Mann weiß so wenig.

[flattr uid='herrenzimmer' btn='compact' lng='de_DE' /]

Das einzig Interessante im gymnasialen Physikunterricht war der Lehrer. Seine Macke bestand darin, dass er jeden gesprochenen Halb- und Ganzsatz mit einem “Nech!” abschloss, was offenbar für “Nicht” oder “Nicht wahr!” stehen sollte. Mein Freund Chopper und ich begannen, eine Statistik über Nech/Dreiviertelstunde zu führen (mit einer Extra-Nechtabelle für die Tage, an denen Herr G. Hofaufsicht schob), was den Nebeneffekt hatte, dass wir wirklich aufmerksam zuhörten. Nichts war schlimmer als nach jeder Physikstunde die Ergebnisse zu vergleichen und auf unterschiedliche Werte gekommen zu sein. Das war dann jedesmal eine harte Probe, auf die unsere seit der Volksschule bestehende Freundschaft gestellt wurde. Als wir schließlich von Herrn G. mitsamt unseren eigens für die statistische Arbeit angeschafften Kleinkladden erwischt wurden, wertete er unsere Erklärung, wie hätten das nur zur Steigerung unserer Aufmerksamkeit getan, als reine Schutzbehauptung. Damit lag er natürlich nicht falsch, aber gab ihm das alleine das Recht, uns fortan abgrundtief zu hassen? Selbst unseren Mitschüler Paul, der einmal aus Langeweile eine von G. mühevoll handgefertigte Ankerwicklung aus Kupferdraht zurück in ihre natürliche Form begradigt hatte, wurde nicht derart mit Verachtung gestraft wie Chopper und ich. G. tat in der Folgezeit alles, um uns beide über den Rest des Jahres auf gnadenlose Weise in die Pfanne zu hauen, was ihm trefflich gelang. Chopper musst eine Ehrenrunde drehen und wurde später ein erfolgreicher, wenn auch abiturloser Schrotthändler; mich rettete hingegen eine Nachprüfung in Latein, so dass mein weiterer, beruflicher Weg in Richtung brotloser Geisteswissenschaftler nicht ernsthaft gefährdet wurde. G. ging nach seiner ohnehin nur zweijährigen Tätigkeit als Lehrermangel “in die Industrie”, wo er wahrscheinlich seiner Nechmanie ungehinderter frönen konnte.

Ich habe diese Episode erwähnt, weil sie umfassend mein späteres Desinteresse an Physik erklärt. Herr G. wird schon lange in einer Hölle schmoren, die ich mir so vorstelle, dass er dort den ganzen Tag reden muss, für jedes “Nech” aber 300 Jahre länger bleiben. Ich gönne ihm das von Herzen und hoffe, dass der Zustand noch sehr lange anhalten wird. Um so bemerkenswerter also der Umstand, dass ich Ihnen hiermit ein Buch ans Herz, was sage ich, in die Hand legen will, das schon im Titel das böse Wort mit Ph trägt: Physik für echte Männer.

Ein echter Mann muss nicht zuletzt eines sein: ein Kind, und zwar ein spielendes. Geschickt nutzt der österreichische Autor Martin Apolin, von Beruf ausgerechnet Physiklehrer und -dozent, den Umstand, dass man wohl so ziemlich jeden Mann über dessen Lieblingsinkarnation als homo ludens (was nichts mit Zuhälterei zu tun hat) packen kann. Also aufs Cover ein paar Muckis, einen schnittigen Sportwagen und einen Bumerang gepackt und das Wort Männer doppelt so groß wie Physik dargestellt, und schon ist der Leser im Sack, sei er auch noch so Nech-geschädigt wie ich. Apolin macht das sehr geschickt und professionell, seine Bücher sind allesamt ausgesprochene Bestseller, obwohl die drinnen abgehandelte Materie nicht gerade vor Sinnlichkeit strotzt.

In Physik für echte Männer geht es um das: Wie schnell kannst du reagieren, Leser? Wie geht der perfekte, da unhaltbare Elfmeter? Mit welchem Sprit kommt man schneller aus den Puschen und vor allem: warum? Was ist von fahrerischen Kunststücken zu halten, wie sie James Bond und Kollegen scheinbar mühelos meistern, um mit ihren flotten Dienstwagen selbst engste Nadelöre ohne Schramme hinter sich zu lassen?

Weiter geht’s mit bunt gemischten, überwiegend alltagsrelevanten Fragen: Wie laden Sie ihr Mobiltelefon ohne Strom, erklären gleichzeitig noch der entzückenden Begleiterin, die Sie ins Grüne eingeladen haben, wie GPS funktioniert, bestimmen mal eben ohne Kompass die Himmelsrichtung und beeindrucken die Dame dadurch, dass sie ihr zeigen, wie man schneller einen Colt zieht als sein Schatten. Später daheim können Sie sich weiter profilieren, indem Sie floureszierende Eiswürfel produzieren, für sich ein perfektes Bier zapfen, weil Sie wissen, welche physikalischen Effekte dabei eine Rolle spielen; zugleich brennen Sie für die Dame mal schnell einen selbstgemachten Schnaps und bereiten ihr das perfekte Steak. Alles Physik, nech?

Nicht alles muss man zugleich wissen und tun. In der oben angenommenen Situation genau zu wissen, wie man eine Wasser- oder Teebeutelrakete bastelt, ist sicher eher weniger von Nutzen, und auch die Vorführung der selbstgebauten Vortexrakete kommt vielleicht nur dann gut, wenn Sie die Angebetete aus einem naturwissenschaftlichen Uni-Institut abgeschleppt haben. Eindrucksvoller dürfte hingegen eine Demonstration Ihrer Fähigkeit sein, T-Shirts mithilfe der Gravitation zu falten. Kurz: Sollte es Ihnen mittels einiger der genannten, von fundamentalen Kenntnissen stabilisierten Maßnahmen gelingen, den erwünschten Eindruck auf die Dame zu machen, sind Sie nur noch für das mögliche, anschließende Hochbeamen der bezaubernden Begleiterin verantwortlich. Was Sie hoffentlich auch ohne das Buch schaffen – falls nicht: auch dazu gibt es ein Kapitel.

Baggern beiseite: Physik für echte Männer ist ein wirklich unterhaltsames und zugleich unvermeidbar lehrreiches Buch. Wir begegnen hier fast Absatz zu Absatz physikalischen Phänomen, die wir im Alltag natürlich gar nicht als solche wahrnehmen. Was sagen Sie? Gar nicht erst brauchen? Da könnten Sie sich täuschen, denn es ist durchaus nützlich, sich mit so mancher Routine im eigenen Tun einmal besser vertraut zu machen und auszukennen. Man kann nur das, was man weiß! Das bereits erwähntes, perfektes Steak braten zu können ist nun einmal angewandte Physik, weit ab von Formeln und Theorie. Damit machen Sie unter Umständen bei einer Umworbenen mehr Eindruck als mit Breitreifen und Uhren. (Überhaupt sollte man die Finger von Frauen lassen, die sich nicht von einem perfekten Steak verführen lassen würden. Aber das ist eine andere Geschichte.)

An dieser Stelle ein notwendiger Einschub: Apolins Apologie der Physik ist zwar thematisch sehr männerlastig zusammengestellt, kann aber durchaus Frauen ebenfalls interessieren und unterhalten, auch wenn unter Frauen diejenigen sicher in der Minderzahl sind, die Kenntnisse über die Fertigung von Teebeutelbomben, den souveränen Einsatz von Lichtschwertern und die Nutzung von Sockenkühlschränken tatsächlich für elementar halten. Als Lehrer und Dozent, so schreibt der Autor über sich, sei er bereits seit vielen Jahren ein engagierter Kämpfer dafür, dass sich vermehrt auch Frauen für Physik interessieren. Wer weiß, vielleicht erscheint ja auch eines Tages ein mehr an Frauen gerichtetes Buch; alleine das Thema Schwerkraft und ihre Bekämpfung dürfte recht umfangreich werden, wenn der Autor sich an den realen Interessen unserer Liebsten orientiert…

archi w nechlenberg

Martin Apolin, geboren 1965 in Wien, unterrichtet an einem Wiener Gymnasium und an der Fakultät für Physik der Universität Wien. Apolin ist Autor von mehr als zehn teils unkonventionellen Schulbüchern: Sein Oberstufenlehrgang “Big Bang” ist das populärste Physikschulbuch Österreichs. Bekannt wurde er außerdem durch seine Kolumne „Formel des Monats“ im Magazin “Red Bulletin”. Martin Apolin lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Wien.

Martin Apolin
Physik für echte Männer

ISBN-13 978-3-7110-0070-5
Hardcover: 344 Seiten
Format: 145 mm x 210 mm, gebunden
Deutschland: 22,90 EUR
Schweiz: 32,90 SFr*
*empfohlener VK-Preis

Auch als E-Book erhältlich

Ähnliche Artikel im Herrenzimmer
Wo Mann gewesen sein sollte.
Zu den Kernkompetenzen des Mannes gehört ohne Zweifel das Grillen, auch in Baumärkten einen 6" Flansch plus zugehörige Muffe zu finden dürfte ihm wenig Probleme ...
Weiterlesen...
“Der 46er Chateau Lafitte möpselt ein wenig nach …”
Über wenig lässt sich so vortrefflich schwafeln wie über Wein, von Cigarren mal abgesehen. Und von Whisky. Ja gut, auch über Autos. Und Frauen. Aber ...
Weiterlesen...
Zwölf Dinge braucht der Mann.
Zwölf Kapitel, zwölf Kleidungsstücke - der Autor Florian S. Küblböck macht es dem Mann im Grunde ganz einfach, stilmäßig auf der Höhe zu sein. Jedenfalls, ...
Weiterlesen...
Der Mann: Die Reparaturanleitung
Das ist ja mal eine witzige Idee: genau so aufgemacht wie die klassischen Autoreparaturanleitungen aus dem englischen Verlag Haynes ist bei Heel das "Werkstatthandbuch" ...
Weiterlesen...
Cookbook fair 2013: zuviel Salz, zu wenig Pfeffer.
Einen Monat früher und an einem anderen Ort: die diesjährige Cookbook Fair in Paris wartete mit einigen Änderungen auf, und die wirkten sich leider nicht ...
Weiterlesen...
Wo Mann gewesen sein sollte.
“Der 46er Chateau Lafitte möpselt ein wenig nach …”
Zwölf Dinge braucht der Mann.
Der Mann: Die Reparaturanleitung
Cookbook fair 2013: zuviel Salz, zu wenig Pfeffer.
 
 
Alles zum Thema Autos und Technik
Alles zum Thema Lesen, hören, sehen
Alles zum Thema Menschen und ihre Dinge