Von Deorollern und Kammerflimmern.

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Vor einer Reihe von Jahren saß ich abends mit Freunden auf der Terrasse eines vornehmen Kölner Hotels. Es war ein schöner warmer Sommerabend, der Rotwein floß reichlich, die Stimmung stieg. Als dann um 2 Uhr morgens die beiden Barmänner Dienstschluss hatten, gesellten sie sich dazu und begannen, von einem besonders schrägen Gast zu erzählen, den sie nur mit viel Not hinaus geschafft bekommen hatten. Ich fragte, ob so etwas oft vorkomme, und die Beiden begannen synchron zu lachen, und dann ging es mit ihren Storys los. Mit am Tisch saß auch eine türkische Freundin, die als Flugbegleiterin (Saftschubse) arbeitete, und als die dann aus dem reichen Schatz ihrer Erlebnisse zu berichten begann, war kein Halten mehr. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als wir endlich die Runde völlig losgelöst auflösten.

Später habe ich immer mal wieder gedacht, es wäre großes Glück gewesen, in dieser Nacht ein Diktiergerät mitlaufen zu lassen – ein aus den Geschichten der Freunde zusammengestelltes Buch wäre ein Bestseller geworden. Leider war fast alles nach der Ausnüchterung schon am nächsten Tag verloren, schließlich hatte ich nicht als neutraler Chronist dem Treffen beigewohnt. Zwar erinnerte ich mich an den Arzt, der an einem frühen Morgen gleich vom Barhocker zum Krankenhaus gefahren wurde, wo eine schwere Herz OP anstand, bei der nicht er der Patient war, und auch der großkotzige Gast, der sich vor einer jungen Begleiterin profilieren wollte und deshalb beim Kellner mit den Worten “Jetzt bringen Sie mal einen richtig anständigen Wein” bestellte, die er dann auch bekam und später zähneknirschend bezahlen musste – es wäre doch arg peinlich gewesen, vor der Angebeteten wegen gerade einmal 1500,- € ein Theater aufzuführen … Aber im Übrigen ist der komplette Abend nur noch sehr schemenhaft und ohne jeglichen Faden in mir haften geblieben.

Anders als bei Christian Strzoda und dessen Erlebnissen. Der 1974 geborene Rettungsassistent hat einen Teil seiner beruflichen Erlebnisse zu Papier gebracht und daraus das höchst lesenswerte Buch “Gehört dieses Bein zu Ihnen?” gemacht. Er leistet seit mehr als 20 Jahren ca. 2000 Stunden pro Jahr im Rettungsdienst und ist zudem in der Rettungsleitstelle tätig, sorgt also dafür, dass die RTW (Rettungstransportwagen) rechtzeitig (meist) am richtigen Ort (auch meist) sind.

Der Buchtitel lässt annehmen, dass es sich inhaltlich um reine Gaudi handelt, die Christian Strzoda aufgezeichnet hat. Was zum Teil auch stimmt, aber eben nur zum Teil. Denn – und das gefällt mir an dem Buch über seinen Unterhaltungswert hinaus besonders gut: der Rettungsprofi lässt über seine Geschichten stets eine anständige Portion Empathie herüberkommen. Auch nach so vielen Dienstjahren ist er kein abgebrühter Zyniker geworden, sondern zeigt immer wieder auch die mit einem Unfall oder einer plötzlichen Erkrankung verbundenen menschlichen Probleme und Tragiken auf. Daher regen viele Episoden beim Lesen eher zur Nachdenklichkeit an, als zum Lachen.

Die Geschichten liesen mich schmunzeln, herzhaft lachen und auch ein paar Tränchen konnte ich mir nicht verkneifen!

Eine Rezensentin bei Amazon

Die Mischung macht’s. Natürlich gibt es urkomische Geschichten, insbesondere aus der Kategorie “Autoerotik”, welche wenig bis nichts mit dem Transportmittel, sondern dem lateinischen Wortursprung (auto steht für “selbst”) zu tun hat. Wie kam denn nur der Deoroller dort hin, wo es sehr, sehr dunkel ist? Und noch wichtiger die Frage: Wie bekommt man ihn da wieder raus?

Dem gegenüber stehen Erlebnisse, deren Schilderung erkennen lässt, dass selbst Menschen, die tagtäglich mit Blut und Tod zu tun haben, an ihre emotonalen Grenzen stoßen, wie beim Fall der jungen Rettungsdienstpraktikantin, die am Ende selber zum Notfall wird, von einer unstillbaren Depression niedergestreckt. Sensibel und Satz für Satz nachvollziehbar schildert der Autor seine Empfindungen und lässt dadurch den Leser nicht unbeteiligt. Was ja ein gutes Buch schließlich auch niemals tun darf.

Das Taschenbuch aus dem Riva-Verlag hat weitere Stärken. Es erklärt nicht nur zahlreiche Begriffe aus der Rettungswelt, sondern macht der Leserschaft (der sicher nicht nur aus Fachkräften bestehen wird) die Schritte plausibel, die je nach Grund des Einsatzes unternommen werden müssen, um der jeweiligen Krise begegnen zu können. Kammerflimmern, plötzlicher Blutdruckabfall, Seniorinnen auf Drogentrip, Verkehrsunfälle mit mehr oder weniger Beteiligten – da müssen die Retter genau wissen, was in welcher Reihenfolge womit getan werden muss, um dem Schnitter ein Schnäppchen zu schlagen. Das gelingt nicht immer, aber man tut, was unter den jeweiligen Umständen möglich ist. Dieser Einblick in den Berufsalltag von Rettungssanitätern ist wertvoll und vermittelt dem Leser mit Sicherheit einen tiefen Eindruck von der wertvollen Arbeit der Leute, die so oft plötzlich lautstark ihr Wegerecht einfordernd in seinem Rückspiegel auftauchen.

Falls Christian Strzoda das Buch ganz alleine verfasst hat, ziehe ich mehrfach den Hut. Er erzählt mitreißend und weiß genau, was in einen solchen Band gehört. Für einen Profi auf ganz anderem Gebiet als dem Schreiben hat er alles nicht nur richtig, sondern perfekt gemacht. So jemanden würde ich gerne in Talkshows oder einem filmische Berufsportrait im Fernsehen sehen. Und tatsächlich verrät mir Google, dass er schon mehrere Male in Talksendungen zu sehen war, da haben also offenbar einige Redakteure aufgepasst.

Vor drei Jahren ist schon ein Buch von Christian Strzoda erschienen, das unter dem mitfühlenden Titel “Sie sehen aber gar nicht gut aus” von früheren Erlebnissen im Rettungsdienst erzählt. Ich werde sicher aus das lesen, aus mancherlei Gründen. Und bevor ein Verlag sich seiner annahm, hat er bereits im Selbstverlag autobiografische Geschichten publiziert. Schreiben ist offenbar eine Leidenschaft des Mannes, und das ist auch gut so.

Die Aufmachung des Covers von “Gehört dieses Bein zu Ihnen?” (das zuerst unter dem Titel “Versehentlich auf den Deoroller gesetzt?” erscheinen sollte) gefällt mir nicht besonders, es hebt erkennbar auf den Aspekt eines Anekdotenbuches ab, was ihm aber nicht gerecht wird. Wenn es sich dank dieser Aufmachung besser verkauft, lasse ich den Umschlag jedoch gerne durchgehen.

Als 1974 mein Zivildienst anstand, hatte ich die Möglichkeit, eine Stelle als Rettungswagenfahrer zu bekommen, was ich dann aber doch nicht annahm, aus Gründen. Schade eigentlich im Nachhinein – für gute Geschichten, am besten selbst erlebt, bin ich immer zu haben. Schön, wenn jemand Anderer die seinen aufschreibt, so wie Christian Strzoda.

Strzoda, Christian
Gehört dieses Bein zu Ihnen?
Neues aus dem Leben eines Rettungsassistenten

ISBN 978-3-86883-530-4
272 Seiten
riva Verlag
9,99 €

Christian Strzoda, 1974 in Köln geboren, arbeitet hauptberuflich als examinierter Rettungsassistent bei einer der größten Rettungsdienstorganisationen Deutschlands. Schon seit der Jugend vom Schreiben begeistert verfasst er seit einigen Jahren autobiografische Kurzgeschichten. Er lebt, rettet und schreibt in einem Ort in der Nähe von München.

Leseprobe (noch unter dem ursprünglich vorgesehenen Titel)

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