Herr des Monats März 2015: Der Kotzbrocken.

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England, auch als der perfide Albion bekannt, kann schon lange auf eine bemerkenswerte Riege von Kotzbrocken verweisen; ja, man sollte fast annehmen, dass diese Nation das Mutterland aller Kotzbrocken ist. So wie sonst vielleicht nur noch Österreich. Und Frankreich. Und Holland. Ja, auch Italien. Deutschland ohnehin. Sagte da jemand USA? Geschenkt.

Unter den englischen Kotzbrocken gibt es allerdings deutliche inhaltliche Unterschiede – vielleicht eine Folge der dort immer noch aktiven Klassengesellschaft? Da gab und gibt es zum einen solche der Unterart Thatcher und Blair oder andererseits der Species Jimmy Saville und Gary Glitter, deren urbritische Leidenschaft inzwischen mehr fest als recht auf der Insel in pakistanischer Hand ist.

Und dann gibt es eine andere Sorte von Kotzbrocken, so wie Jeremy Clarkson. Der ist, oder besser: war Moderator der überaus erfolgreichen Automobilsendung Top Gear. “Überaus erfolgreich” heißt: nicht nur in den englischen Wohnstuben, sondern weltweit. Anders gesagt: eine britische Sendung mit einem überaus kotzbrockigen Moderator wird rund um den Globus geliebt. Was mag das nun über den Kotzbrockenanteil in der  weltweiten Bevölkerung aussagen? Bis zu 350 Millionen Zuschauer sehen sich Top Gear mit Freuden an; das dürften deutsche Serien wie Um Himmels Willen oder In aller Freundschaft wohl kaum hinbekommen. Sendungen, in denen die Kotzbrockendichte < 0 ist. Außer wenn Fritz Wepper einen solchen überzeugend spielt.

Dass ausgerechnet Clarkson das Gesicht von Top Gear ist und nicht seine etwas vorzeigbareren, eher kleinlauten Sidekicks Richard Hammond und James May, hat einen leicht zu durchschauenden Grund. Clarkson hat keine Vorurteile, er hasst alle gleichermaßen. Und so haut er deutsche Autos eben so gerne in die Pfanne wie das, was von der britischen Autoindustrie übrig geblieben ist. Oder Fahrzeuge aus asiatischen Ländern. Oder aus Österreich. Und Frankreich. Und Holland. Ja, auch Italien. Deutschland ohnehin. Sagte da jemand USA?

Ich gebe zu: anfangs hasste ich Clarkson auch. Dieses unproportionierte Riesenbaby, früher mit einer an Lächerlichkeit nur durch Glatzen zu toppenden Minipli bedeckt, ließ bei etlichen Gelegenheiten kaum ein gutes Haar am britischen Mini, der bis 2000 gebaut wurde. Und wer sich despektierlich über den BL Mini äußert, kann mein Freund nicht sein. Allerdings wusste ich da noch nicht, dass man Clarkson nur begrenzt ernst nehmen darf (falls überhaupt). Und spätestens, seitdem man für Top Gear mit einem 20 Jahre alten Mini (dem man zusätzlich einen Raketenantrieb spendiert hatte) eine Skisprungschanze hinunterraste, kann man dem TG Team Vorurteile gegen dieses genialste aller Autos nicht mehr unterstellen. Denn der kleine Engländer, mit 20 Jahren auf den Achsen naturgemäß nur noch ein seit 15 Jahren von Lack mühsam zusammen gehaltener Rostklumpen, kam nicht nur an einem Stück unten an. er blieb auch bis zum Stillstand intakt.

Top Gear gibt es seit Ende der 1970er Jahre. Dieses ursprünglich staubtrockene Automagazin stand in der bräsigen Tradition eines ZDF-Sportspiegels oder gar des 7. Sinns. Als dann Anfang der 1990er Jahre der Sendung eine Entrostung, Neuverzinkung und -lackierung gespendet wurde, war plötzlich Clarkson mit dabei. Eine Galionsfigur, die so gar nichts mit der distinguierten Emily auf den RR Motorhauben gemeinsam hatte. Und auch nicht mit der Katze bei Jaguar. Wenn Katze, dann eher ein von allen Wassern verschonter Straßenkater, vor dem selbst die Doggen reißaus nehmen.

Als Clarkson 1999 Top Gear verließ, sank die Zuschauerschaft in Niederungen, wie sie zahlenmäßig nur Liebhaber von Opelautos vorweisen können. 2002 ging es unter anderen Vorzeichen mit TG weiter, und Clarkson mauserte sich darin zu einem Vorreiter der political incorrectness, so dass das eigentliche Thema Auto (für einen unbeträchtlichen Kreis von Menschen ohnehin schon ein Rotes Tuch) in der Sendung an Bedeutung verlor. Was in Bezug auf eine Autosendung mit einer solchen Beliebtheit ein interessantes Faktum darstellt. Autos nur Beiwerk? Das kennt man sonst nur von Magazinen wie dem Playboy, in dem der Leser, den guten Reportagen und Texten zuliebe, halt auch ein paar Möpse und Muschis in Kauf nimmt. Im Hier und Heute, also in einer Zeit, in der es nur noch runde Ecken und feuerfeste Tapeten geben darf, ein bemerkenswertes Phänomen, das vor allem eines aussagt: Clarkson war Top Gear. Da mochten sich seine Adlati noch so anstrengen – selbst mit seinem heftigen Unfall 2006 gelang es Richard Hammond nicht, Clarksons Großmauligkeit zu übertrumpfen und an ihm vorbeizuziehen. Zudem Clarkson immer noch ein paar Asse im Ärmel hat, die zu ziehen er stets bereit ist. Ich denke da an seine Gourmet-Tour nach Frankreich, wo er an einem clandestinen Ortolanessen teilnahm. Der Ortolan, einst ein munterer Gartensänger, dessen “Zri-zri-zri-zri-djü-djü-djü” oder “Ridri-dri-dri-jööj” seit Jahrhunderten die Herzen der Menschen in großen Teilen des europäischen Kontinents ebenso erfreute wie weiter unten die Einwohner südlich von Marokko und in Äthiopien erwärmte, ist längst stark gefährdet. Ortolane gelten trotz strenger Fangverbote in Frankreich und Italien als Delikatesse; hingegen weniger oder gar nicht in Österreich. Und Holland. In Deutschland ohnehin nicht. Und in den USA konnte der winzige Pieper nie den dort beliebteren Puter verdrängen. Aber was macht Clarkson? Fährt mit Auto (!) nach Frankreich und isst gleich ein halbes Dutzend der zuvor in Alkohol ertränkten Vögelchen. Das dürfte schwer zu topgearen sein.

Soweit der Stand der Dinge bis gestern. Die BBC, einst sicherer Heimathafen von Kinderfreunden wie Jimmy Saville, hat zum 10. März ein Exempel statuiert, damit auch der letzte Inkorrekte erkennt, dass es nach Savilles Abgang keinen Prominentenbonus mehr gibt. Clarkson habe einen Streit mit einem Producer gehabt, ja, es wird gar von körperlichen Auseinandersetzungen kolportiert. Der lange Lockenkopf wurde daher suspensiert. Clarkson im Stillstand, so, als habe man seine Lebensenergie durch eine Elektrik der Firma Lucas Ltd. (“The Lords of Darkness”) ersetzt. Details sind dem Sender nicht zu entlocken. Drum bleibt ein weites Feld für Spekulationen offen, deren wahrscheinlichste die ist, dass man eine wie auch immer tatsächlich stattgefundene Konfrontation mit einem BBC Gehaltsempfänger als Vorwand genommen hat, um den unbequemen und kotzbrockigen Clarkson (“The only person to ever look good in the back of a four-seater convertible was Adolf Hitler”) endlich abzuservieren. Denn Hallo! Ein Streit mit einem Producer? Geht’s noch, BBC? Wer wir ich einige Freunde in der TV Branche hat (darunter auch Producer) weiß, welcher Beliebtheit diese Berufsgruppe besitzt. Selbst Producer wissen das. Zumindest die, deren Eigenbild mit ihrem Fremdbild einigermaßen übereinstimmt. Dafür rausgeworfen werden? Oder war es eine Producerin? Gar eine minderjährige? Mit sowas kam Saville doch jahrzehntelang durch, muss man denn dann gleich das Strafmaß ins komplette Gegenteil umkehren? Hat man etwa Clarkson die Strafanteile verpassen wollen, die Saville nie abbekam, so lange er lebte?

Sorry, ich scherze. Körperliche Auseinandersetzung geht natürlich gar nicht. So etwas gibt es nicht in der englischen Gesellschaft. Also auch nicht im Fernsehen. Und auch nicht in Österreich. Und Frankreich. Und Holland. Ja, auch Italien. Deutschland ohnehin. Sagte da jemand Schweiz? Nein, nicht einmal da. Schon lange wird weitaus subtiler gequält, gefoltert, misshandelt und versehrt. Wer das leugnet kennt keine Volksmusiksendung und hat auch Kerner und Schweiger letzte Woche verpasst. Weiß man eigentlich, was ein VoMu-Star wie Herr Silbereisen selbst dem geringsten unter den Kabelträgern antut?

Wenn man Clarkson etwas vorwerfen kann (und muss), dann, dass er die Auseinandersetzung nicht vor der Kamera, sondern dahinter geführt hat. Dass es also quasi eine Art privater Händel war mit jemandem, der, so sind Producer ohne Zweifel und qua Amt, in vorbildlicher Ausübung seiner Tätigkeit, ungerecht und völlig aus heiterem Himmel vom inkorrekten Zorn eines arroganten, selbstverliebten prolligen Kotzbrockens getroffen wurde. Das hätten Clarksons Fans mit Sicherheit gerne gesehen. Ihnen dies vorenthalten zu haben, wirft einen unschönen Schatten auf den Mann aus Doncester, einer Stadt, der auch Diana Rigg oder Micky Babyshamble entstammen. Strafe sollte daher sein. Ich wäre für 30 x mit einem 30 Jahre alten Mini von einer Skisprungschanze springen müssen. Dazu 20 Ave Maria. Und dann sollte es aber auch wieder gut sein. Wir brauchen Clarksons Schandmaul. Außer den VolvofahrerInnen. Und den Toyota FahrerInnen. Und den DaciafahrerInnen. Und den SUV FahrerInnen, vor allem denen, die ihre Kinder nicht bei Statler, sondern bei Waldorf zur Schule schicken.


awb

Link: Guido Bellberg in der WELT über die Affaire BBC

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