Gelbe Zähne, rote Backen.

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Erinnern Sie sich noch an Jeremy Clarkson? Gut, eine unfaire Frage; wir hatten inzwischen eine Sonnenfinsternis, finstere Griechen. einen nach Jauch stinkenden Mittelfinger, einen verschwundenen Putin und Frankfurt am Main. Aber zumindest die Älteren unter uns könnten noch eine vage Erinnerung an den tiefen Fall des BBC Top Gear Moderators J.C. (nicht zu verwechseln mit Jesus Christ, letzterer ist nämlich im Gegensatz zu Clarkson unsterblich) in sich tragen.

Die Faktenlage in der Affaire ist weiterhin derartig dünn, dass sich hierzulande selbst Leute, die durchaus eine gewisse Zurechnungsfähigkeit besitzen, zu einem eindeutigen Urteil befähigt sahen. Tenor: Clarkson ist ein fähiger Mann vor der Kamera, aber sich zu schlagen, das geht gar nicht. Deshalb: Kopf ab. Da dürfte, gerade bei deutschen Medienschaffenden diesseits der Kamera,  die eigene Leidensgeschichte eine wesentliche Rolle gespielt haben – so mancher, der vor den Zuschauern den kumpeligen Sympath spielt, ist hinter den Kulissen ein Kotzbrocken vor dem Herrn, und dem würde man doch so gerne auch mal den Absturz gönnen. Und da das nicht klappt, projiziert man seinen Hass auf die, die im Lichte stehen, in diesem Falle also auf Clarkson.

Die öffentlich zugängliche Faktenlage ist weiterhin so: BILD zitiert den britischen Mirror und macht daraus eine Meldung; eine stille Post nach 99 Stationen hat also mehr mit der Ausgangslage zu tun als das, was BILD weiß(macht). Tut man sich selber die Mühe an, aus möglichst vielen Quellen ein stimmiges Bild zu konstruieren, ist man hinterher auch nicht viel schlauer und muss sich mit einem erbärmlichen Häuflein an Informationen, Gerüchten und Mutmaßungen begnügen. Was ungefähr so befriedigend ist wie eine Skiabfahrt hinunter von einem Hügelchen aus Schneegriesel.

Clarkson, so kann man dem Schneegriesel entnehmen, sei im Zustand der Volltrunkenheit auf einen Mitarbeiter von Top Gear losgegangen. Zuerst sei es zu einem Wortgefecht gekommen, dann habe es einen punch on the lip gegeben, was zu weiteren Schäden geführt habe (“He also suffered dizziness”; The Mirror) Und schon haben wir die ersten Unklarheiten. Während es in manchen Quellen heißt, seine beiden Adlati May und Hammond hätten Clarkson mühsam davon abhalten können, den Mitarbeiter platt wie ein Steak zu klopfen (an dessen Nichtvorhandensein sich der Streit entzündet habe), wird anderswo May zitiert, sie seien zwar dabei gewesen, aber selber dermaßen breit, dass sie sich an nichts erinnern könnten. Ob der Geschädigte ebenfalls dem Alkohol zugesprochen hatte, es sich somit um eine für Trinker übliche Schlägerei gehandelt hat, war nicht zu erfahren, ist aber eher nicht zu vermuten, da die drei Moderatoren zu dem Treffen in einem Hotel gemeinsam anreisten und davor bereits vollgetankt hatten (“Clarkson had been boozing heavily for several hours with co-hosts James May and Richard Hammond”, The Mirror) . Tymon ist derzeit abgetaucht, und das aus gutem Grund: Erbitterte Clarkson-Fans haben, hört man, den Producer nach Clarksons Ruhigstellung mit dem Tode bedroht, was nun absolut gar nicht geht. Das kann man mit dänischen Zoodirektoren machen, die Giraffenbabys den Löwen vorwerfen, aber Tymon dafür verantwortlich zu machen, dass Clarksons “Freunde” bei der BBC den Vorfall als willkommenden Anlass nahmen, den Moderator zu keulen, das ist übel und mit nichts zu entschuldigen.

Derartige Ausfälle gibt es im Zeitalter der Shitstorms aka Schwarmdebilität aka Netzgemeinde zuhauf. Tymon, der im direkten visuellen Vergleich mit Clarkson wie der nette Veggie von nebenan aussieht,  ist das arme Schwein in dieser Geschichte. er bekam nicht nur ein paar auf die Lippe, er sieht vor allem seinen weiteren beruflichen Werdegang in Scherben vor sich. Denn ihm wird der Makel des Clarksonkillers für immer anhängen; dabei, so Tymon, ist sein größter Wunsch, wieder mit dem Langen, dem Langsamen und dem Zwerg bei Top Gear weiterzuarbeiten. Wenn ich denn mal ausnahmsweise dem MIRROR glauben darf.

Was vor deutschen Gerichten (wie es in England ist, weiß ich nicht) stets als strafmildernd gewertet wird – der alkoholisierte Zustand bei einer Tat – soll sich bei Clarkson nun also genau umgekehrt auswirken. Da sehe ich keine Verhältnismäßigkeit. Vier Typen, zumindest drei von ihnen, sind sternhagelvoll und geraten in Streit. So weit, so unsympathisch. Alkohol war nie meine Droge, da ich sie seit früher Kindheit mit Aggressivität verbinde. In schlimmster Erinnerung ist mir eine Schlägerei in einer Kleingärtnerkolonie, ausgerechnet an deren Tag der offenen Türe, bei der das Blut nur so floss, nicht zuletzt auf einen Dackel, der wohl zu einem der Schläger gehörte.

Dass man, wenn die Faktenlage denn eines Tages vom eingesetzten Untersuchungsausschuss protokolliert, bewertet und veröffentlicht worden ist, Clarkson nicht ungeschoren davon kommen lässt, dürfte ja durchaus clark sein. Sollte das Ergebnis der Kommission lauten, dass der Moderator vor Kameras der BBC nichts mehr zu suchen hat, dürfte diesem das noch am ehesten egal sein; er gehört gewiss nicht zu den Armen im Lande, und andere Sender stehen sicher schon bei ihm Schlange. Ohne Clarkson allerdings ist Top Gear am Ende. Nichts gegen May und Hammond, die haben durchaus ihre Qualitäten, sind aber auch im Grunde nur Stichwortgeber für den Langen, so wie einst Lisel Karlstadt für Karl Valentin.

Eine derart verkürzte Zusammenfassung der Geschichte ist, mir selber klar, Bullshit. Clarkson sei angefressen gewesen, weil er und die beiden Adlati zwei Stunden auf den Heliflug warten mussten, der Producer war angefressen, weil er deswegen zwei Stunden auf die Drei warten musste. Jeder, der schon einmal angefressen war (also jeder, selbst der Dalai Lama), sollte nachvollziehen können, dass es sich um eine Ausgangssituation handelte, bei der ein Funke genügt, um den Laden zur Explosion zu bringen. Das ist eben so unerfreulich wie menschlich. Dabei wäre eine Lösung so einfach. Clarkson und sein Opfer treten gemeinsam vor die Öffentlichkeit und machen klar, dass sie beide Willens sind, wieder zusammen zu arbeiten und zwar in angenehmer Atmosphäre. Das hat ja auch früher offenbar geklappt. Mit einem Rausschmiss Clarksons wäre Tymon als allerletztem geholfen – der möchte ja nach eigener Aussage nur zu gerne bei Top Gear weiterarbeiten. Was ihm nicht möglich wäre, wenn die Sendung den Quotentod sterben würde. Denn dann wäre er wirklich der alleinige Prügelknabe. Schon in Tymons ureigenem Interesse sollte die BBC also darauf verzichten, die Suspensierung Clarksons in einen strengen Rüffel abzumildern, verbunden mit der Drohung, er dürfe im Wiederholungsfall ein Jahr lang nur BMW fahren.

Ich bin außerdem dafür, dass dieser, jenseits der Öffentlichkeit, dem Producer eine nennenswerte Summe überweist, die deutlich das übersteigt, was Clarkson ausgeben müsste, wenn er einmal alle seine Autos gleichzeitig volltankt. Alleine schon, weil er Tymon als “lazy, Irish c***” beschimpft hat. Das geht einfach nicht! Oder, mit Immanuel Cunt gesprochen: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Ob Clarkson das wenigstens hinbekommt – dem Mann sagt man ein ausuferndes Ego nach, und dann ist es mit dem Entschuldigen so eine Sache. Zudem – und hier wird es wirklich kritisch, ich in einer Online-Leserzuschrift lesen musste – Clarkson “gelbe Raucherzähne und ein rotes Gesicht vom Fleischessen” habe. Das macht mich dann doch nicht sehr zuversichtlich, was das Kriegsbeilbegraben betrifft. Nicht zwischen Tymon und Clarkson, die bekommen das schon hin, vielleicht bei einem Gin mit der Queen (oder war das Queenmum?). Aber Clarksons “Freunde” bei der BBC dürften kaum bereit sein, eine solche Gelegenheit zur Verklappung des so unkorrekten Selbstdarstellers ungenutzt verstreichen zu lassen. Schließlich wurde das Farbfernsehen für Tierdokus erfunden und nicht für gelbe Zähne und rote Backen.

awb

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