgane (*1993) und Elvis (*1998).

Filmografie (Auswahl)

1985 DETECTIVE, Regie: Jean-Luc Godard

1986 ERPRESST – DAS GEHEIMNISVOLLE FOTO (Course privé), Regie: Pierre Granier-Deferre

1988 FRANTIC, Regie: Roman Polanski

1992 BITTER MOON, Regie: Roman Polanski

1994 DAS LÄCHELN (Le sourire), Regie: Claude Miller

1997 DIE JAGD NACH DEM TANZENDEN GOTT (La divine poursuite), Regie: Michel Deville

NIRVANA – DIE ZUKUNFT IST EIN SPIEL (Nirvana), Regie: Gabriele Salvatores

1998 PLACE VENDOME, Regie: Nicole Garcia

1999 DIE NEUN PFORTEN (The Ninth Gate), Regie: Roman Polanski

2003 ZU SCHÖN ZUM STERBEN (Corps à corps), Regie: Francois Hanss

2004 HAPPY END MIT HINDERNISSEN (Ils se marièrent et eurent beaucoup d’enfants), Regie: Yvan Attal

2007 SCHMETTERLING UND TAUCHERGLOCKE (Le scaphandre et la papillon), Regie: Julian Schnabel

LA VIE EN ROSE (La Môme), Regie: Olivier Dahan

FOUR LAST SONGS, Regie: Francesca Joseph

2009 AFFÄREN A LA CARTE (Le code a changé), Regie: Danièle Thompson

GIALLO, Regie: Dario Argento

2010 ESSENTIAL KILLING, Regie: Jerzy Skolimowski

2012 IN IHREM HAUS (Dans la maison), Regie: François Ozon

QUELQUES HEURES DE PRINTEMPS, Regie: Stéphane Brizé

L’HOMME QUI RIT, Regie: Jean-Pierre Améris

Jeanne (Kristin Scott Thomas) beginnt sich von Germain (Fabrice Luchini) zu entfernen. © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

In Ihrem Haus

Kinostart: 29. November 2012

Mit Fabrice Luchini, Ernst Umhauer, Kristin Scott Thomas Emmanuelle Seigner, Denis Ménochet, Bastien Ughetto

von François Ozon

Produktion Eric und Nicolas Altmayer

Im Verleih von CONCORDE FILMVERLEIH

Frankreich / Farbe / 1 :1,85 / Dolby SR/SRD / 105 Min.

www.inihremhaus-derfilm.de

www.facebook.com/InIhremHaus

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