Zincum Metallicum D12: Gegen Angst vor Dunkelheit und Gespenstern

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Kaum durch nennenswerte Sach- und Fachkenntnis getrübt ist das Wirken von Barbara Steffens, Gesundheitsministerin in Nordrhein-Westfalen. Nachdem sie sich bereits in Sachen Raucher, Nichtraucher und E-Zigarette durch Ahnungslosigkeit und Beratungsresistenz  über ihr Bundesland hinaus einen Namen machte, verriet sie nun durch einen weiteren gesundheitspolitischen Vorstoß, dass man selbst schwer neben der Spur ein Regierungsamt ausüben kann, Hauptsache, man ist in der richtigen Partei.

Frau Steffens fordert Studiengänge für Homöopathie, und bezahlt werden soll die Einrichtung entsprechender Lerhstühle natürlich vom Steuerzahler. Die Ministerin sieht sich als Vorreiterin auf diesem Gebiet, denn sie ist von der Homöopathie “selber persönlich überzeugt”. woraus sie folgert, dass die Kostenträger überzeugt werden müssen, dass der richtige Weg bei der Behandlung von Patienten in vielen, vielen Fällen erst einmal darin liege, homöopathische Maßnahmen zu ergreifen.

Mancher Kostenträger, also manche Krankenkasse, muss da gar nicht erst überzeugt werden, sie werben damit, dass sie auch das Verabreichen homöopathischer Präparate erstatten würden, so eine Reihe von BKKs oder auch die Techniker Krankenkasse.

Und so sagt sich der kleine kranke Mann auf der Straße: “Wenn schon eine Ministerin dafür eintritt und es Kassen gibt, die die Behandlung zahlen, dann muss ja an der Homöopathie etwas dran sein.” Wie gefährlich aber die Lehre von den weißen Kügelchen in Wirklichkeit ist wissen nur  wenige, außer denen, die sich objektiv und ohne esoterischen und ideologischen geistigen Überbau mit der Heilkunde des Samuel Hahnemann beschäftigt haben.

Als Hahnemann vor mehr als 200 Jahren diese Behandlungsmethode entwickelte tat er das nicht ohne Grund und Sinn. Die ärztliche Kunst zu dieser Zeit bestand meist aus Radikalkuren, die den Kranken den Rest gaben. Beliebt war der Aderlass, also der Verlust von großen Mengen Blut, da die Quacksalber jener Zeit glaubten, mit dem Blut auch die Krankheitsursachen aus dem Körper fließen zu lassen. Wer ohnehin schon geschwächt war, überlebte den Aderlass fast nie, was die Ärzte aber nicht davon abhielt, weiter so vorzugehen. Hahnemann erkannte das Fatale dieser und weiterer brachialer Kuren und suchte nach einem Weg, den Patienten weniger gravierende Eingriffe zu verpassen, bei denen die Lebenschance erheblich höher lag.

Hahnemann entwickelte eine Medizin, deren Präparate so gut wie gar keine (oder tatsächlich gar keine) Wirkstoffe enthielten. Dies hatte zur Folge, dass weitaus mehr Menschen zumindest die Chance gegeben wurde, durch ihre Selbstheilungskräfte wieder gesund zu werden. Hahnemanns Präparate waren nichts als Placebos, aber die Wirksamkeit dieser keinerlei Wirkstoff enthaltenden Mittel ist durchaus bekannt. Wer nur fest genug daran glaubte, dass ihm ein Präparat helfen würde, der konnte oft tatsächlich alleine durch die Kraft seines Glaubens gesunden. Und kann es noch, wie viele wissenschaftliche Studien belegen. Alleine zu glauben, dass im Schmerzmittel etwas helfendes enthalten ist, kann die Beschwerden bereits verschwinden lassen.

Die Homöopathie gibt es bis heute, und bis heute gibt es nicht einen wissenschaftlichen Beweis für ihre Wirksamkeit. Im Gegenteil, zentrale Teile der Homöopathie widersprechen jeglichen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. So nimmt es nicht Wunder, dass der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg die Homöopathie 1992 im Rahmen der „Marburger Erklärung zur Homöopathie“ als “Irrlehre” verwarf. Marburg steht nicht alleine: In mehr als 100 wissenschaftlichen Studien konnte kein belastbarer Nachweis für eine Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel erbracht werden, die über den Placebo-Effekt hinausgeht.

Zu den zentralen Ritualen der Homöopathen gehört die Zubereitung der Präparate nach dem Prinzip der Potenzierung. Dabei wird ein Stoff, dem eine heilsame Wirkung zugeschrieben wird, in zahlreichen Schritten immer stärker verdünnt und gleichzeitig “dynamisiert”. Heraus kommen Tinkturen oder Pillen, die bei entsprechender Verdünnung nicht ein einziges Molekül des Ausgangsstoffes mehr enthalten. Und trotzdem sollen sie noch wirken, weil das Wasser, in dem die Verdünnung stattfindet, ein Gedächtnis habe…

Was diese Potenzierung bedeutet kann man anhand eines Beispiels verdeutlichen: eine (im homöopathischen Alltag eher niedrige) Potenz ist D24. Die Verdünnung bei dieser Pontenz ist 1:1024. Dies entspricht etwa einem Tropfen des unverdünnten Ausgangsstoffes (Urtinktur) im Volumen des Atlantiks. Hahnemann und seine Nachfolger arbeiten sogar mit Verdünnungen von 1:1060, Lieferbar sind D- Verdünnungen von 1:101.000..

“Wer Homöopathie für möglich hält, muss alles für möglich halten, muss ebenso an Voodoopuppen glauben.”
So die Wissenschaftsjournalisten Christian Weymayr und Nicole Heißmann in ihrem jetzt erschienenen Buch Die Homöopathielüge, in dem sie sich der Lehre von den weißen Kügelchen angenommen haben. Einer mächtigen Lobby treten sie damit entgegen, denn mit der Homöopathie lässt sich bei den Herstellern der Präparate und den Heilern tüchtig Geld verdienen. Hinzu kommen die Apotheker und auch manche Ärzte, die auf den Zug aufspringen und neben eher rationalen Behandlungsmethoden auch die Homöopathie ins Programm aufgenommen haben. Unterstützt wird dieses Geschäft durch vielerlei umherwabernde esoterische Lehren, durch einen fragwürdigen Journalismus und nicht zuletzt durch die Politik, wie sie von Barbara Steffens und anderen Laien vertreten wird.

Die Homöopathielüge nimmt sich die Hahmann’sche Lehre in allen Aspekten vor. Sie erklärt, was es mit der Theorie auf sich hat und welche Auswirkungen eine Behandlung mit nicht vorhandenen Stoffen hat. Sie erklärt, wieso die Homöopathie trotz (oder besser: wegen) ihrer Wirkungslosigkeit so gefährlich sein kann. Sie erklärt, wieso es Patienten gibt, die durchaus glaubhaft versichern, dass ihnen die Behandlung mit Mercurius solubilis, Muriaticum acidum oder Belladonna geholfen habe. Sie geht auf das Phänomen ein, dass so viele Menschen an die Homöopathie glauben wollen. Sie deckt auf, welche Interessen hinter dem homöopathischen Wesen stecken und wer daran alles vortrefflich Geld verdient – oft genug zum Schaden von Patienten, bei denen eine effektive Behandlung zu spät gekommen ist, weil sie ihre Zeit mit wirkungslosen Zuckerkügelchen vertan haben. Sie bringt Beispiele für die Verknüpfungen zwischen Homöopathiegewerbe, Journalismus und Politik. Und sie bietet zuletzt eine kompakte Hilfestellung, mit der der nicht vom Glauben, sondern von der Ratio bestimmte Mensch den gängigsten Argumenten für die Wirksamkeit der Homöopathie begegnen kann. Was wohl jedem schon passiert ist, wenn er wieder einmal von einer Bekannten erzählt bekommt, wie gut doch die Pulsatilla Globuli geholfen hätten. Dabei ist diese Bekannte nur der wohl teuersten Süßigkeit der Welt auf den Leim gegangen, denn außer Milchzucker haben sie nichts zu sich genommen. Man rate ihr doch, 16,99 € für Weymayrs und Heißmanns Buch auszugeben – solange noch eine erkennbare Menge an Restverstand in der betreffenden Person vorhanden ist dürfte sie nach der Lektüre geheilt sein. Vom Glauben an Homöopathie.

awb

Christian Weymayr, Nicole Heißmann
Die Homöopathie-Lüge

So gefährlich ist die Lehre von den weißen Kügelchen
Erschienen: 09.10.12
336 Seiten
Klappenbroschur
€ 16,99 [D], € 17,50 [A], sFr 24,90
ISBN: 9783492055369

http://www.christian-weymayr.de/homoeopathie.html/

“Nehmen Sie Zincum metallicum D12, es soll beruhigen. Und es hilft auch bei Angst vor Dunkelheit und vor Gespenstern, bei Harnverlust beim Gehen, bei schlechtem Gewissen, bei Abneigung gegen Kalbfleisch und bei ständigem Jammern und ist geeignet für Menschen, die sich oft selbst befriedigen.”

 

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