Optimiert bis zur Sinnlosigkeit

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“Durch diese Schlafmessung habe ich zum Beispiel herausgefunden, dass ich wenn ich nachts zu wenig schlafe am nächsten Tag nicht so leistungsfähig bin.”

Ich staune häufig, wie souverän es der WDR schafft, unter allen Mitmenschen immer wieder diejenigen zu finden, die einen besonders großen Schatten am Sträußchen zu haben. Leider mit den falschen Konsequenzen. Denn der Sender sorgt nicht etwa dafür, dass die Gestörten freundlich und liebevoll in kompetente psychiatrische Behandlung geleitet werden. Nein, er lädt sie statt dessen ins Studio ein, wo sie vor einer millionenfachen Hörerschaft über ihren Wahn ablaichen können. Besonders beliebt (und wahrscheinlich am leichtesten zu finden) sind Leute, die “irgendwas mit Gesundheit” machen. Oder mit Esoterik. So erinnere ich mich gerne an eine Kölner Erzieherin, die überall Elfen und ähnliche Wesen sieht und darüber eine ganze Stunde lang berichten durfte, ohne dabei – zu aller Schutz und auch ihrem eigenen – vom Moderator ausgebremst zu werden. Auch heute früh gab es ein schönes Beispiel für butterweiches Moderatorentum. Es wurde ein Mensch als “einer der bekanntesten Protagonisten in der wachsenden Gemeinde der “Quantified Self”-Anhänger” vorgestellt. Diese “Gemeinde” besteht aus Leute, die mit nichts anderem beschäftigt sind, als sich selber zu beobachten.

Wie kommt man auf so etwas? Der Studiogast hatte ursprünglich einen nachvollziehbaren Grund – in Folge eines Schlaganfalls vor fünf Jahren musste er zwecks Genesung bestimmte Körperwerte überwachen. Blutdruck, das Gewicht, den Blutzuckergehalt. Das Messen allerdings wurde dann bald zur Sucht, und so lebt der bedauernswerte Mensch heute rund um die Uhr an Armbänder und Messgeräte angschlossen. Nicht, weil ihm das medizinisch geraten wurde, sondern aus freien Stücken (soweit wahnhafte Taten als “frei” bezeichnet werden können). Nun misst er Nacht für Nacht sein Schlafverhalten, die Zahl seiner täglichen Schritte (“Bei 7000 am Tag ist alles bestens”), er notiert jedes Ei, das er legt, überwacht sein Gewicht aufs Gramm. Doch damit längst nicht genug: Da es nicht für alle seine Messwünsche die passenden Apps gab, programmiert er selber welche. Die er dann verkauft. An andere Selbstoptimierer. Die dann, wenn sie vielleicht eines Tages mit zerbröselten Knochen im Krankenhaus liegen, weil sie beim Leistungsradfahren durch eine Fußgängerzone voller Energie gegen einen Laternenpfahl gedonnert sind (warum musste die App, die das Adrenalin beim Wegjagen von Passanten misst, sie auch gerade da ablenken?), viel Zeit haben, um noch einmal in ihrem Smartphone nachzuschlagen, um wieviel Uhr sie drei Jahre zuvor täglich aufs Klo gingen und wieviel Gramm und Milliliter sie damals ausschieden. In welchen Farben. Und Konsistenz. Als sie noch gehen konnten. Und nicht am Blasenkatheder hingen.

Ins Stocken kam der Redefluss des Studiogastes nur, als der Moderator einmal dezent nachfragte, wozu das denn alles gut sei. Sich stundenlang in Statistiken zu vertiefen, die von den Apps ausgeworfen werden. Eine Frage, die sich der Selbstoptimierer offenbar noch nicht wirklich ernsthaft gestellt hatte. Entsprechend diffus war die Antwort, doch immerhin weiß er jetzt, was ihm passiert, wenn er zu wenig Schlaf hat. Leider hakte der Moderator hier nicht mehr nach; es wäre so einfach gewesen, die Absurdität dieses übersteigerten Kontrollierens zu entlarven. Aber nein, wir sind beim Öffentlich Rechtlichen Konsens. Es würde ihn halt persönlich interessieren, und außerdem seien alle diese Messergebnisse doch sehr ungenau und würden nicht wirklich etwas Zuverlässiges aussagen, stotterte der Mann. Noch ein, zwei Nachfragen, und der Selbstoptimiererpapst hätte nackt da gestanden. So etwas aber tut man nicht mit Gästen; die dürfen ungehindert Zweifelhaftes bis Wirres propagieren.

Und so sitzen jetzt garantiert tausende von Hausfrauen vor dem Amazonangebot an Trackingarmbändern und lassen darüber fast ihren Tofu anbrennen, und die Branche freut sich über die öffentlich-rechtliche Unterstützung beim Verkauf ihres Elektronikmülls, der in Asien von Menschen unter Zuständen hergestellt wird, bei deren Leberwerten jedes Messgerät umgehend abrauchen würden. Aber das stört uns nicht weiter, hier in der Ersten Welt mit unseren Erste Welt Sorgen. Und hat China nicht sowieso viel zu viele Menschen?

Man fragt sich: wie um alles in der Welt hat es unsere Species bloß geschafft, sich bereits so lange auf diesem Planeten zu erhalten? Ohne Trackingarmbänder und Apps und Selbstoptimierung? Was muss der Schnitter den Menschen doch für eine Angst machen! Angst vor unserem Essen, vor unseren Blutfettwerten, vor unserem Cholesterinspiegel, vor unserer Sterblichkeit. Und diese Angst beflügelt. Also flattern wir wie aufgeschrecktes Federvieh in der Luft herum und nehmen uns die Flugkünste von Schwalben zum Vorbild. So wollen wir auch sein! Technik, hilf!

Warum können wir den Mythos von der menschlichen Unsterblichkeit nicht aufgeben? Immer wieder lassen wir uns auf die Versprechen der Ideologien, der Religionen, der Medizin und der Naturwissenschaften ein. Aber die Maxime dieses Mythos ist gefährlich, verheißt sie doch ihren Anhängern: Wir werden sein wie Gott, wenn wir die Unsterblichkeit erlangt haben. Und damit sind wir, so harmlos ein Trackingarmband oder eine schrittemessende App erscheinen mögen, auf einem mehr als verhängnisvollen Weg. Denn man muss nicht besonders phantasiebegabt sein, um sich vorzustellen, dass solche “Gadgets” zu tragen eines nicht allzu fernen Tages Pflicht sein wird. Und diejenigen, die es heute propagieren und “freiwillig”nutzen, sind die Vorreiter. Die sammeln und trennen zwar gerne den Müll und tun auch sonst viel Gutes, damit unsere Kinder später noch etwas vom Planeten haben. Dass deren Dasein von Rundumüberwachung bis in den letzten Nieser bestimmt sein wird, ist weniger schlimm als die Frage, warum die Anbaufläche für Rucola nicht drastisch vergrößert wird, man kann doch dafür ein paar Autobahnen still legen. Nein, es reicht noch nicht, bereits von Oben komplett überwacht und kategorisiert zu werden – wenn die NSA den Stuhlgang noch nicht misst, dann machen wir das eben selber. Und liefern per Smartphone unsere Daten freiwillig irgendwo ab, wo sie ziemlich sicher nicht hingehören. Zur Demo gegen NSA und Staatsüberwachung gehen und dabei per App seine Schritte messen – dagegen ist die Frau mit den Elfen geradezu ein Musterbeispiel für Verstand im Alltag.

Wohin das führen wird? Das lässt sich ohne große Fantasie voraussagen, denn es ist bereits mehrfach erprobt worden. Einen besonders radikalen Weg schlugen Naturwissenschaftler und Techniker der Sowjetunion nach 1917 ein. Sie versetzten sich in die Rolle göttlicher Designer und erschufen den “Neuen Menschen”, um für und mit diesem das Paradies auf Erden zu errichten. Welt und Mensch sollten radikal modernisiert und zuletzt unsterblich werden. Eine Fata Morgana, die auch heute in der Medizin, der Genetik und in Religionen, esoterischen Konstrukten und politischen Ideologien weiterwirkt.  Diese Fata Morgana, unsere Sehnsucht nach dem ewigen Leben – sowohl des Individuums, als auch unserer Species (wofür natürlich das unwerte Leben aussortiert werden muss) -, entstammt zwei Quellen, die beide nicht  vom Verstand, sondern von Angst und Größenwahn angetrieben werden. Keine wirklich guten Ratgeber.

awb

P.S. Der WDR hat heute einen Thementag über Perfektionswahn, vielleicht gibt es ja auch kritischere Beiträge als dieses Gespräch. Nachlesen und -hören kann man das alles hier.

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