Gedicht zeigen

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Von Wiglaf Droste

Am 18. April 2007 lasen Susanne Fischer, Fanny Müller, Fritz Eckenga, Harry Rowohlt und ich im Berliner TIPI zugunsten von „Gesicht zeigen!“ Der Abend hieß „Korrektur lesen“, was für Autoren ja immer eine gute Sache ist; Jörg Thadeusz führte durch den Abend, die Musik kam von Mark Scheibe und dem Jazz-Duo Yelena K. & Kristian Kowatsch. Karten gab es für zwanzig Tacken, die Künstler traten für umme auf, denn der Erlös sollte an den Verein „Gesicht zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland“ gehen, der sich „gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und für Demokratie und Gerechtigkeit engagiert“.

Kann man doch mal machen, zumal niemand im Verdacht stand, an Prominenzsteigerungskampagnen wie „Mein Freund ist Ausländer“ beteiligt gewesen zu sein, die ja insinuieren, man müsse mit jemandem befreundet sein, um etwas dagegen zu haben, dass er von deutschen Nazis totgeschlagen wird, weil er zivilisierter ist als sie und womöglich auch noch besseres Deutsch spricht.

Als der Kollege und Freund Ralf Sotscheck von der Geschichte hörte, schaute er mir auf den Bauch, strich sich dann über die eigene runde Pocke und fragte: „Wollen wir unsere nächste gemeinsame Lesereise nicht ‚Gewicht zeigen!’ nennen?“ Ich fand das eine prima Idee und schlug im Überschwang vor, man könne als Zugaben für ein ganz besonders erlebnishungriges Publikum sogar den Titel „Gemächt zeigen!“ anbieten. Wir verwarfen die Sache aber genauso wie den Angeberbegriff „Erlebnishunger“, gingen statt dessen lieber etwas essen und vergaßen den ganzen Quark.

Knapp sechs Jahre später, im Frühjahr 2013, sah ich Plakate von „Gesicht zeigen!“, die mich seltsam berührten. Unter einer Fotografie des Gesichts von Ulrich Wickert war zu lesen: „Ich bin Jude, wenn du was gegen Juden hast.“ Und der Regierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, einer der übelsten Böcke, die auf dieser Welt geschossen wurden, behauptete: „Ich bin Migrant, wenn du was gegen Migranten hast.“ Andere „Gesicht zeigen!“-Models gaben sich als Schwule aus, als Muslime oder Schwarze, es war die Ausstellung reiner Gratisgesinnung und wohlfeiler Schmiere.

Statt Gesicht, Gewicht oder Gemächt kann man aber auch Gedicht zeigen. Und damit jenen Mitmenschen, die immerzu „ein Zeichen setzen wollen“, sowohl an die Buchstaben des Alphabets und an die Zeichensetzung erinnern, an das Sprechen und Schreiben mit Punkt und Komma, das sich von Punk und Koma so wohltuend unterscheidet.

.. , –
fertig ist das Mondgedicht

reimte Robert Gernhardt. Und da ist das herrliche Semikolon noch gar nicht mit dabei!

So heißt es ab dem 18. Mai 2013 jeden Samstag bei www.jungewelt.de „Gedicht zeigen!“:

F.W. Bernstein (Worldwide Steglitz), Rayk Wieland (Tüschow, Leipzig, Shanghai) und ich (Berlin, Leipzig, Zürich) wechseln uns mit dem Dichter Fritz Eckenga (Dortmund, Wembley) ab, der als Anfangsläufer dieser Staffel antrat.

Und so ging das los:

Gedicht zeigen!

Von Fritz Eckenga

WIR DÜRFEN
nicht länger schweigen!
WIR WOLLEN
uns von überflüssigen Wörtern trennen!
WIR WERDEN
uns mutig zum Endreim bekennen!
WIR MÜSSEN
Gedicht zeigen!

Das Fragmentarische des Kotzflecks

Von Rayk Wieland

Das Fragmentarische des Kotzflecks,
Den ich auf dem Pflaster sah,
Auf dem Pflaster vor dem Eingang
Des Foyers der Bankfiliale
Friedrich-, Ecke Kronenstrasse
In Berlins geleckter Mitte,
Die gern noch geleckter wäre,
Kunst im öffentlichen Raum,
Eine Skizze zarter Hoffnung,
Topographische Chimäre,
Umriß unbekannten Landes,
Ach, ich wähnte im Vorbeigehn
Ein erbrochenes Atlantis,
Über seine Ränder tretend,
Eine andre Welt ist möglich,
Sie beginnt mit dieser wahren
Visionären unscheinbaren
Studie von der Revolte,
Die vollendet werden sollte.

Gedichtkontrolle

Von F.W. Bernstein

Sie wissen, wer ich bin?
Bin in der Zeitung drin!
Dieses Gedicht, das  handelt von mir!
Hier
komm ich vor – für Sie!
Als Pi-Pa-Poesie!

Und – wie bin ich gewesen?
Sie kennen mein Gedicht.
Sie haben es eben gelesen –
Vergessen Sie mich nicht!

Qual, ität und Journalismus

Von Wiglaf Droste

Lieber Leser, schenk dir Zeit,
lies deshalb niemals ‚Die Zeit’.

Hitler, stets mit Brief und Siegel?
Na, was ist das? Klar, der ‚Spiegel’.

Magst du Moral mit Möpsen gern? –
Greif besinnungslos zum ‚Stern’.

Wer macht Bayern blind, blöd, fett?
Zuverlässig die ‚SZ’.

Moralgestütztstrumpft ist die Hatz
in der ‚FAZ’ wie in der ‚taz’.

Machst du’s wie Biermann bloß für Geld
dann greif unbesorgt zur ‚Welt’.

Antithemismus ist der Beitrag
von Jakob Walser-Augsteins ‚Freitag’.

Hältst du den Menschen für ein Wild?
Na, knall ihn ab, da hilft dir ‚Bild’.

Was tut schon aus der Ferne weh?
Das Strohgedrescheblatt ‚ND’.

Gibt es denn nichts als nur noch Panik?
O doch, es gibt ja die ‚Titanic’!

Und wenn der Nazi zu laut bellt
zerfaltet ihn die ‚junge Welt’.

Doch wer sich nur um’s Gute schert
der liest ‚Häuptling Eigener Herd’.

Dann kam ein erster Gast dazu, der sich überhaupt nicht aufgedrängt hatte, sondern mir privat ein paar Verse schrieb, die ich aber unbedingt im Gedicht-Anzeiger gelesen sehen wollte:

Saumäßig schwäbisch

Von Friedrich Küppersbusch

Wirbeleber, Wirbelbache:
alles Schweine, klare Sache.

Und doch wünsch ich keine Beule
ihrem Kind, dem Wirbelsäule.

Und so ging es weiter:

Zugriff!

Von F.W. Bernstein

Staatsbesuch – der Griff in den Schritt
gehört nicht zur Zeremonie.
Wenn Hoher Gast die Szene betritt
vor der Militärkompanie

dann heftet man ihm einen Orden an,
dann folgt die Hymnenpflicht.

Greift man ihm dann in den Schritt!? O Mann!
Das tut man nicht!

Der Griff an die Eier des Gastes –
Skandal – nur sehr selten passt es.

(Soweit der Stand der Gedicht-Dinge bis zum 22. Juni 2013.)

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